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Junge Kosovaren, die NICHT geflohen sind, erzählen: «Pristina ist eine bipolare Schlampe»

mario heller, pristina
Kosovo, der jüngste Staat Europas, befindet sich an der Schwelle zum «Failed State». Zehntausende fliehen vor Korruption, Armut und Perspektivlosigkeit. Zurück bleiben aber nicht nur Resignierte: Meddy, Rina, Visar, Ares, Edona und Tadi erzählen, warum sie im Kosovo geblieben sind.
23.08.2015, 15:2726.05.2020, 21:00

Es tummeln sich kaum Leute in der Hauptstadt, sie wirkt wie leer gefegt. Unzählige Cafés säumen die Strasse. Auf den Terrassen sitzen meist jungen Menschen, trinken Kaffee und rauchen Zigaretten. Zusätzlich zum Ramadan sind viele Studenten in die Provinz zu ihren Eltern gefahren oder in den Urlaub. Wobei, viele Möglichkeiten weg zu fahren gibt es nicht: Der Kosovo ist nicht Mitglied des Schengen-Raum, somit ist eine Einreise in andere europäische Länder unmöglich ohne Visum, ausgenommen sind die restlichen Balkanländer. Albanien, Kroatien oder Mazedonien stehen hoch im Kurs, wenn es um Badeferien geht.

Im Januar 2015 waren die Medien in ganz Europa voll mit Schlagzeilen über den enormen Flüchtlingsstrom, der sich aus dem Kosovo nach Westeuropa bewegt. Täglich fuhren tausende Menschen in Cars nach Serbien, um da mithilfe sogenannter Taxis, so nennt man die Schlepper, nach Ungarn und somit nach Westeuropa zu gelangen. Asyl gibt es für solche Flüchtlinge längst nicht mehr. In der Schweiz werden Kosovaren im Schnellverfahren innerhalb einer Woche nach Hause geschickt. Jugendarbeitslosigkeit von 75 Prozent im jüngsten Staat Europas. Wie sehen jungen Menschen im Kosovo ihre Zukunft?

Meddy (25)

«Nirgends auf der Welt ist besser als hier für die Kosovaren.»
Meddy.
Meddy.
bild: mario heller

Die Front des roten Kleinwagens ist total verbeult. «Keine Ahnung, was passiert ist. Irgendwo reingedonnert», raunt Meddy. Sein stechender Blick streift aufmerksam über den Parkplatz. «Beglich ein paar Schulden in meiner Heimatstadt Prizren. Um vier Uhr morgens fuhr ich zurück nach Pristina. Ich war total übermüdet», fügt er mit schiefem Lächeln hinzu. Es ist ein sommerlicher Tag mit milder Temperatur. Die Sonne scheint diffus durch die flockige Wolkendecke.

Kaum auf der Strasse, hupt Meddy alle paar Sekunden, brummt etwas auf Albanisch. Dabei spielt es keine Rolle, ob er oder ein anderer Verkehrsteilnehmer die Strassenregeln missachtet. Derjenige der fährt, fühlt sich immer im Recht und ist überzeugt von seinem Vortritt. Dasselbe gilt für Fussgänger: Die Autos werden schon anhalten, wenn man sich mitten auf der Strasse befindet. Diese Regel funktioniert überraschend gut. Anschnallen? Blinken? Fehlanzeige.

In den Augen der jungen Kosovaren verwandelt die Visumpflicht das Land in ein Gefängnis ohne Perspektive. Viele wollen andere Kulturen erleben und im Ausland studieren. Letzteres ist zwar grundsätzlich möglich, doch meist fehlt das Geld dazu, die Anzahl der Stipendien ist stark begrenzt. Trotz den beengenden Verhältnissen hat Meddy eine klare Meinung über den grossen Drang der Jungen, das Land zu verlassen: «Nirgends auf der Welt ist besser als hier für die Kosovaren. Wir leben in einem System und einer Gesellschaft, die funktioniert. Ständig reden alle von der Visumbefreiung, dabei sind die Menschen hier noch lange nicht bereit für Europa, sie können höchstens davon träumen.»

