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Das «Sandon Pub» an der Oakfield Street wird für zwölf Stunden zur watson-Zentrale.  bild: watson

Aus Protest gegen die Stadionordnung

You'll never drink alone: So habe ich beim FCB-Coup in Liverpool den ganzen Tag stilecht im Pub verfeiert

Ein Besuch an der legendären Anfield Road gilt für viele Fussball-Fans als absolutes Highlight. Doch ich bin mit der Stadionordnung nicht einverstanden und habe mir deshalb beim Showdown zwischen Liverpool und Basel lieber einen Heidenspass im Pub gemacht.



Kaum ist die blaue Metalltür krachend hinter mir ins Schloss gefallen, frisst sich der eisige Liverpooler Wind unbarmherzig durch meine Jacke. Es ist kurz nach Mitternacht. Schlotternd stehe ich auf der düsteren Oakfield Road und blicke zur Anfield rüber. Dort, keine 100 Meter entfernt, hat der FC Basel an diesem Abend wieder einmal einen englischen Riesen gebodigt und sich damit den nächsten Eintrag in die Geschichtsbücher der Champions League gesichert.

Gut möglich, dass die Mannschaft und die mitgereisten Fans noch in 20 Jahren Heldengeschichten aus dieser Nacht zum Besten geben. Doch keine davon wird so sein wie meine, denn ich war gar nicht im Stadion. Stattdessen habe ich mich zur Mittagszeit als erster Gast des Tages vom legendären «Sandon Pub» nahe der Anfield Road verschlucken lassen. Nun, mehr als zwölf turbulente Stunden später, hat es mich als Letzten wieder ausgespuckt.

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Mein Pub liegt nur einen Steinwurf vom Anfield-Stadion entfernt. bild: watson

Schon mal in die Stadionordnung geguckt?

Was tönt wie ein klassisches Absturz-Szenario, ist in Wirklichkeit Kalkül. Zwar habe ich als einer von 45'362 ein Ticket für die schweiz-englische Finalissima, doch die Lektüre der Stadionordnung hat mir am Tag zuvor gründlich den Spass verdorben. Der Grund sind all die Dinge, die sich der FC Liverpool dort unter Androhung von Stadionverbot verbittet. Beispiele gefällig?

Es ist im ganzen Stadion verboten, während des Spiels zu stehen. Wer sich dem Sitzzwang widersetzt, kann sofort vom Gelände verwiesen werden. Auch wer ein loses Mundwerk hat, könnte schnell in Konflikt mit dem Heimklub geraten – es besteht nämlich ein ausdrückliches Fluchverbot. Rauchen ist ebenso wenig gestattet, wie der Konsum von Alkohol. Wer schon besoffen kommt, der müsste eigentlich gleich draussen bleiben. Und dass sich all die Social-Media-Junkies illegal verhalten, weil es verboten ist, Fotos aus dem Stadion auf Facebook und Co. zu publizieren, setzt dem Ganzen noch die Krone auf.

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Im Liverpool-Stadion sind Verbote Trumpf. bild: watson

Ein Pint gegen die Bauchschmerzen – oder mehrere

Natürlich weiss ich, dass diese Suppe in der Realität nicht so heiss gegessen wird, wie sie der FC Liverpool in der Stadionordnung kocht. Zudem bin ich ja zum Arbeiten da, und nicht um mich auszutoben. Doch es geht hier ums Prinzip. Ich entscheide mich, mein Ticket verfallen zu lassen. Und warum? Weil ich es kann. Es hat eben Vorteile, für ein Medium zu arbeiten, dass sich #newsunfucked auf die Fahne schreibt und gerne auch mal gegen Sepp Blatter pöbelt. 

Statt ins Stadion gehe ich also ins Pub – und zwar gleich zwölf Stunden lang. Es ist mein kleines Statement gegen die Entwicklung des Fussballs hin zum glattpolierten Hochglanzprodukt. Die macht mir nämlich Bauchschmerzen – und dagegen hilft nur ein Pint. Oder am besten mehrere.

Die Geburtsstädte von Liverpool und Everton

Dafür habe ich mich für das «Sandon» in der unmittelbaren Nachbarschaft von Anfield entschieden. Es ist ein Laden, der wie das Stadion, aus jeder verkalkten Pore Geschichte schwitzt. Hier wurde 1892 nicht nur der FC Liverpool gegründet, sondern 14 Jahre zuvor auch Erzrivale Everton. Zudem hat mir ein Vögelchen gezwitschert, dass sich in diesem Pub während der Spiele eine wachsende Gruppe von altgedienten Recken trifft, die aufgrund von Stadionverboten und anderen Gebrechen auf die Anfield-Atmosphäre verzichtet.

Von ihnen ist bei meiner Ankunft um 12 Uhr mittags aber noch rein gar nichts zu sehen. Ich bin der erste Gast des Tages und die Frau hinter dem Tresen ist noch arg damit beschäftigt, die zehn Zapfstationen auf Hochglanz zu polieren.

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Am Mittag bringt Gastgeberin Lora das Pub auf Vordermann. bild: watson

Überhaupt wird hier offenbar gerne und ausgiebig geputzt. Statt abgestandenem Rauch ist heutzutage ein deftiges Zitronenaroma en vogue und der schwere rote Teppich ist piekfein gebürstet. Nur einige verblasste Flecken lassen erahnen, dass er wohl schon mehr Pints aufgesogen hat als der trinkfreudigste Regular aus der Nachbarschaft.

«Fucking hell, yeah!»

