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Internet Totenkopf Symbolbild

Bild: Shutterstock

Ist das Internet noch zu retten?

Marko Kovic



Als das World Wide Web Anfang der 1990er Jahre das Licht des Tages erblickte, schien ein fast utopisches Zeitalter anzubrechen. Egal, ob arm oder reich, in der Stadt oder auf dem Land, in Europa oder Afrika oder Südamerika: Plötzlich gab es eine Technologie, mit der alles Wissen der Menschheit für alle abrufbar gemacht werden konnte. Dieses fantastische Potenzial des Internets bedeutete eine technologische Revolution, welche die kühnsten Science-Fiction-Träume übertraf.

In der euphorischen Anfangszeit des World Wide Web keimte auch die Hoffnung auf, das Internet werde eine neue Welle der Demokratie einläuten. Das Internet versprach nämlich, das, was Demokratie in der Theorie so grossartig macht, endlich Realität werden zu lassen: Jede Person, die mag, hat die Möglichkeit, sich politisch zu informieren und sich am politischen Diskurs zu beteiligen.

Dank dieser neuen «digitalen Agora», so die frühen Hoffnungen, würde Demokratie gefestigt und gestärkt. Mehr noch: Internet-Enthusiasten hatten gehofft und spekuliert, Demokratie werde dank des Internets sehr bald auch in nicht-demokratischen Ländern «ausbrechen» – weil ein freier Fluss von Informationen und Meinungen ganz natürlich zu einer demokratischen Ordnung führe.

Im Nachhinein ist der Internet-Optimismus der frühen 1990er Jahre fast schon lächerlich. Nicht nur wissen wir heute, dass das Internet in autoritären Ländern nicht automatisch zu Demokratie führt (die digitale Totalüberwachung in China lässt grüssen). Auch im Westen erodiert das Internet demokratische Grundwerte. Was läuft schief? Und wie kann das Internet zu einer für Demokratie positiveren Kraft gewandelt werden?

Marko Kovic

Bild: zVg

Marko Kovic denkt und schreibt zu gesellschaftlichem Wandel und Technologie-bezogenen Risiken. Zu hören ist er im Podcast Denkatelier.

Problem 1: Desinformation

Das Revolutionäre am Internet ist die Einfachheit, mit der wir heute Informationen suchen, austauschen und auf sie zugreifen können. Wir sind heute wahrhaftig (so abgedroschen der Ausdruck auch sein mag) eine «Informationsgesellschaft» – so gut wie alles, was die Menschheit jemals über die Welt zusammengetragen hat, können wir innerhalb von Sekunden abrufen. Doch die permanente Verfügbarkeit schier unendlich vieler Informationen hat auch ihre Schattenseiten. Wenn die Informationen, die wir finden und aufnehmen, fehlerhaft oder komplett falsch sind, kann das unser Denken und Handeln negativ beeinflussen.

Dass nicht alles, was online kursiert, besonders realitätsnah ist, ist für sich genommen keine Überraschung. Oft glauben Menschen kuriose Dinge, und im Internet können sie ihre Überzeugungen ungefiltert in die Welt schreien. Doch es gibt auch falsche und verzerrte Informationen im Internet, die bewusst und strategisch hergestellt und gestreut werden, um zu verwirren und zu täuschen: Desinformation.

Fake News Symbolbild

Längst nicht alles, was online kursiert, entspricht der Wahrheit. Bild: Shutterstock

Desinformation ist kein grundsätzlich neues Phänomen. Die dunkle Kunst, Medien und die breite Öffentlichkeit durch gezielte Falschinformationen zu beeinflussen, gehörte nicht zuletzt im Kalten Krieg zum Standardrepertoire niederschwelliger Konfliktführung. Eine der berühmtesten Desinformations-Kampagnen des Kalten Krieges war die Operation «Infektion» in den 1980er Jahren. Mit dieser Kampagne setzte die Sowjetunion die bis heute nicht totzukriegende Verschwörungstheorie, die USA hätten AIDS als Biowaffe entwickelt, in die Welt. Heute hat Desinformation dank des Internets eine ganz andere Dimension, wie spätestens 2016 im Zuge der britischen Brexit-Abstimmung sowie der US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen deutlich wurde.

