Der neue WM-Modus bringt Spiele, bei denen es um nichts geht – und es droht Schiebung
Was ist neu?
Alle Teams haben drei Vorrundenspiele. Die K.o.-Phase erreichen die besten zwei sowie acht der zwölf Gruppendritten. Bislang wurde die Abschlusstabelle bei Punktgleichstand aufgrund der Tordifferenz erstellt. An der WM 2026 werden die Mannschaften nach dem Abschneiden im Direktduell rangiert.
Schon jetzt ist deshalb beispielsweise klar, dass die Türkei die Gruppe D als Tabellenletzter abschliessen wird. Zwar können die Türken mit einem Sieg über die USA genau wie Australien und Paraguay auf drei Punkte kommen. Doch weil sie gegen diese beiden Gegner verloren haben, bleibt ihnen nur Rang 4 und die frühe Heimreise. Das Resultat von USA – Türkei wird keinerlei Auswirkungen auf die Tabelle haben.
Welche Auswirkungen drohen?
Das Schonen von Stars
Mehreren Teams ist der Gruppensieg schon nach zwei Spielen nicht mehr zu nehmen: Mexiko, USA, Deutschland und Argentinien. Zudem wissen Frankreich, Norwegen und Kolumbien schon, dass sie Platz 1 oder 2 in ihrer Gruppe belegen werden.
Die Trainer dieser Mannschaften könnten angesichts vieler Einsätze und teils hoher Temperaturen in Versuchung geraten, etablierte Spieler zu schonen und Ersatzkräften eine Einsatzmöglichkeit zu geben. Aus ihrer Sicht gibt es legitime Gründe dafür. Andererseits dürfte es sich ein Lionel Messi kaum nehmen lassen, gegen das bereits ausgeschiedene Jordanien aufzulaufen – zu verlockend scheint die Gelegenheit, den WM-Torrekord weiter auszubauen und im Kampf um die Krone des Torschützenkönigs der WM 2026 zu punkten.
Ein anderes Beispiel ist jenes von Deutschland. Gegner Ecuador kann hoffen, gegen ein vermeintliches B-Team zu gewinnen. Mit dann vier Punkten wäre Ecuador wohl weiter, ohne Sieg ist es ausgeschieden. Wobei es mit diesen «B-Teams» immer so eine Sache ist: Diese Spieler wollen sich für weitere Einsätze aufdrängen und sind deshalb hochmotiviert.
Das Schnüren von «Päckli»
In manchen Spielen wird beiden Mannschaften ein Unentschieden reichen, um die K.o.-Phase zu erreichen. Das ist etwa auch die Ausgangslage bei Kanada – Schweiz (heute, 21 Uhr). Sollten solche Partien in der Schlussphase unentschieden stehen, dürften die Teams wohl stillschweigend einen Waffenstillstand beschliessen: Lieber das Unentschieden nehmen, als ein Gegentor zu erhalten, zu verlieren und auszuscheiden.
In Italien sind heute noch viele Fans wütend auf Dänemark und Schweden. Die Nachbarn hatten 2004 an der EM die Möglichkeit, mit einem 2:2 weiterzukommen, während Italien bei genau diesem Ergebnis ausschied. Das Spiel endete 2:2 und mit Verschwörungstheorien am Stiefel.
Der berühmteste Fall des geschickten Ausnutzens von Reglement und Spielplan ereignete sich an der WM 1982, als Deutschland und Österreich beide wussten, welches Resultat ihnen beiden zum Weiterkommen verhilft: Ein 1:0-Sieg der Deutschen. Nach dem Treffer von Horst Hrubesch in der 11. Minute schoben die Teams den Ball so lange hin und her, bis das Spiel endlich aus und das punktgleiche Algerien ausgeschieden war. Nach dieser «Schande von Gijon» wurde eingeführt, dass die letzten Vorrundenspiele einer Gruppe parallel ausgetragen werden.
Warum sind einige Teams klar im Nachteil?
Welche acht der zwölf Gruppendritten schaffen den Sprung in die nächste Runde? Das entscheidet sich erst ganz am Ende der Vorrunde – zum Nachteil jener Teams, die in «frühe» Gruppe wie A oder B gelost wurden. Oder für Schottland in Gruppe C: Es spielt heute um Mitternacht gegen Brasilien und weiss nicht, ob ein Unentschieden reicht oder ob sogar eine knappe Niederlage ausreichen könnte. Womöglich müssen die Schotten noch tagelang bibbern, ob es ihnen reicht oder ob es für sie und ihre stimm- und trinkgewaltige Tartan Army zurück auf die Insel geht.
Die Gruppe J mit Österreich trägt ihre Vorrundenspiele als letzte aus. Die Mannschaft von Trainer Ralf Rangnick wird dann genau wie Algerien schon vorher wissen, welches Resultat zum Weiterkommen notwendig ist. 44 Jahre nach Gijon könnten wieder beide Teams bei einer «Schummelei» beteiligt sein – wobei die Algerier dieses Mal das Schicksal in den eigenen Füssen haben.
Die aktuelle Tabelle der Gruppendritten:
Die Kriterien für die Rangierung:
1. Anzahl Punkte aus allen Gruppenspielen.
2. Tordifferenz bei allen Gruppenspielen.
3. Anzahl erzielter Tore in allen Gruppenspielen.
4. Fairplay-Wertung (Spieler und Offizielle) auf Basis der erhaltenen Gelben und Roten Karten in allen Gruppenspielen.
5. Platzierung in der FIFA-Weltrangliste.
Wann stehen die Paarungen fest?
Erst nach Abschluss der Vorrunde am Sonntagmorgen (Schweizer Zeit), wenn feststeht, welche Gruppendritten es geschafft haben. Das führt etwa dazu, dass Deutschland seinen Gegner im Sechzehntelfinal erst rund 40 Stunden vor Anpfiff kennen könnte – ein schlechter Lohn dafür, schon nach zwei Spielen die K.o.-Phase erreicht zu haben.
Die Schweiz erhielte als Siegerin der Gruppe B einige Tage mehr Zeit, um sich auf den nächsten Gegner vorzubereiten. Im Falle von Platz 2 wäre das Warten nur wenige Stunden lang: Dann wird klar, wer in der Gruppe A Zweiter wird und somit auf die Schweiz trifft.
