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«Er kam, sah und siegte» – Lucien Favre ist Gladbachs Baumeister des Erfolgs

Lucien Favre hat Grund zur Freude: Er hat Gladbach zurück an die Spitze geführt.
Lucien Favre hat Grund zur Freude: Er hat Gladbach zurück an die Spitze geführt.Bild: Uwe Speck/freshfocus

«Er kam, sah und siegte» – Lucien Favre ist Gladbachs Baumeister des Erfolgs

Lucien Favre rettete Gladbach 2011 vor dem Abstieg und führte die Borussia in dieser Saison in die Champions League. Doch Favre ist nicht bloss ein akribischer Taktikfuchs, er ist auch ein Ausbilder von Talenten.
18.05.2015, 08:2018.05.2015, 08:59
david nienhaus

Lucien Favre neigt nicht zur Euphorie. Nein, selbst, als Borussia Mönchengladbach am vorletzten Spieltag der Fussball-Bundesliga den grössten Erfolg der jüngeren Vereinsgeschichte schreibt, drängt der Trainer auf die verbale Bremse, spricht leise ins Mikrofon, gibt den Bedenkenträger, den Mahner und erinnert immer wieder an die Zeiten, als er in Gladbach anheuerte. «Vergessen Sie nicht, wo wir herkommen», ist am Niederrhein schon eine Art geflügeltes Wort. 

«Vergessen Sie nicht, wo wir herkommen.»
Lucien Favre

Aber vielleicht ist gerade das auch eine Erklärung für den Erfolg in Mönchengladbach: Die Bescheidenheit und der Drang, einen Schritt nach dem anderen zu machen. 

Kein Mann der grossen Töne: Lucien Favre.
Kein Mann der grossen Töne: Lucien Favre.Bild: Bongarts
Der Autor:
David Nienhaus ist Journalist bei der «Westdeutschen Allgemeinen Zeitung» im Ruhrgebiet. Er begleitet für die WAZ die Fussballklubs Borussia Mönchengladbach und VfL Bochum. Der Buchautor ist Bundesliga-Kolumnist bei Sportsnavi in Japan, gehört zum Podcast-Team bei Sportradio360 und ist Social-Media-Experte. Auf Twitter kann man ihm folgen unter @ruhrpoet und @sportgeschichte. Sein Blog liest man unter www.DasSportWort.de

Als Favre in Gladbach anheuerte, lag der Verein am Boden. Der Weg in die zweite Liga war kaum noch zu verhindern. Der Schweizer Fussballlehrer drehte an den richtigen Stellschrauben und schaffte das Wunder in der Relegation gegen den VfL Bochum. Im grössten Moment des Erfolges, während einer der besten Spielzeiten in der 115 Jahre währenden Vereinsgeschichte, erinnert auch Manager Max Eberl heute daran und sagte den erstaunlichen Satz: «Wir haben etwas Fantastisches erreicht. Aber auch damals haben wir ohne Wimpel oder Pokal etwas Grosses geschafft.»

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Favre auf den Spuren Julius Caesars

Es ist kein Unterstatement, das beim Bundesligisten herrscht. Es ist der realistische Blick auf die Ereignisse der Vergangenheit. Bei genauerer Betrachtung ist es ein Siegeszug von Lucien Favre, der immer genau das Richtige zu tun scheint. Vier Jahre ist es her, als seine Aufgabe so eindimensional wie deutlich war: Den Verein retten. 

«Er kam, sah und siegte.»
Marc-André ter Stegen über Lucien Favre

Der heute 57-Jährige analysierte die Mannschaft, machte die eigenen Stärken und Schwächen aus und begann seine Arbeit. Akribisch und mit dem Riecher für taktische Feinheiten. Favre baute die Mannschaft um, verschaffte ihr defensive Stabilität. «Er kam, sah und siegte», beschrieb der junge Torhüter Marc-André ter Stegen seinen Coach mit dem berühmten Zitat des römischen Feldherren Gaius Julius Caesar. Favre eroberte die Bundesliga. 

Marc-André ter Stegen wurde von Lucien Favre entdeckt. Im Juni spielt er mit Barcelona das Champions-League-Finale.
Marc-André ter Stegen wurde von Lucien Favre entdeckt. Im Juni spielt er mit Barcelona das Champions-League-Finale.Bild: Ina Fassbender/REUTERS

Keine 24 Monate später stürmte die Borussia vom Bundesliga-Abgrund auf Platz vier und damit nach 16 Jahren Abstinenz nach Europa – wohl bemerkt: Mit annähernd dem gleichen Kader. Zur stabilen Defensive fügte der Trainer die Zutat «Kontern» hinzu. Juan Arango, Marco Reus und Mike Hanke wurden zum magischen Offensivdreieck. Und immer dann, wenn die Gegner meinten, sie hätten den Favre-Code entschlüsselt, hatte der Trainer eine passende Lösung parat. Favre ist fussballverrückt. 

