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Naja, der Teint passt: Bea und Tim. Bild: Sat1

TV-Paar-Spass

Nach der Hochzeitsnacht sieht er sie erstmals ungeschminkt. Und sagt die lieben Worte: «Hut ab vor der Visagistin!»

«Hochzeit auf den ersten Blick» ist die beste TV-Erfindung dieses anbrechenden Winters: Menschen glauben an das machbare Glück – und irren sich meistens gewaltig. Trotz Expertenmeinung.



«Ich nehme mir die Zeit für Sie, die Sie brauchen durch die Wildwasser des Lebens.» Schreibt Ingrid Strobel, Paar- und Burnout-Expertin, auf ihrer Homepage. Burnout und Ehe. Ist für viele Leute wahrscheinlich das Gleiche. Ingrid Strobel ist TV-Expertin bei «Hochzeit auf den ersten Blick», der drei Wochen alten Sendung, die ganz Deutschland begeistert (und ziemlich viele watson-Redakteurinnen, wir stehen dazu).

Zum Expertenteam gehört auch Frau Dr. Sandra Köhldorfer, die sich durch Dauerbeschäftigung mit ihren blonden Locken hervortut. Und Uwe Linke, Experte für Wohnpsychologie, der wohnpsychologisch bedeutende Sätze sagt wie: «Tja, das ist mal ein schriller Schuhschrank.» Und der Theologe Martin Dreyer, der jeweils die frohe Botschaft übermittelt: «Wir haben für Sie einen Match gefunden.» Also den passgenauen Partner. Analytisch durchgenudelt mittels DNA-Test, Wohn-, Wald-und-Wiesen-Psychotests. 

«Man kann natürlich sagen, dieses ganze DNA-Prozedere sei szientistischer Hokuspokus, aber diese Art der Auswahl ist ja etwas, was zeitgenössische Partnerwahl bereits macht, parship.ch basiert ja auch auf Algorithmen», sagt der Zürcher Psychoanalytiker Peter Schneider.

Die Angesprochenen fallen dann jeweils fast in Ohnmacht, denn wie schon früher bei der Waschmittel- und Zahnpasta-Werbung vertrauen sie den Experten total und glauben daran, dass aus Wissenschaft Liebe werden kann, nein, sogar daran, dass die Liebe zwischen den wissenschaftlich Ermittelten gar nicht erst werden muss, sondern ganz einfach da ist. Wie in diesem Lied von Nena: «Liebe will nicht, Liebe kämpft nicht, Liebe wird nicht, Liebe ist» An sowas glauben Leute. Ganz besonders im Fernsehen.

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Nur die Liebe ... zählt? fehlt? quält? Jana und Rico. Bild: sat1

Das Scharnier zwischen der Experten-Selektion und dem Leben zu zweit: die Hochzeit. In Weiss. Bei der sich Mann und Frau zum ersten Mal überhaupt begegnen. Kandidatin Tatjana haucht im Brautmodegeschäft: «Oh mein Gott! Ich bin eine richtige Braut! Wunderschön! Hoffentlich zum einzigen Mal in meinem Leben!» Frauen verwandeln sich in weisse Wolken, in das unbeschriebene Blatt Papier, spielen Jungfräulichkeit, Unschuld, einen ganz neuen Anfang. Ein Reset aller realen Lebenserfahrung.

Unser Experte: Der Zürcher Psychoanalyitiker Peter Schneider

Unser Experte: Der Zürcher Psychoanalytiker Peter Schneider. Bild: peterschneider.info

«Bei der weissen Hochzeit», sagt Peter Schneider, «kann man sich fragen, ob da manche Mittel und Zweck verwechseln: Ob da die Vorstellung zu heiraten gewichtiger wird als das Verheiratetsein selber. Es ist ein bisschen kleinmädchenhaft, so ein Barbie-Hochzeitshütten-Dings. Aber man kann das auch so sehen: Wenn die Ehe von Anfang an nicht mehr so sehr dieser Endgültigkeit verhaftet ist, kann man vielleicht auch das Drum und Dran mehr geniessen. Man kann dann sagen: Ja, das war doch wenigstens ne schöne Hochzeit!»

