«Sind wir etwa Tiere im Zoo?»: Tennis-Stars wehren sich gegen Kameras in Garderobe
Während des Turniers entgeht in Wimbledon kaum eine Bewegung dem Blick einer Kamera. Mehr als 500 Objektive liefern Fernsehbilder in alle Welt, überwachen die Sicherheit, entscheiden über Linienbälle und halten die grossen wie kleinen Momente fest, auf dem Platz und beim Publikum. Für zwei Wochen wird der All England Club zum digitalen Panoptikum.
Alleine im letzten Jahrzehnt hat sich der Umsatz des Tennisturniers fast verdoppelt, auf mehr als eine halbe Milliarde Dollar im Jahr. Die Hälfte generieren die Organisatoren aus dem Verkauf von Medien- und TV-Rechten. Alleine die britische BBC bezahlt 82 Millionen Dollar jährlich. Im Gegenzug erwarten die TV-Sender einen umfassenden Zugang. Sie wollen Emotionen einfangen, von denen der Sport lebt: Freude, Wut, Trauer.
Blick hinter die Kulissen
Um diesem Anspruch gerecht zu werden, werden inzwischen auch dort Kameras installiert, wo sich die Spieler unbeobachtet wähnen, etwa im Tunnel unter der Anlage im Südwesten Londons, bei den Trainingsplätzen, im Restaurant oder vor der Kabine. Elf Kameras sollen einen Blick hinter die Kulissen ermöglichen und zeigen, was sonst im Verborgenen bleibt.
Die Bilder würden sorgfältig ausgewählt, heisst es in einem Schreiben an die Spielerinnen und Spieler. Es ist eine Reaktion auf ihre immer lautere Kritik an einer Entwicklung, die sich wohl kaum mehr aufhalten lässt.
Spielerinnen haben Verständnis
Darauf angesprochen sagt die Schweizerin Viktorija Golubic: «Gerade die Tospielerinnen stehen unter dauernder Beobachtung. Ich verstehe, dass ein Interesse daran besteht und dass es gut für die Unterhaltung ist. Aber wenn es überall und rund um die Uhr ist, geht es für mich einfach zu weit.»
Noch stärker im Fokus als Golubic steht Belinda Bencic. Auch sie äussert Verständnis für die Bedürfnise der TV-Anstalten und des Publikums. Doch es hat Grenzen. «In Paris war eine Kamerafrau in der Garderobe. Das geht zu weit. Wir brauchen auch etwas Privatsphäre. Wenn jemand weint oder wütend ist, muss das nicht jeder sehen», erzählt die 29-Jährige.
Automatische Kameras in Melbourne
Geradezu exzessiv betreiben die Australian Open die Dauerbeobachtung. Als Coco Gauff nach ihrer Niederlage im Viertelfinal vom Platz ging, nahm sie ein Racket aus der Tasche und lief durch die Katakomben der Rod-Laver-Arena, bis sie sich unbeobachtet fühlte. Danach zertrümmerte sie den Schläger hinter einem Mäuerchen. Die Kameras filmten alles mit.
Nicht nur Aufnahmen von Wut, sondern auch von Trauer und Verzweiflung finden immer wieder den Weg an die Öffentlichkeit. Die Kroatin Petra Martic etwa wurde in Australien einmal dabei gefilmt, wie sie nach einer Niederlage zusammenbrach und weinend an einem Betonpfeiler kauerte.
Videos gehen sofort viral
Was sie nicht wusste: Eine fest installierte Kamera zeichnete den intimen Moment nicht nur auf, der Regisseur zoomte sogar noch näher ran. Der Aufschrei war gross, das Video wurde entfernt. Allerdings erst, nachdem es die halbe Welt gesehen hatte und unseren Voyeurismus bedient hatte.
