Unvergessen

Die Jagd auf Schiedsrichter Klötzli: Der Unparteiische muss vor den Wettingern in die Katakomben fliehen. Bild: KEYSTONE

07.10.1989: Der «Fall Klötzli» – vier Wettinger gehen auf den Schiri los, weil dieser Sekunden vor dem Ausgleich abpfeift

7. Oktober 1989: Wettingen erzielt in Sion in der Nachspielzeit den Ausgleich. Doch Schiedsrichter Bruno Klötzli pfeift ab, als der Ball noch in der Luft ist. Vier FCW-Spieler gehen auf den Unparteiischen los. Unter Fusstritten und Faustschlägen flüchtet dieser in die Kabine. Der Skandal ist perfekt.

07.10.15, 00:01

Es ist ein nebliger Oktoberabend im Wallis: Im Sittener Stade de Tourbillon läuft die dritte Minute der Nachspielzeit des NLA-Spiels zwischen dem FC Sion und dem FC Wettingen, der trotz europäischem Höhenflug gegen den FC Neapel in finanziellen Schwierigkeiten steckt und gegen den Abstieg kämpft. Dank einem Treffer von Mirsad Baljic in der 88. Minute führen die Walliser mit 1:0, als sich eine der meist diskutierten Szenen im Schweizer Fussball ereignet.

Mirsad Baljic auf dem Weg zum 1:0 für Sion. Bild: KEYSTONE

Sions Jean-Paul Brigger kann nur ein paar Meter vom eigenen Strafraum einen Entlastungsfreistoss treten. Doch statt den Ball weit nach vorne zu schlagen, verzögert er die Ausführung und trifft schliesslich den Rücken von Wettingens Salvatore Romano. Von dort prallt das Leder vor die Füsse von Teamkollege Martin Rueda, der nicht lange fackelt und mit einem Lob über Sion-Keeper Stephan Lehmann zum 1:1 trifft.

Klötzli schaut nur noch auf die Uhr

Doch Rueda und die Wettinger haben die Rechnung ohne Schiedsrichter Bruno Klötzli gemacht. Der Unparteiische sieht auf seiner Uhr – als der Ball noch in der Luft ist – , dass die dreiminütige Nachspielzeit abgelaufen ist und pfeift die Partie ab. Den Ausgleich gibt er nicht mehr. 

Die Wettinger sind fassungslos und wollen ihre Wut an Klötzli auslassen. Plötzlich laufen sie Amok: Wie ein aufgescheuchtes Tier hetzen sie den Ref über den Rasen des Tourbillons. Als sie ihn einholen setzt es Fusstritte und Faustschläge ab. Die Hände schützend vor dem Gesicht schafft Klötzli schliesslich die Flucht in die Katakomben des Stadions. 

Klötzli bleibt unverletzt, er kommt mit dem Schrecken davon. Ein NLA-Spiel wird er danach aber nie mehr pfeifen. Bild: KEYSTONE

«Ich hatte grosse Angst», sagt Klötzli nach dem Skandal-Spiel. «Wenn ich gestolpert wäre, wäre ich mit Sicherheit im Krankenhaus gelandet.» So kommt er aber unverletzt davon. Zu seinem Pfiff sagt er: «Regeltechnisch habe ich keinen Fehler gemacht. Aber ich muss schon zugeben, dass der Moment des Abpfiffs psychologisch nicht gerade gut gewählt war.» 

«Wenn ich gestolpert wäre, wäre ich mit Sicherheit im Krankenhaus gelandet.»

Schiedsrichter Klötzli.

Happige Vorwürfe

Klötzli meldet den Fall dem SFV und seine Ausführungen haben es in sich. Seinem Rapport ist zu entnehmen,

Während die Bilder vom «Fall Klötzli» um die Welt gehen, steht die Fussball-Schweiz unter Schock. Solche Wild-West-Szenen, wie sie sich in Sion ereignet haben, kennt man hierzulande höchstens aus dem Fernsehen. Aus Südamerika oder Mexiko. Alle wissen, das wird Konsequenzen haben.

Amokläufer zu Besuch beim «Blick»

Nur die vier Wettinger Spieler scheinen nicht zu ahnen, was auf sie zukommt. Am Tag nach dem Spiel gehen sie mit den «Blick»-Reportern, die den «Fall Klötzli» später mit 32 grösseren Geschichten zu einem Riesen-Skandal aufbauschen, auf einen Spaziergang und plaudern locker aus dem Nähkästchen. 