Online-Desinformation stammt heute aus zwei wesentlichen Quellen. Zum einen fluten Individuen, Gruppen und Organisationen aus dem vorwiegend «rechten» politischen Lager (von rechtskonservativ über reaktionär bis hin zu rechtsextrem) Social Media-Plattformen mit Falschinformationen, die schnell viral gehen können und entsprechend viele Menschen erreichen. Zum anderen ist Desinformation aber auch heute noch ein mächtiges aussenpolitisches Werkzeug, das vor allem für demokratische Länder ein Problem darstellt, dem sie relativ hilflos ausgeliefert sind.

So ist beispielsweise Russland eine regelrechte Desinformations-Grossmacht. Eine der Methoden, die Russland zu diesem Zweck intensiv und systematisch einsetzt, ist das sogenannte «Astroturfing». Der Begriff leitet sich von «Astroturf» ab, einer Marke für Kunstrasen, und bedeutet, dass es um vorgetäuschte «Grassroots»-Aktivität geht; um Meinungsäusserungen und sonstige Aktivitäten also, die so aussehen, als seien sie authentisch und stammten von Bürgerinnen und Bürgern, die aber in Tat und Wahrheit doppelt erlogen sind (die Meinungen sind fake und die Personen, die online die Meinungen kundtun, sind ebenfalls fake).

Astroturfing findet vornehmlich mittels falscher Profile (sogenannte «Sock Puppets», also Sockenpuppen) auf Social Media und in den Kommentarspalten westlicher Nachrichtenwebseiten statt. Der Umstand, dass die russischen Astroturfing-Operationen heute verhältnismässig gut durchleuchtet sind (z. B. ist die auf Astroturfing spezialisierte «Internet Research Agency» in St.Petersburg mittlerweile berühmt und berüchtigt), tut der Sache keinen Abbruch: Astroturfing kostet so gut wie nichts und kann sehr wirksam sein.

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Das als «Troll-Fabrik» bekannte Gebäude der Internet Research Agency in St.Petersburg. Bild: AP

Auch China streut im grossen Stil Desinformation gen Westen. Im Inland kontrolliert China das Internet mit eiserner Faust, aber im Ausland ist dies nicht möglich. Für ausländische Desinformation setzt China stattdessen auf die Strategie der sogenannten Sharp Power (scharfe Macht). Sharp Power ist eine Strategie der Einflussnahme, bei der weder kulturelle Attraktivität (die «Soft Power») noch militärische Macht (die «Hard Power») im Vordergrund stehen.

Sharp Power ist ein Mittelweg, mit dem die öffentliche Meinung in westlichen Ländern mittels manipulativer Techniken zugunsten Chinas beeinflusst werden soll. Spätestens seit den anti-chinesischen Protesten 2019 in Hongkong gehört auch grobschlächtige Desinformation auf Facebook, Twitter und Youtube, die sich an ein westliches Publikum richtet (all diese Plattformen sind in China gesperrt), zu Chinas Repertoire an scharfer Macht.

Desinformation funktioniert so gut, weil sie die Grundprinzipien demokratischer Gesellschaften, Offenheit und Meinungsvielfalt, ausnutzt. Der Kampf gegen Desinformation hat also etwas Paradoxes: Wenn wir Desinformation unterbinden, indem wir offenen und freien Diskurs unterbinden, gewinnen die antidemokratischen Kräfte. Wenn wir aber nichts gegen Desinformation machen, gewinnen sie auch. Wir befinden uns also in einer Lose-Lose-Situation.

Problem 2: Hyper-Kommerzialisierung

Von den Anfängen des ARPANET-Netzwerkes in den 1960er Jahren über die Standardisierung des TCP/IP-Protokolls in den 1980er Jahren bis hin zur Entwicklung des World Wide Web Anfang der 1990er Jahre: Die Entwicklung des Internets war eine durch und durch nicht-kommerzielle, staatlich geförderte Anstrengung. Die nicht-kommerziellen Anfänge des Internets liegen heute aber in weiter Ferne – das Meiste, was die meisten Leute heute online machen, ist Teil unsichtbarer, aber weltumspannender Ketten der Kommerzialisierung.

