Penalty-Drama an der WM – warum Elfmeterschiessen trotzdem keine Lotterie sind
Es gibt Sachen, die muss die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft erst lernen. Penaltyschiessen zum Beispiel. Sechsmal musste die Schweiz an WM- oder EM-Endrunden bislang zur Penalty-Entscheidung antreten, erst im fünften Anlauf gelang im EM-Achtelfinal 2021 gegen Frankreich der bislang der einzige Sieg.
Die schlechteste Nation in WM-Penaltyschiessen ist übrigens nicht England, sondern Spanien. Die Selección gewann nur eines ihrer insgesamt fünf Penaltyschiessen an Weltmeisterschaften. Und heuer hat es in den Sechzehntelfinals auch Deutschland (gegen Paraguay) und die Niederlande (gegen Marokko) erwischt. Dabei ist Erfolg darin keine Lotterie.
So trifft man (fast) immer
Rein statistisch gesehen, ist die Sache einfach: Hoch schiessen, sicher treffen. Laut Datenanbieter Opta wurde in den Penaltyschiessen der WM-Geschichte 39-mal ins obere Drittel des Tores geschossen – und die Torhüter konnten stets nichts ausrichten. Nun ist es aber recht anspruchsvoll, dorthin zu treffen und nicht daneben zu schiessen, weshalb die meisten Fussballer in eine der unteren Ecken zielen. Hier ist übrigens aus Sicht des Schützen die linke Ecke zu empfehlen, dort wurden bisher rund 85 Prozent der Penaltys verwandelt.
35 - We have seen 35 penalty shootouts in @FIFAWorldCup history, but what lessons can we take from them?
— OptaJoe (@OptaJoe) June 28, 2026
Shoot first or second? Where is the best place to aim? Find out all that and more below.
Pressure. pic.twitter.com/gZLW7vjRH2
Doch es gibt noch weitere Aspekte. Da wäre zum einen die Präzision. Bei einer Analyse von fast 100'000 Penaltys, die seit 2009 weltweit in allen Wettbewerben von Männern und Frauen geschossen wurden, fand man heraus, dass Präzision wichtiger ist als Schusshärte. Zudem steigt die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Penaltys, wenn der Anlauf länger als fünf Schritte beträgt.
Eine weitere wichtige Zutat ist die Zeit. Diese muss sich der Schütze nehmen. Puls herunterbringen, Konzentration steigern. Lange Zeit waren englische Spieler diejenigen, die ihre Penaltys am schnellsten ausführten – und ausschieden.
Kann ein Schütze eine Mannschaft mit seinem Penalty eine Runde weiter schiessen, beträgt die Erfolgsrate 92 Prozent. Andersherum gehen nur 60 Prozent der Versuche ins Tor, wenn bei einem Fehlschuss das Aus droht. Statistisch gesehen ist es dennoch egal, wer bei einem Penaltyschiessen beginnt. Hier fanden Forscher keinen eindeutigen Beleg für eine Variante.
Die Vorbereitung der Goalies
Der berühmte Zettel von Jens Lehmann an der WM 2006 ist heute ein Museumsstück. Ohnehin gehen Torhüter heute viel fortschrittlicher an ein Penaltyschiessen heran. Es gibt Briefings aller Torhüter mit dem Trainerteam, Analysen von bevorzugten Ecken aller infrage kommenden Schützen. Zusammengestellt wird alles mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz.
Hinzu kommen psychologische Aspekte. Vor allem Torhüter versuchen verschiedentlich, mit Psychospielchen Einfluss zu nehmen, etwa indem sie durch Trashtalk oder auffälliges Benehmen die Konzentration des Schützen stören oder diesen verunsichern wollen.
Die psychologische Seite
«Schütze im Penaltyschiessen an einer WM zu sein, bedeutet extremen Druck», sagt Geir Jordet. Der Sportpsychologe aus Norwegen forscht seit über 20 Jahren über Penaltys. Nationalmannschaften und Klubs nutzen seine Erkenntnisse. «Es geht eher um eine menschliche als um eine fussballerische Herausforderung.»
Bis vor wenigen Jahren wurde bei einem Penaltyschiessen viel dem Zufall und der Tagesform überlassen. Dies liess den Druck auf die Spieler steigen, selbst Stars versagten. Roberto Baggios berühmter Fehlschuss im WM-Final 1994 ist nur ein Beispiel.
Doch die Dinge ändern sich. Der englische Verband startete 2018 das «Penalty Project» und holte Jordet als Berater ins Boot. Das Ziel: Das Penaltyschiessen sollte weniger zur Lotterie werden. Das Ergebnis: England wurde vom schlechtesten Penalty-Team (sechs Niederlagen in sieben Penaltyschiessen an grossen Turnieren zwischen 1990 und 2012) zu einem der besten (drei von vier gewonnen seit 2018).
Laut Jordet verhalfen mehrere Aspekte zu dieser Wandlung. Zum einen sollte man Penaltys trainieren und auch im Training ansatzweise den Druck simulieren. Zudem sollte ein Penalty als Mannschaftsleistung gesehen werden: Wenn etwa der eigene Torhüter dem Schützen nicht nur den Ball, sondern auch aufbauende Worte mit auf den Weg gibt.
Wie man Penaltyschiessen trainiert
Gareth Southgate weiss genau, wie sich verlorene Penaltyschiessen anfühlen. Im Halbfinal der Heim-EM 1996 verschoss der Engländer gegen Deutschland, der Gegner wurde wenig später Europameister.
Als Southgate vor zehn Jahren Trainer der englischen Nationalmannschaft wurde, nahm er Penaltys in den Trainingsplan auf. Am Ende von harten Einheiten sollten mit müden Beinen routinemässig präzise Penaltys geschossen werden. Auch der Weg vom Mittelkreis zum Punkt wurde trainiert, um eine Art Druck zu erzeugen. «Die Leute sagen, Penaltyschiessen ist nur Glück. Ich glaube das nicht. Wenn du es trainierst und genau weisst, wohin du schiesst, hat man einen Vorteil», sagte Innenverteidiger John Stones. (abu/sda/dpa)
