Frauen in der Geschichte
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bild: hannah arendt private archive via zeitgeistfilms

Wie Hannah Arendt die Welt vor der Banalität des Bösen retten wollte

Die Frau, die nur knapp den Nazis entfloh und zur bedeutendsten Philosophin des 20. Jahrhunderts wurde.

21.03.18, 20:00 22.03.18, 13:30
«Sozialer Nonkonformismus ist das sine qua non grosser intellektueller Leistungen.»

Hannah Arendt

Hannah Arendt war eine kontroverse Denkerin, immer stiess sie an mit ihren mutigen Ansichten, die sich einfach nicht in eine Schublade einordnen lassen. Ein Leben lang bewahrte sie sich ihre Unabhängigkeit, obwohl oder vielleicht auch gerade, weil sie Jüdin war. Von der Gesellschaft, in die sie hineingeboren wurde, erst verachtet, dann verstossen und am Ende verfolgt, floh sie nach Paris und später nach New York, wo sie in den 1950er Jahren weltweit als herausragende politische Theoretikerin gefeiert wird – «vergleichbar mit Marx», wie es aus den Lobspalten der Kritiker ertönt. 

Wir wollen uns hier allerdings nicht zu sehr an Hannah Arendts Biographie entlanghangeln, wir wollen uns vor allem ihren Gedanken zuwenden. Denn, wie sie selbst sagte:

«Die Form der Biographie ist ziemlich ungeeignet für diejenigen, bei denen das Hauptinteresse nicht in der Lebensgeschichte liegt, wie beim Leben von Künstlern und Schriftstellern und ganz allgemein Männern und Frauen, die durch ihr Genie gezwungen waren, sich die Welt auf Distanz zu halten, und deren Bedeutung hauptsächlich in ihren Werken liegt, den Artefakten, die sie der Welt schenkten, nicht der Rolle, die sie in ihr spielten.»
Hannah Arendt

Obwohl ihr Schicksal so sehr verwoben war mit dem Gegenstand ihres Denkens gelang es ihr stets, eine souveräne Distanz zu wahren. Hannah Arendt versuchte redlich zu verstehen, warum so etwas wie der Holocaust geschehen konnte. Manchen mag ihr Vorgehen schonungslos vorgekommen sein, andere hielten sie für unsensibel und arrogant. Hannah Arendt stellte unangenehme Fragen – in ihrem aufrechten Versuch, die Menschen zu verstehen, war sie tatsächlich rücksichtslos. 

Hanna Arendt, stets mit Zigarette. bild: hannah arendt private archive via zeitgeistfilms

Und mochte die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg noch so verdüstert gewesen sein, mochte ob dieser modernen Barbarei nichts mehr einen Sinn ergeben, Hannah Arendt verlor nie das, was sie amor mundi nannte, die Liebe zur Welt. Und diese nun in Scherben liegende Welt wollte sie wieder ganz machen.

Die zerbrochene Welt

Bereits der Erste Weltkrieg hinterliess ein Heer von zerrissenen Seelen, das umherirrte und nach den alten Werten suchte, die der Krieg zerfetzt hatte. Der Philosoph Gabriel Marcel schrieb 1933 ein Theaterstück über diese «zerbrochene Welt». Hannah Arendt nannte das Gefühl, das die Menschen damals bestimmte, «Verlassenheit». Und sie waren tatsächlich verlassen. Von Gott und von allem anderen, woran sie geglaubt hatten. Nichts schien mehr von Bedeutung zu sein. Der französische Existentialist Sartre lässt seine Hauptfigur in «Der Ekel» sagen:  

«Ich war mir dessen immer bewusst gewesen, ich hatte kein Recht zu existieren. Ich war zufällig erschienen, ich existierte wie ein Stein, eine Pflanze, eine Mikrobe.»

Jean-Paul Sartre, «Der Ekel», 1938

Das Dasein war leer geworden, jeglicher Sinn war im Granatenhagel der Schlachtfelder untergegangen. Für Hannah Arendt antworteten totalitäre Systeme wie der Nationalsozialismus und der Stalinismus genau auf solche Gefühle der Verlassenheit. Sie versprechen den Menschen Sicherheit und Geborgenheit – zum Preis der Unterwerfung. Sie bieten einfache Antworten auf eine komplexe Welt – und verkaufen sie als absolute Wahrheit. Sie beschwören eine «Volksgemeinschaft» oder eine «Arbeiterklasse» und konstruieren damit ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das auf Gleichschaltung der Dazugehörigen und dem Ausschluss einer «Rasse» oder einer «Klasse» beruht.

«Was moderne Menschen so leicht in die totalitären Bewegungen jagt und sie so gut vorbereitet für die totalitäre Herrschaft, ist die allenthalben zunehmende Verlassenheit.»

Hannah Arendt in «Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft», 1951

Geboren wurde Hannah Arendt am 14. Oktober 1906, 22 Stunden dauerte es, bis sie auf der Welt war, notierte ihre Mutter Martha Cohn Arendt in ihr Büchlein mit dem Titel «unser Kind». 

Wie der Antisemitismus Hannah Arendt zur Jüdin macht

Hannah Arendt war zwölf Jahre alt, als der Erste Weltkrieg endete. Sie wuchs in einer assimilierten jüdischen Familie auf, im ostpreussischen Königsberg. Ihr Vater starb bereits 1913 an Syphilis, fünf Jahre lang zog sich sein Tod hin – dann war die kleine Hannah mit ihrer Mutter allein. 

Sie verlangte von ihrer Tochter, ihr sofort zu erzählen, wenn ein Lehrer sich antisemitisch äussern sollte. Geschah dies, so setzte Martha Arendt einen ihrer zahllosen Beschwerden an die Schulbehörde auf. Doch wurde Hannah von anderen Kindern als Jüdin gehänselt, so musste sie sich selbst dagegen wehren – dann duldete die Mutter kein Jammern und kein Klagen.

Mit 15 Jahren wird sie von einem jungen Lehrer dermassen erniedrigt, dass sie ihre Mitschüler davon überzeugte, seinen Unterricht zu boykottieren. Hannah wird vom Gymnasium geworfen. Über den Inhalt der Beleidigung verlor sie nie ein Wort.

Ihr Abitur darf sie als Externe dennoch abschliessen. Hannah ist jetzt 18 Jahre alt und zieht nach Berlin in eine Studentenbude, besucht Vorlesungen in Griechisch, Latein und christlicher Theologie. Es ist das Jahr 1924 und die Säulen der jungen Weimarer Republik wackeln gefährlich, die harten Vertragsbedingungen des Versailler Vertrags beuteln das Land und seine Leute, den Parlamentarismus wollen die wenigsten, und in den tristen Hinterhöfen dieser «Demokratie ohne Demokraten» erzählt man sich, das deutsche Heer sei im Felde tatsächlich unbesiegt geblieben.

Deutschland, 1923: Die Regierung der Weimarer Republik weitete die Geldmenge Ende des Ersten Weltkrieges massiv aus, um die Staatsschulden zu beseitigen. Das führte zu einer Hyperinflation. Das Geld war so wertlos geworden, dass Kinder die Notenbündel als Lego verwendeten, man nutzte sie fürs Tapezieren von Wänden oder verbrannte sie, weil es billiger war als Feuerholz zu verwenden.

Durch Verräter und Reichsfeinde aus der sozialdemokratischen Ecke hätte es einen Dolchstoss von hinten erhalten. Eine Propagandalüge, die die zerschmetterte Selbstachtung der Deutschen wieder zusammenfügen sollte, in dem sie ihnen den Sündenbock für die Niederlage und für ihr elendes Leben lieferte.

Viele der Soldaten waren durch den Krieg verroht, entweder kannten sie nichts ausser das Handwerk der Gewalt oder sie hatten durch das Stahlgewitter ihre friedlichen Fähigkeiten verloren. Ein fruchtbarer Boden für den grassierenden Antisemitismus, für all die bösen Mythen über die verräterischen und weltweit organisierten Finanzjuden. 

Antisemitische österreichische Postkarte zur Dolchstosslegende aus dem Jahr 1919. Antisemiten verknüpften den Mythos der Reichsfeinde zusätzlich mit dem Trugbild des internationalen Judentums. bild: wikimedia

Ohne die Judenfeindlichkeit hätte sich Hannah Arendt gar nicht so sehr mit dem Jüdischsein auseinandergesetzt. Sie war aufgeklärt, hatte kein religiöses Verhältnis zum jüdischen Glauben, sie besuchte theologische Vorlesungen und beschäftigte sich intensiv mit dem Kirchenvater Augustinus. Da war keine Andersartigkeit zu ihren christlichen Freunden. Erst der fortschreitende Antisemitismus wird ihr immer deutlicher machen, dass man Rassenunterschiede herbeiideologisieren kann – mit den ungeheuerlichsten Konsequenzen. 