«Sicher ich bin hingerannt», gesteht Kundert. «Viellicht habe ich im ganzen Getümmel drin den Schiedsrichter berührt. Aber ich habe ihn ganz bestimmt nicht getreten. Alles andere als zwei, drei Strafsonntage wären ein Skandal.» Baumgartner beschreibt die Situation so: «Ich war total aggressiv, zu allem fähig. Aber ich kam gar nicht ran.» Germann sagt: «Ich bin ganz sicher. Ich habe nicht zugeschlagen.»

Nachdem sie die Video-Bilder gesehen haben, sind sie einsichtiger. «Die Szenen, die sich da abgespielt haben, sind unentschuldbar», sagt Kundert. Baumgarnter gibt zu Bedenken, dass sowohl er wie auch Klötzli einen Fehler gemacht haben. Seine Freundin sieht bereits schwarz: «Muss ich mir jetzt eine Stelle suchen?», fragt sie halb schmunzelnd, halb nachdenklich.

Die Video-Bilder entlarven die Schuldigen, auch wenn diese ihre Verfehlungen nicht einsehen wollen. Bild: KEYSTONE

Als der SFV die Urteile bekannt gibt, vergeht den Beteiligten das Lachen aber endgültig. Die vier Wettinger Spieler werden allesamt für mehrere Monate gesperrt und mit hohen Bussen belegt. Alex Germann, der auf dem Sprung in die Bundesliga zu Borussia Dortmund ist, trifft es am härtesten: ein Jahr Sperre und 20'000 Franken Busse.

«Diese Sperre war ein markanter Einschnitt in meine Karriere»

Wettingens Spieler Alex Germann.

«Unser grösster Fehler war, dass wir einen Tag nach dem Spiel mit der Boulevardpresse sprachen», sieht Baumgartner erst später ein. «Das war reinste Provokation. Die Wettinger Vereinsverantwortlichen hätten uns einen Maulkorb verpassen sollen. Denn nach diesen Interviews wurden wir von den Verbandsfunktionären wie Schwerverbrecher behandelt und dementsprechend auch bestraft.»

Alle fünf Karrieren zerstört

Der damals 30-jährige Frei macht seinem Ärger Luft, schreibt den Verbandsbossen einen scharfen Brief und entschliesst sich, die Karriere zu beenden. Kundert zieht sich sieben Wochen nach der Partie in Sion einen Kreuzbandriss zu. Weil das rechte Knie den Belastungen des Spitzensports nicht mehr standhält, beendet er im Frühling 1990 seine Laufbahn.

Schiedsrichter Klötzli gerät nach seinem Rücktritt auf die schiefe Bahn. Bild: KEYSTONE

Baumgartner setzt seine Karriere beim FC Basel fort, spielt noch vier Jahre in der NLB und wird später Beach-Soccer-Profi. Germann trainiert ein Jahr beim FC Wettingen und steigt danach wieder ein, der Wechsel in die Bundesliga kommt aber nicht mehr zu Stande. «Diese Sperre war ein markanter Einschnitt in meine Karriere», muss Germann eingestehen.

Ein halbes Jahr später hängt auch Schiedsrichter Klötzli seine Pfeife an den Nagel. Das Skandalspiel von Sion ist sein letztes auf der höchsten Stufe. Doch es kommt noch schlimmer: Der Amateur-Schiedsrichter, der für 400 Franken in der NLA pfiff, verfällt seiner Spielsucht und gerät auf die schiefe Bahn. 

1999 wird er wegen Urkundenfälschung und Vertrauensmissbrauch zu einer bedingten Gefängnisstrafe von 18 Monaten verurteilt. Klötzli hatte als Bankangestellter zwischen 1990 und 1993 insgesamt 800'000 Franken unterschlagen. Mittlerweile lebt der ehemalige Skandal-Ref zurückgezogen im Kanton Jura, wo er mit seiner Frau ein Restaurant führt.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.

So hat sich die Liga-Zugehörigkeit der Schweizer Grossklubs verändert

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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  • SaveAs_DELETE 07.10.2015 11:13
    Highlight Ich kann mich noch gut an diesen Fall erinnern. Der Schiedsrichter schaute gar nicht mehr auf das Spiel drehte sich ab, sah auf die Uhr und pfiff... Der Ball war aber bereits in der Luft und landete während dem Pfiff im Tor...
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  • Jaing 07.10.2015 07:07
    Highlight Wurde eigentlich mal abgeklärt, ob Klötzli da noch andere Motive gehabt hat, um abzupfeiffen? Bei Spielsucht, Veruntreuung etc. könnte man doch glatt auf sowas kommen.
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    • ujay 28.05.2017 13:34
      Highlight 😂😂😂Verschwoerungstheoretiker. Wer die Spielsituation gesehen hat, kommt nicht auf diese abstruse Idee.
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