Für Meddy selbst hätte alles ganz anders aussehen können: Seine Eltern verliessen den Kosovo in den Siebziger Jahren. In London fand sein Vater Arbeit als Fahrer und Übersetzer. Seine Mutter vermisste die Heimat jedoch bald. Drei Jahre nach der Geburt von Meddy kehrten sie als Familie zurück in den Kosovo. Erinnerungen an seine Jahre in Grossbritannien hat er keine. Mit dem Umstand hadern, dass er eigentlich einen englischen Pass besitzen könnte, tut er selten. Er akzeptiert sein Leben so, wie es ist und versucht das Beste daraus zu machen. «Natürlich, meine Bildung wäre besser. Ich hätte besseren Zugang zu Medizin. Meine Karriere als Fotograf würde vielleicht erfolgreicher verlaufen. Doch selbst wenn ich jemals zurück nach London gehen würde, dann bloss, um zu studieren. Ich liebe den Kosovo und sehe keinen Grund, woanders zu leben.»

Rina (25)

«Wenn ich mit einem in der Schweiz geborenen Kosovaren sprach, so war das linguistisch als würde ich mit einem alten Mann in einem jungen Körper sprechen.»
Rina.
Rina.
bild: mario heller

Ein grosses Haus, ähnlich einer Villa. Während der untere Stock sich noch in Rennovation befindet, ist das Wohnzimmer im zweiten Stock bereits komplett eingerichtet. Mehrere Sofas, grosse Schreibtische und Bücherregale, Parkettboden. Etwa ein dutzend Menschen tummelt sich in dem Raum, einige sitzen auch draussen auf dem Balkon, rauchen Zigaretten. Es herrscht ein Stimmengewirr, vermischt mit lässiger Rockmusik. Die sogenannte Hackershtelle befindet sich zehn Minuten vom Zentrum in Pristina entfernt. Hackerspace, so nennt man einen physischen Raum, in dem sich Hacker treffen und ihr Wissen, aber auch ihre technologische Ausstattung, Einrichtung und gar Lebensmittel teilen.

Bei der Hackershtelle in Pristina handelt es sich in erster Linie um einen Ort, wo sich Jugendliche treffen und austauschen. Rina Kika, eine der Mieterinnen des Hauses, betritt das Wohnzimmer und wird herzlich von allen Anwesenden begrüsst. Sie setzt sich an den Schreibtisch, klappt ihren Laptop auf. Ihr rotes Haar glänzt in den Sonnenstrahlen. «Insgesamt sind wir vier Leute, die das Haus mieten. Die Idee, es zu mieten, hatte aber mein Freund aus der Schweiz, Tobias Bienz. 350 Euro monatlich, der Vermieter lebt längst in Deutschland, will aber nicht, dass sein Anwesen abgerissen wird. Er fand es eine tolle Idee, dass wir einen solchen Ort gründen.»

Ihr Deutsch anwenden konnte Rina erstmal richtig in der Schweiz: Obwohl die Chancen praktisch bei null lagen, bewarb sie sich für einen Studienplatz in Internationalem Wirtschaftsrecht an der Universität in Zürich. Zu ihrer Überraschung erliess diese die Studiengebühren. Rina arbeitete als Kellnerin, um sich ihren Unterhalt zu verdienen. Sie habe sich schnell in die Stadt verliebt, trotz anfänglichen Mühen mit der Schweizer Mentalität. Den Kontakt zu Albanern in der Schweiz hat sie nie bewusst gesucht. Im Verlauf der zwei Jahre lernte sie trotzdem einige Albaner kennen.

