Gesellschaft & Politik
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Er ist einer der Organisatoren des Gewerkschafter-Protests gegen die Unia und erklärt, weshalb Präsidentin Vania Alleva zurücktreten soll bild: ho / ch media

Warum am 1. Mai Gewerkschafter gegen die Gewerkschaften demonstrieren

Am 1. Mai veranstalten unzufriedene Gewerkschafter einen Protest gegen die Unia. Einer der Organisatoren erklärt, weshalb Präsidentin Vania Alleva zurücktreten soll.

Andreas Maurer / ch media



Ueli Balmer war zwölf Jahre lang Präsident der Unia Berner Oberland. Er ist Schreiner und übte die Funktion ehrenamtlich aus. Vor einem Monat wurde der 63-Jährige nach einem Machtkampf mit der nationalen Geschäftsleitung abgesetzt. Jetzt schliesst er sich mit Unia-internen Kritikern aus anderen Regionen zusammen und organisiert am 1. Mai eine Protestaktion gegen die nationale Geschäftsführung. Wie und wo die Aktion stattfindet, will er noch nicht verraten. Aber über die Beweggründe spricht er schon jetzt.

Herr Balmer, Sie sind in einem Komitee, das am 1. Mai eine Protestaktion gegen die Unia organisiert. Weshalb kämpfen Gewerkschafter am Tag der Arbeit gegen eine Gewerkschaft?
Ueli Balmer: Wir kämpfen dafür, dass die Basis in allen Gewerkschaften besser respektiert wird. Wir wehren uns dagegen, dass die Organisation von einem Profi-Apparat geführt wird, der keine Rücksicht auf seine Mitglieder nimmt. Dieses Problem haben viele Gewerkschaften. Aber nirgends ist es so schlimm wie in der Unia. Die nationale Geschäftsleitung spricht immer davon, dass sie basisorientiert sei. Doch wenn sich jemand von der Basis gegen die nationale Geschäftsleitung auflehnt, wird er kaltgestellt und weg gemobbt. So ist es jetzt bei uns im Berner Oberland passiert und so ist es zuvor in anderen Regionen passiert.

Sie sagen es: Solche Fälle gab es schon früher. Warum kommt es gerade jetzt zur Eskalation?
Die nationale Führung ist noch nie so dreist gegen ihre eigene Basis vorgegangen wie bei uns im Berner Oberland. Die Mitglieder der Basis haben zwei Personen für eine neue Geschäftsleitung vorgeschlagen, die von einer Mehrheit gewählt wurden. Doch die nationale Geschäftsleitung hat das Resultat nicht anerkannt und einen eigenen Mann installiert. Wer sich dagegen gewehrt hat, wurde freigestellt oder rausgemobbt. Mehr als die halbe Belegschaft wurde ausgewechselt.

Gewerkschaftsinterne Proteste kommen regelmässig vor. Hat der aktuelle Protest eine neue Qualität?
Ja, Unia-Gewerkschafter aus verschiedenen Regionen haben gemerkt, dass sie die gleichen Probleme haben. Bisher gab es in allen Regionen kleine Feuer, die aber jeweils sofort im Keim erstickt wurden: im Tessin, in Genf, in Zürich, im Aargau oder in Basel. Wir im Berner Oberland haben uns aber gesagt: Wir lassen uns nicht ersticken, wir kämpfen weiter. Dafür haben wir viel Zuspruch aus anderen Regionen erhalten. Unser Feuer könnte sich deshalb jetzt zu einem Flächenbrand entwickeln.

Wie?
Am Tag der Arbeit schliessen sich Unzufriedene aus verschiedenen Regionen zusammen, um zum ersten Mal gemeinsam gegen die nationale Geschäftsleitung um Präsidentin Vania Alleva zu protestieren. Sie muss realisieren, dass eines der grössten Probleme der Gewerkschaft in den eigenen Reihen entstanden ist.

«Ich stehe zu folgender Feststellung: Die Unia wird diktatorisch geführt.»

Welches Problem meinen Sie?
Den Mitgliederschwund. Die Unia hat schweizweit einen massiven Rückgang zu verzeichnen. Die nationale Führung hat dafür jeweils wortreiche Begründungen parat. Mal heisst es, es handle sich um Rückkehrer ins Ausland, um Todesfälle oder um generelle Veränderungen in der Branche. Dabei ist das Problem ganz einfach: Viele Mitglieder haben das Gefühl, sie zahlen nur Beiträge, aber wenn sie ein Anliegen haben, geht niemand darauf ein. Ihr Geld versickert im Apparat der Unia.

Vania Alleva, Praesidentin Unia, aeussert sich zu den Lohnforderungen der SGB-Gewerkschaften, am Mittwoch, 2. September 2015, in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Unia-Präsidentin Vania Alleva. Bild: KEYSTONE

Weshalb schiessen Sie sich auf Präsidentin Alleva ein
Vania Alleva spricht immer von Basisdemokratie, doch sie selber führt mit eiserner Hand. Deshalb stehe ich zu folgender Feststellung: Die Unia wird diktatorisch geführt.

