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Unterwegs in ihrer Paradedisziplin Zeitfahren: Marlen Reusser an der WM 2019.
Unterwegs in ihrer Paradedisziplin Zeitfahren: Marlen Reusser an der WM 2019.
Bild: www.imago-images.de
Interview

Reusser: «Ich kann nicht fassen, wie rückständig der Radsport bei der Gleichstellung ist»

Bauerntochter, Präsidentin der Jungen Grünen, Ärztin, Radprofi, WM-Medaillen-Gewinnerin. Marlen Reusser hat in ihren 29 Lebensjahren schon viel erlebt und steht nun als Schweizer Aushängeschild am Start der Tour de Suisse Women.
05.06.2021, 06:41

Wenn heute und morgen die Tour de Suisse der Frauen – passenderweise in Frauenfeld – ausgetragen wird, dann steht Marlen Reusser im Fokus. Die 29-jährige Emmentalerin ist mit die bekannteste und erfolgreichste Schweizer Velorennfahrerin der Gegenwart. Und sie ist eine Persönlichkeit, die sich noch mit vielem mehr als ihrem Sport auseinander setzt.

Marlen Reusser, es ist Anfang Juni, bald ist Saison-Halbzeit. Wie zufrieden sind Sie mit ihrem Jahr 2021?
Marlen Reusser:
Ich bin sehr zufrieden, besonders angesichts der Tatsache, dass noch kein Zeitfahren stattgefunden hat, was ja meine beste Diszplin ist. Ich wusste nicht, was ich von den Strassenrennen erwarten durfte. Aber ich habe da starke Fortschritte gemacht und deshalb auch gute Resultate erzielt.

An der Flandern-Rundfahrt fuhren Sie auf Rang 9. Solche Resultate geben einem wohl Mumm, man kommt ja nicht einfach zufällig so weit vorne an. War das der Höhepunkt der bisherigen Saison?
Ja, wobei das Jahr mit Omloop Het Nieuwsblad, dem ersten Rennen der Saison und dem ersten im neuen Team, schon super begann. Ich war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz im Klaren über meine Rolle in der neuen Equipe. Ich fuhr dort für unsere Sprinterin, aber es war dennoch ein guter Auftakt. (Anm. d. Red.: Reusser wurde 14.).

Starke Zeitfahrer dürfen oft nicht auf eigene Rechnung fahren, sondern sollen Fluchtgruppen einholen oder Sprints vorbereiten. Kennen Sie Ihre Rolle im Team Alé BTC Ljubljana mittlerweile besser?
Wir haben uns gefunden. Es gab auch Rennen, in denen ich ‹auf eigene Kasse› fahren durfte. Dass Marta Bastianelli, eine der weltbesten Fahrerinnen und wahnsinnig endschnell, nicht ganz in Topform war, gab mir wahrscheinlich etwas mehr Spielraum, als ich sonst erhalten hätte.

Sie sind noch nicht sehr lange im Radsport. Wie wertvoll sind da routinierte Teamkolleginnen wie eben Bastianelli oder Tatiana Guderzo, die beide schon Weltmeisterin waren?
Das hilft einem sicher. Allerdings kenne ich das aus der Musik: Es muss nicht unbedingt so sein, dass der beste Geigenspieler auch der beste Geigenlehrer ist. Ich erhalte sicher gute Hilfe, aber auch von Fahrerinnen, die nicht absolute Weltklasse waren, aber jahrelange Erfahrung haben. Momentan ist es immer noch so, dass ich jedes Rennen dazu verwende, zu beobachten, was die anderen machen und zu lernen.

Von vielen Quer- und Späteinsteigern hört man, dass insbesondere das Fahren im Feld Mühe bereitet, weil man da so nahe beisammen fährt. Wie ergeht das Ihnen?
Das war anfangs ein Thema und ist immer noch eine Herausforderung. Aber ich habe Fortschritte gemacht und fühle mich schon wesentlich sicherer. Was es etwas einfacher macht, ist, dass ich jetzt in einem grossen Team bin. Alleine dadurch wird mir mehr Respekt entgegen gebracht als zu Beginn.

Können umgekehrt auch Sie den anderen etwas beibringen, dadurch dass Sie sich noch nicht seit Jahren in diesen Strukturen bewegen?
Im Rennen nicht, da bin ich diejenige, die lernen muss. Ausserhalb der Rennen schon eher, möglicherweise wegen meines medizinischen Hintergrunds. Etwa wenn es um Ernährung oder Erholung geht – oder auch mal «um das Leben sonst».

