Naher Osten
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A protester turns back tear gas canister against the Lebanese riot police, during anti-government protest following Tuesday's massive explosion which devastated Beirut, Lebanon, Sunday, Aug. 9. 2020. (AP Photo/Hussein Malla)

Bild: keystone

Protest im Libanon gewinnt an Fahrt: Demonstranten fordern radikalen Wandel

Nach der Explosion im Libanon formiert sich eine Protestbewegung. Die Schweiz unterstützt die Bevölkerung mit vier Millionen Franken.

Michael Wrase, Limassol / ch media



In der libanesischen Hauptstadt Beirut sind am Wochenende fast alle Dämme gebrochen. Ohnmächtig vor Wut auf ihre Regierung gingen Zehntausende von Libanesen auf die Strasse. Sie machen die herrschende Klasse direkt für die Katastrophe im Beiruter Hafen mit fast 200 Toten und über 300 000 Obdachlosen verantwortlich.

«Meine Regierung hat mein Volk ermordet», stand auf den Spruchbändern. «Rache, Rache bis dieses Regime ein Ende findet und die Verantwortlichen hängen», skandierten die Demonstranten. Sie sehen sich inzwischen «im Krieg mit ihrer Regierung». «Das ist die Rückkehr der Revolution», hallte es durch die mit Scherben übersäten Strassen am Beiruter Märtyrerplatz.

>>> Alle News zur Situation in Beirut im Liveticker.

Entsprechend entschlossen wurde in der Nacht zum Sonntag zur Sache gegangen. Unterstützt von offenbar «kampferprobten» jungen Libanesen stürmte eine Gruppe von pensionierten Soldaten und Offizieren das Beiruter Aussenministerium.

Aktenschränke wurden verwüstet, die Porträts von Staatspräsident Michel Aoun und anderer nationaler Würdenträger in Brand gesetzt. «Wir haben das Gebäude als Sitz unserer Revolution beschlagnahmt», verkündete ein Sprecher der Demonstranten. Sie brachen in Jubel aus, als an der Fassade ein Transparent mit der Aufschrift «Beirut - Die Hauptstadt der Revolution» ausgerollt wurde.

Premierminister schlägt Neuwahlen vor

Auch das Energieministerium und der Sitz der Bankenvereinigung wurden gestürmt. Unter einem Hagel von Gummigeschossen und Tränengasgranaten verteidigte die Staatsgewalt dagegen das Parlament sowie den Amtssitz von Premierminister Hassan Diab. Der weiss sich angesichts des wachsenden Drucks der Strasse nicht anders zu helfen, als Neuwahlen in zwei Monaten vorzuschlagen - was von der Protestbewegung zurückgewiesen wurde. Informationsministerin Manal Abdel Samad reichte bereits ihren Rücktritt ein. Sie begründete den Schritt mit der Katastrophe vom Dienstag und der Unfähigkeit der Regierung zu Reformen.

Proteste im Libanon

Die vorgeschlagenen Wahlen, das scheint sicher, würden erneut vom «System», das seine entlang konfessioneller Linien abgestützte Herrschaft über Jahrzehnte fest zementiert hat, gewonnen werden. Für die in kleinen Graswurzelbewegungen organisierten Demonstranten käme ein Urnengang dagegen zu früh. Sie wollen nach der Explosion vom Dienstagabend radikale Veränderungen.

Genug ist genug

Die Bruchlinien seien im Beiruter Hafen gezogen worden, sagte Medea Azoury, eine 46-jährige Demonstrantin vor Journalisten. «Genug ist genug», rief die Frau verzweifelt: «Wir werden in diesem Land als Geiseln gehalten. Wir können kein Geld mehr von den Banken abheben und die Menschen sterben vor Hunger».

Fast die Hälfte des Beiruter Stadtgebietes wurde durch die Detonation von 2750 Tonnen Ammoniumnitrat verwüstet, die Getreidespeicher im Beiruter Hafen zerstört. Für mehr als die Hälfte der zweieinhalb Millionen Einwohner der libanesischen Hauptstadt geht es inzwischen ums nackte Überleben.

Darüber waren sich auch die Teilnehmer der Geberkonferenz für den Libanon im Klaren, die am Sonntag von UNO-Generalsekretär Guterres und Frankreichs Präsident Macron geleitet wurde. Die Schweiz, die ebenfalls an der Konferenz teilnahm, sagte mindestens vier Millionen Franken Direkthilfe für die Bevölkerung der libanesischen Hauptstadt zu. Das Geld soll nicht an die Regierung ausbezahlt werden, sondern direkt in den Wiederaufbau fliessen.

