Trotz Ärger über Trinkpausen: Die neuen Regeln sind für den Fussball ein Segen
Als das International Football Association Board (IFAB) vor rund drei Monaten acht Regel-Änderungen im Hinblick auf die WM bekannt gab, wurde dies als Aktionismus abgekanzelt. Jetzt, nach rund einem Viertel der 104 WM-Spiele, zeigt sich: Die meisten Neuerungen tun dem Spiel gut. Wir erklären die wichtigsten Regeln, schildern eine typische Szene und sagen, was das Ganze bisher gebracht hat.
Die Trinkpause
Die Regel
Um die 22. und 67. Minute wird das Spiel für jeweils drei Minuten unterbrochen, damit die Spieler Flüssigkeit zu sich nehmen können. Die FIFA will so die Gesundheit der Spieler schützen, die gerade bei Spielen um die Mittagszeit und am Nachmittag grosser Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit ausgesetzt sind.
Die Szene
Im Spiel zwischen Ghana und Panama gibt es während den zwei Mal drei Minuten laute Buhrufe und gellende Pfiffe. Das Publikum versteht nicht, weshalb es in Toronto bei 19 Grad und Dauerregen den sogenannten «Hydration Break» geben soll.
Das Fazit
Bei Spielen mit Temperaturen weit unter 30 Grad oder in den klimatisierten Stadien braucht es die Trinkpause nicht. Sie wird ausserdem zweckentfremdet, weil sie den Trainern die Möglichkeit gibt, taktisch einzugreifen und den Spielern Anweisungen zu geben. Auch Nati-Trainer Murat Yakin nutzte dies beim 4:1-Sieg gegen Bosnien-Herzegowina. Das kann man gut oder schlecht finden.
Klar ist aber: Weil die FIFA die Trinkpause «wetterunabhängig» eingeführt hat, dient diese effektiv nicht in erster Linie der Gesundheit der Spieler, sondern den TV-Rechteinhabern. Sie können so nochmals zwei Mal drei Minuten lang teure Werbung schalten. Deshalb:
Die Zehn-Sekunden-Regel
Die Regel
Bei einem Wechsel muss der auszuwechselnde Spieler innerhalb von zehn Sekunden den Platz verlassen. Lässt er diese Zeit verstreichen, darf erst beim nächsten Unterbruch und nach mindestens einer Minute gewechselt werden.
Die Szene
Wer auf zwei zählen kann, ist in der 66. Minute des Spiels Schweiz gegen Katar verwirrt. Fabian Rieder und Johan Manzambi treten aufs Feld, doch nur einer, Michel Aebischer, klatscht mit den beiden ab und verlässt den Rasen. Der zweite ausgewechselte Schweizer, Dan Ndoye, geht auf der gegenüberliegenden Seite vom Platz. Nur so kann der Flügel das Spielfeld innert der geforderten zehn Sekunden verlassen.
Das Fazit
Vorbei sind die Zeiten, in denen ein Spieler eine Minute brauchte, um die 40 Meter zur Trainerbank hinter sich zu bringen, weil er sich bei der Auswechslung von Freund und Feind und vom Schiedsrichter per Handschlag verabschieden wollte. Die Wechsel finden ruck-zuck statt. Zeit geht kaum noch verloren. Deshalb:
Die Fünf-Sekunden-Regel
Die Regel
Einwürfe, Freistösse, Abstösse oder Corner müssen innert fünf Sekunden ausgeführt werden. Die Zeit «läuft» ab dem Moment, in dem der Spieler den Ball an sich genommen hat. Bei Missachtung kann der Schiedsrichter den Ballbesitz dem Gegner zuteilen.
Die Szenen
Der schottische Aussenverteidiger Andrew Robertson ignoriert im Spiel gegen Haiti den Ball vor dem Einwurf augenscheinlich ein paar Sekunden lang, damit der «Fünf-Sekunden-Countdown» noch nicht startet. Wertvolle Sekunden im Unterfangen, den 1:0-Vorsprung über die Zeit zu retten.
