DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
epaselect epa05942651 Supporters of French presidential election candidate Emmanuel Macron for the 'En Marche!' movement (Onwards!) watch a live brodcast of the face-to-face televised debate between Emmanuel Macron and far-right Front National (FN) party candidate, Marine Le Pen in a bar in Paris, France, 03 May 2017. France holds the run-off of the presidential elections on 07 May.  EPA/IAN LANGSDON

Vor dem TV-Duell: Marine Le Pen und Emmanuel Macron. Bild: IAN LANGSDON/EPA/KEYSTONE

Analyse

Und was, wenn Marine Le Pen doch gewinnt?

Ein Sieg des faschistoiden Front National ist möglich. Der Euro wäre damit gestorben, ein liberales Europa wahrscheinlich auch.



Der Schriftsteller Stefan Zweig beschreibt in seinem Buch «Die Welt von Gestern», wie sich Europa in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg vollkommen verändert hat. Er selbst wuchs in einer gutbürgerlichen jüdischen Familie in Wien auf. Der Gymnasiast Zweig musste deshalb strengen Regeln und Normen gehorchen.  

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann die Industrielle Revolution Wirkung zu zeigen. «Vierzig Jahre Frieden hatten den wirtschaftlichen Organismus der Länder gekräftigt, die wissenschaftlichen Entdeckungen den Geist jener Generation stolz gemacht; ein Aufschwung begann, der in allen Ländern unseres Europas fast gleichmässig zu fühlen war», schreibt Zweig.

Bild

Schwärmt vom Europa um die Jahrhundertwende: der Schriftsteller Stefan Zweig.

Der wachsende Wohlstand machte die Menschen freier und schöner. Sie begannen Sport zu betreiben, und auch der Mittelstand konnte sich Ferien am Meer oder in den Bergen leisten. Europa war damals der Mittelpunkt der Erde, und innerhalb Europas konnte sich jeder ohne Pass nach Belieben bewegen. Von Wien bis Paris, von London bis Berlin breitete sich ein Gefühl der Toleranz und der Verbundenheit aus.

Der Student Zweig kostete die neue Freiheit in vollen Zügen aus: «Ich bedaure jeden, der nicht jung diese letzten Jahre des Vertrauens in Europa miterlebt hat», schwärmt er. «Denn die Luft um uns ist nicht tot und nicht leer, sie trägt in sich die Schwingungen und den Rhythmus der Stunde. Sie presst ihn unbewusst in unser Blut, bis tief ins Herz und ins Hirn leitet sie ihn fort.»

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg begann sich der Himmel über Europa einzutrüben. Niemand konnte sich zwar einen Krieg, und schon gar keinen Weltkrieg, vorstellen. Doch Hass und Nationalismus waren unübersehbar auf dem Vormarsch. «Es war noch keine Panik, aber doch eine ständige schwelende Unruhe; immer fühlten wir ein leises Unbehagen, wenn vom Balkan her die Schüsse knatterten. Sollte wirklich der Krieg uns überfallen, ohne dass wir es wussten, warum und wozu?», schreibt Zweig.

Auch in Frankreich: Nationalisten gegen Globalisten

Heute herrscht zwar keine Panik in Europa. Die ständig schwelende Unruhe jedoch ist erneut spürbar geworden. Das gilt ganz speziell im Vorfeld der französischen Wahlen. Emmanuel Macron hat in den Umfragen 20 Prozentpunkte Vorsprung auf Marine Le Pen, und ja, er hat das TV-Duell gegen die Populistin klar für sich entschieden.

In Frankreich wird jedoch das gleiche Drama gespielt wie in fast allen westlichen Ländern: Eine liberale globale Elite wird von rechtspopulistischen Nationalisten herausgefordert. Und in jüngster Zeit waren das immer sehr enge Matches.

Bild

Glücklicher Winzer: Auf dem Land ist Frankreich noch in Ordnung.

Marine Le Pen kann sich darauf verlassen, dass sie vom «pays réel» gestützt wird. Darunter versteht man das konservative und stockkatholische ländliche Frankreich und die verarmten Industriestädte im Norden. Macron hingegen vertritt das «pays légal», die liberale urbane Elite in Städten wie Paris oder Lyon.

Simon Kuper, der seit Jahrzehnten in Frankreich lebende Kolumnist der «Financial Times», umschreibt diesen Konflikt wie folgt: «Die Vorstellung von ‹zwei Frankreichs› bestimmt die Art und Weise, wie viele Franzosen aus allen politischen Lagern diese Wahl betrachten.»

