Ex-DFB-Boss Niersbach warnt vor Abgesang auf FIFA-Chef Infantino
Der frühere DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hat vor voreiligen Abgesängen auf den angeschlagenen FIFA-Chef Gianni Infantino gewarnt. Mit Blick auf den März 2027 sagte Niersbach im Gespräch mit t-online: «Es sind ja schliesslich noch sieben Monate bis zur nächsten Wahl des FIFA-Präsidenten. Und ich möchte nicht völlig ausschliessen, dass sich am Ende doch Geschichte wiederholt.»
Der 75-Jährige erinnerte an vorangegangene Konflikte mit dem Chef des Fussball-Weltverbands: «Europa hat ja schliesslich in der Vergangenheit zweimal versucht, den FIFA-Präsidenten abzuwählen.» Niersbach spielt damit auf den Versuch an, 1998 den damaligen Uefa-Präsidenten Lennart Johansson gegen den FIFA-Chef Sepp Blatter in Stellung zu bringen. «In Europa war man sich schon sicher, dass man ihn durchbringen könnte.»
Der zweite Versuch scheiterte vier Jahre später, als Europa kurz vor der WM in Japan und Südkorea den Afrikaner Issa Hayatou gegen Blatter unterstützte. So wie Infantino heute war Blatter damals stark vernetzt und konnte auf den Rückhalt als anderen Kontinenten zählen.
Im Fall von Infantino seien noch viele Fragen offen: «Tritt er aus eigenen Stücken zurück? Einigt man sich darauf, ihn nicht mehr zu wählen? Und vor allem: Präsentiert die Opposition einen geeigneten eigenen Kandidaten?» Niersbach fehlt «eine wirkliche Alternative». Noch habe «sich da niemand nachdrücklich positioniert». Aus den für eine Infantino-Nachfolge gehandelten Namen rage für ihn einer heraus: «Ich halte den Concacaf-Präsidenten Victor Montagliani für einen sehr fähigen Mann», sagte Niersbach. Der Kanadier Montagliani und der Kontinentalverband für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik (Concacaf) haben sich deutlich gegen Infantino positioniert.
Mit seinem Investorenplan habe Infantino sich «komplett verschätzt». Niersbach: «Er dachte wohl: Wer kann schon etwas dagegen haben, wenn wir noch mehr Geld reinholen? Aber dieser mit dem FIFA-Rat und den FIFA-Gremien nicht abgestimmte Alleingang war zu viel. Das war ein eklatanter Verstoss, den ich mir überhaupt nicht erklären kann.» Auch die Kommunikation in der Folge sei untragbar: «Und dann ein Schreiben an die Mitgliedsverbände aufzusetzen mit einer Frist bis September, bis zu der sie sich entscheiden sollten – das widerspricht einfach allen Regeln von Good Governance.»
Wolfgang Niersbach, geboren 1950, stieg beim Deutschen Fussball-Bund (DFB) ab 1988 vom Pressechef bis zum Verbandspräsidenten auf, war in diesem Amt auch Mitglied der Exekutivkomitees von FIFA und UEFA. Im Zuge des Skandals um dubiose Geldflüsse rund um die WM 2006 trat er im November 2015 zurück.
Nun entlade sich angestauter Frust. Man habe Infantino einiges durchgehen lassen, wie den «obskuren Friedenspreis» für US-Präsident Donald Trump: «Da mussten viele bei der FIFA und in den Verbänden schon schlucken», sagte NIersbach. Schon seit längerer Zeit habe dort ein Unwohlsein vorgeherrscht. «Diese Geschichte nun war der letzte Tropen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.»
Niersbach, der als Generalsekretär und auch als Präsident des Deutschen Fussball-Bundes (2012 bis 2015) eng mit dem damaligen Uefa-Generalsekretär Infantino zusammenarbeitete, sieht eine Wandlung im Schweizer. Damals habe er ihn als «kompetent, hochprofessionell, zuverlässig» erlebt. «Gianni hat den Laden als Volljurist sehr gut zusammengehalten und sich ganz in den Dienst der UEFA gestellt.»
Davon sei nun kaum noch etwas übrig. «Er hat zumindest allem Anschein nach all die Eigenschaften verloren, die ihn in seiner Zeit bei der Uefa ausgezeichnet haben: die Beständigkeit und die Bodenhaftung.» Niersbach erinnerte daran, dass Infantino bei seiner Wahl 2016 versprochen hatte, das Amt transparent zu führen und zu kommunizieren.
Für dessen Wandlung hat Niersbach keine richtige Erklärung, ausser: «Der Verdacht liegt natürlich nahe, dass dieses Amt des FIFA-Präsidenten etwas mit ihm gemacht hat.» Dass Menschen sich verändern, wenn sie in eine Machtposition kommen, dafür gebe es schliesslich auch ausserhalb des Sports Beispiele.

