Unvergessen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Carla Sacramento of Portugal crosses the finish line to win the gold medal in the final of the Women's 1500 meters at the World Track and Field Championships in Athens Tuesday August 5, 1997. At left is Anita Weyermann of Switzerland who lunges over the line to clinch the bronze.  (KEYSTONE/AP/John Giles/PA)

Anita Weyermann rettet bei der WM in Athen 17 Hundertstelsekunden Vorsprung auf Rang 4 ins Ziel. Bild: AP

«Gring ache u seckle» – Anita Weyermann rempelt sich zu WM-Bronze über 1500m

5. August 1997: Was tun, wenn man in einer Sackgasse steckt? Ellbogen raus – und dann «Gring ache u seckle, seckle, seckle!» Anita Weyermann schreibt beim WM-Final über 1500 Meter in Athen Schweizer Sportgeschichte.



Da liegt sie, im Zielauslauf des Olympiastadions von Athen. Auf dem Rücken, die Beine ausgestreckt, schnappt Anita Weyermann wie ein Fisch an Land nach Luft. 

Die 19-jährige Gymnasiastin aus dem bernischen Gümligen ist beim 1500-m-Final der WM an ihre Grenzen gegangen – und auf den letzten 300 Metern sogar noch weit darüber hinaus. Als die Schwedin Malin Ewerlöf ihr auf die Beine helfen will, sackt Weyermann einfach wieder in sich zusammen. 

Anita Weyermann of Switzerland, right, who won the bronze medal in the final of the Women's 1500 meters is helped to her feet Malin Ewerlof of Sweden after collapsing at the end of the race at the World Track and Field Championships in Athens Tuesday August 5, 1997. (KEYSTONE/AP/Doug Mills)

Malin Ewerlöf versucht Anita Weyermann zu stützen, vergeblich. Bild: AP

Bange Sekunden vor dem grossen Triumph

Hat sich dieser brutale Effort gelohnt, oder entscheiden am Ende doch Hundertstel gegen sie? Die 1,62-Meter-Frau weiss nicht, ob sie Dritte oder Vierte geworden ist. Zäh verstreichen bange Sekunden. Dann endlich, die Erlösung durch den Stadionspeaker: «Bronze, Anita Weyermann, Suisse.»

Anita Weyermann zeigt stolz ihre Medaille auf der Akropolis in Athen am Mittwoch, 6. August 1997. (KEYSTONE/Christoph Ruckstuhl)

Anita Weyermann holt in Athen als erste Schweizer Leichtathletin eine WM-Medaille. Bild: KEYSTONE

Für die Ausnahmeläuferin ist es die frühe Krönung ihrer Karriere. Nach zwei Juniorentiteln über 1500 m (1994) und 3000 m (1996) gewinnt sie als erste Schweizer Leichtathletin eine WM-Medaille bei der Elite. Dabei sieht es zu Beginn der letzten Runde noch zappenduster aus. 

Kluge Taktik ist der Grundstein des Erfolgs

In Abwesenheit der Topfavoritinnen Kelly Holmes und Swetlana Masterkowa geht das Feld das Rennen gemächlich an. Weyermann spart ihre Kräfte und arbeitet sich erst nach 600 Metern sukzessive zur Spitzengruppe vor.

«Sie ist klein und muss sich in den Rennen irgendwie wehren.»

fritz Weyermann

Nach mehreren Führungswechseln ist die Schweizerin rund 300 Meter vor dem Ziel in einer Sackgasse gelandet: Zwei Läuferinnen blockieren ihre Front, seitlich wird sie durch die Irin Sonia O'Sullivan bedrängt. Es gibt keine Lücke! Da macht Weyermann kurzen Prozess. Sie räumt die Konkurrenz im Stile eines Mähdreschers mit grenzwertigem Körpereinsatz zur Seite und setzt sich an die Spitze.

Fritz Weyermann, ihr Vater und Trainer, verteidigt das rabiate Vorgehen später: «Sie ist klein und muss sich in den Rennen irgendwie wehren. Sie ist mit vollem Risiko gelaufen und hat es mit den Händen und Füssen gemacht.»

Play Icon

Anita Weyermann drängelt sich an die Spitze. Dann heisst es: «Gring ache u seckle, seckle, seckle.» Video: streamable

Dort bleibt sie aber nur wenige Sekunden. Die US-Amerikanerin Regina Jacobs, welche im Laufe des Gerangels von O'Sullivan unfair am Trikot zurückgehalten wurde, setzt zum Comeback an – und auch die portugiesische Topfavoritin Carla Sacramento schiebt sich an Weyermann vorbei.

Die grössten Schweizer Leichtathletik-Erfolge (der Neuzeit)

Jetzt droht der Schweizerin endgültig der Sprit auszugehen. Auf der Zielgerade wird sie von hinten hart durch die Spanierin Maite Zuniga bedrängt. Weyermann erinnert sich: «Ich konnte ihren Atem im Nacken spüren, sah sie sogar kurz neben mir. ‹Nein, also Vierte darfst du nicht werden›, sagte ich zu mir und lief, was meine Beine hergaben.»