Auf die Frage, ob sie die kritischen Stimmen gegenüber Menschen aus dem Balkan nachvollziehen kann, sagt Rina: «Man sollte nie verallgemeinern und ein Land oder eine ganze ethnische Gruppe verurteilen. Es war spannend für mich, die Mentalität in der Schweiz geborener Kosovo-Albaner zu erleben. Sie haben alles Gedankengut von ihren Eltern geerbt, die vielleicht in den frühen Neunzigern auswanderten. Das heisst, sie sind etwas primitiver als die Menschen im Kosovo heute, einfach, weil sich diese Ansichten nicht weiterentwickelten. Am meisten erstaunt hat mich ihr Dialekt. Wenn ich mit einem in der Schweiz geborenen Kosovaren sprach, so war das linguistisch, als würde ich mit einem alten Mann in einem jungen Körper sprechen. Auch die Sprache hatte sich mit den neusten Normen hier weiterentwickelt.»

Eigentlich Juristin, arbeitet Rina immer wieder an Kunstprojekten. Momentan zieht sie mit einem Kollektiv junger Menschen aus dem Kosovo, der Schweiz und Serbien in diesen drei Länder hin- und her, veranstaltet Podiumsdiskussionen, Konzerte oder Theaterauftritte. Vom 13. bis 19. September sind sie das zweite Mal in der Schweiz. Der Abschluss dieses Aufenthaltes wird eine Performance im Zürcher Fraumünster sein.

O-Ton Rina (englisch)

quelle: mario heller

Ares (23)

«23 Jahre und schon Direktor eines riesigen Kinos mitten in der Stadt. Wo würde ich jemals eine solche Möglichkeit bekommen?»
Ares.
Ares.
bild: mario heller

Ungefähr 82 Kilometer von Pristina entfernt liegt Prizren, die zweitgrösste und älteste Stadt des Kosovo. Hier ist der muslimische Glaube einiges ausgeprägter als in der Hauptstadt. Die orientalisch anmutenden Gebäude, der malerische Fluss Bistrica und die Festung, welche hoch oben auf dem Hügel östlich der Stadt liegt. Hier gibt es Touristen, und zwar nicht nur solche aus anderen Balkanländern. Auch asiatische Touristen verirren sich in die schöne Stadt. Im Sommer ist Prizren vor allem für sein Dokufest bekannt, das grösste Festival im ganzen Balkan. Eine Woche lang werden tagsüber Dokumentar- und Kurzfilme gezeigt, während in der Nacht überall unvergessliche Partys gefeiert werden. Das Festival bildet einen spannenden Kontrast zu der sonst sehr konservativen Stadt.

Ares sitzt in seinem kleinen Büro. Der Laptop läuft auf Hochtouren, ständig vibriert sein Mobiltelefon. Er erhebt sich, der Parkettboden knarrt. Seine Arme stützen sich auf dem Schreibtisch ab. Mit lispelnder, aber selbstbewusster Stimme meint er: «23 Jahre und schon Direktor eines riesigen Kinos mitten in der Stadt. Wo würde ich jemals eine solche Möglichkeit bekommen?»

Doch Ares bekam den Job im Lumbhardi Freiluft Kino nicht nur, weil er enorm engagiert ist, sondern auch, weil ihn sonst keiner wollte und niemand anderes die Fähigkeiten dafür besass. Als er gefragt wurde, ob er das Kino übernehmen möchte, lebte Ares noch in Istanbul. Er studierte Kulturmanagement und war kurz davor, seinen Master abzuschliessen. Doch dann starb sein Vater an Krebs. Ares brauchte Ruhe und musste für seine Familie da sein. Zudem motivierte ihn die Tatsache, Direktor eines Kinos zu sein, ungemein. Das Lumbardhi Kino liegt gleich am Fluss Bistrica, mitten in der Altstadt. Die unzähligen Metallstühle wurden bunt gefärbt, eine neue Leinwand montiert. Früher hingen hier Säufer herum, jetzt sind es Jugendliche, die etwas bewegen möchten. Dabei wollte die Stadt den Ort sogar umfunktionieren und auf dem Gelände ein riesiges Parkhaus bauen. «Ein Parkhaus hier macht überhaupt keinen Sinn. Manchmal frage ich mich, was sich unsere Politiker überlegen.» Nach grösstem Widerstand und Mithilfe des Ministers für Kultur in Albanien gelang schliesslich die überraschende Wende. Das Team hinter dem Kino soll beweisen, dass es diesen Ort sinnvoll nutzt. Dann würde von dem Abbruch abgesehen werden.

