Was Yann Sommer über den heutigen FC Basel denkt und wie Brügge ihn überzeugte
Die ersten Pflichtspielminuten hat Yann Sommer schon in den Beinen. Am 31. Juli debütierte er für Club Brügge, wo er bis Juni 2029 unterschrieben hat. Der Supercup ging zwar verloren, Sommer hatte sich selbstredend einen Sieg zum Auftakt gewünscht. Der richtige Saisonstart aber ist am Freitag, erklärt der 37-jährige Schweizer. Dann steht das erste Liga-Spiel Brügges an: Der belgische Meister mit Sommer im Tor empfängt Aufsteiger Kortrijk.
Zur Überraschung einiger starten Sie am Freitag in Belgien in die neue Saison. Wieso haben Sie sich für Club Brügge entschieden?
Yann Sommer: Ich habe mitbekommen, dass es einige überrascht hat, aber für mich zählt am Ende mein eigenes Gefühl. Meine Vorfreude ist gross, vor allem auch, weil ich eine neue Liga kennenlernen darf. Ich bin entsprechend gespannt. Bis jetzt macht es mir jedenfalls viel Spass.
Was gab letztlich den Ausschlag für Brügge?
Ich hatte sehr gute Gespräche mit den Verantwortlichen, habe mir im Vorfeld auch den Ort sowie das Trainingsgelände angeschaut. Von allen Klubs, die an einer Verpflichtung interessiert waren, gab mir Brügge mit Abstand das beste Gefühl, was das Gesamtpaket und die Herangehensweise anging. Das Trainingsgelände, aber auch, wie der Klub aufgestellt ist, ist sehr, sehr professionell und in Europa auch auf einem Top-Niveau.
Unterschätzt man hierzulande den belgischen Fussball, oder zumindest die Spitzenklubs, zu denen Brügge gehört, möglicherweise ein bisschen?
Das wüsste ich gar nicht. Klar ist es eine Liga, die man vielleicht weniger auf dem Schirm hat, aber Brügge spielt Champions League. Und wenn ich vergleiche, was wir hier haben, dann gibt es kaum etwas, das schlechter ist, als was wir bei anderen Klubs hatten.
Sie haben bis 2029 unterschrieben, dann werden Sie 40 Jahre alt sein. Wie wichtig war für Sie diese Planungssicherheit?
Das war definitiv auch ein Punkt. Aber für mich war ebenfalls wichtig, zu spüren, dass mich der Klub unbedingt wollte und mir vermittelte, dass man sich sicher ist, dass ich für die Mannschaft genau die richtige Ergänzung wäre. All diese fussballerischen, aber auch die privaten Aspekte, stimmten.
Neben dem Feld könnte der Kontrast zu Mailand kaum grösser sein, oder?
Ja, wir waren jetzt drei Jahre in Mailand, was eine ganz andere Tapete ist (lacht). Das ist Big-City-Life, viel los, wirklich immer. Hier ist es ganz anders mit dem Meer vor der Türe und der schönen Natur. Und der Ruhe. Ich war jetzt schon ein paar Mal am Strand. Viele Spieler gehen auch mit dem Velo ins Training, das ist ein sehr entspannter Vibe, das geniesse ich sehr. Es ist ein Zusatz, wenn man neben einem tollen Klub, den ich sehr spannend finde, auch noch einen schönen Wohnort hat. Das macht vieles einfacher.
Wie wichtig war Ihnen der Faktor Champions League?
Das war selbstredend auch ein Punkt. Ich durfte schon einige Champions-League-Spiele absolvieren (69, Anm. d. Red.) und jetzt kommen noch weitere Einsätze dazu, gerade auch in meinem Alter. Ich fühle mich wirklich noch sehr gut. Dann zu einem Klub gehen zu können, der auf dieser Bühne spielt, ist sehr schön.
Die Champions League hätten Sie auch bei Inter Mailand gehabt, dem Vernehmen nach wären Sie jedoch nur noch die Nummer 2 gewesen. Konnten Sie sich deshalb einen Verbleib gar nicht vorstellen?