Das Problem der Kommerzialisierung ist dabei nicht, dass das Internet grundsätzlich für wirtschaftliche, profitorientierte Zwecke genutzt wird. Dass es beispielsweise Online-Shops gibt, in denen wir Dinge kaufen können, ist an und für sich kein Problem: Wer etwas im Online-Shop kaufen will, tut dies; wer kein Interesse hat, bleibt dem Online-Shop fern. Die Kommerzialisierung des Internets hat aber eine zweite Ebene der «Hyper»-Kommerzialisierung, die weitgehend automatisch funktioniert und der wir uns so praktisch nicht entziehen können.

Online-Shopping, Symbolbild

Die Kommerzialisierung des Internets hat nicht nur mit Online-Shops zu tun. Bild: Shutterstock

Diese Hyper-Kommerzialisierung findet so gut wie überall im Internet statt; auch in vielen Kontexten, in denen wir sie rein intuitiv eigentlich nicht vermuten würden. Jede E-Mail, die wir senden, jedes Foto, das wir hochladen, jede Kurznachricht, die wir verfassen, jeder Eintrag, den wir auf Social Media schreiben, jede Webseite, die wir besuchen: So gut wie alles, was wir online machen, generiert persönliche Daten, die von Drittparteien gesammelt und verkauft werden.

Was ist das Problem dabei? Philosophisch gesehen bedeutet die Hyper-Kommerzialisierung des Internets, dass die Logik des Kapitalismus heute alle Lebensbereiche kolonisiert; auch und vielleicht vor allem jene, die eigentlich nichts mit wirtschaftlichen Transaktionen zu tun haben. Urmenschliche Bedürfnisse wie Kommunikation, soziale Teilnahme und Intimität sind online vollständig kommodifiziert – der Mensch wird im Internet zum permanenten Datenlieferanten, der auf Schritt und Tritt von teilweise dutzenden Unternehmen beobachtet und «getracked», also digital verfolgt wird.

Gleichzeitig – das ist die Kehrseite der Medaille – wird der Mensch im Internet auch zum permanenten Konsumenten. Die Daten, die pausenlos über uns gesammelt werden, werden den Meistbietenden weiterverkauft, damit diese oft im Schatten agierenden Unternehmen und sonstigen Organisationen uns mittels «Targeting» passgenau jene Güter, Dienstleistungen und Botschaften andrehen können, die vermeintlich goldrichtig für uns sind. Die Wirtschaftsprofessorin Shoshana Zuboff beschreibt diesen Zustand der allgegenwärtigen und praktisch unumgänglichen Kommerzialisierung unserer Online-Aktivität als «Überwachungskapitalismus».

Die Lösung für Hyper-Kommerzialisierung und Überwachungskapitalismus scheint einfach: Wir können uns einfach entscheiden, all die Apps und Webseiten, die Teil der Kommodifizierungs-Maschinerie sind, nicht zu benutzen. Doch geht das wirklich so einfach? Aus der Kommerzialisierungsspirale herauszufinden, ist aus mindestens zwei Gründen enorm schwierig. Erstens ist die Datenkommerzialisierung im Internet derart omnipräsent, dass sie kaum umgangen werden kann. Ich kann zum Beispiel einen privaten und gesicherten Email-Account verwenden, aber sobald ich eine Nachricht an eine Gmail- oder Yahoo- oder GMX-Adresse schicke, ist die ganze Übung für die Katz.

Wirklich kategorisch aus dem Überwachungskapitalismus auszusteigen bedeutet, auf so gut wie alles, was das Internet heute auszeichnet, zu verzichten: keine Social Media-Plattformen, keine Suchmaschinen, keine Online-Shops, kein YouTube, kein Email, nichts. Für einige Wenige mag ein solches digitales Einsiedlertum eine Option sein, aber die meisten von uns können sich diesen Luxus nicht leisten. (Wie viele Jobs gibt es heute noch, bei denen man auf Email und Smartphone komplett verzichten kann?)

Computer, Datenstrom, Datenkabel, Symbolbild

Unsere persönlichen Daten werden von Drittparteien gesammelt und verkauft. Bild: Shutterstock

Zweitens ist eine Abkehr vom Überwachungskapitalismus schwierig, weil all die Webseiten und Apps, die wir nutzen, aktiv so gestaltet sind, dass wir ein psychologisches Verlangen nach ihnen entwickeln; fast so, als ob wir süchtig wären. Mit Methoden wie «Brain Hacking» und «Dark Patterns» nutzen Webseiten und Apps gezielt und schamlos unsere kognitiven und neuropsychologischen Schwächen aus, um uns möglichst lange an den Bildschirm zu kleben.