Ares gibt sich optimistisch: «Es ist gut angelaufen. Die Leute strömten hierher und machten sich ein neues Bild von dem Ort. Aber es gibt noch viele Probleme. Wir brauchen Geld und wir müssen einen möglichst guten Eindruck hinterlassen.» Längerfristig sieht er seine Zukunft jedoch nicht im Kosovo. Er möchte in London seine Träume verwirklichen und da etwas erschaffen. «Dieser Ort ist gut, um Erfahrungen zu sammeln. Aber ich suche hier nicht nach Ruhm. Die ganze Politik und Gesellschaft lässt nicht viel Hoffnung. Meine Arbeit würde niemals gleichwertig belohnt für die Mühe, die ich mir mache. Und wenn ich irgendwann Kinder habe, werde ich sie im Ausland auf eine Schule schicken müssen, um ihnen eine gute Bildung zu ermöglichen», fährt Ares fort. Trotzdem kann er sich vorstellen, wieder hierher zu kommen. «Ich muss einfach noch ein wenig länger auftauchen und andere Kulturen einatmen.»

Es ist ein stürmischer Abend, heute findet ein Konzert statt. Auch Edona und Visar treten auf, sie sind extra aus Pristina angereist. Man kennt einander. Ares trägt einen adretten Frack, sitzt in der vordersten Reihe und verfolgt den Auftritt aufmerksam. Es sind nur wenige Menschen gekommen heute Abend. Mit zwei Euro kann es kaum am Eintrittspreis liegen. Ares freut sich trotzdem, als die Künstler auf der Bühne stehen und Musik machen. Auch das Publikum ist begeistert. Nach dem Konzert versammeln sich alle auf dem Platz, man trinkt Bier und raucht Zigaretten, tauscht sich angeregt aus.

O-Ton Ares (englisch)

Edona (18)

«Pristina ist eine bipolare Schlampe. Ein kleines, hübsches Mädchen im Innern, aber aussen ist sie roh und gemein. Irgendwie färbte das auch auf mich ab.»
Edona
Edona
bild: mario heller

«Die Menschen in Pristina fokussieren stark auf ihr Aussehen. Es ist wie eine Show: Jedes Mal wenn sie das Haus verlassen, spielen sie einander etwas vor. Dazu braucht es viel Kreativität. Als Beispiel: Jeden Morgen nach dem Aufwachen muss ich so tun, als wäre Pristina eine neue Stadt und als würde ich es geniessen, hier zu leben», sagt Edona, während sie in schnellem Schritt über die zerbrochenen Steinplatten geht. Ihr ruckartiger, aber zielstrebiger Gang erweckt den Eindruck, als habe sie lange an einer Verletzung gelitten, die inzwischen verheilt ist.

Das gleissende Sonnenlicht zwingt Edona, ihre Augen zuzukneifen. Um sie herum ragen Wohnblöcke in die Höhe. Bevor sie die Türe zu ihrem Block öffnet, kratzt sie den Rest ihres Vanilleeisbechers zusammen. Drinnen begrüsst sie halbherzig ihre Mutter und ihren Bruder, setzt sich dann auf die Couch in ihrem Zimmer. Das Telefon klingelt, es ist ihr Freund, mit dem sie gerade Streit hat. Wütend schreit sie in den Hörer, hängt mehrmals auf, nimmt aber doch immer wieder ab. Sie rollt eine Zigarette und beruhigt sich einigermassen.

«Pristina ist eine bipolare Schlampe. Ein kleines, hübsches Mädchen im Innern, aber aussen ist sie roh und gemein. Irgendwie färbte das auch auf mich ab», sagt Edona lächelnd. Ihr Wesen strahlt eine Art Bissigkeit und Wut aus. Neben ihrem Psychologiestudium schreibt Edona Songs und tritt als Schauspielerinn in kleinen Filmen auf. Einige ihrer Verwandten wanderten während dem Krieg nach Europa aus. Für sie kam das nie in Frage – zwar suchte Edona mit ihrer Familie in Albanien Schutz, doch nach dem Krieg kehrten sie in den Kosovo zurück.