An der Universität Marburg studiert Hannah bei dem jungen und bereits für seine Genialität gefeierten Martin Heidegger und begeistert sich nicht nur für seine Aristoteles-Vorlesungen; sie ist 19 Jahre alt, er 35, und die beiden verlieben sich ineinander. Er liebt den Glanz ihrer Augen, ihre Schönheit, ihre Aura von Intelligenz und Melancholie. Er liebt auch ihre Leidenschaft für die Philosophie und natürlich für ihn, den Philosophen.

Heidegger nennt Hannah das «schöne und wunderbare Mädchen aus der Fremde». Doch er hat auch eine Frau und zwei Söhne. Um den bürgerlichen Schein zu wahren, will er das erotische Abenteuer geheim halten. Er bestimmt Zeit und Ort der Treffen mit Hannah, manchmal ist es sein Haus, dann wieder der Wald.

Der Philosoph Martin Heidegger als junger Mann. Die Freundschaft zwischen Hannah und ihm bleibt mit Unterbrüchen bis zu ihrem Tod bestehen. bild: pinterest

Lange funktioniert dieses versteckte Liebesspiel nicht und so verlässt Hannah 1926 auf seinen Wunsch Marburg in Richtung Freiburg, um anschliessend Philosophie bei Karl Jaspers in Heidelberg zu studieren. 

Heidegger und seine Frau Elfride wurden später beide Gefolgsleute der Nazis. Was Hannah mit ihrem ehemaligen Geliebten getan hatte, lief im Dritten Reich unter dem Verbrechen der «Rassenschande». Und doch schreibt sie Heidegger 1948 wieder, erstmals nach 22 Jahren. Der ehemalige Nazi mochte das Wiederfinden seines inzwischen glücklich verheirateten «Mädchens aus der Ferne» bedichten, doch nie verlor der grosse Philosoph ein Wort über das inzwischen berühmte Werk seiner ebenso gross gewordenen Schülerin. 

Heidegger gemeinsam mit seiner Frau Elfride und seinen Söhnen Jörg und Hermann. bild: reddit 

Der Brief, den Hannah 1950 an Heideggers Frau schreibt, offenbart sehr schön ihr unaufhörliches Streben, die Menschen verstehen zu wollen. Sie schreibt:

«Sie haben doch aus ihren Gesinnungen nie einen Hehl gemacht, tun es auch heute nicht, auch mir gegenüber nicht. Diese Gesinnung nun bringt es mit sich, dass ein Gespräch fast unmöglich ist, weil ja das, was der andere sagen könnte, bereits im vornherein charakterisiert und (entschuldigen Sie) katalogisiert ist – jüdisch, deutsch, chinesisch. Ich bin jederzeit bereit, habe das auch Martin angedeutet, über diese Dinge sachlich politisch zu reden: bilde mir ein, ich weiss einiges darüber, aber unter der Bedingung, dass das Persönlich-Menschliche draussen bleibt. Das ist der Ruin jeder Verständigung, weil es etwas einbezieht, was ausserhalb der Freiheit des Menschen steht.»
Hannah Arendt in einem Brief an Elfride Heidegger, 1950

Hannah wollte alles und jeden verstehen, in ihren persönlichen Beziehungen ebenso wie in ihrem intellektuellen Schaffen als politische Theoretikerin. Das war ihre Hauptintention.

In einem Fernsehinterview wird die 58-jährige Hannah Arendt von Günter Gaus gefragt, ob sie mit ihren Arbeiten eine breite Wirkung erzielen wolle. Sie lächelt ein leicht überlegenes, aber eher mütterliches als arrogantes Lächeln, und antwortet ihm:

«Wenn ich ironisch reden darf, das ist eine männliche Frage. Männer wollen immer furchtbar gerne wirken. Ich sehe das von aussen. Ich will nicht wirken, ich will verstehen. Und wenn andere Menschen verstehen, im selben Sinne wie ich verstanden habe, dann gibt mir das eine Befriedigung – wie ein Heimatgefühl.» 

Hannah Arendt 1964 im Gespräch mit Günter Gaus. Video: YouTube/ArendtKanal

Ein auf deutschem Boden gründendes Heimatgefühl blieb ihr als Jüdin auch verwehrt. Bald musste sie feststellen, dass weder die Säkularisierung noch die Aufklärung oder die Emanzipation der Juden in der Weimarer Republik dem Antisemitismus die Grundlage entzogen hatte. 

Und so beginnt sie in Heidelberg bei Karl Japsers der Frage nachzugehen, wo der Hass auf die Juden ursprünglich herkommt.

Seine Entstehung verortet Hannah Arendt im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, da, wo die Europäer ihre gierigen Imperialisten-Finger nach Afrika ausstreckten und die Unterdrückung seiner Kolonialreiche rassistisch durch einen fehlinterpretierten Darwinismus legitimierten. Da, wo man von den «Primitiven» auf dem schwarzen Kontinent sprach, die es zu zivilisieren galt. Zu diesem kulturellen Überlegenheitsgefühl gegenüber den «Naturvölkern» gesellten sich biologische Argumente, gebastelt aus scheinwissenschaftlichem Material. Und so hiess es bald: Jüdisch-Sein, das ist ein unauslöschlicher Makel. Da ist keine Entwicklung mehr möglich. 

«Aus dem Gesicht spricht die Seele der Rasse»: Aus dem pseudowissenschaftlichen Lehrbuch von Alfred Vogel, «Erblehre, Abstammungs- und Rassenkunde in bildlicher Darstellung», 1938.  bild: museumköln 

Hannah Arendt unterscheidet den früheren Judenhass vom modernen Antisemitismus: Christen und Juden bekämpften sich einst gegenseitig und es bestand die Möglichkeit auf Bekehrung oder Konversion, im weitesten Sinne also auf Versöhnung. Der rassistische Antisemitismus aber schliesst das aus, die Differenz wird unüberbrückbar, weil sie pseudobiologisch an der «Rasse», am Blut festgemacht wird – und letztlich in einen blutigen Überlebenskampf ausartet.

Hier verlieren dann auch die alten antijüdischen Schuldvorwürfe des Gottesmordes, der Ritualmorde oder der Hostienschändung ihre Bedeutung. Was die Juden angeblich tun oder nicht tun, interessiert niemanden mehr, einzig was sie angeblich sind und vor allem was sie eben nicht sind, ist noch von Belang.

Was tun mit dem Jüdischsein?

Als Hitler an die Macht kommt, schreibt Hannah Arendt an einem Manuskript über die Lebensgeschichte von Rahel Vernhagen, einer deutschen Jüdin der Romantik – sie wird zu Hannahs Identifikationsfigur.

Die jüdische Schriftstellerin und Salonnière Rahel Varnhagen (1771–1833), geborene Levin. Die letzten Kapitel über Rahel wird Hannah erst 1938 in Paris zu Ende schreiben, erscheinen wird das Buch 1958 in den USA. bild: wikimedia

Rahel betreibt um 1800 einen erfolgreichen Salon in Berlin, wo sich die berühmtesten Literaten ihrer Zeit genauso einfinden wie die Mitglieder des preussischen Königshauses. Es gelingt ihr also, mit der bürgerlichen Gesellschaft in Berührung zu kommen, doch wirklich dazugehören wird sie nie. Denn Rahel ist Jüdin, eine «unansehnlicher als hässliche» Jüdin noch dazu, eine ohne jede Grazie, wie sie selbst sagt. Deshalb haftet ihr nach Hannah Arendt ein doppelter Makel an.

Mit 43 Jahren heiratet sie Karl August Varnhagen, wovon sie sich einen gesellschaftlichen Aufstieg verspricht. Sie konvertiert zum Christentum und legt ihren jüdischen Namen ab. Für einen Mann, den sie nicht liebt, verleugnet sie ihre jüdischen Wurzeln. 

Karl August Varnhagen von Ense (1785–1858) war ein deutscher Chronist, Erzähler, Biograph, Tagebuchschreiber und Diplomat. bild: wikimedia 

Und Hannah kommt zum Schluss: Aus dem Judentum kommt man nicht heraus. Rahel versuchte ein Parvenü zu sein, ein Begriff, den Hannah für einen angepassten Juden verwendet. Für den Ausnahmejuden, der sich gezwungen sieht, sich selbst und sein ganzes Volk zu verleugnen, um in der Gesellschaft aufsteigen zu können. Ja, der am Ende selbst den ganzen Judenhass mitübernehmen muss.