Rolle der Hisbollah sorgt für Unmut bei Geberländern

Für Unbehagen bei den meisten Geberländern sorgt vor allem die Beteiligung der pro-iranischen Hisbollah an der noch amtierenden Beiruter Regierung, dessen Ende womöglich bevorsteht. Die Schiitenorganisation wird von der Hälfte der Libanesen als «Staat im Staate» wahrgenommen, der eine prowestliche Ausrichtung des Landes torpediert. Eine von Macron vorgeschlagene internationale Untersuchung der Beiruter Explosion hat Hisbollah-Chef Nasrallah bereits abgelehnt.

Die Überlebenshilfe der Staatengemeinschaft für den Libanon dürfte sich daher auf Sachspenden konzentrieren. Frankreich liefert in den kommenden Tagen 18 Tonnen Medikamente und 700 Tonnen Lebensmittel nach Beirut. Saudi-Arabien, Iran und die Emirate hatten bereits Überlebenshilfe geschickt. (aargauerzeitung.ch)

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Schwere Explosion am Hafen von Beirut

Hoffen auf Lebenszeichen: Retter suchen in Beirut nach Verletzten

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31Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Bivio 10.08.2020 10:48
    Highlight Highlight Es wird sich gar nichts ändern. Der Libanon ist zersplittert in versch. Gruppen. Dazu kommt, dass der Libanon der Spielball von Syrien und Iran ist. Die Hizbollah ist ein nicht zu unterschätzender Faktor und wird im Notfall einen Bürgerkrieg anzetteln, um ihren Einfluss zu sichern. Da nützen alles zivilgesellschaftliche Engagement wenig. Der Iran braucht den Libanon als FOB für den Krieg gegen Israel. Dem ist doch die Bevölkerung oder der Staat völlig egal.
    Nichts wird sich ändern....leider.
  • insert_brain_here 10.08.2020 09:08
    Highlight Highlight Korrupte unfähige Regierung wird abgesetzt: Gut
    Hisbollah und Co. sind bereits in den Startlöchern: Nicht so gut
    • Neruda 10.08.2020 09:52
      Highlight Highlight Solange die Hisbollah besteht, wird sich an der Lage im Libanon nichts ändern. Sie ist wie ein Krebsgeschwür.
    • Hamudi Dudi 10.08.2020 10:02
      Highlight Highlight Wobei die Hisbollah ja bereits Teil der korrupten und unfähigen Regierung ist und sie (die Hisbollah) die letzten Proteste bekämpft hat. Aber ja, es ist bedenklich, was auf die jetzige Regierung folgen könnte.
    • Ueli der Knecht 10.08.2020 10:06
      Highlight Highlight "Korrupte unfähige Regierung wird abgesetzt: Gut
      Hisbollah und Co. sind bereits in den Startlöchern"

      Die Hisbollah ist doch schon längst ein (gewichtiger) Teil der Regierung. Wie in der Schweiz sind alle grösseren Parteien in der Regierung beteiligt. Der Libanon wird (bzw. wurde) auch deshalb oft Schweiz des nahen Osten genannt, weil dort eine Konkordanzdemokratie herrscht.

      Vom demher: Es ist nicht ganz so einfach, wie du dir das aus der Ferne vorstellst, @insert_brain_here. Die Hisbollah geniesst auch in weiten Teilen der Bevölkerung starken Rückhalt.
  • Borki 10.08.2020 08:59
    Highlight Highlight Vier Millionen sind gut. Aber die offizielle Schweiz sollte noch mehr spenden.