Den Abgang des überragenden Marco Reus konnte Favre gut kompensieren. YouTube/tango8992

Nicht nur Trainer, sondern auch Ausbilder

Seine Gier nach Raffinesse und Taktik ist schier unstillbar. Stunden verbringt er mit Videoanalyse, Tage mit der peniblen Vorbereitung seines Teams auf den kommenden Gegner. Und ganz nebenbei macht er noch jeden einzelnen Spieler, jung wie alt, individuell besser. 

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«Wir haben als Team zusammen viel Spass», sagt Favre. gif: zdf

Granit Xhaka schaffte den Durchbruch in Deutschlands Eliteliga und gehört nun zu den Besten auf seiner Position. Christoph Kramer wurde Weltmeister in Gladbach, Max Kruse zu einem kompletten Top-Stürmer. Ter Stegen spielt mittlerweile beim FC Barcelona.

«Wir haben als Team zusammen viel Spass», erklärte Favre nach dem Derbysieg gegen den 1. FC Köln im Februar dieses Jahres. Und Favre hat Spass an Gladbach. Dreimal in den vergangenen vier Jahren führte der Schweizer seinen Klub nun in den Europapokal. Inzwischen hat er aus der Borussia ein Spitzenteam geformt.

Christoph Kramer (rechts): Von Favre ausgebildet, letzten Sommer Weltmeister geworden.
Christoph Kramer (rechts): Von Favre ausgebildet, letzten Sommer Weltmeister geworden.Bild: Frank Augstein/AP/KEYSTONE

Die Fortschritte unter Lucien Favre

Die Anstrengung des 2:0-Siegs bei Werder Bremen am Samstag war Lucien Favre am hellblauen Hemd anzusehen. Der Erfolg an seinem Gesicht. Er lächelt. Und analysiert. «Wir waren eine Kontermannschaft, haben uns dann um den Spielaufbau gekümmert; jetzt können wir spielen. Wir können hoch verteidigen, sind im Mittelfeld besser geworden und können natürlich weiterhin kontern. Das ist schon ein sehr guter Schritt», erklärt der Coach die Fortschritte unter seiner Ägide.

«Wir waren eine Kontermannschaft, haben uns dann um den Spielaufbau gekümmert; jetzt können wir spielen.»
Lucien Favre

Es ist eine Ära. Die Favre-Ära am Niederrhein. «Jede Saison war spannend und anders: Wir haben gegen den Abstieg gespielt, um die Qualifikation für die Champions League, wir hatten ein Jahr des Aufbaus und spielen nun international.» Favre ist ist kein Mann der grossen Töne; das passt weder zu seinem Charakter noch zum Klub am Niederrhein. 

Still und heimlich egalisiert er Rekorde und wischt sie weg, als seien sie nichts. Mitte der Hinrunde brach er den Rekord von Trainerlegende Hennes Weisweiler, als seine Mannschaft 18 Pflichtspiele in Folge nicht verlor. «Wir haben einen sehr gute Truppe mit einem herausragenden Trainer», lobte Sportdirektor Eberl seinen besten Transfer, den er je getätigt hat.

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Im Tor kann Favre auf seinen Landsmann Yann Sommer zählen. gif: zdf

Erinnerungen an alte Zeiten

Lucien Favre hat Borussia Mönchengladbach binnen viereinhalb Jahren von der Schwelle zur nationalen Zweitklassigkeit auf die ganz grosse europäischen Bühne geführt. Sein Name wird immer mal wieder auch in München fallen gelassen, wenn es um eine Nachfolge für Star-Trainer Pep Guardiola geht. 

Aber noch ist der Schweizer in Mönchengladbach und seine Spieler haben sich den legendären Spitznamen «Fohlenelf» wieder verdient; beim Bundesligisten werden Erinnerungen an die glorreichen Zeiten unter Günther Netzer, Berti Vogts und Jupp Heynckes wach. Die Netzers, Vogts' und Heynckes' heissen Xhaka, Jantschke und Raffael. 

Lucien Favre lächelt über 66 Punkte in dieser Saison.
Lucien Favre lächelt über 66 Punkte in dieser Saison.Bild: Valeria Witters/freshfocus

Im Mannschaftsbus dröhnte schon die laute Musik, als Favre aus den Katakomben des Weser-Stadions in Bremen kam. Seine Spieler feierten die direkte Qualifikation für die Königsklasse und wieder huschte ein kurzes Lächeln über das Gesicht des Trainers. «Wir haben jetzt 66 Punkte, das ist natürlich eine Super-Saison», sagte Favre. Für ihn ist das fast schon Euphorie. 

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