«Das Bedauern der Parias, es nicht zum Pavenü gebracht, und das schlechte Gewissen des Parvenüs, das Volk verraten, seine Herkunft verleugnet und die Gerechtigkeit für alle gegen individuelle Vorrechte eingetauscht zu haben, bildeten seit Mitte des vorherigen Jahrhunderts den Grundstock der sogenannten komplizierten seelischen Verfassung durchschnittlicher Juden.»
Hannah Arendt

Letztlich, so Hannah, gelang Rahel das Parvenü-Leben nicht – sie blieb Paria, eine Aussenseiterin, eine Verstossene, die ihrem Jüdischsein nicht entkommen kann. Für Hannah Arendt bedeutet Jüdischsein im Jahr 1933 noch mehr: Es ist ein Schicksal, das von Geburt an feststeht. Da ist keine Wahl mehr zwischen Anpassung oder Aussenseitertum, sie und mit ihr alle anderen Juden sollten verfolgt und ermordet werden – so will es die Endlösung der Nationalsozialisten.

Hannah Arendt flüchtet nach Paris

Hannahs erster Ehemann Günther Anders hatte sich bereits Anfang 1933 nach Paris abgesetzt, als sie weiterhin in Berlin lebte und in ihrer Wohnung von den Nazis verfolgte Menschen versteckte. Sie wollte Widerstand leisten, aber als sie im Juli ihre Mutter besuchte, wurde sie verhaftet und eine Woche lang verhört. Irgendwie schaffte sie es, sich ohne Anwalt freizukriegen. Aber die Situation war unhaltbar geworden. Sie musste zusehen, wie manche ihrer Freunde verfolgt wurden und sich die anderen an das neue Klima anpassten. 

Nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 wurde die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat erlassen. Damit wurden die Grundrechte der Weimarer Verfassung de facto ausser Kraft gesetzt und der Weg freigeräumt für die legalisierte Verfolgung der politischen Gegner der NSDAP. bild: wikimedia

Im Juli flüchtet sie von Berlin nach Prag, über Genua und Genf nach Paris, wo sie als staatenlose Jüdin lebt. Die Nationalsozialisten haben sie ausgebürgert – so wie sie es bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges mit 39'005 anderen Personen machen werden. Angesichts der Hilflosigkeit tritt sie für einige Zeit der zionistischen Bewegung bei, um die Emigranten auf das Leben in Palästina vorzubereiten.

Für sie selbst ist dies keine Option, sie lebt gern in Paris, umgibt sich da mit anderen Flüchtlingen, mit ihren Freunden Walter Benjamin und Heinrich Blücher, der 1940 ihr zweiter Mann wird. Mit ihm wird Hannah Arendt debattieren und streiten, hier werden sich zwei willensstarke und viel denkende Menschen ein Leben lang geistig befruchten. 

Hannah Arendt mit ihrem zweiten Ehemann Heinrich Blücher, mit dem sie bis zu ihrem Tod verheiratet war. bild: hannah arendt private archive via zeitgeistfilms

Am 10. Mai 1940 überfallen Hitlers Truppen die neutralen Benelux-Staaten und marschieren in Frankreich ein. Für die Emigranten mit ehemals deutschem Pass bedeutet das Internierung. Damit wollten die französischen Behörden der Spionage und Sabotage vorbeugen.

Hannah muss sich gemeinsam mit anderen Frauen mit maximal 30 Kilo Gepäck im Sportpalast melden. Und während sich die Nazis Paris nähern, bleibt sie eine Woche lang ohne Nachricht.

Nationalsozialisten in Paris, 1940. bild: reddit

Als Jüdin aus Deutschland vertrieben. In Frankreich als Deutsche interniert. Und schliesslich, als ihre neue Heimat Hitlers Männern unterliegt, findet Hannah sich als gefangene Jüdin wieder – in Gurs, nahe der Pyrenäen, dem grössten französischen Internierungslager. Doch sie schafft es auch von hier zu flüchten. Der Mehrheit gelingt das nicht – sie landen in den Gaskammern der deutschen Vernichtungslager. 

Im Mai 1941 kommt sie mit nur 25 Dollar in der Tasche in New York an, wo sie gemeinsam mit Heinrich und ihrer Mutter in einer winzigen Wohnung lebt. Erst arbeitet sie als Haushaltshilfe, beginnt dann Zeitungsartikel zu schreiben. Ein Jahr später bekommt Hannah Arendt bereits ihren ersten Lehrauftrag am Brooklyn College.

«Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft»

1951 erscheint ihr 1000 Seiten schweres Hauptwerk in Englisch. In linken Kreisen wird es nicht gerne gelesen, dort jubeln noch immer einige der stalinistischen Version des Kommunismus' entgegen. Hannah Arendt besass in ihren Augen die Frechheit, den Nationalsozialismus mit dem Stalinismus zu parallelisieren, und beide als gleichermassen totalitäre Systeme zu definieren, deren wesentliches Element der Terror ist. 

Sie beschreibt in ihrem Buch, wie die totale Herrschaft jegliche Form von Koexistenz, von Vielfalt und Pluralität erstickt. Denn absolute Kontrolle übt man nur dann aus, wenn alle dasselbe denken und alle gleichgeschaltet handeln, wenn den Menschen jegliche Spontanität ausgetrieben wird. Wenn sie nicht mehr nachdenken, erhält man die vollständig disziplinierte Gesellschaft.

Und wie bringt man die Leute dazu, nicht mehr selbst zu denken? 

Man liefert dem nach Hannah Arendt «verlassenen» modernen Menschen einen neuen Glauben. Eine Ideologie, die ihm alles erklärt und mit dem sich alles rechtfertigen lässt. Diese wird mittels scheinwissenschaftlicher Theorien gefestigt, die als absolute Wahrheiten verkündet werden. Jegliche Zweifel daran werden verbannt. Es gibt in einer solchen Ideologie ein überlegenes Volk und einen inneren Feind, der eliminiert werden muss. Das ist der Kern, der das Handeln bestimmt: Die Juden werden im Nationalsozialismus als Feind ausgemacht, weil sie gemäss der Rassenkunde minderwertig sind, folglich gehören sie ausgerottet – so die «eiserne Logik» dieses Systems.

Worms, 1935: Passanten vor einem Stürmerkasten. «Der Stürmer» war eine antisemitische Wochenzeitung. bild: wikimedia

Diese sicheren Wahrheiten legitimieren dann auch den Terror, der gegen den «Feind» und gegen die «Falschgläubigen» gerichtet wird. Dieser wird im Nationalsozialismus in den Konzentrationslagern, im Stalinismus in den Gulags institutionalisiert. Diese Vernichtungsmaschinerie führt gemäss der Ideologie nur beschleunigend aus, was die Natur sowieso vorgesehen hat. Es herrscht die totale Gewalt, die die Grenzen zwischen Zivilem und Militärischem auflöst und am Ende sogar fähig ist, die intimsten zwischenmenschlichen Bande zu zerstören durch die gesetzliche Regulierung von Eheschliessungen, das Ausspionieren und Denunzieren von Nachbarn, Freunden und Familienmitgliedern.

Gulag Workuta, 1930er. Workuta liegt 120 km südlich des Polarkreises. Bild: ap

Im Stalinismus ging dieser Terror so weit, dass selbst unschuldige Genossen in den Schauprozessen Dinge gestanden, die sie niemals verbrochen hatten. Sie bewiesen ihre unverbrüchliche Treue damit, dass sie lügten, sich in Selbstkritik ergingen, und das, obwohl sie ganz genau wussten, dass dies ihren Tod bedeutet. Und so starben sie als Märtyrer für ihre Partei, die doch niemals falsch lag. 

Um diesen flächendeckenden Terror ausüben zu können, braucht ein totalitäres System eine Bürokratie. Eine, die reibungslos funktioniert, weil jeder darin folgsam seine Aufgaben ausführt und nichts davon hinterfragt. Hannah Arendt nennt dies «die Herrschaft des Niemand» – die verehrende Folgen für die Urteilskraft und das Verantwortungsgefühl des Einzelnen hat.

Eichmann und die Banalität des Bösen

Einer dieser gefolgsamen Untertanen wird 1960 in Argentinien aufgespürt und nach Israel entführt. Endlich, dachte man sich dort, haben wir einen der Haupttäter gefasst, den Mann, der die Vertreibung und Deportation der Juden leitete. Adolf Eichmann. Und im lauten Geschrei nach Gerechtigkeit verhallte auch die Forderung nach einem internationalen Gerichtshof. Eichmann wurde in Jerusalem der Prozess gemacht und Hannah Arendt sass als Reporterin für den «New Yorker» mit im Saal.

Der SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann. bild: wikimedia

Eichmanns Anwalt verteidigte die Handlungen seines Klienten als Hoheitsakte, die dieser nur vollstreckt habe, für die er aber keine Verantwortung trage. Er forderte Eichmanns Freispruch. Bekommen hat er den Tod durch den Strang. 

Hannah Arendt kritisierte zahlreiche Aspekte des Prozesses in ihren Artikeln, vor allem war es ihr ein Gräuel, dass das Ganze als Medienspektakel aufgezogen wurde. Ein Staatsanwalt, der Pressekonferenzen gab, in denen er sich Reflexionen darüber hingab, wie der Holocaust überhaupt geschehen konnte, und dessen Ausführungen im Fernsehen durch Werbung unterbrochen wurden. 