Die subtilen Manipulationen, denen wir im Internet tagtäglich ausgesetzt sind, sind dabei ganz ähnlich wie jene bei Glücksspielen und im Casino: Das Design von Apps und Websites soll uns in eine Schlaufe der Spielerei einlullen, bei der wir immer wieder klicken und tippen und aktualisieren – in der Hoffnung, dass wir die ersehnte Belohnung erhalten (eine anregende Information, ein Like, ein laszives Foto). Wir sitzen heute jeden Tag stundenlang am digitalen einarmigen Banditen und suchen den kurzfristigen Kick.

Problem 3: Echokammern, Enthemmung, Entmenschlichung

Desinformation und Hyper-Kommerzialisierung sind zwei Probleme, die «von aussen» kommen: Politische und wirtschaftliche Akteure tun Dinge, denen wir als Bürgerinnen und Bürger und Nutzerinnen und Nutzer zum Opfer fallen. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht. Auch wir selber als Individuen tragen dazu bei, dass das Internet zu einem immer schlimmeren Ort wird.

Wir alle haben die natürliche Tendenz, das, was wir bereits glauben, auch weiterhin glauben zu wollen. Niemand versucht tagein, tagaus das eigene Weltbild komplett umzukrempeln. Wir lesen jene Zeitung, die unserer eigenen Sicht der Dinge am ehesten entspricht; wir stimmen bei Sachfragen so ab, wie es unsere bevorzugte Partei empfiehlt; wir suchen uns Freunde, die ähnlich wie wir selber sind. Diese grundlegende Tendenz, an unseren bestehenden Überzeugungen festhalten zu wollen, ist zwar nicht immer rational, aber sie gibt uns Halt und macht den Alltag planbar. Im Internet entsteht daraus aber eine gefährliche Spirale der Zuspitzung.

Im realen Leben werden wir trotz unseres Hangs zu Homogenität immer wieder mit Menschen und Meinungen konfrontiert, die nicht dem entsprechen, was wir uns gewohnt sind. Das zwingt uns einerseits dazu, uns mit Ideen und Sichtweisen auseinanderzusetzen, die wir lieber ignorieren würden. Andererseits lehrt uns das reale Leben auch den Umgang mit Menschen, mit denen wir wenig gemein haben. Der soziale Lebensalltag ist also ein Ausgleich zu unserer Tendenz, uns nicht aus unserer kognitiven Komfortzone bewegen zu wollen.

Im Internet sieht es aber ganz anders aus: Wir können problemlos alles vermeiden, was uns nicht in den Kram passt. Unterstützung erhalten wir dabei von Algorithmen bei YouTube und Co., die uns vornehmlich Inhalte auftischen, die jenen ähneln, die wir bereits konsumiert haben. Das Internet ist prädestiniert dafür, dass wir uns Echokammern bauen, in denen wir ständig nur das sehen, hören und lesen, was wir bereits glauben.

In unseren Online-Echokammern werden nicht nur unsere bestehenden Meinungen immer stärker. Auch unser Gruppendenken, der sogenannte Intergroup Bias, wird bestens bedient. Je mehr wir uns in unserer digitalen Echokammer befinden, desto stärker wird unsere Identifikation mit unserer Innengruppe, und gleichzeitig steigt die Animosität gegenüber der Aussengruppe oder den Aussengruppen.

Wir glauben, in anderen Worten, immer stärker, dass «die anderen» schlecht, minderwertig, böse sind. In Kombination mit dem Effekt der Online-Enthemmung (bei Online-Kommunikation haben wir viel weniger Empathie und Zurückhaltung als bei normaler Kommunikation) entwickeln viele Menschen schnell erschreckend unzivilisiertes Verhalten: Wüste persönliche Beschimpfungen, Hasstiraden, Drohungen sind online an der Tagesordnung. Alles Dinge, welche die meisten von uns im realen Leben nie und nimmer aussprechen würden.

