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Der Eismeister zählt die Schweizer Nati an der Hockey-WM zu den Titelanwärtern.
Der Eismeister zählt die Schweizer Nati an der Hockey-WM zu den Titelanwärtern.
Bild: keystone
Eismeister Zaugg

Der WM-Titel ist in Riga so nah – und doch so fern

Die Schweiz gehört bei der Eishockey-WM zu den Titelanwärtern. Das hat es noch gar nie gegeben. Aber es ist eine vielversprechende Ausgangslage mit riskanten Nebenwirkungen.
21.05.2021, 21:0121.05.2021, 21:53

Darauf haben wir mehr als 100 Jahre lang gewartet: zum ersten Mal gehört die Schweiz bei einer WM zu den Titelanwärtern. Das war vor dem Turnier weder 2013 noch 2018 so, als die Schweizer bis ins Finale stürmten und gegen Schweden einmal klar (1:5) und einmal ganz, ganz knapp (2:3 n.P) verloren.

Sind die Vorschlusslorbeeren unseren Anstrengungen und Fortschritten geschuldet oder profitieren wir von einer einmaligen Ausgangslage? Beides.

Die Ausgangslage ist einmalig günstig. Noch nie seit die NHL-Profis zur WM zugelassen sind (1977) fehlen bei einem WM-Turnier so viele grosse Namen. Am wenigsten Absenzen haben Deutschland und die Schweiz zu verzeichnen.

Wenn wir einfach die WM-Aufgebote durchgehen und nachsehen, wer alles fehlt - dann kommen wir zum Schluss: Deutschland und die Schweiz gehören zu den Titelanwärtern. Der verspätete NHL-Saisonstart, die Mühseligkeit bei Nachnominierungen (wer nachgemeldet wird, kann erst am 7. Tag nach der Ankunft in Riga spielen) und die besonderen Umstände (Leben in der WM-Blase) haben dazu geführt, dass so viele Stars wie nie seit 1977 entweder nicht zur WM fahren können oder wollen. Bei den Schweden fehlen beispielsweise mehr als 30 der besten Spieler.

Die Deutschen konnten gegen Italien bereits einen deutlichen Sieg feiern.
Die Deutschen konnten gegen Italien bereits einen deutlichen Sieg feiern.
Bild: keystone

Auf dem Papier ist die Schweiz VOR dem Turnier also so nahe am WM-Titel wie noch nie, näher auch als während der ersten „Belle Epoque“ unseres Hockeys in den 1930er, 1940er und frühen 1950er Jahren. Wohlgemerkt: VOR dem Turnier.

Nun wissen wir, dass dieses Spiel auf spiegelglattem Eis ausgetragen wird und ein unberechenbares ist. Daher müssen wir der Frage nachgehen: Ist die Mannschaft von Patrick Fischer dazu in der Lage, den himmelhohen Erwartungen gerecht zu werden? Die Antwort ist: Ja, aber.

Ja, weil gerade bei einem Turnier unter so schwierigen Bedingungen die «weichen» Faktoren wichtig sind: Wenn es ein Coach versteht, seine Spieler mit auf eine Mission zu nehmen und sich ein «Groove» eines aufregenden Abenteuers entwickelt und Emotionen und Leidenschaft entfacht werden – dann kann eine Mannschaft weit über sich hinauswachsen.

Patrick Fischer versteht es mindestens so gut wie einst der grosse Ralph Krueger, diesen «Groove» zu wecken. Er hat bereits bei der Silber-WM 2018 gezeigt, dass er vom Zauberlehrling zum Hexenmeister gereift ist. Das Turnier in Riga ist eine WM wie gemacht für Patrick Fischer.

Die spielerischen Mittel («Tools») sind vorhanden: So wie unsere Meisterschaft wird auch eine WM von Lauf- und Tempohockey geprägt. Taktik, Dynamik und Tempo sind wichtiger als Wucht, Kraft und Wasserverdrängung. Auch so gesehen: Wir stehen vor einer WM wie gemacht für die Schweizer. Es gibt aus dieser Sicht nur zwei Einschränkungen: Anders als 2013 und 2018 beim Sturm in den Final muss Patrick Fischer diesmal voraussichtlich ganz ohne Roman Josi auskommen. Kein anderer Schweizer Feldspieler hat so viel Einfluss auf das Spiel wie der Captain der Nashville Predators.

Und auch anders als 2013 (Martin Gerber, Reto Berra) und 2018 (Leonardo Genoni, Reto Berra) haben die Schweizer in Riga nur einen Torhüter von Weltformat, der in Form ist: Leonardo Genoni muss wie 2018 ein WM-Held werden, wenn wir Weltmeister werden wollen. Reto Berra, und Melvin Nyffeler sind nicht in weltmeisterlicher Heldenverfassung.

Lenardo Genoni (r.) muss wie im Meisterschaftsfinale nun auch an der WM der sichere Rückhalt sein.
Lenardo Genoni (r.) muss wie im Meisterschaftsfinale nun auch an der WM der sichere Rückhalt sein.
Bild: keystone

Wir sehen also: Es gibt gute Gründe für die Aussage, dass wir dem WM-Titel VOR dem Turnier so nahe sind wie nie. Aber es gibt eben auch ein «aber». Einen Grund, warum er trotzdem so fern ist: Namen sind gerade im Eishockey nur auf dem Dress aufgenähte Buchstaben. Die Kanadier haben beispielsweise mehr als zehn Spieler, die in der NHL bloss den vorgeschriebenen Mindestlohn verdienen. Also nominell ein Operettenteam, das die Schweizer – so sie denn in der K.O-Phase auf diesen Gegner treffen sollten – vom Eis fegen werden. Oder?

Aber so einfach ist es nicht. Für alle mit vermeintlich „kleinen Namen“ ist diese WM eine einmalige Chance auf der globalen TV-Bühne. Die vermeintlich «Kleinen» werden mit mehr Leidenschaft und Hingabe spielen als die Stars, die in Riga fehlen. Das bedeutet: Ein «namenloses» Schweden oder Kanada kann der viel schwierigere Gegner sein als ein Schweden oder Kanada mit allen Stars. Finnland triumphierte bei der letzten WM 2019 in der Slowakei mit zwei NHL-Hinterbänklern, aber drei Stars aus unserer National League (Langnaus Harri Pesonen, Biels Toni Rajala, Lausannes Petteri Lindbohm).

Kann den Schweizern eine ähnliche Überraschung gelingen wie Finnland vor zwei Jahren?
Kann den Schweizern eine ähnliche Überraschung gelingen wie Finnland vor zwei Jahren?
Bild: EPA/EPA

Mit einem perfekten Turnier können die Schweizer also Weltmeister werden. Aber bei dieser vielleicht ausgeglichensten WM des Jahrhunderts ist eine bittere Enttäuschung nicht ausgeschlossen. Deshalb ist die vielversprechende Ausgangslage nicht ohne riskante Nebenwirkungen. Deshalb sind wir dem WM Titel so nah – und doch so fern.

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quelle: keystone / marcel bieri
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