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Die neue Bedrohung – wer sind die Incels und woher kommen sie?

Bild: bearbeitung watson

Frauenhasser, Psychopathen, Rechtsradikale, sozial Isolierte, Amokläufer oder einfach nur unglaublich einsame Menschen – wer und was sind Incels? Eine Spurensuche im Netz.



Als der 22-jährige Elliot Rodgers im Mai 2014 mit drei halbautomatischen Pistolen und zwei Messern in der kalifornischen Studentenstadt Isla Vista sieben Menschen tötete, begann eine neue Zeitrechnung. Rodgers setzte seinem Leben nach einer Verfolgungsjagd mit einem Kopfschuss ein Ende, aber sein Vermächtnis lebt weiter – in Online-Foren, in Youtube-Kommentarspalten und auf obskuren Blogseiten.

Der Begriff «Incels» – involuntary celibate, unfreiwillig zölibatär – existiert zwar schon seit den frühen 90er-Jahren, Prominenz erfuhr er aber erst durch Elliot Rodgers und seine Epigonen. Am 23. April stieg der 25-jährige Alek Minassian in der Innenstadt von Toronto in einen weissen Minivan und fuhr zehn Menschen zu Tode. Kurz zuvor leistete er auf Facebook Elliot Rodgers einen Treueeid und kündigte die Rebellion der Incels an:

«Private (Recruit) Minassian Infantry 00010, wishing to speak to Sgt 4chan please. C23249161. The Incel Rebellion has already begun! We will overthrow all the Chads and Stacys! All hail the Supreme Gentleman Elliot Rodger![7][34]»

Die Kriegserklärung richtete sich an die «Chads» und «Stacys», im Vokabular der Incels die Bezeichnungen für erfolgreiche, gutaussehende, muskulöse Männer und oben üppige, aber schmal taillierte junge Frauen. Chads und Stacys, sind Incels überzeugt, sind aufgrund ihres Äusseren bei der Partnersuche nicht nur bevorteilt, sie teilen sich den ganzen Kuchen untereinander auf. Und selbst die nicht ganz so attraktiven Frauen, die «Beckys», stehen nur auf die sogenannten Alpha-Males. Die Nerds, die Brillenträger, die Schmalbrüstigen und die Schüchternen gehen leer aus. Looks matter, das Aussehen ist alles.

Das ist das Narrativ der Incels, das nicht nur von ihnen selber verbreitet wird, sondern auch in zahlreichen Medienberichten Anklang findet und im Netz mit zahlreichen pseudowissenschaftlichen Argumenten untermauert wird. Zum Beispiel mit der Hypergamie-Theorie, die besagt, dass der Sozialstatus bei der Partnersuche der entscheidende Faktor ist. Oder mit der verwandten 80/20-Theorie: Demnach wollen 80 Prozent der Frauen nur 20 Prozent der Männer daten. Die Folge? 80 Prozent der Männer müssen sich potentiell auf ein Leben ohne Partnerin, beziehungsweise auf ein Leben ohne Sex einstellen.

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Incels.co, radikales Incel-Forum. Bild: screenshot/incels.co

Die Selbstdefinition der Incels lautet: «Person who is not in a relationship nor has had sex in a significant amount of time, despite numerous attempts.»

Diese bittere Wahrheit wird von den Incels als Blackpill bezeichnet, in Analogie zur Szene im Science-Fiction-Thriller Matrix, bei der der Held Neo vor die Wahl gestellt wird, entweder die rote Pille zu schlucken, und damit der (vermeintlichen) Wirklichkeit ins Auge zu blicken, oder mit der blauen Pille weiterhin zufrieden und nichtsahnend in der von einer künstlichen Intelligenz designten Welt zu leben. Die schwarze Pille ist demgegenüber die ultimative Wahrheit: Dass sie niederschmetternd ist, macht sie umso attraktiver – ein Geheimwissen, das derart gefährlich ist, dass niemand es erfahren wollen kann.

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Bild: tenor

Der Kanadier Minassian war nicht der einzige Attentäter, der Elliot Rodger nacheiferte. Am 2. November 2018 erschoss Scott Paul Beierle sechs Menschen in einem Yoga-Studio in Tallahassee, Florida, bevor er sich selbst richtete. Beierle, so stellte sich später heraus, hatte Elliot Rodger bewundert und Frauen gehasst.

FILE - In this April 23, 2018, file photo, police stand near a damaged van after a van mounted a sidewalk crashing into pedestrians in Toronto. Alek Minassian accused of driving a van into pedestrians faces 16 counts of attempted murder and 10 counts of murder. He made a brief video appearance Thursday, May 10, 2018, to be formally charged with the additional counts stemming from the April 23 incident. (Aaron Vincent Elkaim/The Canadian Press via AP, File)

Mit diesem Van fuhr Alex Minassian 2018 in Toronto in eine Fussgängergruppe und tötete dabei 10 Menschen und verletzte 16 weitere. Bild: AP/The Canadian Press

Auch Connor Betts, der Mann, der Anfang August dieses Jahres neun Menschen in Dayton, Ohio, tötete, darunter die eigene Schwester, galt als Frauenhasser.

Der Ursprung

Wer sich ein paar Wochen auf den einschlägigen Plattformen der Incels aufhält, bekommt eine Ahnung, wie es um diese jungen Männer steht. Frauen werden, zumindest im grössten und bekanntesten Forum, incels.co, nicht toleriert. Seit Reddit den entsprechenden Incel-Subthread gelöscht hat, sind viele User zu incels.co abgewandert. Ebenfalls verboten ist es, angeberisch von Dating-Erfolgen zu berichten oder allgemein eine zu positive Weltsicht zu verbreiten. Die Kriterien sind dabei extrem subjektiv und willkürlich.

Den ursprünglichen Gedanken hinter dem Incel-Projekt (hinter dem ironischerweise eine Frau stand) zu Beginn der 90er-Jahre könnte man ungefähr so zusammenfassen: Über ein schambehaftetes Thema zu reden, ist besser als zu schweigen. Und welcher Ort ist besser geeignet als das Internet, um offen und anonym über seine Probleme zu reden?

Später aber wurde «Alana’s Involuntary Celibacy Project», so der Name der Netz-Selbsthilfegruppe, gekapert, Frauen wurden nach und nach aus dem Forum entfernt. Der Selbsthilfe-Aspekt ist zwar immer noch vorhanden, aber er wurde pervertiert und ins Gegenteil verkehrt. Laut den Forumsregeln sind aufmunternde, optimistische («lifefuel» genannte) Beiträge zwar ausdrücklich erwünscht, in der Realität werden diese User aber nicht selten belächelt oder der Verleugnung der Realität bezichtigt. Man muss sich ein Treffen von anonymen Alkoholikern vorstellen, bei denen ein weiterer trockener Tag nicht mit Beifall quittiert wird, sondern mit Häme, Niedertracht und reinem Hass.

Die negative Weltsicht

Wer auf incels.co versucht ist, seiner Hoffnung auf eine baldige Besserung seines Zustands oder gar eine mögliche partnerschaftliche Beziehung Ausdruck zu verleihen, muss damit rechnen, aus dem Forum verbannt oder zum Selbstmord aufgefordert zu werden. Niemand soll die Gemeinschaft der Verzweifelten spalten, und der Spaltpilz Nummer eins ist die Frau – es sind unzweifelhaft sektiererische Abgründe, die sich hier auftun.