Hate-Speech, Hass im Internet, Symbolbild

Hasstiraden sind online an der Tagesordnung. Bild: Shutterstock

Die hässliche Online-Fratze, die in uns allen schlummert, gipfelt letztlich im Effekt der Entmenschlichung: All jene, die wir als schlecht und minderwertig und böse erachten, sind für uns gar keine richtigen Menschen mehr. Es sind abstrakte Hassobjekte, die nicht so fühlen und denken und empfinden wie wir selber.

Die grosse Gefahr an dieser Dynamik der Online-Enthemmung in unseren persönlichen Echokammern besteht darin, dass die Einstellungen und Werte, welche sich auf diese Art verfestigen, in die reale Welt zurückschwappen und realen Schaden und Leid anrichten. Das ist nicht nur Theorie, sondern schon heute trauriger Alltag. Von Gewalt und Terror trollender Rechtsextremer über die misogyne Weltanschauung der Incels bis hin zu Pogromen buddhistischer Fanatiker gegen Muslime – das Internet entlockt immer mehr Menschen immer abscheulichere Gedanken und Taten.

Wie das Ruder umzureissen ist

Was können wir tun, damit das Internet zu einer positiveren Kraft wird? Es gibt zwei wichtige Hebel, die wir betätigen können. Der erste ist Medienkompetenz.

Es mag ein Stück weit trivial und vielleicht sogar bevormundend klingen, aber wir müssen als Gesellschaft Menschen dazu befähigen, mit den Fallstricken des Internets so gut wie möglich umgehen zu können. Je besser wir alle verstehen, wie das Internet funktioniert und was online schiefgeht, desto besser können wir das Schlimmste vermeiden. Der Ort, an dem die notwendige Medienkompetenz am effektivsten vermittelt werden kann, ist die Volksschule, denn die Kinder und Jugendlichen von heute sind die Digital Natives von morgen, für die eine Welt ohne Internet komplett undenkbar ist. In der Schule Medienkompetenz zu vermitteln ist aber leichter gesagt als getan, gerade in einem fragmentierten Bildungssystem wie dem schweizerischen.

Kinder Smartphones Symbolbild

Die Kinder von heute sind die Digital Natives von morgen. Bild: Shutterstock

Der zweite Hebel, den wir betätigen müssen, damit das Internet kompatibler mit demokratischen Werten und Institutionen wird, ist staatliche Regulierung privater Internetfirmen. Das mag zunächst einen grossen Seufzer auslösen: Brauchen wir wirklich noch mehr staatliche Regeln und Bürokratie? Das Ziel von Regulierung soll nicht sein, Internetfirmen das Leben einfach aus Prinzip schwer zu machen, sondern Leitplanken zu schaffen, die dazu beitragen, dass sich das Internet auf eine für uns alle positive Art entwickelt.

Zwar betonen Internetfirmen immer wieder, dass es ihr oberstes Ziel sei, die Welt «besser zu machen», doch mehr als symbolische Lippenbekenntnisse wie jüngst mit dem «Contract for the Web» («Vertrag für das Internet») sind daraus nicht entstanden. Dass Selbstregulierung der Industrie nicht funktioniert, hat unlängst Facebook nochmals untermauert: Die Facebook-Verantwortlichen lassen bewusst und explizit politische Werbung auch dann zu, wenn deren Inhalte nachweislich falsch sind und einzig der Desinformation dienen. Warum? Weil Facebook als einer der grössten Player des Datenkapitalismus mit Desinformation sehr viel Geld verdient – die gesellschaftlichen Konsequenzen dieses Geschäftsmodells interessieren Facebook nicht. Müssen sie auch nicht zwingend, aber darum müssen wir als Gesellschaft aufhorchen und über den Weg der Regulierung sicherstellen, dass das Internet zu unser aller Gunsten funktioniert.

Das Internet ist nicht mehr, wie Angela Merkel 2013 bemerkte, Neuland. Wir wissen ziemlich gut, wie das Internet funktioniert und was dabei aus demokratischer Sicht schiefgeht. Das Internet ist eher eine Art Wilder Westen. Ein Ort, wo alle weitgehend machen, was sie wollen, und die Stärksten sich durchsetzen, während der Sheriff apathisch und tatenlos zuschaut. Es ist an der Zeit, diesen digitalen Wilden Westen zu zähmen und in eine nachhaltige, mit Demokratie vereinbare Zukunft zu überführen. Einen Plan B haben wir nicht.

Würdest du dem Internet sagen, wie viel du verdienst?

Video: srf

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