Weshalb soll Präsidentin Alleva daran schuld sein?
Der Laden ist für sie als Führungsperson zu gross. Als sie sich die Führung mit Co-Präsident Renzo Ambrosetti geteilt hat, funktionierte es. Alleine ist sie aber überfordert. Umso härter versucht sie durchzugreifen, wenn Probleme auftauchen. Die Geschäftsleitungsmitglieder sind jeweils persönlich für einzelne Regionen verantwortlich. Sie ist für das Berner Oberland zuständig. Sie hat sich für den Konflikt nie genügend Zeit genommen, sondern versucht, die Probleme aus der Ferne in den Griff zu bekommen.

«Ich bin seit 40 Jahren Gewerkschafter und weiss, dass nicht alles schlecht ist, was die Unia macht.»

Alleva sagte in einem Interview, das Austragen von Konflikten gehöre zum Job von Gewerkschaftern. Deshalb würden interne Konflikte besonders heftig ausgetragen.
Damit versucht sie, die Probleme klein zu reden. Sie will die Konflikte intern lösen und die Kritiker ruhig stellen. Doch das funktioniert nicht mehr. Es braucht jetzt eine öffentliche Debatte: Was für eine Gewerkschaft wollen wir? Ich und mehr als hundert Leute, die am 1. Mai gegen die nationale Unia-Führung demonstrieren werden, fordern: Vania Alleva muss zurücktreten. Nur so kann sich die Situation beruhigen. Vielleicht braucht es in Zukunft wieder ein Co-Präsidium, damit die Macht besser verteilt ist.

Am 1. Mai sind Sie zum ersten Mal seit 12 Jahren nicht mehr im Amt als regionaler Unia-Präsident. Weshalb lassen Sie nicht los und suchen sich eine konstruktive Aufgabe?
Für mich ist die Gewerkschaft eine Herzensangelegenheit. Ich bin seit 40 Jahren Gewerkschafter und weiss, dass nicht alles schlecht ist, was die Unia macht. Wir wollen die Organisation deshalb nicht kaputt machen, sondern versuchen, sie in eine andere Richtung zu lenken. Wir wollen, dass die Basis mehr berücksichtigt wird. So wie es jetzt läuft, kann es nicht weitergehen.

Der 1. Mai – die Geschichte eines politischen Feiertags

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13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • RowRow 02.05.2019 03:56
    Highlight Highlight Feminismus zerstört so viel. Mehr gibts nicht zu sagen.
  • Knety 02.05.2019 00:49
    Highlight Highlight In der UNIA läuft schon seit der Gründung einiges schief. Überstunden die nicht oder nur zu Teilen angerechnet werden, Spesen die nicht mehr bezahlt werden und Mobbing (GBI gegen SMUV) sind schon länger ein Problem. Zumindest in gewissen Sektionen.
  • Nicoletta Luigia Di Vincenzo 01.05.2019 18:25
    Highlight Highlight Den Mitgliederschwund nur an Vania Alleva in die Schuhe zu schieben finde einfach unfair, viele an der Zentrale sind gar keine richtige Gewerkschafter sondern oft einfach Administratoren. Und dies merkt man auch wenn man ihre Argumente hört, sie sind nicht Arbeiterfragen interessiert sondern an Karriere und gut zu verdienen, wären diese Leute die gar keine Anliegen haben mal nicht mehr da. Das wäre mal den Weg in die richtige Richtung. Aber heute spielt bei der Unia nur noch die akad. Ausbildung eine Rolle und nicht die Gesinnung und der Idealismus. Somit viele Bürokraten in Bern und so...
  • Binnennomade 01.05.2019 15:33
    Highlight Highlight Abgesetzt wurde er ja, weil es anscheinend in der Sektion Berner Oberland Vetterliwirtschaft und Machtmissbrauch gab. Hätte mich jetzt schon noch Wunder genommen, wie er zu diesen Vorwürfen Stellung bezieht.
  • Töfflifahrer 01.05.2019 12:27
    Highlight Highlight Nur so eine Frage am Rande, seit einiger Zeit hört man von der UNIA nur noch von Machtkämpfen, Zwisten und Streit. Was tut diese Organisation eigentlich für ihre Mitglieder? Ein Kollege von mir hat sich wegen Mobbing an diese Gewerkschaft gewendet. Unterstützung oder Beratung? Fehlanzeige! Seine private Rechtsschutz die er früher mal fürs Auto abgeschlossen hat, hat ihm dann geholfen.
  • hauruck 01.05.2019 11:34
    Highlight Highlight Die Gewerkschaften müssen ihre sozialistische Vergangenheit hinter sich lassen und sich den kaptitalistischen, neoliberalen Gegebenheiten anpassen.

