Gesellschaft & Politik
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Unsere Datenspuren beim Surfen im Internet sind das neue Öl für die Wirtschaft. Firmen, Behörden und Geheimdienste verknüpfen die Daten, bis sie ein genaues Bild von uns haben. Bild: johnny the horse

Gute Daten, böse Daten

Wenn Sie immer noch glauben, Datenschutz sei nur für Menschen, die etwas zu verbergen haben, bitte hier weiterlesen

«Big Data»: riesige und rasant wachsende Datenberge, die unser Leben und unsere Welt archivieren, fordern Politik und Gesellschaft. Big Data birgt Chancen, aber auch Risiken. Ein Überblick.



«Unsere Smartphones verfügen über mehr Rechenleistung, als der Nasa 1969 für die gesamte Operation Mondlandung zur Verfügung stand.»

Diese gewaltige Rechenleistung erleichtert unseren Alltag, sie liefert uns aber auch aus. Alle zwei Jahre verdoppelt sich der Datenberg, den wir beim Einkaufen mit unseren Kreditkarten, beim Suchen auf Google, beim Posten in Facebook oder beim schlichten Rumlaufen mit unseren GPS-fähigen Mobiltelefonen generieren

Und die Daten verschwinden nicht mehr, sie werden archiviert und ausgewertet. Zu welchen Zwecken ist unterschiedlich. Gewisse dienen der Allgemeinheit, andere nur den archivierenden Akteuren wie Telekom-Gesellschaften, Krankenkassen oder Geheimdiensten. 

Was ist Big Data?

Im Zuge der NSA-Affäre und sozialer Netzwerke wie Facebook wird Big Data zunehmend gleichgesetzt mit einer umfangreichen Überwachung und Analyse von Nutzerverhalten, sowie dem Versuch, aus den so gespeicherten Daten («Big Data als Rohstoff») einen wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen. Quelle: Wikipedia 

«Big Data» wird klassisch unterschieden in «Open Knowledge» und «Closed Knowledge»
. In Wissen also, das von allen genutzt werden kann und allen dient und Wissen, das nur wenige nutzen können und oft auch nur wenigen nutzt. 

Open Knowledge

1. Open Street Map 

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Open Street Map ist ein Non-Profit-Kartenprojekt, dass jeden Normalbürger mit einem Handy oder GPS-Empfänger befähigt, exakte Karten seiner Umgebung zu erstellen und in das Gesamtprojekt einfliessen zu lassen. Die Karten sind in vielen Weltgegenden genauer und detailreicher als diejenigen der staatlichen Akteure, die oft über nicht genug Mittel oder kein genügend grosses Interesse an genauen Karten verfügen. Mittlerweile arbeiten über eine Million Nutzer freiwillig an Open Street Map mit. 

2. First Bus Map of Dhaka

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«Die Karte entstand ausschliesslich mit GPS-Daten aus Handys von freiwilligen Helfern, die nichts anderes taten, als Busfahren in Dhaka.»

Nicht nur Stadtpläne, auch Pläne für den öffentlichen Verkehr fehlen vielerorts. So zum Beispiel in Dhaka, Bangladesh. Rund 270 Buslinien gibt es dort und bis vor Kurzem hatte niemand den Überblick, welche Busse von wo nach wo verkehren. Erst mit dem Crowdsourcing-Projekt First Bus Map of Dhaka entstand vergangenes Jahr ein brauchbarer Fahrplan für die Megacity Dhaka mit seinen rund sieben Millionen Einwohnern. Die Karte entstand ausschliesslich mit GPS-Daten aus Handys von freiwilligen Helfern, die nichts anderes taten, als Busfahren in Dhaka. 