    Man muss nicht einmal besonders sozial sein, um das zu unterstützen. Ich wette: Jeder JETZT ausgegebene Franken spart später das dreifache im Asylwesen.
    • Hayek1902 10.08.2020 11:25
      Highlight Highlight Lass uns einfach Geld geben ohne zu wissen für was... Nein, es ist genau nicht gut. Wenn zu viel Geld auf einmal reinprasselt in einen korrupten Staat, dann macht man alles nur schlimmer! Geld sollte nur gesprochen werden, wenn man weiss, für was man es ausgeben will und was es kostet. Ansonsten sind Sachspenden vorzuziehen.
  • rodolofo 10.08.2020 07:22
    Highlight Highlight Da ist er wieder, der "Arabische Frühling"!
    Leider wissen wir bereits, was auf diesen Frühling folgt:
    Der militaristisch-islamistisch-fundamentalistische Winter...
    Psychologischer Permafrost und Permafrust in einer Wüste, in der auch die seltenen Oasen immer mehr austrocknen...
    In diesen düsteren Zeiten wandert mein Blick suchend umher und bleibt in Marokko hängen.
    Dort geschieht gerade Begeisterndes und Bahnbrechendes und Zukunftweisendes:
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  • «Shippi» 10.08.2020 06:21
    Highlight Highlight 💔🇱🇧
  • Antinatalist ⚠ Lockdown-Fan-Club 10.08.2020 05:36
    Highlight Highlight Beirut hat über etwa 2.4 Millionen Einwohner. Das heisst, die Schweiz schickt pro Einwohner nicht einmal 20 Franken. Gut, für Libanesen ist das dann etwa so wie für uns 100 Franken. Aber so darf man ja nicht rechnen.
    Ja, ich weiss auch, dass ein paar andere Länder den Libanon auch noch mit einem nur einstelligen Millionenbetrag unterstützen, aber die haben auch nicht so viele schmutzige Steuermilliarden von Nestlé, Glencore & Co. in den Kassen.

    Bitzli schäbig, vier Millionen.
    • lilie 10.08.2020 10:37
      Highlight Highlight @Antinatalist: Das ist ja nur der Anteil des Bundes. Dazu kommen zahllose Hilfswerke, die bereits vor der Katastrophe im Libanon tätig sind und jetzt viele Spenden sammeln können. Allein die Glückskette hat schon über 1.2 Millionen für die Katastrophenhilfe zusammen, und es wird bestimmt noch mehr werden.
    • Hayek1902 10.08.2020 11:28
      Highlight Highlight Es hält dich niemand zurück, mehr von deinem Geld abzugeben. Aber hauptsache die anderen sollen zahlen für Dinge, die ich will. Was denkst du, wie viel Geld nach Beirut nunnfliesst? Die Schweiz ist nicht das einzige Land, das Mittel zur Verfügung stellt und wir müssen sie nicht slleine retten. Dieses Helfersyndrom ist genau das, was die Korruption stärkt und dem Lamd langfristig noch mehr schadet.
  • Cbd 09.08.2020 23:16
    Highlight Highlight Der Iran aka Hezbollah muss aus dem Libanon raus. Überall wo der Iran seine Finger im Spiel hat werden die Orte instabil. Auch die korrupte Regierung die sich das Geld in die eigenen Taschen gestopft hat muss weg, sonst sehe ich schwarz für den Libanon.
    • Neruda 10.08.2020 09:53
      Highlight Highlight Und USA und Saudi-Arabien bitte gleich mit. Sonst bringt das nichts.
  • Wellenrit 09.08.2020 23:09
    Highlight Highlight Das einzig positive an dieser Geschichte ist für einmal ist nicht der Islam oder die Amerikaner verantwortlich. Dazu kommt die Menschen demonstrieren für einen besseren Staat ich hoffe es gelingt ihnen ihre ziele zu erreichen und nicht einen Spielball von verschiedenen Mächten zu werden.
    • Neruda 10.08.2020 09:56
      Highlight Highlight Die Hisbollah ist mitverantwortlich für die Situation und die argumentiert sehr wohl mit dem Islam. Denen ist egal, dass die Mehrheit einen liberalen Staat haben möchte.
  • Triple A 09.08.2020 22:57
    Highlight Highlight Es ist Zeit, dass Europa hier politisch Einfluss nimmt. Aber mit Nachdruck!
    • Schutudent 09.08.2020 23:13
      Highlight Highlight und mit welcher rechtfertigung? libanon ist und bleibt ein suveräner staat. weder die schweiz, eu, usa oder ein anderes land hat das recht sich da politisch einzumischen. und ja ich bin auch ein gegner der einmischung westlicher staaten in die politik der nah östlichen
    • Thoro Z 09.08.2020 23:27
      Highlight Highlight Seit wann ist das eine gute Idee? Wann in der Geschichte seit den Kreuzzügen kam da was Gutes raus wenn das Abendland sich einmischte?
    • Andre Buchheim 10.08.2020 00:01
      Highlight Highlight Europa sollte unbürokratische Hilfe leisten, keinen Druck ausüben. Zumal echte, stabile Veränderungen immer von Innen kommen muss. Die Frage wäre eher, wie können wir den Prozess der Freiheit unterstützen?
      Aber ich gebe zu, die verfahrene Situation macht es echt schwierig.
      Ich wünsche dem Libanon und der Region jedenfalls eine Zukunft in Freundschaft, Frieden und Freiheit.
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