Wer NBA-Star Wembanyama sieht, zweifelt nicht: Er könnte der Beste der Geschichte werden
Wenn Victor Wembanyama den Basketball in den Händen hält, hält man als Zuschauer den Atem an.
Einerseits, weil man das Gefühl hat, dass dieser (mindestens) 2,26 Meter grosse und schlaksige Franzose sich gleich alle Glieder bricht, wenn er mit einem Gegenspieler zusammenstösst. Sein Gewicht von gut 105 Kilogramm bei seiner Körpergrösse – die exakte Zahl ist nicht bekannt und Objekt von Gerüchten – lässt ihn etwas gebrechlich aussehen. Verletzungsanfällig war er in seiner bisherigen NBA-Karriere aber nicht. In drei Jahren hatte er nur eine längere Pause: wegen einer tiefen Venenthrombose im Frühling 2025.
Andererseits, weil immer etwas Unglaubliches geschehen kann. Wer den 22-jährigen Franzosen auf dem Feld sieht, denkt sich regelmässig: «Das kann nicht wahr sein!» Zum Beispiel, wenn die Nummer 1 der San Antonio Spurs einen Dreier vom Rand des Logos verwandelt. So etwas sind sich Basketballfans bei einem Spieler dieser Grösse in dieser Lockerheit schlicht nicht gewohnt. Aber genau das tat Wembanyama in der Nacht auf Dienstag im 1. Spiel der Halbfinal-Serie gegen Oklahoma City. Und das kurz vor Ende der 1. Verlängerung zum 108:108-Ausgleich.
WEMBY, WOW!
— NBA (@NBA) May 19, 2026
WHAT A SHOT TO TIE THE GAME AT 108. pic.twitter.com/HELQUpxww7
Am Ende setzten sich die Spurs auswärts beim Titelverteidiger und Favoriten nach zwei Verlängerungen 122:115 durch und klauten somit den Heimvorteil. Wembanyama erzielte dabei 41 Punkte und schnappte sich 24 Rebounds. Er ist der jüngste Spieler der Geschichte, dem ein solches Spiel in den Playoffs gelang. Und es ist kein extremer statistischer Ausreisser.
Niemand hat eine Lösung gegen ihn
Rechnet man die zwei Partien raus, bei denen er früh rausmusste – einmal wegen einer Verletzung, einmal wegen eines Ausschlusses infolge eines Ellbogenschlags –, kommt er im Schnitt auf 26,1 Punkte (Platz 5 in den NBA-Playoffs), 13,7 Rebounds (Platz 1) und 4,8 Blocks (Platz 1). Wer ihn dabei beobachtet, kommt unausweichlich zum Schluss: Victor Wembanyama könnte der beste Basketballer der Geschichte werden.
Natürlich ist da viel Konjunktiv dabei. Eine schwere Verletzung könnte alles beenden. Mit der seit einigen Jahren verschärften Gehaltsobergrenze ist es zudem schwieriger, mit einem Team langfristig Erfolg zu haben. Und ein Körper wie der von Wembanyama könnte früher als andere Spuren von Abnutzung zeigen.
Und doch scheint es nicht verrückt, Victor Wembanyama zuzutrauen, den «GOAT» Michael Jordan dereinst zu überflügeln. Diese Meinung gibt es auch in der NBA. Gegenüber «The Athletic» sagte ein Scout: «Ich weiss nicht, was man gegen ihn tun kann. Offensiv, defensiv, in allen Belangen.» Ein Team-Verantwortlicher antwortete auf die Frage, ob der Nummer-1-Pick im Draft 2023 der beste Spieler der Liga ist: «Nein. Er ist der beste Spieler, den ich je gesehen habe.»