Das Siegel des Absoluten

Aber weshalb versteifen sich denn auch heute noch so viele auf eine präventive Verklärung der Ehe? «Was die Hochschätzung beziehungsweise Überschätzung der Ehe selber angeht», sagt Peter Schneider, «hängt das wiederum mit diesem Gefühl der Beliebigkeit zusammen. Es hat ja immer etwas Beliebiges, in wen man sich verliebt und mit wem man zusammenbleibt, man trifft sich da, man trifft sich dort, und wenn man da nicht gewesen wäre, hätte man sich auch nicht kennengelernt.»

«Gleichzeitig gab es schon immer diese Ideologie der schicksalshaften Notwendigkeit, die aber natürlich durchsichtig und immer falsch ist. Mit dieser Computerisierung der Partnerwahl wird das Ganze nochmals erhöht, es ist ein Markt, wer mal grad nicht auf parship.ch ist, fällt durch, aber vielleicht findet er vier Wochen später schon den vermeintlich Richtigen. Die Ehe hat da die Funktion, dem Ganzen das Siegel des Absoluten aufzudrücken. Mit der Ehe bekommt das Zufällige einen Halt, etwas Zwangsläufiges, Endgültiges. Das ist der innere Widerspruch der Ehe.» 

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Die TV-Psychoanalytikerin Sandra Köhldorfer mit Kandidatin Tatjana. Bild: sat1

Manchmal nützt der ganze Aberglaube trotzdem nix. Etwa bei Rico und Jana. Wie es das Sendeformat will, sehen sie sich erst auf dem Standesamt, sie sagen brav, aber skeptisch «Ja» zueinander, und im Auto fragt er sie: «Bin ich eigentlich dein Typ? So äusserlich?», und Jana sagt: «Hmmmmm, nein.»

Und obwohl doch beide tierlieb sind und einander aufgrund der DNA-Tests sogenannt «gut riechen» (Frau Strobel) können sollten, tun sie genau das keine Sekunde lang, sie findet ihn dumm, er findet sie eiskalt und arrogant, da schafft auch die Hitze von Marokko, wohin die Flitterwoche sie führt, keinerlei Abhilfe. Für sie ist Marokko «total anstrengend» – das klingt schon nach einem sich anbahnenden Beziehungs-Burnout. Zudem ist er «sehr irritiert», als er sie zum ersten Mal ungeschminkt sieht, «Hut ab vor der Visagistin». Das höchste der Verständigungsgefühle: «Die blaue Hose, die ich kaufte, findet er auch gut, die weisse Hose, die er kaufte, finde ich auch gut.» Das schöne Wort «Emotionsregulation» fällt einmal von Expertenseite. 

Er ist dominant, sie will eine Haussklavin sein

Frau Dr. Sandra Köhldorfer macht sich Sorgen um Kandidat Tim: «Ich hoffe, es ist für Tim nicht zu kastrierend», sagt sie, nämlich, dass Tims Angetraute Bea besser einen Ikea-Schrank zusammenschrauben kann als er. Der Tim. Nun, der Tim. Besitzt in seiner kahlen Wohnung ein einziges Highlight, eine Glasvitrine voller Kuscheltiere. Sonst nichts. Lebt vom Modellauto-Handel im Internet. Lacht leider wie ein Psychokiller. Liebt Bea über alles. Sie merkt langsam, dass das Single-Dasein auch Vorteile hatte. Wird ungeduldig und eklig auf ihrem rosa Sofa. Tim bügelt Hemden und möchte vielleicht ganz gerne wieder zu den Modellautos und stumm eingesperrten Kuscheltieren. 

Die besten Chancen gebe ich bis jetzt Tatjana und Dennis: Er will eine klassische Hausfrau, die sich unterordnet, sie will nichts anderes. Er hat materiell was zu bieten, sie physisch. Und die Chemie, das sieht man auf den ersten Blick, verrichtet ihr Geschäft für einmal so zuverlässig wie die beiden kleinen Redaktionshunde von watson.

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Genna, eins unserer zwei reizenden Redaktionshündchen. Bild: sme

«Hochzeit auf den ersten Blick»: Sat1, So, 17.55 Uhr.

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