Gegenüber Menschen, die damals auswanderten, hegt Edona keinen Groll: «Ich glaube, diese Menschen trafen damals eine weise Entscheidung, indem sie gingen. Sie führen ein gutes Leben in Europa, das sie nicht bereuen.» Edona erhebt sich vom Sofa, blickt durch das Fenster aus dem vierundzwanzigsten Stock. Die Wohnblöcke sind inzwischen in oranges Licht gehüllt, die Fenster glitzern in der Abendsonne.

Ihr Onkel flüchtete vor drei Jahre nach Schweden und wartet immer noch auf seinen Asylentscheid. Für solche Fälle und den Flüchtlingsstrom im Januar hat sie wenig Verständnis: «Wenn es die nächsten zehn Jahre im gleichen Muster weitergeht und so viele Menschen das Land verlassen, dann wird der Kosovo leer sein. Diese Leute sind alle fähig zu arbeiten, schliesslich gehen sie ja nach Europa, um zu arbeiten. Sie haben zwei Füsse, zwei Hände und ein Gehirn, vielleicht. Dies sollten sie in unserem Land anwenden, nicht irgendwo sonst», fügt Edona mit ernster Miene an.

Gute Tage würden kommen, wenn man hier arbeitet und etwas aufbaut. Trotzdem wäre Edona einem Studium im Ausland nicht abgeneigt. «Irgendwo studieren, wo die Gebühren nicht hoch sind, denn die kann ich mir nicht leisten. Nach dem Studium vielleicht zurückkommen. Nein, definitiv zurückkommen. Ich würde nochmals für dieses Land kämpfen und es versuchen, besser zu machen.», schliesst Edona, ohne ihre Zweifel zu verbergen.

O-Ton Edona (englisch)

Visar (20)

«Kaffee trinken können wir immer. Etwas auf die Beine stellen fällt jedoch vielen schwer.»
Visar
Visar
bild: mario heller

«Als Krebs ist man schon irgendwie nahe am Wasser gebaut. Normalerweise bewältige ich zwar alles, ohne gross unter Druck zu geraten. Aber insbesondere kleine Dinge versetzen mich in grösste Aufregung. Zum Beispiel wenn es statt vorangekündigtem Reis plötzlich Nudeln gibt», sagt Visar Kasa, während er die hölzerne Türe des Nationaltheaters in Pristina öffnet.

Im grossen Theater ist es dunkel bis auf einige Spotlights auf der Bühne, wo Arbeiter die Technik überprüfen. Die Proben beginnen erst in ungefähr einer halben Stunde. Visar setzt sich auf einen der roten Sessel in den Besucherreihen und starrt auf die Bühne. Die spärliche Beleuchtung spiegelt sich in seinen Brillengläsern. Visa atmet tief ein. Er hat geschafft, wovon viele träumen. Als Zwanzigjähriger begann er das Auslandstudium in Wien am Vienna Konservatorium, Studienrichtung Songwriting und Media Composition. Nun ist er einige Wochen im Nationaltheater, um die Musik für das Stück «Mutter und Kind» von Bekim Lumi zu komponieren. Ausserdem trifft er auch wichtige Personalentscheide im Orchester. Ein besonders grosser Druck, weil er fast alle der Kandidaten persönlich kennt.

Auf die Frage, ob Visar manchmal ein schlechtes Gewissen hat, meint er: «Hätte ich Songwriting hier studieren können, wäre ich vielleicht hier geblieben, in meiner Heimat. Doch es gab keine andere Möglichkeit, was sehr bedauernswert ist.»