Die Gastgeberin hört auf den Namen Lora und heisst mich herzlich willkommen. Sie ist so klein gewachsen, dass sie hinter der Bar nur knapp zu sehen ist. Sie quittiert meine Boykott-Geschichte mit einem saftigen «Fucking hell, yeah!» Einen Satz, den sie gerne und oft benutzt, wie ich bald bemerken werde. Wann es denn losgeht mit dem Trubel, will ich von ihr wissen. «Am frühen Abend», sagt sie und ergänzt: «Das ist hier nur die Ruhe vor dem Sturm. Fucking hell, yeah!»

Und tatsächlich zieht der Nachmittag im Pub ziemlich gemächlich vorbei. Mein Highlight sind zwei junge Mütter mit Kinderwagen, die sich je ein grosses Bier genehmigen und dem Nachwuchs simultan dazu das Fläschchen geben. Früh übt sich – und so weiter. Auch der Bauarbeiter, der hektisch ein grosses Guiness bestellt und es innerhalb von zwei Minuten runterstürzt, nur um danach sofort auf den Bus zu hechten, bietet gute Unterhaltung.

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Pints und Babyflasche – passt doch super! bild: watson

Viele Fans und noch mehr Durst

Vier Stunden vor dem Anpfiff ist es mit der Idylle schlagartig vorbei. Ein endloser Strom von Fans in Liverpool-Uniform brandet durch die Tür. Es sind Einheimische, einige Russen und viele Skandinavier – und sie alle haben verdammt grossen Durst. Ein älterer Herr mit einer Nikolausmütze bestellt gleich drei Bier aufs Mal, obwohl er keine Begleitung hat. «Ich bin ja nicht zum Spass hier», erklärt er und lacht, als er meinen fragenden Blick erhascht. Lora hat am Tresen mittlerweile vier Helferinnen. Trotzdem ist sie heillos überfordert.

Das tut der guten Stimmung aber keinen Abbruch. Die Leute warten geduldig auf ihre Pints und die im Gedränge obligaten Scherben werden einfach weggelacht. Obwohl, oder gerade, weil ich mich als Schweizer oute, wollen viele Leute mit mir über Fussball diskutieren. Das Problem ist bloss, dass ich sie mittlerweile kaum mehr verstehe. Ob es die Pints sind, der Dialekt oder die hitzige Atmosphäre – ich weiss es nicht. Doch meistens bleibt mir nur noch übrig, als Antwort heftig zu nicken und nett zu lachen.

Eine Stunde vor dem Anpfiff gönne ich mir im Aussenbereich den vielleicht schlechtesten Burger der Welt. Ein junger Grillmeister verbrennt die Fleischklösse auf höchster Stufe und klatscht im dichten Rauch wahlweise viele oder sehr viele Zwiebeln darauf. Es schmeckt wirklich fürchterlich, doch irgendwie bin ich hochzufrieden.

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Schmeckt nicht, aber macht trotzdem Spass. Die Pub-Burger sind ein echtes Abenteuer. video: youtube/alex dutler

Das ändert sich, als eine Viertelstunde vor Spielbeginn schlagartig der grosse Exodus einsetzt. Ich hatte auf ein hitziges Public Viewing im Gedränge mit meinen neuen Bekannten gehofft, doch die Zahl der Pubgänger schrumpft innert Minuten von mehreren 100 auf ein knappes Dutzend. Offenbar waren die meisten Fans wirklich nur auf einen intensiven Tankstopp hier und begeben sich jetzt ins Stadion.

Grosse Stimmung im kleinen Kreis

Doch auch in dieser Runde wird das Spiel zum absoluten Highlight. Noch selten habe ich mit wildfremden Menschen derart viel Spass gehabt. Die Liverpool-Fans machen sich einen Sport daraus, mich als Schweizer zu foppen und ich halte tapfer die Stellung für Basel. Der Spielverlauf kommt mir natürlich entgegen, aber als Steven Gerrard seinen Zauberfreistoss zum 1:1 versenkt, bekommen die Einheimischen plötzlich wieder Oberwasser.

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Steven Gerrards Traumfreistoss zum 1:1 weckt beim Liverpool-Anhang neue Lebensgeister. video: youtube/alex dutler

Als Basel durch ist – und Liverpool draussen, wird Galgenhumor im «Sandon» plötzlich Trumpf. Die leidgeprüften Liverpool-Fans sind mittlerweile geübt darin, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Als wieder einmal ein Glas zu Bruch geht, wird das Malheur mit einem trockenen Spruch quittiert: «Ist doch eh egal, wir kommen sowieso nicht mehr wieder.»

Das ist natürlich Unsinn. Trotz des Outs in der Champions League werden sie bald alle wieder ins «Sandon» strömen. Vielleicht schon am Sonntag, wenn Liverpool auswärts bei Manchester United spielt. Damit sie dann auch noch willkommen sind, räumen auch die grössten Brocken um Mitternacht artig das Feld. Ich verlasse das Pub nach einem intensiven Abend als Schlusslicht. Und obwohl ich ständig gestanden bin und ab und zu sogar geflucht habe wie ein Rohrspatz, bin ich hier ohne Stadionverbot davongekommen. Hinter mir schreit Lora: «See you next time, fucking hell!»

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12 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
head
10.12.2014 10:04registriert January 2014
ich interessiere mich nicht für Fussball und auch nicht für Bierflecken in Teppichen von englischen Pubs. Und doch hat mir dieser 'crazy' Artikel suuper gefallen. Das isch Schnur'nalismus wie ich ihn mag...Danke
'Crazy' is a term of art; 'Insane' is a term of law. Remember that, and you will save yourself a lot of trouble.
Hunter S. Thompson
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