Bittere Rivalität – Video-Theater und ein Präsident belehrt die Schiris
Die beiden Stadien liegen nur 15,90 Kilometer auseinander. Aber es geht nicht nur um eine geographische, es geht auch um eine kulturelle Distanz. Für das wirtschaftlich starke Langenthal (16'000 Einwohnerinnen und Einwohner) ist das Städtchen Huttwil (5000) ein Bauerndorf. Punkt.
Seit der SC Langenthal 2023 freiwillig in die MyHockey League abgestiegen ist, hat Hockey Huttwil zehn von elf Derbys gewonnen. Die Frustration in Langenthal sitzt tief.
Am letzten Samstag rockte es im Campus Perspektiven in Huttwil: Über 1000 Fans sahen den 2:1-Sieg der Huttwiler in der Verlängerung. Aber das ist nur das Vorspiel.
Dem Siegestor zum 2:1 ist ein übersehenes Icing vorausgegangen. Langenthals umsichtiger Präsident Walter Ryser ist über den irregulären Treffer so erbost, dass er sich sogleich eiligen Schrittes von der Tribüne zur Schiedsrichterkabine hinab begibt und dem Head-Schiedsrichter die Meinung geigt.
Zu Tätlichkeiten kommt es natürlich nicht, Walter Ryser ist ja eigentlich ein Gentleman. Aber die Hektik ist beträchtlich und die Sorge der Umstehenden, zu denen auch der Chronist gehört, es könnte zu einer Eskalation kommen, nicht ganz unbegründet. Das Lokalblatt «Unter Emmentaler», das darauf Rücksicht nehmen muss, dass unter den Leserinnen und Lesern Anhänger beider Klubs sind, wird seinen Lesern maliziös berichten, Walter Ryser habe sich «zur Konversation mit dem Head-Schiedsrichter» zur Kabine der Unparteiischen begeben.
Zur Beruhigung trägt bei, dass Head-Schiedsrichter Jonathan Zbinden – er hatte die Partie sehr, sehr gut geleitet – ganz cool bleibt. Geholfen hat wohl auch, dass er welscher Zunge ist und die wohlgemeinten Belehrungen des grossen SCL-Vorsitzenden womöglich nicht ganz verstanden hat.
Aber: Eigentlich geht es nicht, dass ein Präsident im Stadion des Erzrivalen die Spielleitung belehrt. Wäre der Vorfall vom Schiedsrichter oder den Huttwilern an die zuständigen Stellen rapportiert worden, hätte es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Nachspiel gehabt.
Das Spiel war intensiv und es hat ordentlich gerumpelt. Aber im Rahmen der geltenden Regeln. Die Frage ist hinterher trotzdem, ob die Langenthaler wohl noch ein Video einreichen werden. Huttwils Trainer Daniel Bieri hat so ein Bauchgefühl, dass im Frust noch etwas kommen wird.
Doch Walter Ryser winkt auf Anfrage am nächsten Tag ab und weist eine Video-Eingabe klafterweit von sich: «Nein, nein, das tun wir ganz sicher nicht. Es bringt doch niemandem etwas, hinterher noch ein Video-Theater zu veranstalten.» Wohl wahr. Zumal kein Spieler verletzt worden ist.
Dann die grosse Überraschung: Huttwils Trainer Daniel Bieri kann für die Partie am Mittwoch gegen Schlusslicht Oberthurgau zwei seiner Spieler nicht einsetzen. Gesperrt. Verfahrenseröffnung nach Video-Intervention von Langenthal. Offenbar hat Jonathan Zbinden zwei Checks gegen den Kopf übersehen.
Als Dank dafür, dass der Zwischenfall mit den Refs nicht rapportiert und allenthalben von den gastgebenden Huttwilern heruntergespielt worden ist, hat nun Walter Ryser also die Video-Retourkutsche gefahren. Undank ist der Hockey- und Derby-Welten Lohn.
Doch Walter Ryser sieht die Sache nicht als Retourkutsche. Sondern als Folge einer vorbildlichen Unternehmensstruktur bei der SC Langenthal AG. «Ja, ich bin persönlich der Meinung, dass ein Video-Theater nichts bringt. Dazu stehe ich nach wie vor. Aber ich mische mich als Präsident nicht in die Arbeit unseres Sportchefs ein. Die Videos einzuschicken ist allein der Entscheid unseres Sportchefs und davon habe ich erst hinterher am Dienstag bei unserem Business-Lunch erfahren.»
Der SC Langenthal gilt als Krösus des bernischen Amateurhockeys und beschäftigt mit Marc Kämpf sowohl einen vollamtlichen Sportchef als auch mit Christoph Brügger einen vollamtlichen Geschäftsführer. Der Boshafte sagt: Beim SCL weiss die linke Hand nicht, was die Rechte tut, der Präsident hat den Laden nicht im Griff. Der Wohlwollende hingegen lobt: Vorbildlich. So wie beim SC Langenthal sollte es überall in unserem Hockey sein. Sport und Business trennen, der Sportabteilung nicht dreinreden. Der Schlaumeier hingegen meint hinter vorgehaltener Hand: Der Präsident hat sehr wohl gewusst, was geht.
Was Walter Ryser vehement bestreitet. «Solange der Sportchef im Rahmen des Budgets arbeitet, rede ich nicht drein. Ich habe wirklich nichts gewusst, unser Sportchef hat mir beim Businesslunch so nebenbei gesagt, er habe Videos eingeschickt. Ich kann mich doch nicht um jedes Detail kümmern und noch jeden Tag in unseren Büros die Bleistifte spitzen.»
Auch das gehört zur Rivalität: Hockey Huttwil hat keine Vollzeitstellen. Die Geschäfte führt Präsident Heinz Krähenbühl nebenbei persönlich, Trainer Daniel Bieri arbeitet in leitender Position in der Metall-Hightech-Firma des Präsidenten und Sportchef Max Dreier macht den Job als Hobby. Es ist auch eine Rivalität zwischen Geld und Geist.
Die Verärgerung ist nun erheblich. Daniel Bieri kann sich einen bissigen Kommentar nicht verkneifen. «Seit ich hier Trainer bin, haben wir noch nie ein Video eingereicht. Die Langenthaler haben das nächste Spiel gegen Frauenfeld verloren. Das ist Strafe genug.» Er ist seit Januar 2019 Trainer in Huttwil. Seine Mannschaft putzte derweil Schlusslicht Oberthurgau ohne die zwei gesperrten Spieler 10:0 vom Eis.
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Die Chancen stehen gut, dass Hockey Huttwil und der SC Langenthal in den Playoffs aufeinandertreffen. Dann wird die Zeit im Oberaargau stillstehen. Vielleicht gibt es an den Spieltagen unter der Woche gar schulfrei.
P.S. Der SC Langenthal ist national in die Hockey-Schlagzeilen geraten, weil er per Ende Saison sein Frauenteam in der höchsten Liga auflöst. «Das war kein Entscheid der Sportabteilung», ergänzt Walter Ryser. «Entscheide von dieser Tragweite aus wirtschaftlichen Gründen trifft der Verwaltungsrat.» Der SC Langenthal ist nicht mehr dazu in der Lage, sein Frauenteam zu finanzieren.