Nun steht die Tour de Suisse Women an, zwei Etappen in Frauenfeld. Wie gross ist Ihre Vorfreude auf ein Profirennen im eigenen Land?
Ich freue mich mega, es ist wirklich cool, dass so etwas in kurzer Zeit auf die Beine gestellt wurde. Es ist noch kein grosses Rennen und das Teilnehmerinnenfeld ist in meinen Augen nicht auf allerhöchstem Niveau, zudem ist das Rennen mit zwei Etappen auch kurz. Es ist mit Sicherheit ein toller Vorgeschmack darauf, was in Zukunft hoffentlich kommen wird.

Die erste Etappe ist hügelig, die zweite flach. Was rechnen Sie sich sportlich aus?
In der ersten Etappe werde ich wohl nicht schlecht abschneiden, für die zweite gibt es andere Favoritinnen. Dort haben wir mit dem Team sicher eine Chance, der ganze Sprintzug für Marta Bastianelli ist anwesend. Mein Ziel ist es, sicher und ohne Sturz ins Ziel zu kommen, da ich danach gleich noch ein Zeitfahren absolviere. Ich werde die zwei Tage als wettkampfmässiges Training und als kleinen emotionalen Höhepunkt betrachten.

Sie erwähnten es, Sie fahren nach der Etappe am Sonntag auch gleich die Strecke des Zeitfahrens der Männer, deren Tour de Suisse dann startet. Wie kam es dazu?
Es gibt momentan so wenige Zeitfahren, dass ich diese Gelegenheit wahrnehmen will. Der Nationaltrainer von Swiss Cycling ist da, der Mechaniker auch, daher wollen wir die Chance, die sich uns in Frauenfeld bietet, nutzen, um vor den Olympischen Spielen die Abläufe zu üben. Und das geht nur, wenn Strassen gesperrt sind.

Und bestimmt wird inoffiziell die Zeit gestoppt und geschaut, wie viele Männer Sie hinter sich lassen.
(lacht) Ehrlich gesagt, bin ich da schlecht informiert. Ich lasse mich mal überraschen.

Sie haben Olympia angesprochen, zehn Minuten vor unserem Gespräch ist das E-Mail gekommen, das über Ihre Nominierung informierte (Anm. d. Red.: Das Interview fand am Donnerstag statt). Tokio ist eines Ihrer grossen Ziele – sofern Olympia denn auch wirklich stattfindet, momentan bleibt die Durchführung umstritten. Wie ist Ihre Haltung dazu?
Meine laienhafte Einschätzung ist, dass die Spiele durchführbar sind, wenn man sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchführt, wenn Sportler negative Testresultate vorlegen, in eine Quarantäne gehen und in einer Bubble leben müssen. Aber es obliegt nicht mir, dies zu beurteilen.

Der Zeitfahr-Kurs in Tokio ist 22 km lang und mit 420 Höhenmetern nicht unbedingt flach. Wie schätzen Sie diesen Kurs ein, ist es einer, der Ihnen liegen könnte?
Da kommt wieder das Thema meiner weiterhin nicht so grossen Erfahrung ins Spiel. Die Zahl der Zeitfahren, die ich mit meinem jetzigen Leistungsvermögen und mit Topmaterial bestreiten konnte, ist immer noch beinahe an einer Hand abzuzählen. Manchmal bin ich selber überrascht, wo ich schnell bin und wo wiederum nicht. Ich glaube, man kann erst in einigen Jahren sagen, welcher Parcours mir eher liegt und welcher nicht.

Haben Sie den Kurs mit Aufstiegen und Abfahrten im Training auf der Rolle simuliert?
Ehrlich gesagt habe ich mich noch nicht sehr intensiv mit dem Kurs auseinander gesetzt und spezifisch daraufhin trainiert. Das liegt auch daran, dass ich fast die gesamte Strassensaison absolviert habe. Da gilt es, sich zwischen den Renneinsätzen möglichst gut zu erholen.

Aber ist es noch angedacht?
Wenn ein Rennen noch weit weg ist, hat man oft visionäre Ideen, was man im Vorfeld alles machen könnte. Aber dann kommt die Realität und plötzlich ist Olympia und dann macht man einfach (lacht).

Das bisherige Karriere-Highlight: WM-Silber im Zeitfahren 2020 hinter Anna van der Breggen.
Das bisherige Karriere-Highlight: WM-Silber im Zeitfahren 2020 hinter Anna van der Breggen.
Bild: keystone

Nach Tokio kommen Sie nur mit dem Flugzeug. Nun ist es bekannt, dass Sie sich sehr mit Themen wie Nachhaltigkeit und Umweltschutz auseinander setzen. Wie schwer fällt es Ihnen, sich in ein Flugzeug zu setzen?
Als ich 2017 in den professionellen Radsport hineingerutscht bin, reisten wir mit dem Flieger an Titelkämpfe. Da führte ich mit mir selber eine Grundsatzdiskussion, ob ich das wirklich machen will oder es lieber sein lasse. Ich beschloss dann, dass ich mir diesen Luxus gönne. Es ist zwar nicht toll, aber ich leiste mir das jetzt. Ich hoffe, man nimmt mich nicht zu hundert Prozent als Vorbild, denn ich fühle mich diesbezüglich nicht als gutes Vorbild.