Investmentbanker bei Rothschild

Für Le Pen ist Macron so gesehen der ideale Gegner. Er ist ein klassischer Linksliberaler, der von offenen Grenzen und Europa schwärmt. Er war nicht nur Banker, er war Investmentbanker bei Rothschild! Dass diese Bank heute eher unbedeutend geworden ist, spielt keine Rolle. Der Name steht nach wie vor für mächtige jüdische Bankiers.

epa05939374 French presidential election candidate for the 'En Marche!' (Onwards!) political movement, Emmanuel Macron  delivers his speech during a rally in Paris, France, 01 May 2017. Far-right Front National (FN) party candidate Marine Le-Pen and 'En Marche!' (Onwards!) party candidate Emmanuel Macron arrived in the lead positions in the first round of the presidential elections. France will hold the second round on 07 May 2017.  EPA/IAN LANGSDON

Banker im schicken Anzug: Emmanuel ist das perfekte Feindbild für die Nationalisten. Bild: IAN LANGSDON/EPA/KEYSTONE

Gegen Le Pen spricht die Tatsache, dass auf ihrem «realen Frankreich» der Makel von Vichy haftet. Darunter versteht man die französische Regierung, die mit Hitler kooperiert hat. Selbst für viele konservative Franzosen war der Front National deshalb bisher unwählbar. Doch die jüngere Generation kann sich kaum noch an Vichy erinnern, und Le Pen hat selbst ihren Vater aus der Partei geschmissen, um jeden Nazi-Verdacht im Keim zu ersticken.

Einen weissen Mittelstand, der sich von der Globalisierung benachteiligt, vom wirtschaftlichen Abstieg bedroht und von einer liberalen Elite verspottet fühlt, gibt es auch in Frankreich. Das sind gefährliche Voraussetzungen: In den USA hat dieser Mittelstand Donald Trump ins Weisse Haus gehievt, in Polen und Ungarn faschistoide Nationalisten an die Macht gebracht. In England war dieser Mittelstand die treibende Kraft hinter dem Brexit, und in Italien wird er zum Rückgrat der Fünf-Sterne-Bewegung.

Ein friedliches Europa der Nationen wird es nie geben

Ein Sieg Le Pens ist daher nicht auszuschliessen. Er hätte fatale Folgen. Le Pen will, dass Frankreich den Euro verlässt oder zumindest den Franc als Parallelwährung wieder einführt. Das ist ein Rezept für Streit der übelsten Sorte. Die immer gehässiger werdende Stimmung im Vorfeld des Brexit zeigt, wie sensibel die Menschen auf das Thema Geld reagieren.

Dabei ist der Brexit im Vergleich zu einem Frexit bloss ein Kindergeburtstag. Sollte es dazu kommen, dann würden die nur oberflächlich verheilten Wunden des Zweiten Weltkrieges mit unabsehbaren Folgen aufbrechen.

Die neuen Nationalisten geben sich gerne als fromme Pazifisten und stellen ein Europa in Aussicht, in dem die einzelnen Nationen selbstbestimmt und friedlich koexistieren. Nur, ein solches Europa hat es nie gegeben – und wird es auch nie geben. Auch wenn Europa nicht mehr der Nabel der Welt ist, hatte trotzdem Glück, wer nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde. Er konnte wie Stefan Zweig eine insgesamt glückliche und tolerante Zeit verbringen. Ein Wahlsieg Le Pens würde dies alles in Frage stellen. Die Luft um uns würde «tot und leer» werden.

Mehr zu den Wahlen in Frankreich

«Le Kid» ist an der Macht: Diese 7 Sorgen rauben Macron jetzt den Schlaf

Link zum Artikel

Präsident Macron ist nicht zu beneiden – doch seine «Geheimwaffe» heisst Le Pen

Link zum Artikel

Wenn du dieses Frankreich-Quiz vergeigst, wird Le Pen gewählt 

Link zum Artikel

Der Anti-Trump-Effekt: Warum wir uns nicht zu früh freuen sollten

Link zum Artikel

Groupies, Gedränge, Geschrei: So war Justin Biebers ... ähm ... Emmanuel Macrons Party

Link zum Artikel

Eine Liebe à la Macron: Schweizer Paar (sie 76, er 52) spricht über Altersunterschied

Link zum Artikel

Der Flop mit den Fake-News: Putin-Trolle haben in Frankreich keine Chance

Link zum Artikel

Aus aktuellem Anlass: 10 flache Franzosenwitze (über die wir trotzdem lachen können)

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Passend dazu: Merkel hat die Raute – Le Pen hat ihr Kreuz

1 / 15
Merkel hat die Raute – Le Pen hat ihr Kreuz
quelle: epa/epa / etienne laurent
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel

Urteil gegen Ex-Polizist wegen Tötung George Floyds

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

So stehen die Chancen einer Viertage-Woche in der Schweiz

Island hat die viertägige Arbeitswoche eingeführt, internationale Firmen testen sie, doch in der Schweiz bleibt sie scheinbar utopisch. Ein Wirtschaftsexperte sagt, wer den ersten Schritt machen sollte.

Vier Tage pro Woche arbeiten, Vollzeit bezahlt werden: Island führt nun die Viertage-Woche ein, nachdem ein Experiment den positiven Effekt des Modells untermauert hat. Gleiche Produktivität in kürzerer Zeit – eigentlich ein perfekter Match für die wirtschaftsorientierte Schweiz. Warum fasst das Modell hierzulande nicht Fuss?

Schweizer Arbeitgebende bieten die Viertage-Woche kaum an. Eine Ausnahme ist das Grafikunternehmen Büro a+o in Aarau. Sie hätten das Modell im Jahr 2017 eingeführt, …

Artikel lesen
Link zum Artikel