Ohne Gegenstimme wurde er als bester Verteidiger ausgezeichnet
Dass das «Alien» schon in seiner dritten NBA-Saison der beste Verteidiger der Liga ist, bezweifelt niemand. Die entsprechende Auszeichnung erhielt der 22-Jährige ohne Gegenstimme – als erster Spieler der NBA-Geschichte. Der frühere Trainer und heutige Experte Stan Van Gundy glaubt sogar: «Er ist der einflussreichste Verteidiger, den ich in der Liga je gesehen habe.» Mike Conley, der mit Minnesota in den Viertelfinals an «Wemby» und den Spurs scheiterte, erklärte das Problem als Gegner: «Wenn er unter dem Korb steht, kannst du nicht einfach zum Korb ziehen und abschliessen oder immerhin einen weiteren Gegner in die Mitte locken, damit ein Mitspieler frei wird. Denn Wembanyama braucht keine Hilfe.»
Wenn es nach Wembanyama geht, hätte er aber gleich auch den Titel als Wertvollster Spieler (MVP) verdient. «Die Hälfte des Spiels ist Verteidigung und diese fliesst zu wenig stark in die Wertung ein. Ausserdem wird der offensive Einfluss nicht nur durch Punkte gemessen», sagte Wembanyama im März. Am Wochenende wurde jedoch bekannt, dass Oklahoma Citys Shai Gilgeous-Alexander zum zweiten Mal in Folge zum MVP gekürt wurde. «Die Trophäe hätte unserer Meinung nach ‹Wemby› gehören müssen», sagte Spurs-Guard Stephon Castle vertretend für sein Team und fügte an: «Ich bin mir sicher, dass er ebenso denkt.»
Der Rest der Liga fürchtet «Wemby» und Co.
Und nun ist ebendieser SGA mit den Thunder San Antonios Gegner in den Playoff-Halbfinals. Es ist eine Zusatzmotivation für Victor Wembanyama. Als Gilgeous-Alexander vor dem Spiel die MVP-Trophäe erhielt, schaute der Spurs-star weg. Die Frage, ob es für ihn dadurch persönlich wurde, sagte er: «Ja, definitiv!» Das war zu spüren, Spiel 1 sicherte er den Spurs wohl auch deshalb. In vielen US-Medien ist nun zu lesen, dass er damit bewiesen hat, der beste Basketballer der Welt zu sein. Gilgeous-Alexander, der bei einer Wurfquote von rund 30 Prozent «nur» 24 Zähler erzielte, ging mit Oklahoma City erstmals in den Playoffs als Verlierer vom Feld. Spiel 1 hat gezeigt, dass die Spurs, die schon in der Regular Season vier von fünf Direktduellen gewonnen haben, den Titelverteidiger entthronen könnten.
Dann wären «Wemby» und Co. auch in den NBA Finals gegen New York oder Cleveland Favorit. Holt sich Wembanyama in dieser Saison tatsächlich den Titel, wäre das für den Rest der Liga kein gutes Zeichen. Der langjährige NBA-Beobachter und einstige Vizepräsident der Memphis Grizzlies John Hollinger beschrieb das Gefühl in Minnesota nach dem Ausscheiden gegen San Antonio folgendermassen: «Du solltest Wembanyama besser dieses Jahr schlagen, denn das nächste Jahrzehnt ist so gut wie gelaufen.»
Die Gehaltsobergrenze ist erstmal kein Problem
Was Wembanyama trotz der Verschärfung der Gehaltsobergrenze, die Dynastien wie einst die Chicago Bulls um Michael Jordan oder die Golden State Warriors im letzten Jahrzehnt möglichst verhindern soll, in die Karten spielt: Die San Antonio Spurs haben unter anderem in Stephon Castle (22) und Dylan Harper (20) mehrere hochtalentierte junge Spieler im Kader, die noch einige Jahre günstig sein werden und sich zudem noch verbessern dürften.
Womöglich werden wir also gerade Zeugen vom Durchbruch des irgendwann besten Basketballers der Geschichte. Ausschliessen würde das nur, wer Victor Wembanyama noch nie Basketballspielen gesehen hat.
