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Frontsänger und YB-Star Guy Hoarau beim Konzert in der Mühle Hunziken. bild: instagram/hoaraugillaume

Guillaume Hoarau und der Traum des traurigen Reggae-Prinzen

YB-Starstürmer Guillaume Hoarau auf der Bühne. Er ist als Reggae-Sänger mindestens so begabt wie als Fussballer.



Der Abend beginnt mit einem Fussballstar, der ein bisschen musiziert und endet mit einem Musiker, der ein wenig Fussball spielt. Guillaume Hoarau (35) ist ein grandioser Fussballer. Seit 2014 stürmt er für YB. Seine Tore haben den Bernern nach 32 Jahren endlich wieder einen Titel eingebracht. Aber wahrscheinlich hätte der Franzose von der Insel La Réunion im Indischen Ozean ebenso ein grosser Musiker werden können.

Die rund 500 Tickets sind in wenigen Stunden ausverkauft. Guillaume Hoarau tritt in der Mühle zu Hunziken in Rubigen vor den Toren der Stadt Bern auf. Diese bernische Institution, eine «Reitschule der Anständigen», ist definitiv der coolste Musikclub im Land und sicherlich einer der besten 100 weltweit. Die Grundmauern dieses weitgehend aus Holz errichteten, wunderbar sanierten, uralten Anwesens sind in den 1400er Jahren errichtet worden. Die Akustik im dreistöckigen Gebäude mit dem kirchenartigen Innenraum mahnt fast (aber nur fast) an das Tabernakel zu Salt Lake City, das Versammlungshaus der Mormonen.

Hoarau lebt an diesem Abend seinen Traum.

Hier sind seit den 1970er Jahren schon über 4000 Konzerte über die Bühne gegangen. «Vor drei Jahren war ich einmal hier und es war mein Traum, hier auftreten zu können und ihr lebt nun mit mir diesem Traum», wird Guillaume Hoarau im Laufe dieses Abends einmal zum Publikum in einem charmanten Mix aus Französisch-Englisch-Berndeutsch sagen. Ja, er lebt an diesem Abend seinen Traum.

Video: Guillaume Hoarau & Band – «No Woman No Cry»

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Video: YouTube/Mühle Hunziken

Aber die Skepsis im Vorfeld ist erheblich. Singende Sportstars gibt es ja seit Anbeginn der modernen Zeiten. Von Franz Beckenbauer («Gute Freunde kann niemand trennen»), Gerd Müller («Dann macht es Bumm»), Sepp Maier («Die Bayerische Loreley»), Karl Schranz «Toi, Toi, Toi») bis zu Vreni Schneider («Ä Gruass us de Bärge»).

Diesen musikalischen Versuchen haftete schon immer etwas Tragikomisches an. Und so verwundert es nicht, dass vor dem Konzert die Chronistin eines Lokalblattes einen in Ehren ergrauten Gentleman anspricht und fragt: «Warum haben Sie 40 Franken ausgegeben, um schlechte Musik zu hören?» Die Antwort taugt nicht für die Story: Der ältere Herr sagt etwas irritierte, er sei eingeladen worden. Viele ältere Semester sind gekommen und es ist eher ein klassisches Konzert- und nicht ein Fussball-Publikum. Hier wird es für Guillaume Hoarau keinen «Gratis-Applaus», keinen «YB-Bonus» geben. Hier muss er als Musiker überzeugen.

Aus Skepsis wird in kürzester Zeit Begeisterung. Das liegt einerseits an der Band und andererseits an Guillaume Hoarau. Er tritt mit Fusion Square Garden aus dem Bernbiet auf. Weitherum im Land die besten Reggae-Formation. Wie ein roter Faden wird sich durch das Programm seine Verehrung für Bob Marley ziehen. Er hält sich weitgehend an Marley-Klassiker oder -Interpretationen wie «No Women No Cry», «Turn Your Lights Down Low» oder «I Shot The Sheriff».

YBs Guillaume Hoarau im Super League Spiel zwischen BSC Young Boys Bern und Servette FC am Sonntag, 21. Juli 2019 im Stade de Suisse in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Normalerweise auf dem Platz der Star: Guy Hoarau. Bild: KEYSTONE

Der Fussballstar hat nicht die klangvolle Stimme von Mauro Corchia, dem kultigen Sänger der Band, der zwischendurch kurz auftreten wird. Und auch nicht dessen Temperament. Fast entschuldigend erklärt der YB-Kabinen-DJ, man habe halt nur zweimal gemeinsam geübt. Aber er fügt sich ein in die Musik, geht darin auf, trifft jeden Ton und es ist, als toure er schon jahrelang mit dieser Reggae-Formation durch die Lande.

Der ehemalige französische Nationalspieler ist ein charismatischer Sänger, bezieht das Publikum mit ein und interpretiert den Reggae auf eine besondere Art und Weise.

Der ehemalige französische Nationalspieler ist ein charismatischer Sänger, bezieht das Publikum mit ein und interpretiert den Reggae auf eine besondere Art und Weise: er ist ja zurzeit blessiert und darf nicht spielen. Deshalb steckt ein Fuss in einem dicken Gipsstiefel. Durch diesen «Skischuh» hat er etwas von einem traurigen, melancholischen, vom Schicksal gefesselten Prinzen. Er «beschleunigt» den Reggae nicht und ein alter Kenner dieser Musik moniert: «Äs schleipft ä chly.» Guillaume Hoarau verlangsamt den Reggae und gibt ihm etwas Verträumtes, ja Bluesiges und Melancholisches. Auch durch seine geschmeidige, an eine schleichende Raubkatze mahnende Körpersprache.

Er beginnt mit seinem Konzert kurz nach 20.00 Uhr und steht, nur von einer Pause unterbrochen, bis kurz vor 23.00 Uhr auf der Bühne. Wenn der ehemalige Liga-Torschützenkönig singt, mit einer sanften, erotischen Stimme, geht er so in seiner Musik auf, dass ihm am Schluss beinahe die Stimmbänder versagen. Er ist ja kein Profi, der Abend für Abend auf der Bühne steht.

Am Schluss verabschiedet sich der Fussballstar, der sich in einen Sänger verwandelt hat – natürlich nach Zugabe – gemeinsam mit einer Band, die einen Abend lang «seine» geworden ist, durch tiefe Verbeugungen.

Wer gekommen ist, um einen singenden Fussballstar zu sehen, hat einen hochbegabten, fussballspielenden Musiker erlebt.

Aber hat guter, magischer YB-Fussball nicht auch etwas mit Musik zu tun?

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