    Z. B. in dem die Gewerkschaften eigene Personalvemittlungen betreiben, Werbekampangen und Fund-Raising machen.
    Ich bin seit bald 30 Jahren einer der Millionen von Lohnsklaven. Doch in der ganzen Zeit bin ich noch bei keinem Arbeitgeber einem Gewerkschafter
  • Dr. Unwichtig 01.05.2019 11:16
    Highlight Highlight Basisgelenkte Gewerkschaften sind ein Relikt des 20. Jh. Solange die Mitglieder relativ homogen und die Anliegen breit abgestützt waren, hat das gut funktioniert. Rückgrat der Gewerkschaften UND der Volkswirtschaft war das Bauwesen. Mittlerweile ist der - häufig international ausgerichtete - Dienstleistungssektor von wesentlich grösserer Bedeutung. Wollen Gewerkschaften weiter eine Rolle spielen, müssen sie sich professionalisieren. Wie gut die die Unia macht, kann ich nicht beurteilen. Die antiquierte Einstellung von Herrn Balmer ist aber eher Teil des Problems, als der Lösung...
  • Trefle 01.05.2019 10:28
    Highlight Highlight Was soll dieses Machogehabe gegen Vania Alleva? Nur weil sie eine Frau ist, führt sie nun mit eisener, als wäre sie Lady Thatcher? Wirklich völlig daneben. Und was hat Hansueli Balmer all die letzten Jahre gemacht, als genau das Berner Oberland massiv an Mitgliedern verloren hat? Ausser grossen Reden schwingen ehrlich gesagt leider nicht viel. Ein bisschen Nachdenken über ihr eigenes rechthaberisches und muskelprotzerisches Verhalten würden Balmer und seinen Kumpanen gut tun, dazu sind sie aber nicht imstande.
  • rodolofo 01.05.2019 09:56
    Highlight Highlight Der linke Traum von einer ganz anderen Gesellschaft ist grundsätzlich naiv und unrealistisch.
    Es gibt kein richtiges Leben im falschen!
    Auch eine Gewerkschaft muss hierarchisch funktionieren und Verantwortungsbereiche und Entscheidungsbefugnisse klar definieren und aufteilen.
    Wenn Alle überall mitbestimmen können, kommt es zu Chaos und Lähmung.
    Leider bedeutet das auch, dass Unverträglichkeiten sachlicher und persönlicher Natur, die zu Konflikten und zu Machtkämpfen führen, nur durch ent-täuschende Trennungen gelöst werden können.
    Willkommen im "Fressen und Gefressen werden" der Natur...
  • stadtzuercher 01.05.2019 09:26
    Highlight Highlight Die feministische Präsidentin der UNIA verlacht im Prinzip die männlichen Mitglieder der UNIA. Weisse alte Männer zählen nicht, Frauen seien wichtig. Dies notabene in einer Gewerkschaft der Bauarbeiter.
    Die Funiciello gehörte zum selben feministisch-extremistischen Flügel der UNIA.
    Ein Musterbeispiel, wie die Linke selbst die für die Arbeitenden wichtigen Gewerkschaften demontieren, im Interesse ihrer feministisch-politischen Karrieren und Machtansprüche.
    • rodolofo 01.05.2019 10:02
      Highlight Highlight Was für ein Quatsch!
      Aber dass Du (als Rechtsnationaler) die Gewerkschaft-internen Konflikte anzuheizen versuchst, wie es die professionellen Putin-Trolle tun würden, versteht sich eigentlich von selbst und verwundert mich auch nicht weiter.
      Kümmere Dich lieber um die SVP-internen Querelen zwischen dem Partei-Fürsten Blocher und seinem Hofstaat, bestehend aus Köppel, Aeschi und Matter, mit der entfremdeten und abgehalfterten bäuerlichen Basis!
      Ich glaube, da bleibt für Euch genug zu tun.
      Wir kümmern uns dafür um unsere "GenossInnen DirektorInnen".
      Deal?
    • Pafeld 01.05.2019 13:43
      Highlight Highlight @stadtzuercher
      Mag sein, dass du es überlesen hast, aber im Artikel ging es um inhaltliche und sachliche Kritik an der internen Führung der Unia. Und nicht darum, dass der ganze Verein ein korrupter Sauhaufen ist, der abgeschafft gehört, weil er links organisiert ist. Wie es rodolofo schon passend formuliert hat: kümmert euch um eure eigenen Probleme. Und versucht nicht in billigster Art und Weise die internen Probleme der Unia für euren alles zersetzenden Hass gegen alles Linke zu instrumentalisieren. Das ist billig. Besonders, wenn vor der eigenen Tür selbst so viel zu wischen wäre.
  • гопник con Семечки 01.05.2019 07:39
    Highlight Highlight "Den Mitgliederschwund. Die Unia hat schweizweit einen massiven Rückgang zu verzeichnen. Die nationale Führung hat dafür jeweils wortreiche Begründungen parat. Mal heisst es, es handle sich um Rückkehrer ins Ausland, um Todesfälle oder um generelle Veränderungen in der Branche. Dabei ist das Problem ganz einfach: Viele Mitglieder haben das Gefühl, sie zahlen nur Beiträge, aber wenn sie ein Anliegen haben, geht niemand darauf ein. Ihr Geld versickert im Apparat der Unia."

    und genau aus diesem Grund bin ich aus diesem Verein ausgetreten.
    Einmal in 8 Jahren Hilfe gebraucht aber keine bekommen.

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