Die Sprachwissenschaftlerin Sylvia Jaki, die für eine Forschungsarbeit über Hatespeech das Forum incels.co untersucht hatte, bestätigt diesen Eindruck. «Die User dort haben Gruppenmerkmale, sie benutzen eine codierte Sprache». Die Abgrenzung von «gemässigten Seiten ist extrem wichtig.»

Jaki stiess bei einer Studie über Rechtsextremismus in den sozialen Medien auf die radikale Incel-Community.

User Anon1822 schreibt am 3. Juni: «It's weird. At times I really hate women, am very bitter about my isolation and everything else, sad and depressed about all the things I've missed and that I'll never be able to do. Other times I'm slightly glad (won't say happy cause I'm never really happy) that I dodged a bullet, cause women are crazy, manipulative cunts that would just make me even more miserable.»

Ein anderer User schreibt etwas später ins Forum: «It is over if you are ugly and want to exist in the modern world. You are better off just openly raping and slaughtering women on the streets, since you're less likely to be called creepy and more likely to get female attention that way than being a good boy like Moby did.»

Die Hoffnungslosigkeit in den Incel-Foren ist erschütternd, die Misogynie allgegenwärtig und radikal. Es wird darüber diskutiert, ob Frauen überhaupt das Recht haben sollten, abzutreiben. Einträge mit Vergewaltigungsfantasien sind an der Tagesordnung. Frauen (die in der Incel-Lingo abwertend als «Femoid» oder «Foid» bezeichnet werden), sind im besten Fall Gebärmaschinen, deren Reproduktionsfähigkeit kontrolliert werden sollte.

Dieser Hass wird, so scheint es, genährt aus der Überzeugung, dass einem ein natürliches Recht verwehrt wird: Liebe und Sex und Aufmerksamkeit. Zumindest letzteres gewähren ihnen die Medien noch so gerne: Das Thema Incels wird in schier unerschöpflicher Art und Weise behandelt. Tausende Zeitungsartikel, Kommentare, Blogposts, Essays erschöpften sich in der Ausleuchtung der dunklen Seelen der Incels.

Die Krimi-Serie «Law & Order» widmete im letzten Herbst eine Episode der Incel-Frage (in der Episode «Revenge» überfällt ein als Pizzalieferant verkleideter Incel ein Paar und vergewaltigt die Frau vor den Augen des Mannes). Jaki sagt, bei ihrer Recherche ging es ihr oft wie Gaffern bei einem Autounfall. Man will eigentlich wegschauen angesichts der grausamen Bilder, die einem präsentiert werden. Aber man kann die Augen dann halt doch nicht abwenden.

MTV und der Sexismus

Auf incels.co schätzt man die Dunkelziffer gleichdenkender Incels auf Millionen von Männern. Tatsächlich dürften es aber weit weniger sein, die sich mit der Ideologie der Incels identifizieren. Die Attentate von Rodgers, Minassian und Beierle und anderen sind nur eine Erklärung. Die andere ist, dass die Incels und mit ihnen verwandte Szenen wie die «MGTOW» (Men Going Their Own Way) oder «Pick Up Artists» nur eine extreme Form der Misogynie repräsentieren, die der westlichen Gesellschaft subkutan noch immer inhärent ist.

Das Gruseln über die extrem und offen feindselige Haltung der Incels Frauen gegenüber dient nicht zuletzt dazu, den eigenen blinden Fleck in Sachen Sexismus auszublenden.

Der Vox-Redaktor Zack Beauchamp, der sich seit langem mit dem Incel-Thema beschäftigt, wies kürzlich in einem Podcast darauf hin, dass in den USA vor nicht allzu langer Zeit die Show «The Pick Up Artist» ausgestrahlt wurde, bei der es darum ging, wie Frauen am erfolgreichsten angebaggert werden können. Die Grenzen des akzeptablen sind dort weit gesteckt: Irgendwo zwischen verbaler Beleidigung und Po-Grabschen. Was heute vielfach in der Schmuddelecke der Pick Up Artists versorgt wird, war während Jahrzehnten Standardprogramm für Millionen Heranwachsender im 21. Jahrhundert – und ist es auch heute noch. Trump, Weinstein und Co. sind nur die ans Licht der Öffentlichkeit gezerrten Repräsentanten einer Gesellschaftsordnung, für die die #metoo-Bewegung sensibilisiert hat, deren frauenverachtende Grundpfeiler aber noch immer erstaunlich stabil sind.

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«The Pick Up Artist» – VH1. Bild: Wikimediacommons

Der ganz normale Frauenhass

Wenn sich Terrorexperten in den USA besorgt geben über die Radikalisierungtendenz in Online-Foren und nach einem harten Durchgreifen der Serverhoster und Netzprovider rufen, um zukünftige Anschläge zu verhindern, ist das gut gemeint.

Gleichzeitig schwingt darin oft die Vorstellung mit, dass mit einer Säuberung der Incel-Foren der Frauenhass eingedämmt werden kann. Dass sich der Frauenhass in der Extremform nicht nur bei vermeintlich vereinsamten, sozial inkompatiblen und im Netz extremisierten Männern äussert, wird klar, wenn man sich hierzulande die Statistik zu Femiziden vor Augen hält: Alle zwei Wochen wird eine Frau im Umfeld von häuslicher Gewalt getötet, die Zahl ist seit Jahren ähnlich hoch. Ob die Gewaltakte innerhalb von Beziehungen stattfinden oder ob die Opfer willkürlich ausgewählt werden – die Gewalt gründet oft auf der gleichen Ideologie: Frauen sind Besitz des Mannes. Die Frau steht dem Mann zu, der Mann hat ein Recht auf die Frau.

Der deutsche Sozialpsychologe Rolf Pohl, der sich das erste Mal bei den Massenvergewaltigungen im Jugoslawischen Krieg mit systematisch manifestiertem Frauenhass befasste, sagt, die Incels stellten kein neues Phänomen dar. «In Gesellschaften mit männlicher Dominanz werden Incels sozusagen herangezüchtet.» Die Nähe zu dem, was wir ‹normale Männlichkeit› nennen, sei viel geringer als wir denken, sagt Pohl. «Gleichzeitig haben Incels Berührungspunkte zu anderen gesellschaftlichen Gruppen, deren Ziel es ist, traditionelle Männerbilder wiederherzustellen – rechtskonservative Parteien und Bewegungen etwa.»

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Fight-Patriarchy-Graffito in Turin. Bild: wikimediacommons/profiumacorno

Die Grundproblematik liege darin, dass Männer in patriarchalen Gesellschaften einer Zerreissprobe ausgesetzt seien: «Einerseits sollen Männer autonom sein, anderseits sind sie gerade auf dem Feld der Sexualität abhängig. Im Prinzip bestätigen Incels, dass die Männlichkeit nirgends schwächer ist als auf dem Feld der Sexualität.»

Pohl, der das Phänomen Incels schon lange untersucht, will das nicht als Rechtfertigung verstanden wissen. «Man kann diese Krise der Männlichkeit auch produktiver angehen. Zum Beispiel, indem man ein Geschlechterverhältnis anstrebt, dass zu einer vollen Gleichberechtigung führt – sodass der Mann nicht mehr als überlegenes Geschöpf gesehen wird.»

Was neu ist: Eine weltweite Vernetzung der sexuell frustrierten Liberalisierungsverlierer.