Ich habe mich sehr wohlgefühlt bei Inter und hatte drei unfassbar tolle Jahre, in denen ich vier Titel feiern konnte und in einem Champions-League-Final stehen durfte. In den Medien wurde zwar viel geschrieben, aber ich hatte von Anfang an sehr offene Gespräche mit Inter, in denen alle ihre Punkte darlegen konnten und dann war für mich klar, dass ich eine neue Challenge suchen möchte und werde.
Hätte Sie auch ein Abenteuer in den USA oder gar in Saudi-Arabien gereizt?
Am Anfang eines solchen Prozesses muss man sehr offen sein, und ich habe mir viele Gedanken gemacht. Gewisse Ligen habe ich aber schnell ausgeschlossen. Aber ich bin sehr happy, wie es jetzt ist und freue mich auf meine neue Aufgabe, die hier gewissermassen auch anders ist. Natürlich muss ich primär ein konstanter, guter Goalie sein, das ist mein grösstes und wichtigstes Ziel.
Sie sind der Älteste im Kader sowie der Spieler mit dem grössten Renommee. Inwiefern hat sich Ihre neue Rolle in den drei Wochen, die Sie nun schon bei Brügge sind, herauskristallisiert?
Es ist gar nicht so viel, was sich verändert hat. Die jungen Spieler sind heutzutage schon extrem professionell und gut beraten. Auch die Klubs sind anders aufgestellt als früher. Aber ich werde versuchen, meinen Mitspielern auch auf dem Feld eine gewisse Ruhe vermitteln zu können und mit meiner Erfahrung zu helfen und diese einzubringen. Mehr braucht es gar nicht. Brügge ist ein tolles Projekt und ich bin sehr gespannt, wie wir das machen werden. Gerade auch in der Champions League. Der Klub kam die letzten beiden Jahre jeweils in die K.o.-Runde. Vielleicht liegt noch mehr drin.
Sie hätten noch eine weitere, sehr konkrete Option in diesem Sommer gehabt: eine Rückkehr zum FC Basel. Wie nahe waren Sie an einer Heimkehr und wie haben Sie es wahrgenommen, wie eine ganze Region darauf hoffte?
Erstens habe ich mich sehr gefreut, dass der FCB Interesse an mir hatte. Wieder, muss man sagen. Ich habe meine Karriere beim FCB gestartet und durfte unfassbar schöne Jahre beim FCB erleben als junger Goalie. Wir haben Champions League gespielt, sind Meister geworden und hatten auch sonst viele tolle Momente. Entsprechend war es klar, dass ich mir diese Option durch den Kopf gehen liess.
Sie waren im Frühjahr einmal im Joggeli als Zuschauer, das ganze Stadion sang Ihren Namen. Was hat das ausgelöst in Ihnen?
Das löst natürlich etwas aus. Wenn ich an den FCB denke, fange ich gleich an zu strahlen. Ich hatte in meinen Jahren in Basel mit den Fans eine tolle Zeit, durfte in diesem Stadion und der Stadt so viele Highlights erleben. Ich bin noch immer sehr, sehr verbunden mit dem FCB. Mein bester Freund, Simone Grippo, ist auch wieder Teil des FCB, das verstärkt meine Verbindung natürlich. Ich wünsche dem Klub nur das Beste, weil der FCB so viel Potenzial hat. Es muss wieder ein Klub werden, der um den Titel mitspielt und international mit dabei ist.
Es klingt, als wäre es nicht ganz ausgeschlossen, dass die Fans Sie doch noch einmal in Rotblau sehen könnten?
Was die Zukunft bringt, weiss man nie.
Sie sprachen jüngst von fünf Jahren, die Sie noch spielen möchten. Also wäre nach Ablauf Ihres Dreijahresvertrags in Brügge ja noch etwas Zeit …
Ich habe mir keinen fixen Horizont gesetzt, sondern mir viel eher gesagt: Solange ich noch merke, dass ich gut bin, weiterhin so sehr motiviert bin, ich dem Team helfen kann und der Körper mitspielt, werde ich nicht aufhören. So lange das so ist, spiele ich sehr gerne Fussball und bin sehr gerne Goalie.