Seiner Ansicht nach gäbe es viele Bands und Musiker im Kosovo, die es verdient hätten, die gleiche Chance wie er zu bekommen. Aufgrund des geringen Interesses an moderner Musik, die vom Kommerz abweicht, ist es allerdings sehr schwierig, damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Am Ende ist jedoch auch klar: Visar musste hart arbeiten, um diesen Studienplatz zu bekommen. Bereits mit 16 Jahren fing er an, Songs zu schreiben. Ein Wille, der sich ausgezahlt hat. Genau hier setzt Visars Kritik an der Jugend und ihrer Lethargie an: «Kaffee trinken können wir immer. Etwas auf die Beine stellen, fällt jedoch vielen schwer. Und wenn die politische Besetzung so bleibt wie jetzt, sehe ich kaum Hoffnung, dass es jemals besser wird.»

O-Ton Visar (deutsch)

Tadi (23)

«Ich mag mich an die Zeit vor dem Krieg erinnern, ich hatte einige serbische Freunde, wir hatten auch serbische Nachbarn, es war ganz normal und wir verstanden uns sehr gut.»
Tadi
Tadi
bild: mario heller

«Mich fragten schon serbische Jugendliche, warum ich denn nicht ihre Sprache spreche, schliesslich gehöre der Kosovo ja zu Serbien. Es ist absurd! Wir sollten besser zusammenarbeiten und in die Zukunft schreiten. Näher an Europa gelangen», sagt Taxi bestimmt. Es klingt, als hätte sie diese Worte schon hunderte Male ausgesprochen. Sie verschwindet kurz in der Küche und füllt die Futternäpfe ihrer vier Katzen. Diese rennen ihr wie wild hinterher.

Aufgewachsen ist Tadi in Mitrovica, der grössten Stadt im Norden. Getrennt ist die Stadt durch eine Brücke, welche über einen Fluss führt. Im Süden leben albanische Kosovaren, im Norden serbische Kosovaren. Seit fünfzehn Jahren hat die Brücke niemand überquert, ausser für geschäftliche Zwecke. Tadi erinnert sich zurück: «Ich mag mich an die Zeit vor dem Krieg erinnern, ich hatte einige serbische Freunde, wir hatten auch serbische Nachbarn, es war ganz normal und wir verstanden uns sehr gut. Nach dem Krieg war alles anders, beide ethnische Gruppen isolierten sich komplett.» Die serbischen Kosovaren besitzen zwar den serbischen Pass, dürfen aber trotzdem nicht ohne Visa reisen, da sie als Kosovaren gelten.

Tadi wollte dieses Jahr ihr Kunststudium in Berlin beginnen. Doch es klappte nicht, da ihre Bewerbungsmappe nicht pünktlich ankam. Erst Tage nach Ablauf der Frist erfuhr sie, dass die Mappe das Land gar nie verlassen hatte. Natürlich ist die Enttäuschung gross. «Wir sind sehr isoliert hier. Will man ins Ausland reisen, muss man diese ganze Visa-Prozedur durchlaufen und stets darauf gefasst sein, abgewiesen zu werden. Dabei sollte jeder junger Mensch die Möglichkeit haben, zu reisen.» In den Händen hält sie nun ihre Bewerbungsmappe. Die Zeichnungen, auf Leinentücher gemalt, hat sie bisher niemandem gezeigt, nicht einmal ihren Freunden. Darauf zu sehen sind Gesichter, es handelt sich um Freunde und Verwandte in besonderen Momenten, abstrakt gemalt.

«Wenn ich es jemals schaffe, im Ausland zu studieren, würde ich zurückkommen und versuchen, die Kunstschule und die Kunstszene zu stärken und umzugestalten. Beides ist sehr altbacken», fährt Tadi mit ernstem Gesichtsausdruck fort. Sie wird nicht aufgeben und es nächstes Jahr nochmals versuchen. Ob es ihr gelingen wird?

O-Ton Tadi (englisch)

Über den Autor/Fotograf
Mario Heller ist freischaffender Fotograf in Muri (AG). 2015 waren seine Arbeiten in der Kategorie «Reportage» des Swiss Photo Award nominiert.
Mario Heller
Mario Heller
bild: elena kougionis
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