3. Toiletten und Schulnoten

Die Schulleistungen von kenianischen Knaben und Mädchen sind statistisch gesehen in etwa gleich gut. Bis zum Alter von elf Jahren. Dann fangen die Leistungen der Mädchen an dramatisch abzufallen, während diejenigen der Knaben gleich bleiben. Warum das so ist und warum das nicht überall in Kenia gleich ist, konnten sich die Bildungsexperten lange nicht erklären. Der Grund ist profan: Weil viele Schulen über keine oder nur schlechte sanitäre Einrichtungen verfügen, fangen die Mädchen mit Einsetzen der Periode an, der Schule eine Woche im Monat fern zu bleiben. 

Mit Hilfe eines Crowdsourcing-Projektes konnte die kenianische Journalistin Irene Choge diesen Zusammenhang nachweisen. Sie liess sich per SMS die Anzahl Schülerinnen und Schüler pro Toilette in den Schulen mitteilen und verglich die Werte mit den Schulleistungen der Mädchen. Die Schulen mit schlechten oder zu wenigen Toiletten werden seither aufgerüstet. 

Closed Knowledge

1. Boundless Informant, Vorratsdatenspeicherung, Rasterfahndung

NSA's Utah Data Center is shown Thursday, June 6, 2013, in Bluffdale, Utah. The government is secretly collecting the telephone records of millions of U.S. customers of Verizon under a top-secret court order, according to the chairwoman of the Senate Intelligence Committee. The Obama administration is defending the National Security Agency's need to collect such records, but critics are calling it a huge over-reach. (AP Photo/Rick Bowmer)

Datenzentrum des amerikanischen Spionagedienstes NSA in der Wüste von Utah. Bild: AP

Schon bei der Fahndung nach den Mitgliedern der Rote Armee Fraktion in den siebziger Jahren setzte die Polizei auf die Analyse grosser Datenmengen, um Verdächtige auszumachen. Damals glichen die Polizisten die Daten der Einwohnermeldeämter, Stromlieferanten und Vermieter ab, um herauszufinden, wer sowohl Wohnung als auch Strom bar bezahlt und keine Kinder hat. So stiessen sie auf die konspirativen Wohnungen der RAF-Terroristen. 

«Ein Zufall genügt, um unter Terrorismusverdacht zu geraten. Beispielsweise Auslandgespräche in oder vom nahen Osten oder Kommunikation in einer landesfremden Sprache.»

Heute sind die Möglichkeiten viel umfassender. Vergangenes Jahr enthüllte der NSA-Whistleblower Edward Snowden, dass der amerikanische Geheimdienst mit dem Programm Boundless Informant pro Monat auf der ganzen Welt rund 100 Milliarden Datensätze speichert, die Verbindungs- und Bewegungsdaten von Individuen enthalten. Auch in der Schweiz sind die Mobilfunk-Anbieter gesetzlich verpflichtet, von allen Kunden zu speichern, wer wann wo mit wem telefoniert hat. Mit diesen auf Vorrat gespeicherten Daten können Kontaktbeziehungen sowie Bewegungs-, und Persönlichkeitsprofile erstellt werden, ohne dass der eigentliche Inhalt aufgezeichnet wird.

Wenige Parameter genügen, um unter Terrorismusverdacht zu geraten. Beispielsweise Auslandgespräche in oder vom nahen Osten oder Kommunikation in einer landesfremden Sprache. Die Vorratsdaten-Speicherung oder Live-Überwachung von Kommunikation und Bewegungsprofilen sind naturgemäss intransparent und schwach reguliert

Der gläserne Politiker 

Was die Vorratsdaten (wer wann wo mit wem telefoniert oder eine E-Mail schreibt) über uns verraten, zeigen wir am Beispiel von Nationalrat Balthasar Glättli in dieser interaktiven Grafik. Auf Basis der vom Mobilfunk-Provider gespeicherten Daten können Sie alle Bewegungen des Nationalrats in einem Zeitraum von sechs Monaten nachvollziehen. Die Ortungsdaten haben wir zusätzlich mit frei im Internet verfügbaren Informationen aus dem Leben des Parlamentariers (Twitter, Facebook und Webseiten) verknüpft. Sie enthüllen das Beziehungs- und Persönlichkeitsprofil von Balthasar Glättli: Seine zurückgelegten Wege, seine Freunde, seine Interessen.

