«Narelle»: Blutroter Himmel in Australien – Strände werden zum «Friedhof»
Als Zyklon «Narelle» am Freitag die Westküste Australiens erreicht, liegt bereits ein aussergewöhnlicher Weg hinter ihm: Er ist der erste tropische Wirbelsturm seit mehr als 20 Jahren, der in drei Bundesstaaten und Territorien auf Land trifft. Der gewaltige Sturm traf zunächst den äussersten Norden von Queensland als Zyklon der Kategorie 4, bevor er am vergangenen Samstag als Zyklon der Kategorie 3 das Northern Territory erreichte und dann weiter westwärts bis zum Indischen Ozean zog. Das System legte dabei mehr als 5'500 Kilometer hinweg.
Die Auswirkungen des Sturms waren teils verheerend. Während in Queensland von abgedeckten Dächern und Stromausfällen berichtet und im Northern Territory vor schweren Überschwemmungen gewarnt wurde, kamen besonders erschreckende Bilder aus Westaustralien. Auch Tage nach dem Sturm sind dort abgelegene Orte von der Aussenwelt abgeschottet.
Himmel ist blutrot eingefärbt
Schon vor dem Landgang zeigte sich die Wucht des Sturms am Himmel – in Denham, einem kleinen Küstenort in der Region Shark Bay, färbte sich die Luft am Freitag tiefrot. Aufnahmen aus dem Ort zeigten einen gleichmässig rötlich glühenden Himmel, der die gesamte Landschaft in ein diffuses, fast unwirkliches blutrotes Licht tauchte.
Veröffentlicht wurden die Videos unter anderem vom Shark Bay Caravan Park. Der Betreiber schrieb zu einem Video auf Facebook: «Kein Filter. So ist es. Man spürt den Staub in Augen und Mund.» Und weiter: «Unglaublich unheimlich draussen».
In australischen Medien wurden die Szenen als «apokalyptisch» beschrieben. Laut dem US-Wetterdienst AccuWeather handelt es sich um ein bekanntes, aber seltenes Phänomen: Die Verfärbung habe sich gebildet, als Staub die Luft vor dem tropischen Zyklon erfüllte. Australiens Böden sind besonders reich an Eisen. Durch Verwitterung oxidiert das Material – es «rostet» gewissermassen – und zerfällt zu feinem, rötlichem Staub. Wird dieser Staub, wie im Vorfeld eines Zyklons, in grossen Mengen aufgewirbelt, verteilt er sich in der Atmosphäre und beeinflusst das Sonnenlicht. Die feinen Partikel streuen vor allem die längeren, roten Wellenlängen des Lichts.
Strände werden zum «Friedhof»
Doch die rote Luft war nur der Vorbote für das, was folgen sollte. An der Küste Westaustraliens zeigte sich das Ausmass der Schäden des Zyklons nach dem Wochenende deutlich. In der abgelegenen Kleinstadt Exmouth, am Ningaloo Reef, sind auch Tage nach dem Sturm weiterhin zahlreiche Haushalte ohne Strom. Einsatzkräfte arbeiteten daran, die Versorgung schrittweise wiederherzustellen. Der rund 3'000-Einwohner-Ort, dessen Einwohner vorwiegend vom Tourismus leben und dessen Population sich während der Hauptsaison zwischen April und Oktober vervierfacht, ist laut dem Bericht der ABC von der Aussenwelt abgeschnitten: Der Flughafen ist verwüstet und die einzige Zufahrtsstrasse gesperrt.
Zudem habe der Sturm ganze Teile des Riffs an Land gespült, berichtete der Sender ABC. Küstenabschnitte, die sonst für ihre aussergewöhnliche Artenvielfalt bekannt sind, zeigten nun ein Bild der Verwüstung.
Das Ningaloo Reef gehört zum UNESCO-Weltnaturerbe und zählt zu den bedeutendsten Korallenriffen der Erde. Anders als das Great Barrier Reef verläuft es unmittelbar entlang der Küste und ist Lebensraum für Tausende Arten – darunter Walhaie, Meeresschildkröten und zahlreiche Korallenarten. Für die Region ist es zugleich ökologisches Rückgrat und wirtschaftliche Grundlage, insbesondere für den Tourismus.
Wildtierhelferin Brinkley Davies schilderte die Lage eindringlich. Ein Spaziergang am Strand gleiche «einem regelrechten Friedhof aus Vögeln, Seeschlangen, Fischen und mehreren toten Delfinen». Mehr als 100 Notrufe habe sie erhalten, während sie versuchte, verletzte Tiere zu versorgen.
Auch aus wissenschaftlicher Sicht galt der Zeitpunkt als besonders kritisch. Die Meeresbiologin Zoe Richards sprach von einem «Worst-Case-Szenario für das Meeresleben». Das Riff habe sich gerade erst von der schwersten Korallenbleiche seiner Geschichte erholt. Nun drohe ein weiterer Rückschlag: Es bestehe ein «sehr grosses Risiko», dass die starken Wellen «all die kleinen Korallenbabys» zerstört hätten, die sich erst vor wenigen Wochen nach der Laichphase angesiedelt hätten.