Wer als Unwissender an der Strasse eines Velorennens steht, sieht vor allem viele Autos und Töffs. Aber mit viel weniger ginge es vermutlich nicht, oder täusche ich mich da?
Ich habe gerade eine Kolumne zu diesem Thema verfasst, in der ich erkläre, weshalb es diese Fahrzeuge benötigt. Wichtig ist in meinen Augen, dass man da die Relationen wahrt. Wenn man ein Velorennen mit Begleittross mit dem täglichen Berufs- und Freizeitverkehr auf der ganzen Welt vergleicht, dann ist das komplett nichtig. Man kann zwar dem Profisport in jedem Fall ankreiden, dass er nicht besonders ökologisch ist. Aber ich glaube nicht, dass diese Autos und Töffs das Problem sind, wenn schon, dann ist es die Fliegerei. Denn all die Leute in Fahrer, Betreuer und Kommissäre fliegen meist zu den Rennen. Aber das sieht man am Streckenrand halt nicht.

Wie können Sie als Sportlerin überhaupt Einfluss nehmen auf die Entscheide der Verbände? Gibt es Gremien, in denen Sie Ihre Meinung einbringen können?
Ich denke, gerade unserem Landesverband Swiss Cycling kann man ein Kränzchen winden. Man versucht stets, wenn es möglich ist, Delegationen mit dem Zug an einen Wettkampf zu schicken, etwa an die WM in Innsbruck. Auch in den Teams kann man versuchen, etwas anzusprechen. Ich bin als Profi schon einige Male mit dem Zug durch Europa gereist. Es benötigt vielleicht etwas Energie, um sich durchzusetzen, und Verständnis auf der anderen Seite, aber man kann es wenigstens versuchen. Es ist ein kleiner Impact, aber immerhin.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was sich am Radsport ändern müsste – was würden Sie sich wünschen?
Ich kann einfach nicht fassen, wie ungleich das Geschlechterverhältnis ist, wie rückständig die Gleichstellung im Radsport ist. Es kommt mir vor wie vor hundert Jahren in anderen Bereichen. Da würde ich gerne – zack! – alles auf Null stellen.

Gibt es da Leute, die einem zuhören?
In jedem Fall. Es ist lustig: Viele sehen es ähnlich, erkennen das Problem auch. Wenn man es im Detail betrachtet, ist es jedoch ein komplexes Problem. Es geht um Geld, es geht um Zuschauerzahlen, um Sponsoren, um das Niveau, um den Nachwuchs und dessen Förderung … Um eine Veränderung bewirken zu können, benötigt es aber nicht nur die Anerkennung des Problems, sondern auch das entsprechende Handeln. Es tut sich etwas, aber es braucht wohl einfach seine Zeit. Ich bin grundsätzlich nicht die geduldigste Person und es kommt mir vor wie manchmal in der Politik: Es nervt, dass es nicht vorwärts geht.

In einer Kolumne schrieben Sie kürzlich, seit Sie Profisportlerin seien, fänden Sie beim Velofahren nicht mehr gleich häufig Momente des Glücklichseins auf dem Velo wie vorher. Wie holen Sie sich diese dennoch ab? Machen Sie manchmal auch bewusst eine Tour aus Lust, ohne Trainings-Ziele?
Ich habe diese schönen Momente schon immer noch. Gerade jetzt bin ich mit Elise Chabbey (Anm. d. Red.: ihre Nationalmannschaftskollegin) im Höhentraining auf dem Berninapass. Wir machten vorgestern eine coole Tour bei mega schönem Wetter, waren beide happy, konnten anschliessend in einem Brunnen baden, vergassen alles um uns und waren einfach zwei zufriedene Menschen. Oder im Winter fuhr ich manchmal von Bern nach Hause, das sind zirka 18 Kilometer. Einmal war es bereits etwa abends um elf Uhr, es schneite und war richtig kalt. Aber ich hatte Lust, auf ein Velo zu hocken. Also sass ich dick eingemummelt auf meinem Citybike, fuhr nach Hause und war richtig geflasht. Solche Sachen erlebe ich schon immer noch.

Bestimmt mit einem Ziel gehen Sie an Ihrem 30. Geburtstag im September an den Start – dann findet das Zeitfahren der WM statt. Komplett flach in Flandern. Wie sehr ist dieser Tag schon im Kopf?
Sehr! Vor allem im Winter, wenn man sich die Ziele für die nächste Saison setzt, war das Thema sehr präsent. Momentan ist aber Arbeiten angesagt. Ich konzentriere mich daher jeweils auf den nächsten Einsatz und noch nicht auf die WM.

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quelle: epa afp / patrick boutroux
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