Mit der Play-Taste startet die Reise durch Balthasar Glättlis Leben. Sie können die Reise an beliebigen Punkten verlangsamen und mit der Pause-Taste anhalten. Zoomen Sie in die Karte, um genauer zu verfolgen, wo sich der Politiker befindet. Der Kalender zeigt Ihnen, an welchen Tagen Glättli in welcher Stadt war.

Die interaktive Karte zeigt, wo Nationalrat Glättli unterwegs war und mit welchen Journalisten, Politikern und Familienangehörigen er kommuniziert hat. Die Personendaten wurden von uns anonymisiert. (Die Karte funktioniert am besten auf einem grossen Bildschirm.)  Grafik: watson.ch, «schweiz am sonntag», opendatacity, digitale gesellschaft

2. Marketing, gute Risiken, schlechte Risiken 

ZU DEN GESCHAEFTSZAHLEN 2013 DER MIGROS-INDUSTRIE STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES THEMENBILD ZUR VERFUEGUNG - Eine Kundin mit einem Einkaufskorb nimmt eine Zitrone aus dem Regal, aufgenommen am 5. Maerz 2013 in der Migros-Filiale in Baden. (KEYSTONE/Gaetan Bally) *** NO SALES, NO ARCHIVES ***

Wer kauft wann was ein? Die Detailhändler wissen es.  Bild: KEYSTONE

Die Archivierung und Analyse von Kundendaten ist ein mächtiges Marketinginstrument. Detail- und Onlinehändler, aber auch werbetreibende Suchmaschinen wie Google oder Newssites wissen, wann ihre Kunden was suchen oder benötigen und dann mit grosser Wahrscheinlichkeit kaufen. So können sie zwar gezielt werben, was auch im Sinne der Konsumenten ist. Aber nicht immer werden die Daten mit der nötigen Sensibilität angewandt. 

«Der Detailhändler wusste aufgrund des Einkaufsverhaltens der Frau, dass diese schwanger war.»

Bekannt ist etwa der Fall, in dem eine Supermarkt-Kette einer jungen Frau unverpackt Werbebroschüren für Babynahrung und -artikel zukommen liess, obwohl diese ihren Verwandten noch nichts von der Schwangerschaft mitgeteilt hatte, was zu innerfamiliärer Aufregung führte. Der Detailhändler wusste aufgrund des Einkaufsverhaltens der Frau, dass diese schwanger war. Auch im Versicherungsgeschäft wird die Datenanalyse herangezogen, um Prämien zu berechnen oder schlechte Risiken zu vermeiden. So zahlen beispielsweise Angehörige von Bevölkerungsgruppen, die statistisch häufig Unfälle verursachen, höhere Prämien als Angehörige anderer Bevölkerungsgruppen. Und das unabhängig von ihrem persönlichen Fahrleistungsausweis. 

3. Verhaltensprognostik

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Tom Cruise fragt in «Minority Report» Verbrechen ab, die in der Zukunft stattfinden werden. 

«Die Rückfallgefahr von Sexual- oder Gewaltstraftätern wird bereits heute aufgrund von Datenanalysen berechnet.»

Nicht nur im Marketing, auch in der Verbrechensbekämpfung wird die Analyse von Big Data herangezogen, um anhand von Massen von gesammelten Daten Verhaltensprognosen von Individuen zu erstellen. So wird beispielsweise die Rückfallgefahr von Sexual- oder Gewaltstraftätern bereits heute aufgrund von Datenanalysen berechnet. Auch die Häufung von bestimmten Arten von Verbrechen an bestimmten Orten oder zu bestimmten Zeiten wird mit Datenanalyse festgestellt, um die Polizeiarbeit effizienter zu gestalten oder Verbrechen vorzubeugen.  

Weiterlesen auf watson zum Thema Big Data und Überwachung im Internet

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