Zyklon sorgt für Ausfälle an grossen LNG-Anlagen
Der Zyklon auch Folgen für die Energieversorgung. Nach Angaben der fossilen Energiekonzerne Chevron und Woodside kam es zu Ausfällen an drei grossen Anlagen für Flüssigerdgas (LNG) in Westaustralien.
Am Samstag erklärte Chevron, an der Wiederherstellung der Produktion in den Anlagen Gorgon und Wheatstone zu arbeiten, nachdem es dort infolge des Zyklons zu Ausfällen gekommen war. Mit einer Jahreskapazität von rund 15,6 Millionen Tonnen ist Gorgon die grösste LNG-Exportanlage Australiens; Wheatstone kommt auf etwa 8,9 Millionen Tonnen. Zusammen liefern die beiden Anlagen laut Chevron mehr als fünf Prozent des weltweit gehandelten Flüssigerdgases (LNG).
Die Anlage Gorgon – die grössere der beiden – läuft Chevron zufolge mit reduzierter Kapazität weiter. Es war zunächst unklar, in welchem Ausmass die Lieferungen beeinträchtigt sein könnten. «Wir werden die volle Produktion an beiden Standorten wieder aufnehmen, sobald es sicher ist, dies zu tun», erklärte Chevron.
Am Sonntag teilte das australische Unternehmen Woodside mit, die LNG-Anlage in Karratha im Norden von Westaustralien sei aufgrund des herannahenden Zyklons von einer «Produktionsunterbrechung» betroffen. Woodsides Anlage bedient das riesige Gasprojekt «North West Shelf», das vom Unternehmen als eine der grössten LNG-Anlagen der Welt beschrieben wird. Man habe damit begonnen, Personal wieder auf Offshore-Anlagen zu verlegen; Inspektionen sollten nun über Ablauf und Zeitpunkt des Wiederanfahrens entscheiden. Die Produktion werde erst dann wieder aufgenommen, «sobald es sicher ist».
Die aktuellen Störungen treffen auf eine ohnehin angespannte Marktlage: Die globale Versorgung ist bereits durch den seit Wochen andauernden Konflikt mit dem Iran belastet. Zudem hat Australien als Exporteur weiter an Bedeutung gewonnen, da Katar seine Produktion infolge von Schäden durch iranische Angriffe einschränken musste.
Australien zählt zu den weltweit bedeutendsten LNG-Exporteuren und ist ein essenzieller Lieferant für das importabhängige Japan. Nach Angaben der Asia Natural Gas and Energy Association bezieht das ostasiatische Land rund 40 Prozent seiner LNG-Importe aus Australien.
Klimakrise verstärkt Wetterphänomene
Die ungewöhnliche Stärke und der frühe Zeitpunkt von Zyklon «Narelle» sind nach Einschätzung von Klimaforschern kein Zufall, sondern Folge der globalen Erderwärmung. Als der Sturm über das Korallenmeer zog, traf er auf Bedingungen, die Fachleute alarmierten: ein Ozean, der sich in den vergangenen Monaten massiv aufgeheizt hat und als gewaltiger Energiespeicher wirkt.
Für die Entstehung eines Zyklons sind Wassertemperaturen von mindestens 26,5 Grad nötig – das Meer sei durch die aufgenommene Wärme in den vergangenen Monaten regelrecht aufgeladen gewesen. «Das Korallenmeer hat gerade seinen heissesten Dezember, heissesten Februar, heissesten Sommer, heissesten Kalenderjahr und sogar heissesten Finanzjahr verzeichnet», erklärte der Klimaforscher Andrew Watkins von der Monash University gegenüber dem «Guardian».
Die Rekordwerte gelten Forschern zufolge nicht als isoliertes Wetterphänomen. Vielmehr habe sich die Atmosphäre seit der vorindustriellen Zeit durch menschlichen Einfluss deutlich aufgeheizt. Da die Weltmeere mehr als 90 Prozent der zusätzlichen Wärme aufnehmen, werden sie demnach zunehmend zu Brutstätten für Extremwetter. Als zentrale Ursache nennen Wissenschaftler auch die anhaltende Nutzung fossiler Energieträger.
Verwendete Quellen:
- theguardian.com: "Tracing Tropical Cyclone Narelle’s ‘very unusual’ path to hit Australia on three coastlines" (englisch)
- nytimes.com: "Australian Sky Turns an Apocalyptic Blood Red" (englisch, kostenpflichtig)
- abc.net.au: "WA tourist towns grapple with wildlife loss, damage to businesses after Cyclone Narelle" (englisch)
- reuters.com: "Australia LNG disruptions continue after Narelle, thousands without power" (englisch)
- Mit Material der Nachrichtenagentur afp