«Gerechtigkeit verlangt äusserste Zurückhaltung und den Abbruch aller Beziehungen zur Öffentlichkeit, sie erlaubt gerade noch die Trauer, aber nicht einmal den Zorn, und sie diktiert schliesslich strengste Enthaltsamkeit gegenüber allen Verlockungen, sich durch Scheinwerfer, Kameras und Mikrophone ins Rampenlicht zu spielen.»
Hannah Arendt, «Eichmann in Jerusalem», 1966

Doch Hannah Arendt selbst löste einen Skandal aus, als zwei Jahre später ihr Buch «Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen» erschien. Denn Israel wollte einen Hauptkriegsverbrecher, ein Monster, und bekam einen Hanswurst. Einen ganz banalen Schreibtischtäter, irgendeiner dieser folgsamen Empfänger von Weisungen. So beschrieb sie Eichmann – und für viele, vor allem jüdische Menschen, war Arendts Charakterisierung dieses Mannes eine unerhörte Verharmlosung. 

Adolf Eichmann während seines Prozesses im Glaskäfig, flankiert von Polizisten. Er wurde zum Tode verurteilt und in der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni 1962 durch den Strang hingerichtet. Bild: AP/AP

«Arendt verweigerte sich der Einsicht in die kranke, sadistische Natur dieses Täters und schritt mit dem ganzen Stolz ihrer Intelligenz über die historische Erfahrung und die aktuellen Empfindungen ihrer Zeitgenossen hinweg.»

Der amerikanische Philosoph Gary Smith im Jahr 2000

Sie mochte arrogant wirken, doch war ihre Distanziertheit, ihre Rücksichtslosigkeit im Urteil Eichmanns vielmehr ihrer intellektuellen Redlichkeit geschuldet. Hannah Arendt wollte wahrhaft verstehen, warum der Holocaust geschehen konnte, und für sie liess sich das nicht mit der Vorführung eines kranken, sadistischen Täters machen. 

Denn das Kranke war im Dritten Reich zum Gesunden geworden, ein Mord war da kein Mord mehr, sondern eine «Sonderbehandlung» und niemand schien sich zu wundern, niemand schrie auf, niemand tat etwas, wenn der Nachbar deportiert wurde. Nach Hannah Arendt hatte der sogenannte gesunde Menschenverstand komplett versagt.

Auf ethische Werte war kein Verlass mehr, sie wurden ihrer Gültigkeit beraubt, ja geradezu in ihr Gegenteil verkehrt. Wörter wie wahr oder falsch, gut und böse, sie alle waren ihres eigentlichen Sinnes enthoben worden. Formale Regeln und die eiserne Logik einer antisemtitischen Ideologie hatten die Gehirne vernebelt und offenbar die Urteilsfähigkeit der Menschen ausgeschaltet. 

Adolf Eichmann war für Hannah Arendt nur einer dieser Unfähigen, der verlernt hatte, über die Wirkungen der eigenen Handlungen nachzudenken. Er gehörte zum Typus Untertan, der überall dort zu finden ist, wo er als Rädchen ein autoritäres System am Laufen hält. Denn in so einer Gesellschaft tragen nur die leitenden Politiker Verantwortung. Der ganze Rest besteht nur aus treuen Untertanen, gehorsamen Bürokraten und ordentlichen Soldaten, die ihre Gefolgsamkeit für eine Tugend halten. 

Der Bund der Deutschen Mädel (BDM) am Reichsparteitag der NSDAP 1938 in Nürnberg. Die Mädchen gehörten dem weiblichen Zweig der Hitlerjugend an. bild: via ebaumsworld

Ein schlechtes Gewissen hätte Eichmann nur bereitet, wäre er den Befehlen nicht nachgekommen. Der Nazi-Ideologe Hans Frank, der sich als Hitlers Rechtsanwalt und «Judenschlächter von Krakau» einen Namen machte, wertete für das «reine Gewissen» seiner Gefolgsleute eigens Kants kategorischen Imperativ um:

«Handle so, dass der Führer, wenn er von deinem Handeln Kenntnis hätte, dieses Handeln billigen würde!»

Hans Frank, 1942

Die Nazis verstanden es, die Verantwortungslosigkeit ihrer Untergebenen in grossen Apparaten zu perfektionieren. Eichmann liess sich kein einziger Mord nachweisen, den er eigenhändig begangen hätte.

«Im Dritten Reich hatte das Böse die Eigenschaft verloren, an der die meisten Menschen es erkennen – es trat nicht mehr als Versuchung an den Menschen heran.»

Hannah Arendt, «Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen», 1966

Das Milgram-Experiment bestätigte Arendts These von der Banalität des Bösen. Durchschnittliche Personen sind dazu bereit, autoritären Anweisungen auch dann Folge zu leisten, wenn sie in direktem Widerspruch zu ihrem Gewissen stehen. Der Versuch bestand darin, dass ein «Lehrer» – die eigentliche Versuchsperson – einem «Schüler» (ein Schauspieler) bei Fehlern vermeintlich einen elektrischen Schlag versetzte. bild: youtube 

Heute gibt es Zweifel daran, ob Adolf Eichmann sich seiner Taten tatsächlich so unbewusst war. Die deutsche Historikerin Bettina Stangeth beschrieb seine Person in ihrem 2011 erschienen Buch «Eichmann vor Jerusalem – Das unbehelligte Leben eines Massenmörders» ganz anders als Hannah Arendt. Sie benutzte dafür bis dahin unbekannte Original-Handschriften und Dokumente, die sie in deutschen Archiven wiederentdeckt hatte und kommt zum Schluss, dass Eichmann in Jerusalem eine perfide Show abgezogen habe. Hannah Arendt sei wie nahezu alle anderen darauf hereingefallen.

Doch die Historikerin betont, dass Hannah Arendts Theorie der Banalität des Bösen nicht falsch werde, nur weil Eichmann «das falsche Beispiel» dafür gewesen sei. 

Hannah Arendt schonte indes in ihrem Buch auch gewisse Juden nicht. Sie konfrontierte die teilweise mit den Nationalsozialisten kooperierenden Judenräte mit dem Vorwurf, den Holocaust noch verschlimmert zu haben. Sie öffnete das für Juden «dunkelste Kapitel der dunklen Geschichte».

«Wenn die einen sich in der Weltgeschichte ihr Alibi für konkrete Mordtaten holen, so wünschen die anderen, weil sie angegriffen und in der Defensive sind, unter gar keinen Umständen konkret ihren Anteil an Verantwortung zu diskutieren.»
Hannah Arendt, «Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft», 1951

Man darf die Denkerin hier nicht missverstehen. Sie mass diesen Juden keine ursächliche Schuld am Holocaust zu, sie spricht aber die Opfer im Rahmen ihrer Handlungsoptionen – Kooperationsverweigerung, Verzögerung, Ausweichtaktiken – nicht von jeglicher Verantwortung frei. 

Das Eingangstor zum Konzentrationslager Auschwitz. Bild: EPA

Und was bleibt am Ende? Eine menschliche Tragödie. Ein Scherbenhaufen korrumpierter Werte. Eine abermals zerbrochene Welt, in der jegliche Kultur, jegliche Religion und jegliche Moral fragwürdig geworden war. 

Und doch hört Hannah Arendt nicht auf, die Welt wieder zusammenfügen zu wollen. Sie fragt: Wie kann ein totalitäres System wie der Nationalsozialismus in Zukunft verhindert werden?

Hannah Arendts Vorstellung von der Demokratie

Die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs hatten sie gelehrt, dass eine gemeinsame Welt nicht durch ein gleiches Weltverständnis, eine Leitkultur, eine gemeinsame Religion oder Ideologie entsteht. Der Nationalstaat des 19. Jahrhunderts hatte versucht, eine nicht vorhandene Homogenität herzustellen, alle Menschen an eine Leitgruppe anzugleichen. Er war gescheitert.

Für Hannah Arendt ist der Pluralismus einer Gesellschaft der Garant für eine friedliche Welt. Denn für sie folgt Gemeinsamkeit aus den Differenzen zwischen den Menschen, nicht aus der Einheit, wenn alle derselben Meinung sind. Erst wenn zwei verschiedene Meinungen öffentlich aufeinanderprallen, öffnet sich ein Zwischenraum, der nicht existiert, wenn beide derselben Meinung sind. 

«Nicht der Mensch bewohnt diesen Planeten, sondern Menschen. Die Mehrzahl ist das Gesetz der Erde.»

Hannah Arendt

Dieser Zwischenraum ist für Hannah Arendt das eigentlich Politische. Hier wird kommuniziert und diskutiert, hier nimmt der Bürger aktiv an Entscheidungen teil, hier wird gemeinsam eine Welt erschaffen. 

