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Was, wenn einfach niemand mehr in die Stadien geht?
Was, wenn einfach niemand mehr in die Stadien geht?
Bild: REUTERS

Englands Fussball-Fans proben den Aufstand gegen Klubbesitzer

Englands Fussball-Fans haben die Schnauze voll: Sie protestieren gegen das kommerzialisierte System und ihre milliardenschweren Klubbesitzer. Sie verbrüdern sich mit einstigen Rivalen, doch wenn sie Erfolg haben wollen, müssen sie auch dem schlimmsten Feind ins Auge blicken: dem sportlichen Niedergang.
10.11.2016, 10:2710.11.2016, 18:06

Die englische Premier League ist die reichste Fussball-Liga der Welt. Bei den TV-Einnahmen ist sie längst der Krösus in Europa – der Tabellenletzte kassierte zuletzt beispielsweise mehr als der deutsche Meister. Für die meisten Klubs bedeutet der Geldregen aber nicht nur Segen, sondern Fluch zugleich. 

Die Fernseh-Millionen haben zu einem Wettrüsten geführt. Wer nicht mitmacht, droht sportlich aus allen Traktanden zu fallen. Ein Abstieg wird so zum noch grösseren Horror-Szenario als ohnehin schon. Wer weg ist vom Fenster, ist weg vom Fenster. Die Fernseh-Millionen locken gleichzeitig ausländische Investoren an, welche die Klubs vor allem als Cashcow sehen und dafür die Vereinstraditionen schon mal links liegen lassen.

Sogar die Handy-Generation hat die Schnauze voll.
Sogar die Handy-Generation hat die Schnauze voll.
Bild: Jason Cairnduff/REUTERS

Der leidtragende ist der englische Fussball-Fan: Vom Geldsegen für die Klubs und die Liga spürt er rein gar nichts. Im Gegenteil, er zahlt sogar obendrauf: Sowohl die Ticketpreise wie auch die Kosten für ein Pay-TV-Abonnement sind in den letzten Jahren fast durchwegs gestiegen. Schliesslich muss der teure TV-Vertrag ja refinanziert werden.

So ist es mittlerweile keine Seltenheit, dass englische Fans nach Deutschland reisen, um sich Fussball live im Stadion anzusehen. Weil es billiger ist und man leichter an Tickets kommt. Hinzu kommt, dass die Atmosphäre in den Stadien des Kontinents mittlerweile neidisch begutachtet wird. Hier gibt's noch Stehplätze und die Stimmung wird nicht auf Kosten der Sicherheit im Keime erstickt.

Zwar vermelden auch die englischen Klubs meist ausverkaufte Stadien, aber viele Sitzplätze bleiben trotzdem leer – weil die sogenannten Modefans halt nur bei Chelsea gegen Arsenal und nicht bei Chelsea gegen Hull ins Stadion kommen.

Leere Sitze an der Stamford Bridge, selbst wenn das Stadion ausverkauft ist.
Leere Sitze an der Stamford Bridge, selbst wenn das Stadion ausverkauft ist.
Bild: Stefan Wermuth/REUTERS

Die ohnehin schon angespannte Stimmung wird momentan noch weiter gedrückt. Derzeit kursiert das Gerücht, dass Brausehersteller Red Bull nach der Bundesliga nun auch die Premier League erobern will. Leipzig-Manager Ralf Rangnick wurde zuletzt auf der Insel gesichtet. Er soll sich Spiele von Chelsea, Charlton Athletic und Brentford angesehen haben. Als Hauptkandidat für eine Übernahme gilt derzeit aber der zweifache Meistercup-Sieger Nottingham Forest.

Das Gerücht kommt zur Unzeit. Das Verhältnis der Fans zu ihren, meist ausländischen, Klubbesitzern ist fast überall mehr als angespannt. Vor allem in den unteren Ligen proben die Anhänger derzeit sogar den Aufstand gegen die verhassten Millionäre. 

Haben die Fans ein Rezept gefunden?

Zunächst noch isoliert, wie «11 Freunde» berichtet: Die Fans von Leeds United wollen mit der Initiative «Time to go Massimo» den italienischen Klubbesitzer Massimo Cellino loswerden. Beim von Red Bull «bedrohten» Nottingham Forest zeigt man offen den Unmut gegen den kuwaitischen Eigner Fawaz Al-Hasawi, der 2012 mit grossen Versprechen antrat, aber keines gehalten hat. In Blackpool wurde ein «Perfect Storm» unter dem Motto «Not a Penny more» gegen die Besitzer-Familie Oyston lanciert.

grafik: 11freunde.de

Die Hull-City-Fans wehren sich nach wie vor gegen ihren ägyptischen Eigentümer Assem Allam, der den Klub nur zu gerne endlich umbenennen würde. Und in Blackburn verliessen die Fans zuletzt in der 18. Minute das Stadion und kehrten erst in der 75. Minute zurück. Ein klarer Denkzettel an die Adresse der indischen Besitzer-Gruppe «Venky's London», schliesslich wurde der Klub 1875 gegründet.

Der 18/75-Protest in Blackburn.
Der 18/75-Protest in Blackburn.
bild: twitter

Doch längst bleibt es nicht mehr bei den isolierten Aktionen. Für Aufsehen sorgten Mitte Oktober die gemeinsamen Proteste der Fans von Charlton Athletic und Coventry City. Gleichzeitig warfen sie kurz nach Anpfiff tausende Plastikschweine («Greedy Pigs», «geldgeile Schweine») auf den Platz, um so gegen ihre verhassten Klubbesitzer Roland Duchatelet (Charlton/Belgien) und den Hedgefond-Betreiber Sisu (Coventry/Finnland) zu protestieren. Die Partie musste unterbrochen werden, um den Platz von den pinken Plastiktierchen zu säubern.

Weitere Aktionen sind geplant: Bei ihrem Direktduell am 19. November wollen die Anhänger von Leyton Orient und Blackpool zusammenspannen.

Wenn die Angst grösser ist ...

Die Fans glauben, die Schwachstelle des auf Kommerz ausgerichteten Systems endlich gefunden zu haben. Sie tragen die Proteste ins Stadion und zwar gemeinsam. Leere Ränge, ständige Störungen des Liga-Betriebs und Boykotte des Bezahlsenders «Sky» könnten tatsächlich fruchten.

Was hältst du von den Fan-Protesten?

Aber was dann? Kann die Entwicklung des modernen Fussballs in eine falsche Richtung tatsächlich rückgängig gemacht werden? Oder sind die Fan-Proteste am Ende doch nur ein Tropfen auf den heissen Stein?

Fakt ist: Solange die Angst vor dem sportlichen Niedergang bei den Fans grösser ist als der Kampfeswille gegen die ausländischen Milliardäre, solange der Reiz von Red-Bull-Millionen und der Champions League grösser ist als die Akzeptanz der tristen Realität in der League 1 oder 2, solange nur die Fans aufmupfen, deren Klubs in ernsthaften Schwierigkeiten stecken, wird sich genau gar nichts ändern. Aller originellen Protestaktionen zum Trotz.

15 von 20 Vereinen in ausländischer Hand: Die Klubbesitzer der Premier League

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Die Klubbesitzer der Premier League
quelle: epa/epa / will oliver
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