In Lugano darf der hungrige Ajeti wieder essen – der Leader hadert trotzdem
Da steht er also, der Stucki Christian. Mitten in dieser schmucken, neuen Arena in Lugano. Der gelb-schwarze Schal um seinen massigen Kopf verrät, wem der Schwingerkönig von 2019 an diesem lauen Vorherbstabend die Daumen drückt, wenn mit Lugano und den Young Boys die meistgenannten Favoriten auf den diesjährigen Schweizer Meistertitel in der Super League erstmals aufeinandertreffen. Natürlich wird der Berner, der zu seiner Aktivzeit vielleicht auch einigen Ticinesi die «lotta svizzera» hatte näherbringen können, danach gefragt, wie denn nun sein Resultattipp aussehe. Aber der «Chrigu» ist nicht nur König, sondern auch Diplomat. Trotz gelb-schwarzem Herz will es sich der 41-Jährige mit den Bianconeri nicht verscherzen und antwortet: «3:3».
Schon zweimal hat Stucki seine Young Boys in dieser Saison zuhause dieses Resultat erspielen sehen. Er weiss: Sein Herzensklub ist zwar offensiv unglaublich spektakulär, defensiv aber phasenweise auch haarsträubend fahrlässig. Und YB versäumt es nicht, auch auf dem neuen Grün von Lugano diese zwei Gesichter abzugeben.
Da ist der sehenswerte Treffer von Samuel Essende, der eine schöne Kombination über Stefan Bukinac und Christian Fassnacht abschliesst. Da ist der Fallrückzieher von Alvyn Sanches am Ursprung von Fassnachts viertem Saisontor. Da sind aber auch die missglückten Klärungsversuche von Edimilson Fernandes, Alan Virginius und Isaac Schmidt, die Daniel Dos Santos eine freie Schussbahn zum 1:0 eröffnen. Oder da sind die zögerlichen Intervenierungsversuche von Sandro Lauper, der Joker Albian Ajeti bei dessen spätem Ausgleich nur noch nachschauen kann.
Die Hexe im Publikum
Tippkönig wird Stucki an diesem Abend zwar nicht. Dass die Punkte aber geteilt werden – das hat der Seeländer richtig antizipiert. 2:2 steht es am Ende eines in der ersten Hälfte wilden, in der zweiten etwas gemächlicheren Abends. Ein Resultat, das sowohl in Tessiner als auch in Berner Reihen als gerecht taxiert wird. «Wir nehmen den Punkt mit», sagt etwa YB-Captain Loris Benito, zumal der Druck auf Seiten der Berner gewesen sei, hätte sie eine Niederlage doch schon etwas zurückgebunden. Lugano-Trainer Mattia Croci-Torti verhehlt derweil nicht, dass er sich frage, was wohl gewesen wäre, hätte sich die Verletzungshexe nicht auch noch unter die 8029 Fans gemischt.
Bereits nach 21 Minuten muss der Mister seinen Captain vom Feld nehmen. Renato Steffen zwickt es an den Adduktoren. Ein Wechsel, der die Statik der Partie verändert. Croci-Torti sagt, solange Steffen auf dem Platz gestanden habe, sei es Lugano gelungen, YB in den Zwischenräumen immer wieder unter Druck zu setzen. Danach sei dieser Zugriff verloren gegangen – und YB habe in genau dieser Phase wieder Selbstvertrauen getankt.
Eine weitere Problemzone eröffnet sich dem 44-Jährigen im Tor. Bereits nach zehn Minuten habe Goalie David von Ballmoos über Schmerzen im rechten Fuss geklagt und den Ball nur noch mit links spielen können. Doch der Emmentaler im Tessiner Gehäuse habe unbedingt weiterspielen wollen – gerade gegen den Klub, in dessen Annalen er sich mit sechs Schweizer Meistertiteln und zwei Cupsiegen gespielt hat.
Doch nach der Halbzeit steht nicht mehr von Ballmoos im Tor, sondern Felix Gebhardt, der zu seinem Debüt in der Super League kommt. Croci-Torti hadert, dass er nicht früher reagiert und einen Wechsel vorgenommen habe. Von Ballmoos sei irgendwann nur noch mit seinem Körper und gar nicht mehr mit seinem Spiel beschäftigt gewesen. «Die zwei Gegentore nehme ich auch auf mich», sagt Croci-Torti. In seinen Worten ist aber auch Stolz spürbar. Stolz nicht nur darauf, wie seine Mannschaft auf den Rückstand reagierte, sondern vor allem darauf, wie sie die Ausfälle von Captain und Vize-Captain wegsteckte.
Trainingsrückstand schützt vor Toren nicht
«Wir haben uns nicht hängen lassen», sagt Croci-Torti. «Wir hatten absolut keine Lust darauf, dieses Spiel zu verlieren. Und wie die Mannschaft gezeigt hat, wie stark sie als Gruppe sein kann, hat mir viel Freude bereitet.» Auch wenn er gern das Kollektiv betont – Albian Ajeti dürfte seinem Trainer ein Extralächeln auf die Lippen gezaubert haben. Wie schon bei seinem Lugano-Debüt gegen Servette, als die Leihgabe des FC Basel seinem neuen Team mit einem Treffer in der 94. Minute den Sieg beschert hat, sorgt Ajeti auch diesmal in der Schlussphase für einen Punktgewinn.
Dass er noch an seiner Fitness arbeiten müsse, sei offensichtlich, sagt Ajeti. «Aber ich bin fit, und ich bin hungrig.» Essen, im Sinne von «auf dem Fussballplatz stehen», hatte der 29-Jährige bis zu seiner «Flucht» ins Tessin nur noch selten dürfen. Insofern wird interessant zu beobachten sein, wie viele Glücksmomente ein fitter Ajeti den Tifosi noch wird schenken können.
Wobei: Etwas hat auch Joker Ajeti nicht verhindern können: Nach sechs Siegen in Serie haben die Luganesi erstmals in dieser Saison Punkte liegen lassen. Croci-Torti sieht es gelassen: «Wir haben nicht gedacht, dass wir jedes Spiel gewinnen würden», sagt er. «Und wir glauben auch nicht, dass wir in dieser Saison nie verlieren werden.» Sowieso zeigen sich sowohl Croci-Torti als auch Berufskollege Gerardo Seoane bemüht, dieses erste Duell der meistgenannten Favoriten auf den Titel nicht zu hoch zu gewichten. Sion, St.Gallen, Basel – sie alle verfügten über zu viel Qualität, als dass sich dieses Championnat einfach auf ein ticino-bernesisches Fernduell herunterbrechen liesse.
«Egal, wie dieses Spiel ausgegangen wäre», sagt Seoane, «es wäre in keinster Weise eine Vorentscheidung gewesen. Ich glaube, es wird noch lange sehr eng bleiben.» So eng, vielleicht, dass Stucki Christian den Teams vor Saisonende ein Dislozieren ins Sägemehl ans Herz legen könnte. Wer möchte schliesslich nicht wissen, ob Steffen Renato den Fassnacht Christian mit einem Wyberhaagge aufs Kreuz legen könnte? (nih/sda)