Ihr Vorbild findet die Theoretikerin im 5. vorchristlichen Jahrhundert in Griechenland, was ihr gerne den Vorwurf der nostalgischen Verklärung einbringt. Sie orientiert sich an den Bürgern Athens, die auf dem Marktplatz und in den Volksversammlungen rege die Belange ihrer Polis diskutieren. 

bild: hannah arendt private archive via zeitgeistfilms 

Wer sich aus den politischen Angelegenheiten der Polis heraushielt, wer keine Ämter wahrnahm, obwohl es ihm möglich war, den schimpfte man einen Idioten (griech. idiotes). Jeder hatte die Pflicht, sich ein politisches Bewusstsein zu schaffen und aktiv an den öffentlichen Diskussionen teilzunehmen.

Im Gegensatz zu den alten Griechen verstand Hannah Arendt das demokratische System als eines, an dem alle teilnehmen können, aber nicht alle teilnehmen müssen. Sie lebte in den USA, wo eine nur 50-prozentige Wahlbeteiligung ganz normal war. Ihrer Ansicht nach sollten sich von der Politik verdrossene oder uninformierte Bürger auch nicht an der Schaffung der Zukunft beteiligen. Darum halten einige Kritiker Hannah Arendt für elitär, doch eigentlich schliesst sie nur diejenigen aus, die sich selbst durch ihr Desinteresse ausschliessen. 

Der Sinn alles Politischen liegt für Hannah Arendt in der Freiheit. Und diese Freiheit darf sich nicht darauf beschränken, Wohlstand zu gewährleisten – so wie es der Liberalismus verspricht. Freiheit bedeutet bei ihr mehr als nur Schutz von Privatinteressen und ökonomische Vorteile. Denn ein solches Nutzenkalkül vereinzelt die Menschen nur und lässt sie in Passivität versinken, wo sie doch gemeinsam und aktiv an der Gestaltung der Zukunft teilhaben sollten.

Hannah Arendt in jüngeren Jahren. bild: hannah arendt private archive via zeitgeistfilms

Freiheit für Hannah Arendt ist das politische Recht auf öffentliche Kommunikation und gemeinsames Handeln – auch wenn ihr sehr bewusst ist, dass dieses Recht nicht alle haben. Dass es so etwas wie ein Recht gibt, Rechte zu haben. Und dies auch immer so sein wird. 

Hat man aber dieses Recht auf Freiheit, so erwächst diesem auch eine Verantwortung für den Einzelnen. Um ihr gerecht zu werden, soll er nach Hannah Arendt nachdenken. Denn je komplexer die Welt, desto mehr Reflexion benötigt man, um die eigene Rolle in der Welt zu kennen und die Auswirkungen seiner Handlungen zu sehen. Damit ein Satz wie «Ich habe doch nur die Züge nach Auschwitz gefahren» nie wieder geäussert werden kann.

Wirkliches Nachdenken bedeutet bei Hannah Arendt die Bemühung um die richtige Einsicht in Tatsachen. Die Bemühung um Wahrheit. Selbst wenn diese im Nationalsozialismus die düsterste Umformung durchmachte und ihrem Namen alle Schande brachte. Tatsachen können nicht einfach aufgrund ihrer schwierigen Beweislage als illusionär verworfen werden. Eine sichere Wahrheit gibt es nicht, doch die wahrhaftige Suche nach ihr, diese verlangt Hannah Arendt von jedem freien Bürger. Und sie soll, wie Sokrates es verlangte, immer wieder überprüft und in Frage gestellt werden. 

Das eigene Denken soll zusätzlich erweitert werden durch den Versuch, die Meinungen und Urteile anderer zu verstehen. Dafür müsse man sich in den anderen hineinversetzen. 

«Ohne diese Art von Einbildungskraft, die tatsächlich Verstehen ist, wären wir niemals in der Lage, uns in der Welt zu orientieren. Sie ist der einzige Kompass, den wir haben. Wir sind Zeitgenossen nur so weit, wie unser Verstehen reicht.»

Hannah Arendt

Diese politischen Kompetenzen sind es, die nach Hannah Arendt moralische Werte ersetzen. Denn auf solche, das hat der Holocaust gezeigt, ist kein Verlass mehr. Wenn das Böse plötzlich zum Guten wird, woran soll sich der Mensch noch halten können? 

Er hält sich fortan daran, redlich nachzudenken, sich seiner Rolle und Verantwortung in der Welt bewusst zu sein. Durch öffentliche Kommunikation soll er aktiv teilnehmen an der Schaffung der Zukunft. Damit er dies rechtschaffen tun kann, muss er Tatsachen und seine darauf gegründete Meinung ständig wieder überprüfen und anpassen und stetig versuchen, die Urteile der anderen zu verstehen. Nur so, sagt Hannah Arendt, entzieht sich der Bürger totalitären Einflüsterungen. 

Was würde sie uns wohl heute sagen?

Am 4. Dezember 1975 verkrampft sich Hannah Arendts 69 Jahre altes Herz zum zweiten Mal. Und dieses Mal erholt sie sich davon nicht mehr. Ihre Asche wird neben der ihres Mannes Heinrich Blücher auf dem Friedhof des Bard College begraben.

Dass das Internet die Menschen inzwischen weltweit miteinander verbindet, hätte ihr wahrscheinlich gefallen, doch hätte Hannah Arendt uns aus ihrem Grabe heraus sicherlich vor der Gefahr von falschen Nachrichten gewarnt. Das Nachdenken ist in der Zeit der allgegenwärtigen Informationsflut noch herausfordernder geworden.

Hannah Arendt – denkt nur mit Zigarette. bild: hannah arendt private archive via zeitgeistfilms

Sie würde uns zudem nochmals harsch darauf hinweisen, dass sie die Diskussionsfreudigkeit der Leute in den Kommentarspalten verschiedener Onlineportale zwar grundsätzlich begrüsse, die Art und Weise, wie diese teilweise geführt werden, allerdings nicht. Denn, so macht es den Anschein, den wenigsten geht es dabei noch um Wahrheitsfindung, sondern vielmehr darum, bestimmte Ereignisse als Beweis für eine bestimmte Weltsicht heranzuziehen. Und diese Weltsicht wird gern als die einzig Richtige angesehen. Hannah Arendt würde womöglich poltern:

«Versucht euch ineinander hineinzuversetzen, versucht euch zu verstehen, anstatt die Welt herunterbrechen zu wollen auf die einfache Formel Gut versus Böse. Das ist der Anfang der Ideologie und das Ende des Nachdenkens. Hört auf mit diesem emotionalen Getöse, in dem die sachlichen Argumente untergehen. Zeigt mehr Gemeinsinn, denn Gefühle wie blinder Hass oder bedingungslose Liebe sind nicht kommunizierbar und zerstören die Politik. Sie zerstören die gemeinsame Welt, die sich überhaupt erst aus der Verschiedenheit der Menschen ergibt.»

Die für den Artikel verwendeten Quellen:

Hans-Martin Schönherr-Mann: Hannah Arendt, Wahrheit, Macht, Moral.
Elisabeth Young-Bruehl: Hannah Arendt, Leben, Werk und Zeit.
«Sternstunde Philosophie»
 über Hanna Arendt

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
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57Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Alienus 23.03.2018 20:57
    Highlight 1/3
    Zum Judenhass im 19.JH.

    Der Begriff „Rasse“ leitet sich vom fränkisch-germ. Begriff „reissen“ für das Zeichnen und Schreiben (ritzen!) ab.

    Es meint eine graphische Darstellungen z.B. auf Stein, Pergament und später Papier von Blutlinien der fränk. Pferde (!) und der Jagdhunde.

    Es ist den fränk.-germ. Herrschern in Gallien wichtig festzuhalten, dass ihre Pferde tatsächlich vom „edlen fränk.“ Geblüt seien und nicht von den eleganten, leichten und schnelleren maurischen Pferden abstammen, die aus Hispanien langsam nach Europa genetisch eingekreuzt wurden.

    Da Blutverseuchung droht.
    2 1 Melden
    • Pasionaria 23.03.2018 23:20
      Highlight Wenn du glaubst, informativer gehts nicht mehr,
      kommt von irgendwo ein historiengewandter Alienus her.....
      1 1 Melden
  • Alienus 23.03.2018 20:54
    Highlight 2/3

    Bei den Völkern wurde bis in die Neuzeit von Nationen gesprochen. Aber ab dem 19.JH. tauchet, zunächst in Frankreich, wieder diese unselige „Blutlinie“ auf. Das Blut der Juden sei „unrein“ und der Indoeuropäer, der sich mit den Juden mischt, wird somit ein Unreiner!

    Nun greift das animalische Moment ein. Der Jude wird, vergleichbar einem Tier, minderwertig und schlecht dargestellt. Wie schon vor 1.000 bis 1300 Jahre mit den arab. Pferden. Die Biologie wird jetzt zum ausschließlichen Kriterium der notwendigen Reinhaltung der europ.-germ. Völker.