In der Partie zwischen Portugal und der DR Kongo benötigt der Goalie der Kongolesen zu lange für seinen Abstoss. Der Schiedsrichter gibt deshalb einen Eckball für Portugal.
Das Fazit
Fast jede Regel kann irgendwie umgangen werden (siehe Robertson). Bei Einwürfen stellte sich das Problem des Zeitschindens auch in der Vergangenheit kaum. Bei Abstössen, Freistössen und Cornern ist es aber auffallend, dass das Spiel schneller wieder aufgenommen wird. Deshalb:
Die Verletzungsregel
Die Regel
Wenn ein Spieler auf dem Platz behandelt wird, muss er den Rasen bei Wiederaufnahme des Spiels verlassen und eine Minute draussen bleiben – auch wenn er wieder einsatzfähig wäre. Dies gilt auch für den Goalie, für den aber auch ein anderer Spieler das Feld verlassen kann. Ausnahme: Wenn das Foul eine Gelbe Karte nach sich zieht.
Die Szene
Frankreichs Torhüter Mike Maignan prallt im Spiel gegen Senegal in der Startphase mit Teamkollege Théo Hernandez zusammen. Das sieht schmerzhaft aus, doch statt liegenzubleiben und den Betreuer herbeizurufen, wie das Fussballer in einer solchen Situation oft tun, steht Maignan sofort wieder auf und spielt weiter.
Das Fazit
Die Schauspieleinlagen haben abgenommen. Man sieht kaum noch Spieler, die sich behandeln lassen, obwohl sie offensichtlich nicht schwer verletzt sind. Das Risiko, das Team eine kurze Zeit lang in Unterzahl zu lassen, will keiner unnötig eingehen. Weil die Verletzungspausen seltener werden, ist dem Spielfluss gedient. Deshalb:
Die VAR-Kompetenzen
Die Regel
Die Einsatzmöglichkeiten des VAR werden erweitert. Er kann nun auch bei Verwarnungen, die zu einer Gelb-Roten Karten führen, bei Cornern und bei Spielerverwechslungen bei Roten oder Gelben Karten eingreifen.
Die Szene
Im Spiel der USA gegen Paraguay verwarnt der Schiedsrichter den Amerikaner Tim Ream für ein Foul. Der Freistoss wird ausgeführt, dann greift der VAR ein: Es war eine Schwalbe des Paraguayers und kein Foul von Ream. Die Karte wird zurückgenommen und das Spiel mit einem Freistoss für die USA fortgesetzt. Die Szene ist verwirrend – weil der VAR eigentlich seine Kompetenzen überschritt: Schliesslich handelte es sich weder um eine Spielerverwechslung noch einen Platzverweis. Ansonsten aber gibt es bisher keine VAR-Diskussion.
Miguel Almiron with the most obvious dive in World Cup history… and it worked 😭😭😭 pic.twitter.com/UStvMcqW6S
— Banter FC (@FCBanter_) June 13, 2026
Das Fazit
Anders als in den meisten Ligen gibt es bei der WM kein Lamento wegen des VAR. Die unsäglichen und minutenlangen Unterbrüche aufgrund von Video-Konsultationen bleiben weitgehend aus. Die erweiterte Kompetenz des VAR hat nicht zu einer weiteren Zerstückelung des Spiels geführt, sondern für noch mehr Gerechtigkeit gesorgt.
Auch die Aberkennungen von Cornern, von denen es schon einige gab, wurden speditiv vorgenommen und waren für die Zuschauenden fast nicht erkennbar. Deshalb:
- WM-Gastgeber Mexiko ist Gruppensieger – Südkorea verliert nach Goaliefehler
- Kanada deklassiert Katar und überholt die Schweiz – doch auch die Nati profitiert
- «Es wurde viel geschrieben»: Granit Xhaka sendet bei Torjubel Nachricht an seine Kritiker
- «Match Momentum»: Das steckt hinter der verwirrenden WM-Grafik