Elliot Rodger

Diese Krise der Männlichkeit äusserte sich in ihrer brutalen Extremform im 21. Jahrhundert bei keinem exemplarischer als bei Elliot Rodger, dem Isla-Vista-Mörder. Elliot, oder ER, wird im Netz von vielen der extremen Incels abgöttisch verehrt. Das hat auch mit seiner Inszenierungs-Sehnsucht zu tun, die erst posthum Wirkung entfaltete.

«Von einem enorm hohen Turm aus, von dem ich einen Überblick über das ganze Lager hätte, würde ich vergnügt dabei zuschauen, wie sie alle sterben.»

Auszug aus Elliot Rodgers Manifest

Rodger hat ein Vermächtnis hinterlassen, das Einblick liefert in menschliche Abgründe und die Wahnwelt eines in Frauenhass radikalisierten Mannes.

This image from video posted on YouTube shows Elliot Rodger. Sheriff's officials say Rodger was the gunman who went on a shooting rampage near the University of California at Santa Barbara on Friday, May 23, 2014. In the video, posted on the same day as the shootings, Rodger looks at the camera and says he is going to take his revenge against humanity. He describes loneliness and frustration because

Elliot Rodger: Posterboy der Incel-Szene. Rodger tötete 2014 in Santa Barbara, Kalifornien, sechs Menschen und verletzte 14 weitere. In einem Bekenner-Video erklärte er, Frauen bestrafen zu wollen. Bild: AP/YouTube

Auf YouTube kann man Amateuraufnahmen von Rodger sehen, selbstgedrehte Handy-Videos, bei denen die kalifornische Abendsonne immer ein wenig zu stark leuchtet. Rodger, der ein 142-seitiges Manifest geschrieben hat (Titel: «My twisted World» – dt. etwa «Meine verzerrte Welt») ist darin zu sehen, wie er nervös an seinem Armani-Hemd zupft, eine teure Sonnenbrille in der Hand, wie er sich mit ehrlicher Ungläubigkeit darüber beklagt, dass keine Frau ihn daten will, obwohl er ein teures Auto fährt, gute Kleider trägt, Manieren besitzt und, in seinen Worten der «Supreme Gentleman» ist, der erhabene Ehrenmann. Wie er in einer affektierten Sprache und mit posenhaften Bewegungen ankündigt, dass bald jemand büssen müsse für diese Ungerechtigkeit.

Rodger war psychisch krank, war mehrere Mal in Therapie, litt vermutlich unter einer sozialen Angststörung und Depressionen. Die Autobiografie ist tief verstörend, durchsetzt von brutalen, faschistischen Sehnsuchtsfantasien. An einer Stelle träumt Rodger davon, alle Frauen in Konzentrationslagern einzusperren, und sie langsam verhungern zu lassen. «Von einem enorm hohen Turm aus, von dem ich einen Überblick über das ganze Lager hätte, würde ich vergnügt dabei zuschauen, wie sie alle sterben.»

Zwischen kranken Gewaltfantasien und ehrlichen Gefühlsausbrüchen analysiert er kühl und rational sein «miserables, untaugliches» Leben, schreibt, wie einsam und unglücklich er ist, und gibt – in einer über weite Strecken gekünstelten Sprache – seiner Hoffnung Ausdruck, dass vielleicht eines fernen Tages, hinter einer noch unabsehbaren Ecke, doch noch das gute Leben auf ihn wartet.

Rodger berichtet auch von über lange Zeit erlittenem Unrecht, das ihm von Frauen scheinbar angetan wurde, und listet dann banale Ereignisse auf, wie etwa, dass er als Kind im Sommerlager von einem Mädchen gestossen wurde und anschliessend in einen Zustand der Paralyse verfiel. Was für Kinder mit gewöhnlicher Resilienz einen kaum nennenswerten Vorfall darstellt, der spätestens nach einer halben Stunde vergessen ist, war für Rodger offenbar eine unverzeihliche, lebenslange Demütigung.

User Hikikomori schreibt im Incel-Forum: «I don't worship anyone. I do think however, that Elliot experienced the same profound isolation and loneliness that many of us experience. Perhaps that's why so many of us can relate to him in such regards.»

Sich mit jemandem identifizieren heisst auch: «Going ER». Die Phrase hat sich in den entsprechenden Foren als Synonym für «einen Amoklauf begehen» eingebürgert.

Der Psychologe Pohl sagt, diese Foren seien extrem gefährlich: «Sie futtern das Potential an, dass man nicht alleine ist, und sie haben eine starke Sogwirkung. Es findet eine ideologische Vernebelung statt, getarnt als Aufklärung, ähnlich wie bei populistischen Bewegungen.»

Viele User-Avatare zeigen Hitler-Memes, andere glorifizieren rechtsextreme US-Politiker oder Nazi-Kollaborateure im zweiten Weltkrieg.

Die Sprachwissenschaftlerin Jaki sagt, der raue Umgang miteinander, die hasserfüllten Bezeichnungen für Frauen, die Ankündigung von Amokläufen im Plauderton und das Flachsen über Suizide gehörten zum sprachlichen Duktus auf diesen Seiten. «Die Nutzer merken, dass diese Art von Hass- und Apokalypserhetorik goutiert wird und eignen sich diese Sprache an. Bei manchen sind es tatsächlich Hilfeschreie – die aber in dem unablässigen Strom der nihilistischen Weltuntergangssprache ungehört verschwinden.»

Spricht man einzelne Incels in den Foren an, weisen sie Verantwortung von sich. Es sei doch völlig offensichtlich, dass es sich um Ironie handelt, niemand würde doch ernsthaft in dieser Art und Weise über Menschen sprechen.

Die Rattenfänger der «Alt Right»

Es darf bezweifelt werden, dass es den radikalen Incels in Wahrheit nur um Sex oder Liebe geht. Die «New Yorker»-Autorin Jia Tolentino schreibt, Incels suchten nicht nach Sex, sondern nach der absoluten männlichen Vorherrschaft. «Sex, für sie definiert als Herrschaft über den weiblichen Körper, ist bloss ihr bevorzugtes Mittel (...).»

Macht und Politik, das wird schnell ersichtlich, ist ein wesentlicher Teil vieler Incel-Diskussionen. Die politische Orientierung ist einseitig: Bei der Abtreibungsfrage, der Geburtenkontrolle oder dem Prostitutionsverbot manifestieren sich rechtskonservative bis faschistische Ideologien, viele User-Avatare zeigen Hitler als Meme, andere glorifizieren rechtsextreme US-Politiker, oder Nazi-Kollaborateure im zweiten Weltkrieg.

In einem Thread über den Musiker Moby, der die Schauspielerin Natalie Portman vor Jahren einst bedrängt haben soll, wird aus dem «Daily Stormer» zitiert, einer rechtsextremen, neonazistischen Website. Es scheint naheliegend, dass die Incel-Community als Rekrutierungszentrum für rechtsradikale Rattenfänger dient.

Auf Twitter beschreibt die Userin MsHappyDieHappy, wie ein solches Grooming abläuft. Die Alt-Right-Bewegung suche im Netz gezielt nach jungen Menschen, die an Depressionen leiden und einsam sind und biete sich als Ersatzfamilie an. In stundenlangen Chats, mit YouTube-Videos und Discord-Unterhaltungen werde nach und nach ein Weltbild übergestülpt, das Muslime, die Globalisierung, die Mainstream-Religionen und die Juden ins Visier nimmt.