    Vorab- und Vorurteile halten ewiglich.
    2 1 Melden
  • Alienus 23.03.2018 20:51
    Highlight 3/3

    Meiner Meinung nach spielt der Kolonialismus und die europ. techn. Überlegenheit hierbei nicht die primäre Rolle.

    Die Begriffe der alten, nationalsozialistischen, imperialistischen, faschistischen uvm. an diese blutbiologisch-animalische Infamie gebunden: „…Reinheit des Blutes, Reinerhaltung des germanisch-edlen und auch des französischen Blutes, Blutschande, Blutverseuchung, Blutvergiftung, schlechte Blutvermischung…“

    Fazit dieses hirnlosen Quatsches: Die „Stimme des reinen Blutes“ führt zwangsläufig immer zum Blutvergießen.
    3 1 Melden
  • Kore 23.03.2018 12:07
    Highlight Leider ist mir 22.3./ 11.40h ein Blitzli reingerutscht; sollte ein Herzli sein! Ich bin froh, haben Sie uns diese bemerkenswerte Frau vorgestellt. Vor allem ihr Aufruf für Freiheit, gewachsen aus nachdenken und verstehen, hat es mir angetan. Und Ihre persönlichen Gedanken in den beiden letzten Abschnitten Ihres Essay‘s. Wie sagt Hanna Arendt?: «Nicht der Mensch bewohnt diesen Planeten, sondern Menschen. Die Mehrzahl ist das Gesetz der Erde.»
    Danke, Frau Rothenfluh.
    2 0 Melden
  • Pasionaria 23.03.2018 06:16
    Highlight Kompliment, Frau Rothenfluh, fuer einen weiteren interessanten Bericht ueber eine unheimlich faszinierende Frau.
    Ihre Schreibweise zeichnet sich durch Esprit, Eloquenz und charmanten Humor aus. Muss man heutzutage suchen.

    Eine schuechterne Frage, koennten Sie ev. mal einen Abriss ueber 'meine' Namensvetterin > Dolores Ibárruri Gómez > Pasionaria genannt, verfassen und uns hier ueber deren auch hoch interessantes Leben informieren?
    Es waere aus Ihrer Feder eine Freude. Danke i.v.
    10 1 Melden
    • Anna Rothenfluh 23.03.2018 09:01
      Highlight Pasionaria, vielen Dank für Ihre lieben Worte. Und klar, ich widme mich gern dieser Kämpferin, hab grade ihre Memoiren bestellt. Danke für den Input, ich bin immer sehr froh darum!
      8 1 Melden
    • Pasionaria 23.03.2018 23:13
      Highlight Vielen Dank, Frau Rothenfluh, fuer Ihre spontane Bereitschaft, meinen Vorschlag aufzunehmen.
      Jetzt schon freue ich mich auf eine sicherlich wiederum spannende Zusammenfassung, in Ihrer lebendigen Sprache, ueber eine weitere hoechst interessante Frau.
      4 1 Melden
    • Alienus 23.03.2018 23:47
      Highlight @Pasionaria

      Sakradi.

      Wann schreibt eine Frau mal ne spannende Geschichten über interessante Männer?
      2 6 Melden
  • Hypatia 22.03.2018 11:29
    Highlight Ein sehr erfreulicher Artikel über eine aussergewöhnliche Philosophin des 20. Jh.. Vielen Dank dafür!

    Dennoch, Sie zitieren Arendt am Schluss:

    "Versucht euch ineinander hineinzuversetzen, versucht euch zu verstehen, anstatt die Welt herunterbrechen zu wollen auf die einfache Formel Gut versus Böse. Das ist der Anfang der Ideologie und das Ende des Nachdenkens."

    Genau daran sollten wir auch denken, wenn ein anderer aussergewöhnlicher Philosoph des 20. Jh., Martin Heidegger, ohne irgend ein nachdenkliches Zögern als "Nazi" bezeichnet wird.

    4 0 Melden
    • Anna Rothenfluh 22.03.2018 11:40
      Highlight Ich habe da nicht direkt Hannah Arendt zitiert, sondern mich gefragt, was sie uns heute wohl gesagt hätte. Dass Heidegger Anhänger der Nationalsozialisten war, habe ich meinen Quellen entnommen. Mir ist die Diskussion darüber bekannt, wie sehr er das Attribut Nazi verdient, aber ich wollte es nicht zum Thema machen. Es ging um Arendt und sie selbst hielt Kontakt zu ihm, ich nehme an, gerade weil sie mehr sah in ihm als den "Nazi", nämlich, wie du sagst, einen bedeutenden Philosophen und Freund.
      8 0 Melden
    • Anna Rothenfluh 22.03.2018 11:40
      Highlight Was aber die Tatsache nicht schmälert, dass er Mitglied der NSDAP war und einen Rektorposten bekam, weil sein Vorgänger Sozialdemokrat war. Und das wiederum soll nicht sein philosophisches Schaffen schmälern.
      11 1 Melden
    • Hypatia 22.03.2018 15:02
      Highlight @ Anna Rothenfluh

      Ok, dann möchte ich mich bei Ihrer Arendtschen Erweiterung herlich bedanken. Sie trifft den Nagel auf den Kopf, gerade auch in unserer heutigen Zeit.

      Was Heidegger betrifft, würde eine Diskussion hier zu weit führen. Es ging mir auch nur darum, dass wir heute diesem Philosophen allzu unbedenklich das Plakat "Nazi" auf die Stirn zimmern, was heute ja viel mehr bedeutet als nur Mitglied der NSDAP gewesen zu sein. Gerade gegen ein derartiges "Herunterbrechen" haben Sie zurecht Ihre Schlussbemerkung hinzugefügt. Das entschuldigt H.'s Verhalten in dieser Zeit natürlich nicht.
      3 0 Melden
  • Luca Andrea 22.03.2018 10:10
    Highlight Ein Artikel mit super aufgerollter Recherche über die geschichtlichen Ereignisse, gespickt mit laut Lebensweisheiten.
    Die Übersetzung der Theorien von Hannah Arendt im Fazit bezogen auf unserer aktuellen kulturellen Herausforderungen hat mir persönlich sehr gut gefallen.
    Der Artikel hat mich sehr zum denken und der wahrheitsfindung für mich angeregt. Danke!
    10 0 Melden
  • Zuagroasta 22.03.2018 09:47
    Highlight DAS! ->
    "Das eigene Denken soll zusätzlich erweitert werden durch den Versuch, die Meinungen und Urteile anderer zu verstehen. Dafür müsse man sich in den anderen hineinversetzen."

    Und hier hackt es meistens. Bevor man sich wirklich in andere hineinversetzen kann, muss man sich selbst, unzensiert, erkannt haben. Welchen Impulsen folge ich und wozu das Ganze? Ohne dies, kann man nur sehr schwer seinen Verstand um 180 Grad drehen und bleibt ewig in seiner egozentrischen Wahrnehmungsverzerrung verhaftet.

    Danke Anna für dieses superben Artikel über Hannah Arendt. :)
    14 0 Melden
    • Simonetta 23.03.2018 13:57
      Highlight Man muss Meinungen und Urteile anderer nicht verstehen. Man muss sie aus dem Weg räumen.

      Z. B. indem man sie diskreditiert als Klimaleugner, Verschwörungstheoretiker, oder als Nazis.
      1 2 Melden
    • Zuagroasta 23.03.2018 21:58
      Highlight Sekunde, ich muss mich sammeln
      2 0 Melden
  • smoking gun 22.03.2018 09:39
    Highlight Hannah Arendt wäre heute wahrscheinlich die schärfste Kritikerin der neoliberalen Wirtschaftsordnung. Sie würde das wohl "Faschismus des Kapitals" nennen. Eine kleine Elite, die sich schamlos bereichert, die Umverteilung von unten nach oben, Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert, all das würde sie anprangern. Und wahrscheinlich auch die instrumentalisierten Mainstream-Medien, die sie als zentrales Element dieser fatalen Entwicklung identifizieren würde.

    9 4 Melden
    • Dr. B. Servisser 22.03.2018 11:24
      Highlight Würde sie das?
      5 3 Melden
    • Rabbi Jussuf 22.03.2018 11:46
      Highlight Nein, denn sie hätte ja lange genug die Möglichkeit dazu gehabt.
      Schon gar nicht hätte sie kommunistische Ausdrücke wie "Faschismus des Kapitals" verwendet!
      8 5 Melden
    • smoking gun 22.03.2018 12:19
      Highlight @Dr.B.Servisser: Was spricht dagegen?
      2 2 Melden
    • smoking gun 22.03.2018 12:41
      Highlight @Rabbi Jussuf: Nein, hatte sie nicht. Thatcher wurde 1979 Premierministerin und Reagan 1981 US-Präsident. Arendt starb 1975. In den 60er Jahren war diese Entwicklung noch nicht absehbar.
      3 1 Melden
    • Rabbi Jussuf 22.03.2018 13:26
      Highlight Das ist einfach Blödsinn.
      1. War es nicht ihr Thema und
      2. sind Ausdrücke aus der marxistischen Ecke wie "Faschismus des Kapital" 1. schon lange vor Thatcher in Gebrauch und deuten 2. auf einen kommunistischen Hintergrund hin, den Arendt ebenso verabscheute wie den Faschismus.

