Verstappen schlägt zurück: So fand der Weltmeister zurück in den Titelkampf
Gibt es für Max Verstappen in Doha und Abu Dhabi doch noch ein Märchen wie aus Tausend und einer Nacht? Lange sah es danach aus, als würden die beiden McLaren-Piloten Lando Norris und Oscar Piastri die Weltmeisterschaft unter sich ausmachen. Dann aber tastete sich ein Anderer langsam aber sicher zurück in den Mix: Max Verstappen. Nach der Disqualifikation der beiden McLaren-Boliden in Las Vegas – aufgrund einer zu starken Abnutzung der Bodenplatten – steht der Niederländer nun punktgleich mit Piastri und nur 24 Punkte hinter Norris.
Für die letzten beiden Rennwochenenden in Katar und Abu Dhabi können noch maximal 58 Punkte vergeben werden. Für den Red-Bull-Piloten Verstappen ist die Ausgangslage damit plötzlich wieder vielversprechend –vor allem, weil der Druck nun klar auf den beiden Papaya-Fahrern liegt.
Die erste Saisonhälfte verlief für den Titelverteidiger nicht immer nach Plan. Technische Probleme, wie Reifenüberhitzung und ein extrem schmales Setup-Fenster am RB21 – was den Boliden nur schwer beherrschbar machte – bremsten ihn immer wieder aus. Den Tiefpunkt markierte der Grosse Preis von Österreich, bei dem er kurz nach dem Start mit dem Racing Bull vom ehemaligen Teamkollegen Liam Lawson kollidierte und unverschuldet aus dem Rennen ausschied. Aber Verstappen und sein Team arbeiteten weiter an Verbesserungen für das Auto.
Er konnte diese Saison bereits sechs Siege einfahren
Nach der Sommerpause zeigte sich der Erfolg dieser Arbeit deutlich: Seither gewann der vierfache Weltmeister vier von acht Rennen und steht diese Saison bei insgesamt sechs Rennsiegen. Zum Vergleich: Seine dominanteste Saison hatte er 2023 – mit 19 Siegen in 21 Rennen.
Besonders prägend waren seine Erfolge in Monza, Baku, Austin und Las Vegas sowie eine beeindruckende Aufholjagd aus der Boxengasse bis auf den dritten Platz in Brasilien. Gleichzeitig spielte er seine Titel-Ambitionen öffentlich herunter, sprach sogar bereits darüber, welche Startnummer er für die kommende Saison wählen würde, da seine aktuelle Nummer 1 nur dem amtierenden Weltmeister vorbehalten ist.
Trotz Verstappens beeindruckenden Rückkehr bleibt Norris rein rechnerisch in der komfortabelsten Lage. Holt er am kommenden Wochenende im Rennen in Katar nur einen Punkt mehr, als seine beiden Verfolger, ist er Weltmeister. Ein realistisches Szenario für den Briten, zumal dieser im Gegensatz zu seinem Teamkollegen Piastri in der zweiten Saisonhälfte dem Druck standhielt und einigermassen konstant blieb.
Der «Second Seat Curse»
Die erneute Formsteigerung von Verstappen wirft Fragen auf: Was hat Red Bull gefunden, das plötzlich wieder zu Siegen führt? Und warum sind diese Verbesserungen nur bei Verstappen sichtbar? Auffällig ist nämlich der weiterhin grosse Abstand zu seinem Teamkollegen. Während Verstappen um den WM-Titel fährt, bleibt Yuki Tsunoda weiterhin weit hinter dem Niederländer zurück – ein Muster, das sich seit Jahren wiederholt und von Fans online auch als «Second Seat Curse» (zu Deutsch: Fluch des zweiten Sitzes) bezeichnet wird.
Seinen Ursprung hat dieser «Fluch» im Jahr 2019, als Pierre Gasly den Sitz von Daniel Ricciardo für gerade einmal zwölf Rennen übernahm. Dann wurde der Franzose durch Alexander Albon ersetzt, der ebenfalls nicht mit Verstappens Niveau mithalten konnte.
Dabei waren Gasly und Albon keine schlechten Fahrer: Beide etablierten sich langfristig in der Formel 1 und verlängerten ihre Verträge mit Alpine beziehungsweise mit Williams über mehrere Jahre.
Für Yuki Tsunoda endet der Vertrag nach dieser Saison und wird Gerüchten zufolge auch nicht weiter mit dem bestehenden Team verlängert. Vielmehr soll bereits Rookie Isack Hadjar in den Startlöchern stehen und die Chance bekommen, diesen «Fluch» aufzuheben.
Horner musste im Juli seinen Posten per sofort verlassen
Verstappens schwacher Saisonstart könnte auch damit zusammenhängen, dass es teamintern Spannungen mit dem Ex-Teamchef Christian Horner gab. Dieser stand schon letzte Saison immer wieder negativ in den Schlagzeilen. Ihm wurde von seiner ehemaligen Assistentin «grenzüberschreitendes Verhalten» vorgeworfen und sie beschuldigte ihn der sexuellen Belästigung.
Lang kam Horner glimpflich davon – die Vorwürfe wurden offiziell zurückgewiesen und die Assistentin verliess das Unternehmen. Im Juli wurde der 52-jährige Ehemann von Spice-Girl Geri Halliwell doch per sofort freigestellt. Sein Platz wurde von Laurent Mekies, dem Boss des Schwesternteams Racing Bulls, besetzt – und Verstappen fuhr wieder zu Siegen.
Verbesserter Red-Bull-Bolide und die wiedergefundene, positive Stimmung im Rennstall sind das Eine. Doch Experten sind sich einig, dass Verstappen dank seines Talents zu einem der Grossen gehören wird. Das zeigte er auch ausserhalb der Formel 1, als er im Herbst die Prüfung für die Prüfung für die Langstrecke absolvierte – und dabei beim ersten Rennen gleich alle hinter sich liess. Nun hat er plötzlich die Möglichkeit, dies auch in der Formel-1-WM wieder zu tun. (aargauerzeitung.ch)