Die Figur Jordan Peterson

Tatsächlich ist erstaunlich, wie viele der erfolgreichen Alt-Right-YouTuber von überwundenen persönlichen Krisen berichten oder in ihrer Biografie Depressionen erwähnen. Eine Figur, die in diesem Kontext immer wieder auftaucht, ist der kanadische Psychologe Jordan Peterson.

epa07613517 Canadian psychologist Jordan Peterson (R) speaks on a stage in front of St. Stephen Basilica during Brain Bar Future Festival in Budapest, Hungary, 30 May 2019.  EPA/Zoltan Balogh HUNGARY OUT

Jordan Peterson, kanadischer Psychologe und Wegbereiter neurechter Theorien. Bild: EPA/MTI

Peterson feiert seit ein paar Jahren grosse Erfolge als konservativer Wanderprediger, Videos seiner Vorlesungen generieren auf YouTube Millionen Klicks. Mit seinem Buch «12 Rules for Live» hat er im vergangenen Jahr einen Bestseller geliefert. Petersons Klientel: Junge Männer, die überfordert sind von der chaotischen Welt der Postmoderne. Sein Rezept dagegen: zurück zum Altbewährten.

Nach der Terrorattacke in Toronto sagte Peterson, Minassian sei wütend gewesen auf Gott, weil er keinen Erfolg hatte bei Frauen. Junge Männer wie Minassian würden von der Gesellschaft vernachlässigt und stellten für diese ein grosses Problem dar. Die Lösung: «erzwungene Monogamie», eine Art staatliche Garantie auf Zweisamkeit für junge Männer wie Minassian also.

«Die Position des Mannes wird infrage gestellt, es gibt umstrittene Vorstellungen von Männlichkeit.»

Geschlechterforscher Matthias Luterbach

Der Aufschrei war gross, «Huffington Post» bezeichnete Peterson als «Chef-Lobbyist der Incels», die «New York Times» als «Wächter des Patriarchats». Peterson ruderte halbherzig zurück.

Der Kanadier ist der Standartenführer des konservativen Backlashs – dass er diese Rolle immer wieder wenig glaubhaft von sich weist, ist dabei unerheblich.

Die Schweizer Soziologin Franziska Schutzbach schrieb schon vor zwei Jahren im Onlinemagazin «Geschichte der Gegenwart»: «Das Phantasma von einer Wiederaneignung dominanter Männlichkeit wirkt bei vielen Männern wie eine Einstiegsdroge für rechtsnationale Weltanschauungen.» Vom Feindbild eines angeblich grassierenden Feminismus‘, der Männer klein halte, sei es ein kleiner Schritt zu der Vorstellung, die Verweichlichung des westlichen Mannes führe zur Schwächung nationaler Souveränität und zur baldigen Machtübernahme durch Muslime.

Für Matthias Luterbach sind die Incel-Foren extreme Schauplätze eines Kulturkampfes, in dem sich moderne Gesellschaften befinden. «Die Position des Mannes wird infrage gestellt. Um die Vorstellung, was überhaupt Männlichkeit ist, wird gegenwärtig gestritten.»

Das sei einerseits eine Folge von sozioökonomischen Umwälzungen, der sich exemplarisch im Niedergang der weissen Arbeiterschicht zeigt. Und anderseits bedingt durch den Feminismus, der seit 40 Jahren verstärkt rechtliche, soziale und ökonomische Gleichstellung fordert.

Nur ein Teil des Problems

Aber wer sind die Incels überhaupt? Die Userschaft auf dem Forum Incels.co sei sehr heterogen, schreibt eine Gruppe von Forschern der Universitäten Hildesheim, Antwerpen, München, Hull und der Columbia University in einem Paper, das Ende letzten Jahres erschien. Sie untersuchten die Sprache der Incels, den Altersdurchschnitt, den sozioökonomischen Hintergrund und kommen zum Schluss, dass die folgende Selbstbezeichnung diejenige des prototypischen Incels sein könnte:

«22 yr old kissless, dateless, virgin. Chubby cheeks, crooked nose, 5"10,10 balding at age 22, weak frame, and awkward voice. Shitty career prospects. Mild autism and social anxiety. My life is fucking fucked […].»

Schaut man sich auch die übrigen Foren an, in denen Incels aktiv sind – loveshy, incelistan, incels.is oder Absolute Beginner – präsentiert sich ein differenzierteres Bild. Die geschlossene Facebook-Gruppe Incelistan, die man nur mit Einladung beitreten kann, weist ausdrücklich auf die Gewaltlosigkeit und das Verbot von Hatespeech hin. Frauen sind ebenso willkommen wie Transgender. Auf loveshy liest man Threads darüber, wie die Alt-Right-Bewegung in den sozialen Medien gezielt Personen mit schwachem sozialem Umfeld und psychischen Labilitäten umgarnt.

Der Sex, die Beziehung

Der einzige gemeinsame Nenner all dieser Forums-User ist die Sehnsucht nach emotionaler und körperlicher Nähe. In einer Studie zum Sexualverhalten junger Schweizerinnen und Schweizer gaben 5 Prozent der Befragten zwischen 24 und 26 Jahren an, noch keine sexuellen Erfahrungen gesammelt zu haben. Die Zahl ist nur eine Randnotiz, es geht in dieser Studie wie so oft um Menschen, die Sex haben, nicht um die, die keinen haben.

Brigitte Leeners, leitende Ärztin am Universitäts-Spital Zürich, Klinik für Reproduktions-Endokrinologie hat die Studie mit durchgeführt. Sie sagt, die Ergebnisse hätten sie überrascht. «Wenn man von den Stereotypen ausgeht, dass die Männer einfach günstige Gelegenheiten wahrnehmen, müsste man davon ausgehen, dass die Zahl bei ihnen tiefer liegt. Aber dem ist nicht so.»

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Catcher in the Rye: Der Coming-of-Age-Roman schlechthin. Bild: wikimediacommons/michaelmitchell

Die Unsicherheiten und Ungewissheiten beim Daten und bei der Suche nach der eigenen Sexualität kennt jeder Teenager. Aber für einige dehnt sich diese Phase der Unsicherheit aus – bis sie zum Normalzustand wird. Leeners sagt: «Viele der Männer mit dieser Problematik in meiner Sprechstunde hadern schwer mit ihren Teenager-Jahren. Die Schüchternheit und Unerfahrenheit aus der Pubertät haben sie nie wirklich abgelegt.»

Das führe dazu, dass ihnen im Erwachsenenalter das Knowhow und die Erfahrung fehlen, wie man ganz normale Beziehungen führt, ein Gespräch beginnt oder jemandem die Hand schüttelt und in die Augen schaut. «Je länger sich dieser Zustand fortsetzt, desto weiter fühlen sich diese Leute von der sogenannten Normalität entfernt.»

Eintrag auf incels.me: «If it wasnt for incel forums id have 0 social interaction whatsoever.»

Der Selbsthilfeansatz in gemässigten Incel-Foren ist vielleicht gut gemeint, kann aber weitreichende Folgen haben. Teenager, die sich in solche Gruppen verirren, können in einen verheerenden Teufelskreis geraten, sagt Jaki. «Sie treffen dort einerseits auf Männer, die seit Jahrzehnten in völliger sozialer Isolation leben und anderseits auf Menschen mit ernstzunehmenden psychischen Problemen.» Diese Kombination wirke toxisch auf junge, beeinflussbare Menschen.