      Es einfach nur der Versuch von dir dein Lieblingsthema überall unterzubringen, egal ob es hin passt oder nicht.
      5 3 Melden
    • Dr. B. Servisser 22.03.2018 14:13
      Highlight Eigentlich habe ich mir von dir Antwort erwartet, wie du auf diesen Schluss kommst.

      Ich weiss nicht ob und wiefern sich Hannah Arendt zum ökonomischen System geäussert hat, mir ist sie aus dem demokratuetheoretischen Diskurs bekannt. Aber als freie und unabhängige Denkerin ("Denken ohne Geländer") würde sie sicherlich nicht voreingenommene Phrasen wie die deine Benutzen. Vor allem nicht den Begriff Faschismus für Beschreibung eines Wirtschaftssystems.
      1 1 Melden
    • smoking gun 22.03.2018 14:14
      Highlight @Rabbi Jussuf: Mein Kommentar bezog sich auf "neoliberale Wirtschaftordnung" und ob Arendt da faschistische Tendenzen erkennen würde. Aber das interessiert dich wohl nicht, Jussuf.

      Und noch was zu Hannah Arendt: Sie hat sich auch Gedanken über den Imperialismus gemacht. Sie sieht im Imperialismus eine ähnlich zerstörerische Ideologie wie im Stalinismus. Und Arendt hat übrigens die Sowjetunion nach Stalins Tod nicht als "totalitär" eingeordnet.
      4 0 Melden
    • smoking gun 22.03.2018 14:37
      Highlight @Dr.B.Servisser: Arendt hat sich auch intensiv mit Imperialismus beschäftigt. Und Imperialismus hat nun mal immer auch eine ökonomische Komponente. Nach Emilio Gentile gehört "eine korporative, hierarchische Wirtschaftsordnung" durchaus zu den faschistischen Stömungen. Soviel zu den "voreingenommen Phrasen", was auch immer das heissen soll.
      3 0 Melden
    • Dr. B. Servisser 22.03.2018 15:00
      Highlight Natürlich hat Imperialismus eine wirtschaftliche Komponente. Kannst du mir Beispiele bringen, wie Arendt den Imperialismus bewertet hat? In wirtschaftlicher Sicht?

      Faschismus ist in erster Linie eine politische Ideologie und ein daraus gewachsener Staatsbegriff. Erkläre mir doch, inwiefern Neoliberalismus faschistisch ist. Würde Arendt, die Faschismus erlebt und darüber geschrieben hat, diesen Begriff wirklich verwenden?
      1 0 Melden
    • Anna Rothenfluh 22.03.2018 15:14
      Highlight Eine schwierige Diskussion, die ihr da habt. Am Liberalismus hat Hannah Arendt sicherlich gestört, dass er sich auf den passiven Schutz von Leben und Eigentum begrenzt, während sie Freiheit viel breiter verstanden wissen wollte: Als aktive Teilhabe an der Schaffung der Zukunft. Dem Wort Faschismus bin ich bei ihr nicht begegnet, allerdings sagte sie: «Totale Herrschaft ist die einzige Staatsform, in der es keine Koexistenz geben kann. Wir haben daher allen Grund, mit dem Wort ‹totalitär› sparsam umzugehen.»
      4 0 Melden
    • Rabbi Jussuf 22.03.2018 15:20
      Highlight smoking gun
      "Aber das interessiert dich wohl nicht, Jussuf."
      Nein, es interessiert hier zu diesem Thema nicht.
      0 0 Melden
    • Rabbi Jussuf 22.03.2018 15:38
      Highlight Anna
      schön, dass du dich einschaltest!
      Genauso sehe ich es auch.
      Es wundert aber schon, dass von ihr die UDSSR nach Stalin nicht mehr als totalitär eingestuft wurde.
      Weisst du die Gründe?
      0 0 Melden
    • Anna Rothenfluh 22.03.2018 15:49
      Highlight @Rabbi Jussuf: Nein, leider weiss ich darüber auch nichts Genaues. Auf wikipedia ist zu lesen: "Als Kriterien für die Unterscheidung der „totalen Herrschaft“ von der gewöhnlichen Diktatur nennt Arendt den Einbezug aller Lebensbereiche in das System der Herrschaft und insbesondere für den Nationalsozialismus die völlige Verkehrung der Rechtsordnung, die verbrecherische Gewalt und Massenmorde zur Regel machte; und den Anspruch auf globale und ausschließliche Geltung dieser Herrschaft." Sie hat sogar Maos Herrschaft als nicht totalitär eingestuft, was wohl heute als grobe Fehleinschätzung gilt.
      1 0 Melden
    • Rabbi Jussuf 22.03.2018 16:01
      Highlight Anna
      Das habe ich auch gelesen. Es macht für mich, oder aus der heutigen Warte?, nicht wirklich Sinn.
      Mao hatte sicher keine globale Herrschaft im Sinn. Das macht aber kaum einen Unterschied auf die Herrschaft nach innen.
      1 0 Melden
    • Anna Rothenfluh 22.03.2018 16:06
      Highlight @Rabbi Jussuf: Ja, das würde ich auch sagen.
      1 0 Melden
    • smoking gun 22.03.2018 16:23
      Highlight Arendt warnte, dass neben dem Kommunismus auch der Antikommunismus (...) dazu neige, einen imperialen und tendenziell totalen Anspruch auf Weltherrschaft zu entwickeln. (Wiki)

      Den Kommunismus gibt es in der Form nicht mehr. Die neoliberale Wirtschaftsordnung hat sich durchgesetzt. Mit gewissen Einschränkungen, wie beispielsweise in China.

      „Der Kampf um totale Herrschaft im Weltmaßstab und die Zerstörung aller anderen Staats- und Herrschaftsformen ist jedem totalitären Regime eigen.“ Arendt spricht von Regime. Muss man heute nicht von einer global agierenden Elite sprechen? Plutokratie?
      2 1 Melden
  • Bruno Wüthrich 22.03.2018 00:34
    Highlight Dieser Artikel ist top. Es wird eindrücklich erklärt, wie totalitäre Systeme entstehen können und was es dazu braucht. Das Milgram-Experiment zeigt übrigens auf eindrückliche Weise, wie weit Menschen bereit sind zu gehen, wenn sie glauben, für ihr Handeln nicht verantwortlich zu sein. Totalitäre Systeme sind auch heute nicht auszuschliessen. Die dafür notwendigen Ideologien sind vorhanden und warten nur darauf, bis die Zeit für sie reif ist.
    Die Menschen sind bereit zu glauben, was sie glauben wollen. Wahr ist, was in ihr Weltbild passt (bzw. es nicht zerstört).
    13 0 Melden
  • MajaW 21.03.2018 23:41
    Highlight Danke Anna
    Nachdenken erfordert Bildung, darum war die Schulpflicht den Grüdern unseres Staates im 19. Jh so wichtig. Also weiterhin in Buldung investieren.
    Zivilcourage ist wichtig. Unsere tausend Vorschriften und Qualitätschecks sind Gift für selbstverantwortliches Handeln.
    Da brauchen wir einen Kulturwandel. Sonst haben wir nur noch gehorsame Zombies
    6 2 Melden
    • Simonetta 23.03.2018 14:04
      Highlight Nachdenken erfordert keine Bildung. Im Gegenteil. Nachdenken erfordert einen freien Geist. Doch Bildung zwängt den Geist in ein schäbiges, enges Korsett.
      Ein freier Geist ist nicht möglich in einer Gesellschaft, die eine Rassismusstrafnorm und die Straftatbestände der Ehrverletzung , der üblen Nachrede und dergleichen hat.
      Ein freier Geist ist nicht möglich, in einer Gesellschaft, in der es streng nach dem Spruch geht: "Wes' Brot ich ess', des' LIed ich sing'."
      Nachdenken gibt es darum nicht, nur Opportunismus und Duckmäusertum.
      0 7 Melden
    • Rabbi Jussuf 23.03.2018 17:37
      Highlight Nachdenken erfordert Bildung.
      Das ist mit Sicherheit so. Damit soll aber nicht nur Schulbildung gemeint sein, sondern ein waches Interesse für alles und ein offenes, einigermassen konsistentes Weltbild.
      Was für Gesetze in der Gesellschaft bestehen, ist zweitrangig. Sie können einem freien Geist zuträglich sein oder nicht. Das hängt aber nur davon ab, was der Nachdenkende damit macht.
      2 0 Melden
  • felice 21.03.2018 21:25
    Highlight Danke für diesen wunderbaren Artikel über eine wirklich bewundernswerte Europäerin. Solche Arbeiten machen den Unterschied zwischen watson und anderen Gratismedien.
    110 3 Melden
  • raues Endoplasmatisches Retikulum 21.03.2018 21:20
    Highlight Danke für den interessanten Artikel. Diese Serie porträtiert sehr interessante Biographien.
    34 1 Melden
  • Spooky 21.03.2018 21:12
    Highlight Hallo Watson!

