Wie der unpopuläre Besitzer dem NBA-Titelverteidiger ins eigene Bein schiesst
Die New York Knicks haben im Juni das 53 Jahre lange Warten auf einen Titel beendet. Die ganze Stadt wurde von einer riesigen Euphoriewelle erfasst und feierte die Meisterschaft in der besten Basketballliga der Welt über mehrere Wochen – wenn nicht sogar Monate. Doch wenn die Knicks die neue Saison in der Nacht auf Mittwoch gegen Philadelphia (1 Uhr) eröffnen, tun sie das nicht als Favorit.
Das liegt einerseits an der überragenden Qualität der Oklahoma City Thunder um Shai Gilgeous-Alexander und der San Antonio Spurs um Victor Wembanyama. Andererseits aber auch an ihrem ungeliebten Besitzer James Dolan. Dieser weigerte sich nämlich, die Geldschatulle zu öffnen, um das Team zusammenzuhalten.
Der Erbe eines Telekommunikationsunternehmens ist seit 1999 im Besitz der Knicks, die in dem Jahr noch im Playoff-Final standen. Danach ging es schnell bergab – die Knicks wurden zur chronisch erfolglosen Lachnummer, die zwischenzeitlich in 16 Jahren nur dreimal die Playoffs erreichten. Doch Dolan machte sich nicht nur durch den sportlichen Misserfolg unbeliebt.
Kritische Fans liess er rauswerfen
Der 71-Jährige liess Fans, die ihn zum Verkauf des Teams aufforderten, aus dem Stadion werfen, nutzte Gesichtserkennungssoftware, um ihm ungeliebte Personen vom Innenraum des Madison Square Garden fernzuhalten, und legte sich gar mit Knicks-Legende Charles Oakley sowie Regisseur und Superfan Spike Lee an. Oakley belegte er gar mit einem Stadionverbot.
Nachdem sich Dolan immer wieder in Basketballbelange eingemischt hatte, gab er 2020 die Schlüssel Leon Rose in die Hand. Mit dem Rückzug des Besitzers begann der Aufschwung der Knicks. Stück für Stück baute Rose das Meisterteam um Jalen Brunson, Karl-Anthony Towns und OG Anunoby auf. Dolan gab ihm dabei freie Hand und stieg damit auch in der Gunst der Fans zumindest ein wenig.
Doch schon wenige Tage nach dem Gewinn des NBA-Titels schockte Dolan die Knicks-Fans mit der Aussage, dass er das Team womöglich nicht zusammenhalten werde. So halte er es für «suizidal» in die sogenannte «second apron» zu gehen.
Dazu muss man wissen, dass die NBA eine Gehaltsobergrenze hat, die ein Team unter gewissen Umständen überschreiten kann. In diesem Fall muss der Besitzer aber eine hohe Luxussteuer bezahlen und wird das Team unter anderem bei Trades und dem Verpflichten von Free Agents eingeschränkt. Dabei gibt es mehrere Stufen, die eben «aprons» (wortwörtlich übersetzt «Schürzen») genannt werden.
Nun ist es erstmal nicht falsch, dass diese Einschränkungen ein Problem sein können. Zumal sie mit jedem Jahr, in welchem ein Team die Gehaltsobergrenze überschreitet, härter werden. Gerade, wenn man über die Grenze der zweiten Stufe hinausgeht.
Ein wichtiger Spieler ist schon weg – vergrault Dolan auch Towns?
Doch ist es ohnehin sehr schwierig, ein Meisterschaftsteam zusammenzustellen – ob mit oder ohne Einschränkungen. Und die Knicks haben dies geschafft. Das Team aus New York war in der letzten Saison ohne Zweifel das beste, gewann es nach einem schwachen Start in die Playoffs doch 14 der letzten 15 Spiele und dominierte nicht nur die Eastern Conference, sondern auch die San Antonio Spurs in der Finalserie mit 4:1 Siegen. Wenn es sich lohnt, die Luxussteuer zu bezahlen und die Einschränkungen in Kauf zu nehmen, dann in einem solchen Fall. Da sind sich viele Fans und Experten einig.
Doch Dolan ist dazu nicht bereit und schneidet seinem Team damit ins eigene Fleisch. In Ersatzcenter Mitchell Robinson hat der Titelverteidiger bereits einen wichtigen Mann auf dem Weg zum grössten Erfolg seit über 50 Jahren verloren. Und die Verhandlungen mit Towns, der New York Ende Saison verlassen könnte, verschob das Team nun auf einen späteren Zeitpunkt.
Dabei machte der 30-Jährige, der während der Playoffs zeitweise brillant spielte, mehrmals klar, dass er gerne bei den Knicks bleiben würde. Anstelle eines Maximalvertrags über 276 Millionen Dollar (knapp 228 Millionen Franken) hätten die Knicks ihm gemäss Medienberichten aber nur 200 Millionen Dollar geboten. Towns sei zwar bereit, auf Geld zu verzichten, doch empfand er dieses Angebot als zu tief. Als er davon hörte, dass die Knicks jegliche Vertragsverhandlungen erst einmal auf Eis legen würden, zeigte er sich «sehr enttäuscht».
Auch Brunson und Anunoby dürfen bald verhandeln
Dass einer der Stars mit einer unsicheren Zukunft in die Saison geht, kann nicht im Interesse des Teams sein. Solange das Thema nicht geklärt ist, wird es Towns und auch die anderen Spieler begleiten. Nach dieser Saison könnten auch Jalen Brunson und OG Anunoby einen neuen Vertrag unterschreiben – werden die Knicks auch dann zögern, die ganz grossen Gehälter zu bezahlen? Ein Team, das um den Titel spielen will, kann sich eine solche Quelle der Ablenkung eigentlich nicht leisten.
Trotz allem gelten die Knicks in der Eastern Conference als Favorit. Dies liegt auch an den vielen Fragezeichen, welche die Konkurrenz umgeben. Die Boston Celtics haben Dauerbrenner Jaylen Brown durch den 36-jährigen und häufig verletzten Paul George ersetzt. Die Detroit Pistons blieben in der Vorsaison den Beweis schuldig, dass sie reif für die Playoffs sind. Selbiges gilt seit vielen Jahren für James Harden, der in Cleveland unter Vertrag steht. Und die Philadelphia 76ers hängen davon ab, dass der dann 42-jährige LeBron James und der stark verletzungsanfällige Joel Embiid in den Playoffs über längere Zeit an ihre Topform herankommen.
Einen ersten Eindruck der vielen Titelkandidaten bekommen NBA-Fans bereits am ersten Spieltag. So eröffnet Detroit die neue Saison am heutigen Dienstagabend gegen Boston (21 Uhr), bevor die Knicks ihre Titelverteidigung gegen Philadelphia (1 Uhr) beginnen. Zum Abschluss der Opening Night duellieren sich dann die Rivalen aus San Antonio und Oklahoma City (3.30 Uhr). Basketballfans, die wenig Schlaf benötigen, kommen also gleich zum Saisonstart voll auf ihre Kosten.