Wer ist eigentlich ein Incel?

Wahrscheinlich handelt es sich auch um eine Begriffsverwirrung. Inceldom, der Zustand der unfreiwilligen Beziehungslosigkeit und sexuellen Abstinenz, ist derart negativ besetzt, dass sich kaum jemand, der ansonsten über ein intaktes soziales Netz verfügt, sich damit freiwillig identifizieren würde.

«Diese Leute in den Foren haben einen unglaublichen Stress mit ihrer Sexualität. Sie glauben, die ganze Welt feiere eine riesige Sexorgie und sie seien die einzigen, die nicht eingeladen wurden.»

Dabei gab es schon immer Menschen, die keinen Sex hatten. Aber muss man sich überhaupt als Incel bezeichnen, um einer zu sein? Oder reicht es, keinen Sex zu haben und in keiner Beziehung zu sein? Dann wäre jede und jeder von uns schon einmal Incel gewesen oder wird irgendwann einmal ein Incel sein.

In einem Café im Zürcher Kreis 3 treffe ich Dominik Wolfinger. Wolfinger recherchiert mit der Regisseurin Luisa Ricar seit mehr als einem Jahr zur Incel-Szene. Geplant ist ein 90-minütiger Dokumentarfilm – mit einer «klar feministischen Haltung». Wolfinger plädiert dafür, Inceldom nicht als Schicksal anzusehen, sondern als Lebensphase, welche viele Menschen durchleben. «Wir alle stehen unter einem enormen gesellschaftlichen Druck, wenn es um Beziehungen und Sexualität geht. In den Incelforen ist eine krasse Verzerrung der Realität zu beobachten. Sie glauben, die ganze Welt feiere eine riesige Sexorgie und sie seien die einzigen, die nicht eingeladen wurden.»

Wolfinger diskutierte während seiner Recherche stundenlang mit dutzenden Incels, führte nächtelange Gespräche auf Discord und kommt zum Schluss: «Incel ist keine Bewegung, sondern eine Situation. Jeder Mensch kann im Leben am einen oder anderen Punkt in diese Situation geraten.»

Warum aber identifizieren sich so viele – vornehmlich – Männer mit dem Begriff Incel, obwohl er durch Leute wie Eliot Rodger, Alek Minassian in Verruf geraten ist? Pohl glaubt, dass der Sexismus der kleinste gemeinsame Nenner ist, sowohl bei extremen Incels, PUAs (Pick Up Artists) und MGTOW (Men Going Their Own Way), als auch bei weniger radikalen Formen: «Solange wir eine Huldigung des anderen nur oder vor allem qua Geschlecht betreiben, erreichen wir nie eine volle rechtliche und politische Gleichberechtigung.»

Wer das Thema Incel aber nur auf amoklaufende junge Männer reduziert, wie es viel zu oft passiert in den Medien, und Incels mit Terroristen gleichsetzt, der unterschätzt, wie viele Menschen von dem zugrunde liegenden Phänomen betroffen sind: Einsamkeit (dass Sex für ein Heilmittel gegen jene angepriesen wird, zeigt bloss, wie schwer sich unsere Gesellschaft immer noch damit tut, körperliche und emotionale Nähe auseinanderzuhalten).

Man muss nicht mit den knallig-apokalyptischen Thesen des umstrittenen deutschen Beststeller-Psychiater Manfred Spritzer einverstanden sein («Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit. Schmerzhaft. Ansteckend. Tödlich.» ist der Titel einer seiner Beststeller), um das Problem anzuerkennen.

Grossbritannien hat letztes Jahr in Reaktion auf eine Studie ein Einsamkeitsministerium gegründet und Forscher der Universität Chicago haben in einer Studie kürzlich dargelegt, dass Einsamkeit physische Schmerzen verursacht. Klaus Bader, Leiter der Abteilung für ambulante Verhaltenstherapie an der Universitären Psychiatrischen Kliniken in Basel, macht zwei Entwicklungen aus, die unsere Gesellschaft vereinsamen lassen: steigende Arbeitsbelastung und die Isolation durch die Digitalisierung.

Krankheit Einsamkeit

Die Schweizer Gesundheitsbefragung ergab 2017, dass sich fast die Hälfte der in der Schweiz wohnhaften 15- bis 24-Jährigen manchmal bis dauernd einsam fühlt. In der Gesamtbevölkerung sind es gut 38 Prozent. Tendenz seit dem Anfang des neuen Jahrtausends steigend.

Forscher konnten nachweisen, dass soziale Isolation unter anderem zu einer Schwächung des Immunsystems führt, Muskelerkrankungen begünstigt und depressiv macht.

Tatsächlich drängt sich der Eindruck auf, dass nicht wenige Incels mit erheblichen psychischen Störungen zu kämpfen haben, die über herkömmliche Teenager- oder Adoleszenzprobleme hinausgehen: Sylvia Jaki bestätigt diese Wahrnehmung: «Viele Incels haben eine psychische Disposition, die sich laut eigenen Angaben schon früh bemerkbar gemacht hat und mit einer extremen Schüchternheit einher geht.»

Die meisten erzählen in den Threads überraschend freimütig von ihrem Autismus, der ihnen menschlichen Kontakt im Alltag praktisch verunmögliche, einige behaupten, an sozialen Phobien zu leiden, bei anderen wurden offenbar Depressionen oder eine bipolare Störung diagnostiziert. «Die meisten Incel wissen um diese Störungen, sie sind sich bewusst, dass sie in irgendeiner Weise nicht der ‹Norm› entsprechen», sagt Jaki.

Regisseur Wolfinger gibt zu Bedenken, dass diese mit einer Selbstdiagnose mit Asperger oder Autismus eine einfache Erklärung für ein komplexes Problem gesucht wird. «Die Incel-Foren sind voll mit Erfahrungsberichten, bei denen Psychiater geraten haben, es doch einfach einmal auf Tinder zu versuchen oder bereits nach fünf Minuten Sitzung Antidepressiva verschrieben wurde», sagt Wolfinger.

Es fällt auf, wie offensiv in den Foren in Schemata und Kategorien eingeteilt wird. Für jede Strömung gibt es einen Begriff, heightcells sind einsam, weil sie zu klein sind, currycels sind Incels aus Indien, ricecels aus Südostasien, bei mentalcels sind psychische Probleme verantwortlich für die Dating-Unfähigkeit, lookcels leider unter ihrem Aussehen – Identitätspolitik in ihrer krudesten Form. Ein Dauerbrenner in praktisch allen Foren: Die Diskussion darüber, wer ein wahrer Incel ist (truecel) und wer nicht.

Die Foren

Nachdem das bekannteste Incel-Forum auf Reddit geschlossen wurde, konzentrierte sich der harte Kern auf incels.co. Die meisten der Foren – auch incels.co – sind zwar öffentlich, das heisst, die Diskussionen sind für alle sichtbar. Wer sich beteiligen will, muss jedoch detailliert beschreiben, warum man Mitglied sein möchte. Auch incel.net und loveshy verlangen eine Begründung, um Lurker (Personen, die nur Posts lesen ohne sich selber aktiv an den Diskussionen zu beteiligen), Larpers (von Live Action Role Playing Game – Leute, die sich einen Spass daraus machen, sich als Incels auszugeben) oder fakecels von den Threads fernzuhalten. Andere Foren, wie etwa die geschlossene Facebook-Gruppe Incelistan, kann man nur auf Einladung betreten.