    Könnte man die Kommentarfunktion in diesem Fall nicht auf das Doppelte verlängern, mindestens?
    29 3 Melden
    • Anna Rothenfluh 22.03.2018 10:40
      Highlight Huhu Spooky! Ich leite deinen Wunsch mal der IT weiter, ich könnte mir aber vorstellen, dass das so als Einzelfall schwierig oder mühsam durchzuführen ist. Also schnell, sag noch was! ;-)
      2 0 Melden
    • Spooky 22.03.2018 23:52
      Highlight Hallo Anna. Wenn es im Einzelfall zu schwierig ist für die IT, dann sollen sie doch einfach die Kommentarfunktion für alle Artikel von dir auf das Doppelte verlängern. Das machen sie ja bei Andern auch.

      Aber ich weiss halt nicht genau, wie ich mit den Leuten von eurer IT reden soll. Soll ich ihnen drohen? 💪😎😡👺

      ;-)
      3 0 Melden
    • Anna Rothenfluh 23.03.2018 08:29
      Highlight @Spooky: Haha, unsere IT ist leider drohresistent. Aber sie hat gesagt, sie schaue sich das an. Technisch stellt es offenbar keine Schwierigkeiten dar, also gut möglich, dass dein Vorschlag umgesetzt wird.
      4 0 Melden
  • DerTaran 21.03.2018 20:55
    Highlight Danke für einen weitere spannenden Beitrag. Ich fand Ihre Argumentation sehr interessant und vieles nachvollziehbar.
    19 1 Melden
  • rauchzeichen 21.03.2018 20:53
    Highlight hanna arendt, eine frau mit gedanken, die auch heute der zeit noch voraus sind.
    63 2 Melden
  • iss mal ein snickers... 21.03.2018 20:50
    Highlight Danke Anna für diesen toll geschriebenen Artikel. Hannah Arendt ist einer meiner Vorbildern! 🙏🙏🙏
    23 1 Melden
  • milkdefeater 21.03.2018 20:36
    Highlight «Gerechtigkeit verlangt äusserste Zurückhaltung und den Abbruch aller Beziehungen zur Öffentlichkeit, sie erlaubt gerade noch die Trauer, aber nicht einmal den Zorn, und sie diktiert schliesslich strengste Enthaltsamkeit gegenüber allen Verlockungen, sich durch Scheinwerfer, Kameras und Mikrophone ins Rampenlicht zu spielen.»

    Eine Aussage, wie sie auch zum Rupperswil-Prozess gemacht hätte werden können.
    64 2 Melden
    • James McNew 22.03.2018 01:38
      Highlight Genau das ging mir auch durch den Kopf.

      Wobei Arendt aktuell wie seit 50 Jahren wohl nicht mehr ist. Sie fordert Einfühlung und Verständnis für Andersdenkende, doch wird die Gesellschaft immer polarisierter.

      Ich versuchs öfter, aber ich schaffs kaum, mich zb in das Weltbild eines SVP-Politikers einzufühlen. Das Erschreckende: Viele dieser Leute haben wahrscheinlich nicht mal so eine anderen Lebenswelt wie ich, dennoch gelingts mir nicht, deren Positionen gefühlsmässig (mit dem Kopf schon gar nicht...) nachzuvollziehen...beruht aber sicher auf Gegenseitigkeit, was alles noch schlimmer macht.
      8 1 Melden
    • Bufzgi 22.03.2018 08:00
      Highlight Bei dem Zitat ist übrigens die Jahreszahl falsch, sollte wohl 1966 stehen.

      *das ist kein klugscheissen, der artikel wurde nur sehr ausführlich gelesen*
      2 0 Melden
    • Anna Rothenfluh 22.03.2018 08:39
      Highlight @milkdefeater: Ich hab ebenfalls dasselbe gedacht. Als ich den Artikel schrieb, lief der Rupperswil-Prozess gerade. Wär schon sehr interessant zu wissen, inwiefern die Öffentlichmachung eines Prozesses diesen und die einzelnen Beteiligten beeinflusst; bspw. die Drohungen, die die Pflichtverteidigerin erhalten hat etc. Allerdings wäre es heute wohl unmöglich und in diesem drastischen Masse vielleicht auch nicht wünschenswert, einen Prozess quasi hinter verschlossenen Türen zu führen. Aber wie weit soll das Recht auf Information der Öffentlichkeit gehen?
      8 0 Melden
    • Anna Rothenfluh 22.03.2018 09:01
      Highlight @James McNew: Ja, genau. Heute scheint es nur noch zwei Lager zu geben, die nicht mehr in der Lage sind, sich anständig zu verständigen. Es gibt da ein Buch des belgischen Historikers David van Reybrouck, "Gegen Wahlen: Warum Abstimmen nicht demokratisch ist". Darin schlägt er vor, mindestens eine von zwei Parlamentskammern durch ein Bürgergremium zu ersetzen, dessen Mitglieder per Losentscheid direkt aus der Bevölkerung ausgewählt werden. Das würde vielleicht alles etwas durchmischen, Seilschaften verunmöglichen und die Leute dazu bringen, wieder über die Sache zu diskutieren.
      12 0 Melden
    • Anna Rothenfluh 22.03.2018 09:08
      Highlight @raffaele.keller: Vielen Dank, du hast natürlich recht, hab's korrigiert!
      6 0 Melden
    • milkdefeater 22.03.2018 09:45
      Highlight Anna Rothenfluh: Ich bin mir nicht sicher, ob ein "Recht auf Information" existiert, und wenn ja, welche Priorität wir ihm beimessen sollten. Falls so etwas existiert, finde ich, dass es erst inkrafttreten sollte, wenn es als Information stattfindet, NACHDEM ein Prozess stattgefunden hat. Die Bekanntmachung des Urteils im Fall Rupperswil ist Informieren. Ein Liveticker ist Voyeurismus. Und schadet dem Prozess selbst.
      5 1 Melden
    • Anna Rothenfluh 22.03.2018 10:33
      Highlight Das würde ich sofort unterschreiben. Alle Schweizer Medien haben live getickert, niemand will da aussteigen, sonst gehen die Leser/User dorthin, wo die Berichterstattung eben hautnah ist. Wir haben intern darüber diskutiert und unser Chef hat dann auch einen Artikel verfasst. Diese medienethische Diskussion sollte unbedingt geführt werden.
      4 0 Melden
    • James McNew 22.03.2018 10:40
      Highlight @anna Das Schlimme find ich: Ich seh, dass ich selbst auch im Lagerfenken verfangen bin, ich komme aber nicht raus...

      Ja, Gremien, die per Los bestimmt werden, sind sehr interessant, siehe Irland: Da hat der ausgeloste Verfassungsrat die Ehe für Alle beschlossen, im angeblich stockkatholischen Irland. Es waren aber halt keine partei- und lagergebundene Abgeordnete, die nach einem Weltbild, gefühltem Wählerwillen und mit Angst um die Wiederwahl entschieden.

      Natürlich müsste man sich überlegen, aus welchem Pool ausgelost wird etc. Aber eine sehr bedenkenswerte Vision, find ich auch, Anna.
      5 0 Melden
    • Anna Rothenfluh 22.03.2018 11:03
      Highlight Es geht mir nicht viel anders. Dass man sich das aber erstmal bewusst ist, ist schon viel, finde ich. Was mich mehr oder weniger flexibel hält sind die Diskussionen mit meinen Eltern in SG vs. diejenigen, die ich hier mit jungen Zürchern führe. Dazwischen scheinen manchmal Welten zu liegen und ich passe dann je nach Streitpartner meinen Standpunkt an und versuche irgendwie die Mitte zu finden. Ich glaube, die Schwierigkeit ist, dass man viel in Blasen lebt und agiert, "das andere Lager" also gar nicht wirklich kennt, sprich nur seine lautesten Politiker.
      7 0 Melden

Als Thomas Edison einen Elefanten mit Wechselstrom hinrichten liess

1880er bis 1890er Jahre, der Stromkrieg tobt.

Zwei Giganten kämpfen um die elektrische Erleuchtung der USA. Wer von ihnen ist wohl im Besitze der geeigneten Technik? Wer wird künftig den Elektromarkt bestimmen?

In der einen Ecke begrüssen wir Thomas Alva Edison, den Erfinder der Glühbirne und des Mikrophons. In der anderen Ecke sitzt sein grosser Widersacher, der Grossindustrielle George Westinghouse.

Während Edison und sein Unternehmen General Electric ausgerüstet sind mit massentauglichem …

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