Wie Martic hatte sich auch Gauff unbeobachtet gefühlt. Später sagte sie dazu: «Ich versuchte, irgendwohin zu gehen, wo ich nicht gefilmt werde und den Ärger nicht an meinem Team auslassen. Ich würde das auch nie auf dem Platz tun, wo es Kinder sehen. Aber ich bin nun mal emotional. Irgendwo und irgendwie musste ich meiner Frustration Luft verschaffen.»
I was just talking about it yesterday…
— SK (@Djoko_UTD) January 27, 2026
Today Coco Gauff destroyed her racket in an empty dressing room after losing the QFs in 59 minutes 🤯
Not just physically but Mentally Tennis is the toughest sport ever. Feel for Coco 💔pic.twitter.com/jKOKMD4VUg https://t.co/nsSOiw2jD4
Swiatek fühlt sich wie im Zoo
Gauff fühlte sich blossgestellt. «Der einzige Ort, wo man noch für sich ist, ist die Garderobe. Ich finde, das sollte man diskutieren», sagte sie. Mit ihrer Meinung steht die 22-Jährige nicht alleine da. Wimbledon-Siegerin Iga Swiatek etwa sagte: «Die Frage ist: Sind wir Tennisspielerinnen? Oder sind wir Tiere im Zoo, die beobachtet werden, selbst wenn sie aufs WC gehen?»
Auch Swiatek wurde schon einmal Opfer der Dauerbeobachtung. 2024 gewann sie bei den French Open gegen Naomi Osaka, nachdem sie einen Matchball abgewehrt hatte. Aufgewühlt von der aufgeheizten Atmosphäre brach sie danach in der Kabine und während der Behandlung durch eine Physiotherapeutin in Tränen aus. Auch dieses Video wurde öffentlich.
«Eingriff in unsere Privatsphäre»
Anfang Jahr erklärte die Polin: «Es wäre schön, wenigstens noch etwas Privatsphäre zu haben. Es wäre auch schön, seine eigenen Routinen haben zu dürfen und dabei nicht ständig beobachtet zu werden. Ich würde auch gern technische Dinge ausprobieren, ohne dass die ganze Welt zuschaut.»
Jessica Pegula monierte, es werde von Jahr zu Jahr schlimmer. Sie habe das Gefühl, ständig gefilmt zu werden. «Manchmal denke ich: Könnt ihr uns nicht einen Moment in Ruhe lassen? Ich habe online gesehen, dass Leute auf Spieler-Handys reingezoomt haben. Ich finde, das ist ein Eingriff in die Privatsphäre. Ganz ehrlich: Die einzigen Situationen, in denen du nicht gefilmt wirst, sind, wenn du duschen oder auf die Toilette gehst.»
paula so real😭 pic.twitter.com/fBFrTLgkqi
— nats (@Il_00_lI) January 23, 2025
Djokovic hat wenig Hoffnung
Novak Djokovic hat wenig Hoffnung. «Für mich ist es schwer vorstellbar, dass man Kameras wieder abmontiert. Es werden eher noch mehr. Ich bin ehrlich gesagt überrascht, dass es in der Dusche noch keine gibt.» Das sei vermutlich der nächste Schritt. Die Büchse der Pandora – sie ist geöffnet.
Wobei, und auch das ist Teil der Wahrheit: Viele Sportlerinnen und Sportler nutzen die Möglichkeiten im digitalen Panoptikum zu ihren Gunsten. Wie Arina Sabalenka. Nachdem sie bei den US Open 2023 den Final gegen Coco Gauff verloren hatte, zertrümmerte sie in der Kabine einen Schläger und entsorgte diesen danach in einem Abfalleimer. Aufgenommen wurde diese Inszenierung von einem Team des Streaminganbieters Netflix.
In Wimbledon entgeht heute kaum mehr eine Bewegung dem Blick der Kameras. Je näher sie den Sportlerinnen und Sportlern kommen, desto schwieriger wird die Balance zwischen Unterhaltung und Privatsphäre.