Ich kreiere ein Fake-Profil, das mich als 22-jährigen Studienabbrecher ausweist, arbeitslos, zurückgehender Haaransatz. In meinen Teenager-Jahren wurde eine Depression diagnostiziert, ich leide zudem unter sozialen Phobien: Fremde Menschen ansprechen fällt mir extrem schwer. Ich lebe bei meinen Eltern, verbringe meine Zeit mit langen Spaziergängen in der Stadt und mit dem Lesen von Geschichtsbüchern über den Ersten Weltkrieg und die französische Revolution. Abgelehnt. Meine zweite Biografie tönt wütender, verzweifelter: Ich bin Mitte 20, stark übergewichtig, alkohol- und tablettenabhängig, und abgestossen von dem Optimismus, der auf anderen Foren verbreitet wird. Mein Gesicht ist entstellt durch eine Narbe von einem Autounfall, meine Ohren sind riesig, mein IQ unterirdisch. Für mich gibt es kein Glück, wird es nie geben, ich bin dazu verdammt, für immer alleine zu sein. Schuld sind: Frauen. Ich werde angenommen, kurz darauf aber ohne Begründung wieder gesperrt.

Ich schreibe Mike an, ein User, der in einem Thread auf Loveshy von den Verführungen der Alt-Right-Lobby warnt. Loveshy wird auf dem Incel-Wikipedia als Incel-Forum aufgeführt. Mike aber verneint, als ich ihn darauf anspreche: «Loveshys unterscheiden sich von Incels darin, dass sie Schwierigkeiten haben, Frauen anzusprechen. Incels hingegen haben es meistens versucht und wurden immer wieder zurückgewiesen. Das führte zur Verbitterung und Wut.»

Vor einigen Jahren hätten Incels begonnen, das Loveshy-Forum zu fluten, weil hier die Moderationsregeln laxer waren. Mike sagt, er sei damals einer der Moderatoren gewesen, die den Extremisten Zuflucht und eine Plattform geboten hatten. Etwas, was er heute sehr bereue. «Ich weiss mittlerweile, wie gefährlich Extremismus im Netz ist.» Heute noch drehen sich Diskussionen auf Loveshy um die Frage, wer in dem Forum asexuell sei, wer damit rechne, mit 50 noch Single zu sein, oder wie man sich fühlt, wenn man die Nachbarn durch die Wände hindurch beim Sex hört.

Mike ist Anfang 30, hatte einige kürzere Verhältnisse, aber nichts ernsthaftes. Er sagt, er sei «vorsichtig optimistisch», eines Tages eine feste Beziehung zu haben. Mike ist Mitglied der Democratic Socialists, er lebt in Boston und verbrachte die letzten paar Tage als Unterstützer im Gerichtsaal. Er war als Gegendemonstrant einer Straight Pride Parade mit der Polizei aneinandergeraten. Die Parade wurde von einer Gruppe um Milo Yiannopoulos organisiert, einem Aushängeschild der Alt-Right-Bewegung mit dem Ziel, auf die angebliche Unterdrückung der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft in den USA aufmerksam zu machen.

Mike sagt, er habe lange gebraucht, um seinen Platz in der Welt zu finden. «Ich bin autistisch, litt lange an Angstvorstellungen. Die Online-Community war in dieser Zeit eine Art Krücke für mich. Obwohl diese alles-ist-beschissen Sicht meine Depressionen und Ängste verstärkten, konnte ich mich lange nicht davon lösen.» Mittlerweile sei er manchmal in den gemässigten Foren unterwegs, um mit jungen Leuten über ihre Probleme zu reden – bevor sie radikalisiert werden.

Hunderttausende am «Pride March» in New York

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Hunderttausende am «Pride March» in New York
quelle: ap / seth wenig
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Hauptsache dabei – und Meinungsfreiheit ftw

Es scheint, als ob nicht wenige der User, die faschistischen, rassistischen und frauenverachtenden Meinungen eigentlich ablehnend gegenüberstehen, diese als notwendiges Übel hinnehmen und als radikale Form der Meinungsfreiheit zähneknirschend akzeptieren. Das betont auch Wolfinger, der während seiner Recherchen in vielen dieser Foren unterwegs war. Obwohl man nicht einverstanden ist mit den politischen Äusserungen, lässt man sie durchgehen, antwortet wenn überhaupt mit Ironie oder spielt die Aussagen herunter.

User inbuddhist: «But surprisingly, despite all the ‹just cope bro›, ‹it's over for you› etc, it's only in this community that i feel comfortable being myself, i don't feel any guilt or frustration expressing myself, i feel peace with my self. While in the rest of life i find every interraction toxic, constantly reminding me of my inferiority. And somewhat it's the incel community that it's toxic.»

Es liegt nahe, dass das eine Art Überlebensstrategie ist. Für viele sind die Foren die einzige Art von sozialen Austauschs, die sie überhaupt noch pflegen. Da will man nicht den Ausschluss riskieren, nur weil jemand einen sexistischen Frauenwitz reisst oder jemand in raunendem Ton die Kontrolle der Juden über das weltweite Bankenystem anprangert.

«Just do us a favour and rope, dude» – tu uns einen Gefallen und bring dich um.

In dem Thread «Ban Appeals» auf incels.co kriechen reumütige User zu Kreuze, und bitten um Verzeihung, dass sie gegen die Forumsregeln verstossen haben. User SpringHeeledJack bittet am 1. April 2019 Moderator SergeantIncel darum, eine Sperre aufzuheben.

Ähnlich irritierend ist, mit welcher Beiläufigkeit brutale, despektierliche und unbarmherzige Äusserungen getätigt werden. Einer der häufigsten Sätze, die man in verschiedenen Variationen und zu verschiedenen Themen auf incels.co liest, lautet: «Just do us a favour and rope, dude» – tu uns einen Gefallen und bring dich um. Als Antwort auf die Ankündigung, nicht weiter zu wissen mit dem Leben, als Antwort auf unverhohlene Suizidwarnung.

Als Aussenstehender erschrickt man ob dieser unfassbaren Rohheit, fühlt sich aber gleichzeitig auch an die verbalen Derbheiten des Pausenhofs erinnert, wo Flüche, Beleidigungen und mit der gleichen Beliebigkeit herumgeworfen wurden wie Schaumstoffbälle im Sportunterricht. Über die Folgen dieser Erniedrigungen dachte man kaum je nach. Dieses Wechselspiel zwischen Ironie und todernster Traurigkeit, zwischen absoluter Verzweiflung und Überlegenheitsgefühl, zieht sich durch viele der Threads, auch in den gemässigteren Foren.

Der Körperkult

Wer sich in den einschlägigen Foren noch nicht ganz aufgegeben hat (wer also, in der Manosphere-Sprache, noch nicht die «Blackpill» geschluckt hat) der beteiligt sich an einem bizarren Körperkult. Das Zauberwort dabei lautet ascending, also aufsteigen, die Leiter erklimmen in Richtung Schönheit, Anerkennung, Erfolg, ewiges Glück. Die Erlösungsfantasien werden im Gym oder beim Coiffeur bedient, wo man sich für viel Geld den Körper stählen und die Haare zurechtföhnen lassen kann.