Ein Spruch für die Ewigkeit

Es ist die Geburtsstunde eines geflügelten Wortes, welches sich bis heute im Schweizer Sprachgebrauch gehalten hat: «Gring ache u seckle, seckle, seckle!» Diesen Spruch haut Weyermann raus, als sie von den Journalisten gefragt wird, was ihr in diesem Moment durch den Kopf gegangen sei. Noch heute wird der Satz oft und gern zitiert, wenn sich jemand durch schiere Willenskraft aus einer misslichen Lage befreien will.

Anita Weyermann, Bronzemedaillengewinnerin des 1500 Meter Laufes an den Weltmeisterschaften in Athen nach ihrer Ankunft in Zuerich-Kloten, 8.8.1997. Der Bronzemedaillengewinnerin von Athen wurde in Zuerich ein herzlicher Empfang bereitet. Anschliessend begiebt sich Frau Weyermann in ihre Heimatgemeinde Muri bei Bern, wo sie von der Bevoelkerung gefeiert wird. (KEYSTONE/Peter Lauth)

Keine Hemmungen: Die 19-jährige Anita Weyermann plaudert frisch von der Leber weg in die Medienmikrofone. Bild: KEYSTONE

Nachdem die aufgebrachten Gegnerinnen sich nach Weyermanns halblegalem Körpereinsatz beruhigt haben und auf einen Protest verzichten, kann sich die Schweizerin endgültig über ihren Coup, WM-Bronze und die Gratulationen von Bundesrätin Ruth Dreyfuss freuen. Sie wiederholt das Kunststück an der Europameisterschaft 1998. 

«Gring ache u wickle, wickle, wickle»

EM-Bronze ist ihr letzter grosser Höhepunkt auf dem internationalen Sportparkett. Zahlreiche Knieoperationen, ein Ermüdungsbruch im Becken und ein Ellbogenbruch werfen Weyermann im weiteren Verlauf ihrer Karriere immer wieder zurück. 2008 erleidet sie kurz vor den Olympischen Spielen in Peking einen Muskelfaserriss und tritt mit 30 Jahren zurück.

Play Icon

Weyermann spricht bei Aeschbacher über ihre Drillinge (ab 40:00). Video: YouTube/Schweizer Radio und Fernsehen

Nach einem Wirtschaftsstudium arbeitet Anita Weyermann als Redaktorin beim Radio Berner Oberland. 2011 wird sie Mutter einer Tochter, zwei Jahre später bekommt sie sogar Drillinge. Da hiess es: «Gring ache u wickle, wickle, wickle.»

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei. 

13 fantastisch knappe Fotofinishs

Sportler unterhalten uns ... auf allen Ebenen

Shaqiri als Käse, Drmic als Katzenfutter oder Magnin als Guetzli: 10 Fussballernamen, die sich als Marke eignen

Link to Article

«Keiner schlägt seine Frau ausser Yassine, der denkt sich, das Chikhaoui» – wir haben mal wieder unseren Spass mit Fussballer-Namen

Link to Article

«In allen Ehen weiss es der Mann besser, ausser bei Andrew hat das Weibrecht» – wir haben unseren Spass mit Skifahrer-Namen

Link to Article

Höhlenmensch, Schrei-Baby, Bikini-Beauty, lahmer Gaul: So sehen wir Federer, Djokovic und Co.

Link to Article

«Egal wie viele Medis er schon hat – Admir will Mehmedi» – die besten Egal-Memes mit Schweizer Sportlern

Link to Article

Und jetzt die besten User-Memes: «Ich habe noch keinen Spieler zu Hause besucht – ausser bei Daniel Davari» 

Link to Article

Ideal fürs Transferfenster: Shaqiri und Co. geben ultimative Bewertungen für Fussball-Klubs ab

Link to Article
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Totgeglaubter Japaner beendet Olympia-Marathon nach 54 Jahren

13. November 1983: Heute stirbt der Mann, der bei den Olympischen Spielen 1912 einen skurrilen Rekord aufstellte. Oder besser: Zu diesem aufbrach. Denn erst 1967 endet sein längstes Rennen der Geschichte. Unterwegs heiratete er und zeugte sechs Kinder.

Olympia ist 1912 noch kein Kassenschlager. Das Stadion in Stockholm ist meist gähnend leer. Bis am letzten Tag, dem 14. Juli 1912 um 13.45 Uhr. Dann steht der Marathon auf dem Programm. Im laufsportverrückten Schweden DAS Ereignis. 22'000 füllen die Arena, Tausende stehen an der Strecke.

Allerdings ist die Freude bei den Organisatoren trotzdem getrübt. Grund ist das Wetter: Bis zu 32 Grad werden gemessen, eine völlig unerwartete Hitze. Schon vier Jahre zuvor brachen beim Marathon in London bei …

Artikel lesen
Link to Article