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Lüthi in Schräglage: Er startet in Malaysia von Platz 5. archivBild: STEPHANE MAHE/REUTERS

Warum Lüthi trotz 3,154 Sekunden Rückstand auf Zarco eine Chance hat

Die Zahlen sagen: Johann Zarco hat Tom Lüthi im Qualifying zum GP von Malaysia in Grund und Boden gefahren. Eine Begegnung mit Lüthi führt jedoch zu einem anderen Schluss: Morgen im Rennen ist alles offen.

Publiziert: 29.10.16, 13:09 Aktualisiert: 29.10.16, 16:01

klaus zaugg, sepang

Gemessen an der Ewigkeit ist es nur ein Wimpernschlag. Im Töffrennsport sind 3,154 Sekunden auf eine Runde hingegen eine Ewigkeit. Johann Zarco hat nicht nur Trainingsbestzeit gefahren. Er hat seinen letzten Herausforderer deklassiert und Tom Lüthi eben diese 3,154 Sekunden abgenommen.

Für die Trainingsleistung gibt es keine Punkte. Und der Schaden hält sich im Rahmen: Tom Lüthi hat seine Maschine immerhin auf den 5. Starplatz gestellt und beginnt das Rennen aus der zweiten Reihe in Sichtweite von Johann Zarco.

Titelverteidiger Zarco will erneut Weltmeister werden. Bild: Shizuo Kambayashi/AP/KEYSTONE

Die Frage ist: Welche psychologischen Auswirkungen hat dieses Training fürs Rennen? In erster Linie hat Johann Zarco sich selbst eine Antwort auf die immer stärker gewordenen Zweifel der letzten zwei Wochen gegeben. Dieses Abschlusstraining ist eine starke Rückkehr des introvertierten Franzosen und er fasst seine Rennstrategie auf eine für ihn so typische Art und Weise zusammen: «Gut schlafen, im Rennen sofort in Führung gehen, das Geschehen von der Spitze aus kontrollieren.»

«Ich war geschockt. Wie konnte Zarco solche Zeiten fahren?»

Wie aber reagiert Tom Lüthi? Für den Schweizer ist dieses Abschlusstraining ein Drama sondergleichen. Zarco braust sogleich von einer Bestzeit zur nächsten. Lüthi, sonst auf Augenhöhe mit dem Franzosen, «taumelt» um die Strecke, kämpft, rutscht und seine beste Runde reicht anfänglich bloss zum 19. Platz. Zeitweise ist sogar Iker Lecuona schneller, der Ersatz von Dominique Aegerter.

Und schon brauen sich unter Blitz und Donner wieder schwere Regenwolken zusammen. Wenn der Regen jetzt kommt, ist alles verloren. Dann muss Tom Lüthi aus der 7. Reihe starten. Er wird hinterher sagen: «Ich war geschockt. Wie konnte Zarco solche Zeiten fahren? Ich bin doch sonst ähnlich schnell wie er. Und ich sah die dunklen Wolken und wusste: Wenn es regnet, dann habe ich keine Chance mehr.»

Zarcos Fahrt und das Wetter sorgten für Sorgenfalten bei Lüthi. archivBild: Shizuo Kambayashi/AP/KEYSTONE

Lüthi und seine Crew bleiben gelassen

Der Himmel öffnet seine Schleusen nicht. Doch die Verhältnisse sind schwierig. Es regnet zwar nicht. Aber auf dem Asphalt gibt es nasse Flecken. Der neue Belag lässt zwar den Regen schnell abfliessen. Aber die Feuchtigkeit drückt eben auch durch den Belag nach oben. Weder Zarco noch Lüthi wagen es, mit Slicks zu fahren. Beide sind mit Regenpneus unterwegs.

Entscheidend ist: Tom Lüthi behält seine Gelassenheit. Seine Zuversicht. Sein Selbstvertrauen. Er ist mental robust. Ein Champion. «Es hat mir sehr geholfen, dass Gilles Bigot (der Cheftechniker, Anm. der Red.) ruhig geblieben ist. Ich bin zweimal in die Box zurückgekehrt und wir haben die Maschine so hinbekommen, dass ich in der Schlussphase noch in die zweite Reihe fahren konnte. So wie es gelaufen ist, bin ich mit diesem Resultat sehr zufrieden. Es spielt fürs Rennen keine Rolle, ob ich aus der ersten oder der zweiten Reihe losfahren kann.»

Zarco mit weniger Luft im Pneu?

Lüthis Gelassenheit ist echt. Ruhig analysiert er sein Training. Aber die Frage ist noch nicht beantwortet: Warum war Zarco so viel schneller? Keine Antwort auf diese Frage zu wissen, könnte Zweifel in die Rennfahrerseele säen. Lüthi hat eine Erklärung. «Ich vermute, dass Zarco den Luftdruck der Reifen abgesenkt hat.» Aha. So einfach ist das also! Bloss ein wenig Luft aus den Reifen gelassen.

Aber so könnte es tatsächlich gewesen sein. Regenreifen heizen sich auf weitgehend trockener Fahrbahn stark auf, die Luft dehnt sich aus, der Reifen wird aufgebläht und dadurch wird die Auflagefläche kleiner. Die Folge: Die Maschine verliert stark an Bodenhaftung, rutscht und wird schwierig zu fahren. Tom Lüthi meint: «Das dürfte die Erklärung für meine Schwierigkeiten sein. Zeitweise war es als ob mich das Hinterrad überholen wollte.» Der Unterschied in diesem Training war: Johann Zarco erkannte das Problem schneller, kehrte an die Box zurück und liess etwas Luft raus. Oder ist überhaupt mit weniger Reifendruck losgefahren. Lüthi: «Ich gehe davon aus, dass es so war.»

Es muss so sein. Weil es eine Erklärung, eine Antwort geben muss. Johann Zarco ist also weiterhin nicht unschlagbar. Die Differenz zwischen dem WM-Leader und seinem Herausforderer ist bloss ein bisschen Reifendruck. Und wenn es nicht so sein sollte, so hilft Tom Lüthi der Glaube, dass es so ist.

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Ultimativen Stresstest bestanden

Letztlich hat dieses Abschlusstraining in 45 Minuten die ganze Dramatik dieser Saison aufgezeigt. Erst ein beinahe hoffnungsloser Rückstand (wie in der WM nach den drei Nullern im Sommer in Assen, auf dem Sachsenring und in Brünn) – und dann eine grandiose Aufholjagd. Und dieses Abschlusstraining hat auch gezeigt, warum es Tom Lüthi gelungen ist, noch einmal in den Titelkampf zurückzukehren. Er hat nie die Nerven verloren, er und seine Techniker sind ruhig geblieben und haben unter maximalem Druck die Korrektur geschafft, den Schaden in Grenzen gehalten. Fahrer und Techniker haben den ultimativen «Stresstest» bestanden. Nur die Sache mit dem Luftdruck haben sie zu spät bemerkt.

Die Ausgangslage fürs Rennen (Sonntag, 06.15 Uhr, live SRF 2) ist offen und die Ausgangslage im Grunde ganz einfach. Wenn Johann Zarco gewinnt, ist er erneut Weltmeister und hat als erster Pilot der Geschichte den Moto2-WM-Titel verteidigt. Wenn Tom Lüthi ihn besiegt, dann fällt die Entscheidung im letzten Rennen in zwei Wochen in Valencia.

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