Wo aber das Bemühen um Äusserlichkeit bei den meisten Männern endet, beginnt die Verunsicherung der hartgesottenen Incels erst. Physiognomische Grundwahrheiten wie Kopfform, Hüftknochen, Stirnfläche werden zur Projektionsfläche von Unzulänglichkeit. Die Bestätigung der eigenen Unansehlichkeit kann man sich problemlos in den zahlreichen Threads abholen. Nachdem man ein Porträtbild von sich hochgeladen hat, gibt man es zur Bewertung frei. 1 bedeutet Hässlichkeitsstufe Augenkrebs, 10 ist das Äquivalent zum männlichen Supermodel, aktuell zum Beispiel Francisco «Chico» Lachowski.

Chico Lachowski – Schönheitsideal in Incel-Foren.

Hoch im Kurs sind: Definierte Wangenknochen. Hunter Eyes. Ausgeprägte Kieferknochen.

Ästhetische Kapitalverbrechen sind: Zurückgehender Haaransatz, Hakennase, pausbäckiges Gesicht.

User a schlägt vor, etwas mit den Haaren zu machen und das Verhältnis zwischen Kinn und Philtrum in Ordnung zu bringen. User b empfiehlt einen chirurgischen Eingriff, um den Kiefer zurechtzurücken, User c kann nicht anders, als die «widerwärtige Augenpartie» zu betonen und user d beruhigt: Die Person auf dem Bild sei offensichtlich noch jung, wenn sie in den nächsten Jahren das mewing, regelmässige Kaubewegungen, um die Kiefermuskulatur zu stärken, nicht vernachlässigt, könne sie eine Operation vielleicht umgehen.

Die Diskussionen drehen sich in einem medizinisch-anatomischen Jargon um Knochenlinien, Schädelformen und Haarlinien, angereichert mit pseudowissenschaftlichen Fakten und haarsträubend amateurhaft aufbereiteten Memes und Bildtafeln. Auf YouTube gibt es unzählige Videos, in denen junge Männer mit ernstem Gesichtsausdruck und umgedrehter Baseballkappe die Ausmerzung bisher ungeahnter Körperdefizite versprechen.

Ein Video, in dem ein vielleicht 20-jähriger Mann namens Brett Maverick während eines Monats jeden Tag eine Packung Kaugummi kaut, erreichte 3,3 Millionen Aufrufe. Brett streicht dabei zweifelnd-selbstverliebt über seine definierten Wangen, hält sein Kieferprofil in die Kamera und bittet die Zuschauer, ihm mitzuteilen, ob sie schon eine Veränderung bemerkten. Dass Bretts Gesicht schon vorher wie ein menschgewordener Spaten aussah, scheint niemandem aufzufallen.

Der unablässige Zwang zum Vergleich und die Orientierung am Absolutwert führt dazu, dass praktisch niemand die erhoffte Anerkennung erfährt. Du siehst aus wie Brad Pitt? Schön für dich, aber solange du nicht wie George Clooney aussiehst, bist du eigentlich chancenlos auf dem Datingmarkt.

Das logische Problem dahinter, dass niemand glücklich sein wird, abgesehen von einem winzigen Promillesatz, der mit der Zurschaustellung von Perfektion Geld verdient, wird ausgeblendet. Und es führt umgekehrt dazu, dass gut aussehende Menschen eigentlich per definitionem nicht Incels – also unfreiwillig Single – sein können.

Die Verengung auf den Körper, zu der auch die Objektifizierung des Männerkörpers beiträgt (ein Phänomen, von dem lange nur der weibliche Körper betroffen war), ist allgegenwärtig.

Die Gehirnwäsche

14 Uhr Nachmittags an einem Donnerstag Anfang September. Ich klicke mich seit mehreren Stunden durch die verschiedenen Threads, lese Diskussionen darüber, wie oft man von wildfremden Leuten schon als hässlich bezeichnet wurde, ob einem die Anschaffung eines Flugzeugs helfe, zu ascenden, warum einem als Mann das Recht auf Sex zusteht (um die Gesellschaft vor dem Zerfall zu schützen), überfliege Suizidankündigungen und- empfehlungen.

Ich merke, wie die Abgelöschtheit der Incelwelt langsam in meinen Kopf sickert. Wie sich eine unbarmherzige, düstere Endgültigkeit den Weg bahnt in eine von Zuversicht geprägte Weltanschauung und vermeintlich stabile Überzeugungen und Glaubenssätze ins Wanken bringt.

Brainfuck, brainwash, blackpill – es ist beängstigend, wie rasch man verunsichert werden kann durch die reine Beobachtung einer extrem deprimierten Gruppe von Netzpersonen, von denen man nicht einmal weiss, ob sie in Wirklichkeit existieren. Ich fange an, Menschen auf der Strasse zu bewerten, zu kategorisieren, ins Visier zu nehmen. Nehme meinen eigenen Körper wahr, wie ich ihn das letzte Mal vielleicht zu Beginn der Pubertät wahrgenommen habe: Als aussichtsloser Teilnehmer in einem riesigen, darwinistischen Oberflächlichkeits-Wettbewerb. Als relevanter Gradmesser in einem ewigen, zum Scheitern verdammten Vergleichsspirale. Ist mein Brustumfang breit genug (natürlich nicht)? Könnte ich, falls die Anarchie ausbrechen würde, diesen Typen auf der gegenüberliegenden Strassenseite im Zweikampf kaputthauen (nein)? Sollte ich vielleicht doch ins Gym (definitiv)? Der knallharte Sozialdarwinismus im Netz frisst sich über kurz oder lang in die Köpfe der Menschen.

«Die Frau ist in den Augen dieser Leute ein reines Objekt, sie wird zur reinen Projektionfläche. Was dem Ideal – blond, grosse Brüste, sexhungrig und kinderliebend, emotional umsorgend und Hausfrau mit Leib und Seele – nicht entspricht, wird einfach ausgeblendet.»

Wolfinger hat während seiner Recherchen etwas ähnliches erlebt. Ein Strudel der Negativität, der einen mitreisst und tief hält. Er habe regelmässig Pausen gebraucht, bewusst Abstand gesucht, um die negative Weltsicht, die sich in den Foren äussert, wieder abzustreifen.

Die Betroffenen

Frauen sind in den zahlreichen Manosphere-Foren ebenso dauerpräsent wie unsichtbar. Sie liefern die Daseinsberechtigung der Incel-Foren und bilden deren natürliche Feinde – mit Verachtung gestraft und beschimpft, weil sie sich anmassen, dumpfbackige Typen mit einer Weltanschauung aus den 50er-Jahren links liegen zu lassen. In der Definition der Incel-Männer ist die Frau: Ein Supermodel – das gleichzeitig auf alle Männer stehen sollte. Eine reine, glatte Projektionsfläche. Und was dem Ideal – blond, grosse Brüste, sexhungrig und kinderliebend, emotional umsorgend und Hausfrau mit Leib und Seele – nicht entspricht, wird einfach ausgeblendet.

Und auch wenn die Werbung und die Modeindustrie in den letzten Jahren auf den Geschmack der Diversität gekommen ist, weil sie gelernt hat, sie zu monetarisieren, sind die Schönheitskategorien immer noch erschreckend eindimensional.

In der Incel-Sprache gibt es zwei Kategorien von Frauen, Stacys und Beckys. Erstere werden die attraktiven Männer als Partner wählen, letztere sind für die Incels nicht von Interesse. Eine andere Funktion als diejenige der Sexualpartnerin oder der Gebärmaschine ist in dieser tristen Welt nicht denkbar. In einem Thread wird darüber diskutiert, welche Rolle eigentlich Frauen über 50 noch haben könnten, nachdem ihre sexuelle Blüte ja längst vergangen ist. Aber auch in den weniger radikalen Ecken der Incel-Szene ist die Frau verantwortlich dafür, den Mann glücklich zu machen. Tut sie dies nicht, muss sie mindestens mit Irritation rechnen.