Nimmt man da auch mit Freude zur Kenntnis, dass an der WM diverse Goalies um die 40 ein tolles Turnier gezeigt und erneut bewiesen haben, wie lange man auf höchstem Niveau weiterspielen kann?
Klar ist es schön zu sehen, wie jemand auch mit 40 noch im Tor steht und tolle Leistungen bringt. Es gehört auch ein gewisses Quäntchen Glück dazu, dass man wenige grosse Verletzungen hat und der Körper mitmacht. Wenn das lange so ist und man selbst fleissig und diszipliniert bleibt, wieso sollte es nicht gehen? Ich persönlich versuche, einen sehr gesunden Lifestyle und einen guten Mittelweg zu finden, habe mir auch ein Team mit einem Therapeuten, Fitnesscoach oder Mentaltrainer aufgebaut, das mir hilft. Das medizinische Team in Brügge ist auch top, aber ich hole mir überall das, was ich brauche, damit es mir gut geht und damit ich ein top Level erreiche.
Sie waren dieses Jahr erstmals nur Zuschauer, während ein grosses Turnier über die Bühne ging. Wie haben Sie die Nati, aber auch die ganze WM, als Fan statt als Teil erlebt?
Ich habe sehr mitgefiebert! Ehrlicherweise habe ich aber nur die Schweizer Spiele geschaut. Es hat erneut nicht viel gefehlt, und die Schweiz wäre noch einmal einen Schritt weitergekommen. Das hat mich sehr gefreut. Man muss sehr dankbar sein dafür, was die Schweiz an jedem Turnier, alle zwei Jahre wieder, leistet.
Haben Sie es auch ein bisschen vermisst?
Logisch, ein bisschen schon (strahlt). Die Jungs, das Zusammensein in den Hotels – das ist etwas Schönes, das fehlt einem schon. Das Kitzeln ist auf jeden Fall noch da! Auch darum habe ich so mitgefiebert. Aber es hat sich auch sehr gut angefühlt, die Spiele einfach mal in einem ganz entspannten Rahmen schauen zu können.
Hatten Sie Kontakt zu den Jungs während des Turniers?
Ja, tatsächlich. Mit Manu (Akanji, Anm. d. Red.) habe ich einmal telefoniert, dann kam Breel (Embolo) noch dazu. Auch mit gewissen Mitgliedern vom Staff hatte ich immer mal wieder Kontakt, nicht nur während der WM. Das ist sehr schön.
Mit Ardon Jashari haben Sie ebenfalls gesprochen, er soll Sie kontaktiert haben, als Gerüchte über einen Wechsel zu seinem Ex-Klub Brügge aufkamen. Welche Tipps konnte er Ihnen mitgeben?
Er hat mir eher allgemein erzählt, wie das Leben in Knokke-Heist und in Brügge ist und wie der Klub funktioniert. Er hat sehr positiv über Brügge gesprochen und ich kann nur sagen: Er hatte recht, ich bin sehr happy.
Mit Ihren Mitspielern Andrej Vasovic und Cheveyo Tsawa haben Sie gleich auch eine kleine Schweizer Exklave in Brügge.
Das finde ich sehr cool! Wir sitzen auch nebeneinander in der Kabine, dann kann man Schweizerdeutsch sprechen. Das ist schön. Die Stimmung in der Mannschaft ist aber allgemein sehr gut, es ist ein junges Team, in dem alle sehr motiviert sind und viel Energie haben. Das tut mir auch gut und ist sehr erfrischend zu sehen.
Wann würden Sie im Mai sagen: Der Wechsel nach Brügge war genau richtig? Für Sie persönlich, aber auch als Team?
Ich bin jetzt schon überzeugt, dass es für mich die richtige Entscheidung ist. Es würde mich aber sehr freuen, wenn wir uns im Mai noch einmal sprechen und Sie mir dann zum Meistertitel gratulieren können (lacht)! Der Klub hat grosse Ziele, auch in der Champions League, da wollen wir gerne noch einen Schritt weiterkommen als in den letzten Jahren. Dazu braucht es viel, das ist uns bewusst, aber der Klub ist ambitioniert. (schweizheute.ch)