Mike sagt, im Netz finde gegenwärtig eine kulturelle Gehirnwäsche statt, die in toxischer Maskulinität führe. Das Problem reiche aber tiefer: «Männer werden in einem kapitalistischen, patriarchalen System darin geschult, Frauen als Objekte oder Statussymbole zu sehen, und erhalten die Vorstellung, dass sie riesige Verlierer sind, wenn sie nicht mit einer konventionell attraktiven Frau ausgehen oder Sex haben.» Anstatt sich gegen das Patriarchat zu wehren, wenden sich diese verunsicherten Männer aber gegen den Feminismus und schliesslich gegen Frauen – angestachelt von Manosphere-Blogger, die ihnen versichern, es sei nicht «ihre Schuld.»

Das funktioniere besonders gut bei jungen, isolierten Menschen, die online viel lesen und nur wenig Erfahrung im wirklichen Leben haben, um zu vergleichen und zu kontrastieren. «Diese Leute», so Mike, akzeptieren Theorien, «die sich für sie ‹richtig› anfühlen.»

Der Mann ist in dieser Theorie: Weiss, muskulös, Erzeuger, Ernährer, Beschützer. Was sich der klassischen binären Geschlechtereinteilung entzieht, wird in den extremen Incel-Foren entweder ignoriert, oder als Genderwahn abgetan. Auch hier ist Peterson ein dankbarer Zitatgeber (Peterson lehnt es ab, Trans-People mit Pronomen anzureden, die sie selber gewählt haben und die sich von ihrem geburtsgegebenem Geschlecht unterscheiden).

Philipp, der Tänzer

Die Seite Absolute Beginner ist so etwas wie das deutschsprachige Pendant zu loveshy. Hier treffen sich Menschen, die zu schüchtern sind, andere Menschen anzusprechen. Das AB-Forum ist vielleicht sowas wie das Epizentrum des niedrigen Selbstbewusstseins. Richard* tanzt gerne, er ist selbstständiger Werbefilmemacher, hat Business-Psychologie studiert und vor vielen Jahren einmal eine Frau geküsst. Sex hatte er noch nie.

Richard ist 41 Jahre alt und bezeugender «Schokoholiker» – zwischen 300 und 1000 Gramm pro Tag, und wenn er nachts nicht schlafen kann, isst er schon auch mal eine 10er-Packung Milchschnitte.

Richard ist auf dem AB-Forum aktiv, er will das Thema Jungfräulichkeit enttabuisieren, weil es, «mein Gott, ja nun wirklich kein Verbrechen ist, Jungfrau zu sein!»

«Männer hingegen stülpen den Schmerz nach aussen – in Form von Hass und Gewalt. Gewalt, die sich meist gegen Frauen richtet.»

Frauen und Richard, wie ist das? «Meine Freundin Nicole sagt immer, ‹Mensch, was sind das alles für Drecksweiber, die du dir da anlachst.› Mein Bild von Frauen hat sich verändert, sicher nicht im positiven. Ich dachte lange, Frauen seien sensibler als Männer, herzlicher. Ich will nicht alle über einen Kamm scheren, es gibt sicher auch ein paar gute, ich habe sie einfach noch nicht kennengelernt. Aber ich bin kein Frauenhasser, könnte ich gar nicht sein, ich hatte eine gute Kindheit und eine liebende Mutter.»

Woher kommt das schwache Selbstbewusstsein?

Richard erzählt, wie er in seinem Leben immer und immer wieder Ablehnung erfahren hatte. Wie hat er diese Zurückweisung verarbeitet? Und ist Verbitterung da, bereut er? «Reue ist das falsche Wort, aber in schlechten Momenten, denke ich mein Vater hat recht, wenn er sagt: ‹An dir gehen die ganzen schönen Seiten des Lebens vorbei.› Selbst wenn ich irgendwann jemanden kennenlernen sollte: Ich habe 20 Jahre Rückstand. Wer weiss, vielleicht wäre mein Leben ganz anders gelaufen, wenn ich damals in der Tanzschule diese eine da ... .»

Die Fixierung auf das andere Geschlecht ist ein wiederkehrendes Motiv. Das Glück dieser Erde liegt längst nicht mehr auf dem Rücken der Pferde, sondern in der Hand des Partners oder der Partnerin, die einem Halt gibt in einer immer unsteteren Welt.

«Wichtig ist, sich klar darüber zu werden, was man eigentlich will», sagt die Psychologin Leeners.

«Die Psyche des Menschen ist etwas unglaublich komplexes», sagt Ärztin Leeners. «Man kann sich selber Rahmenbedingungen schaffen, die einem garantieren, dass man nie die Gefahrenzone betritt». Das schafft Sicherheit – und verleiht einem das Gefühl, Herr über das eigene Schicksal zu sein. Auch wenn es ein Schicksal ist, das man niemandem wünscht. Zuallerletzt sich selbst.

Jeder findet für sich einen Grund, warum er oder sie einsam ist, war und immer sein wird. Und so wie das Netz einem hilft, wenn man Antworten sucht auf die Frage, woher die nervtötenden Klopfgeräusche in der Nachbarschaft kommen, liefert es auch die Bestätigung darin, dass man nie eine Partnerin oder einen Partner finden wird. Weil man hässlich ist. Oder dumm. Oder an selbstdiagnostiziertem Autismus leidet. Oder eine Hakennase hat. Oder weil man alles auf sich vereint. Hier kehrt die Argumentationsschlaufe an ihren Ausgangspunkt zurück: Weil man ein Incel ist, wird man es immer bleiben.

Diese Gesellschaft muss sich fragen, wie sie mit wie einsamen Menschen umgeht, die von sich selbst behaupten, nicht geliebt zu werden. So wie man die Stigmatisierung psychisch Krankheiten bekämpft, muss man auch die Stigmatisierung von Einsamkeit bekämpfen. Der Mensch ist ein soziales Wesen, er braucht Menschen, um sich wohl zu fühlen. Das anzuerkennen wäre ein erster Schritt.

Foren schliessen?

Immer wieder einmal wird ein Forum wegen Radikalisierung geschlossen oder unter Quarantäne gestellt. Aber es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Mike, der ehemalige Loveshy-Moderator, bezweifelt, dass die Justiz oder die Hoster das Problem langfristig regulieren können. Für sinnvoller hält er Name-and-Shame-Aktionen, wie sie etwa von antifaschistischen Gruppen praktiziert werden, bei denen einzelne Wortführer der Manosphere-Community gezielt ins Visier genommen werden. «Man muss aufzeigen, dass es nicht in Ordnung ist, Hassbotschaften abzusondern.»

Das sei aber nur der erste Schritt. «Schlussendlich geht es darum, diesen Männern einen anderen Weg aufzuzeigen, sonst werden diese Hass-Foren immer wieder erscheinen.»

* Namen geändert.

Lass dir helfen!

Du glaubst, du kannst eine persönliche Krise nicht selbst bewältigen? Das musst du auch nicht. Lass dir helfen. In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.
Die Dargebotene Hand: Tel.: 143, www.143.ch
Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel.: 147, www.147.ch
Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch

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