Wenn sich Trump und der Iran nicht bald einigen, droht das «Undenkbare»
Der Iran solle mit den Verhandlungen besser bald ernst machen, bevor es zu spät sei, droht US-Präsident Donald Trump auf seiner eigenen Plattform Truth Social. «Denn wenn es erst einmal so weit ist, gibt es KEIN ZURÜCK mehr, und das wird kein schöner Anblick sein!»
Trump meint natürlich, für den Iran gebe es bald kein Zurück mehr. Laut Experten ist dem jedoch nicht so. Wenn die Strasse von Hormus nicht bald wieder frei ist, wird es vielmehr für Trump zu spät sein. Für die USA wird es kein Zurück geben und wird der Anblick nicht schön sein.
Die Folgen seien so «undenkbar gross», dass die Märkte sie ausblenden, sagt der Ölexperte Rory Johnston im Interview mit Bloomberg-TV. Der TV-Moderator hielt dies wohl für Schwarzmalerei und konterte mit der ironischen Frage, ob eine dauerhafte Sperre denn wirklich «das Ende aller Tage» sei. Doch als Antwort bekam er ein «Ja».
Die Sperre hinterlasse im globalen Ölangebot ein so grosses Loch, dass dieses schlicht nicht gefüllt werden kann. Um die Grössenordnungen zu verdeutlichen und zu illustrieren, was die Welt tun müsste, um so viel Öl einzusparen, zog Johnston einen Vergleich mit Corona: Die Strassen müssten wieder so menschenleer sein, am Himmel so wenige Flugzeuge zu sehen sein, wie im Lockdown von März und April 2020.
Die Welt könnte natürlich versuchen, das Angebotsloch zu verkleinern. Dafür würde sie anderswo als im Nahen Osten die Ölförderung steigern oder die Strasse von Hormus irgendwie umgehen. Aber laut Johnston würde all dies nicht ausreichen und noch immer zu viel Öl fehlen. Und deshalb hat Johnston keinen Zweifel, wenn die Strasse geschlossen bleibe, werde die Folge ein «katastrophaler, ökonomischer Schock» sein.
Rohölpreis explodiert auf Allzeithoch
Johnston hat diesen Schock in einem Essay für das Magazin «The Dispatch» skizziert. Wenn die Strasse geschlossen bleibt, werde der Weltmarktpreis für Rohöl auf «ein Allzeithoch explodieren» – und möglicherweise noch höher. Dieses Hoch wurde 2008 mit einem Preis von 147 Dollar pro Fass erreicht, was inflationsbereinigt heute 223 Dollar wären. Damit hätte sich der Ölpreis verglichen mit dem Jahresanfang beinahe vervierfacht.
Dieser Ölpreis-Schock liesse die Preise für Benzin, Diesel, Heizöl oder Flugtickets «unerträglich» in die Höhe treiben, wie Johnston schreibt. In wohlhabenden Ländern würden die Menschen diese höheren Preise zahlen, ohne ihren Lebensstil gross zu ändern. Sie müssen hinnehmen, dass ihnen weniger Geld für alles andere bleibt und der Ölpreis-Schock auf sie wie eine Steuer wirkt. Was das Benzin sie mehr kostet, sparen sie bei Restaurantbesuchen oder bei Ferienplänen ein. Von diesem Sparzwang betroffene Unternehmen würden Entlassungen vornehmen. Am Ende geben die Statistiker dem Ganzen einen Namen: Rezession.
All das wäre in Trumps Worten wahrlich kein schöner Anblick. Aber in den ärmeren Ländern würde es hässlich werden. Laut Johnston würde es zu einem Mangel an Treibstoffen kommen, wie es das von den USA unter eine Blockade gesetzte Kuba erlebt. Dort hat der Staat das Benzin rationiert, die Menschen warten tagelang auf ihre Ration. Johnston spricht von «katastrophalen Einschränkungen im Lebensstandard». Die Statistiker nennen es eine sehr schwere Rezession, eine Depression.
Johnstons Fazit fällt so aus:
Natürlich gibt es Gegenargumente gegen diese drastische Prognose. Wenn alles so schlimm sein soll, warum kostet das Ölfass nicht heute schon über 200 Dollar statt wenig mehr als 100 Dollar? Johnston und andere Experten wundern sich darüber tatsächlich. Sie sprechen von «irrationalem Optimismus», «erstaunlicher Selbstgefälligkeit» oder einem «Schlafwandeln in die grösste Energiekrise der Geschichte hinein».
Eine Erklärung könnte sein, dass der Ölpreis derzeit noch stark von Marktstimmungen bestimmt wird. Zum Preis von derzeit fast 110 Dollar erhält man nämlich das Fass nicht schon am nächsten Tag. Man zahlte heute und wird circa einen Monat später beliefert. Und bis dahin, so hoffen wohl die «irrational optimistischen» Märkte, ist die Strasse wieder frei und wütet Trump anderswo. Wieder in Grönland. Oder in Kuba.
Die Krise kommt auf dem Seeweg
In diesem Optimismus dürfen die Märkte verharren, weil Öl bis jetzt nicht physisch knapp ist. Denn noch treffen mit Öl beladene Supertanker in Asien ein. Sie sind vor Kriegsbeginn im Nahen Osten gestartet und benötigen drei bis vier Wochen für ihren Weg. Nach ihnen kommt jedoch nichts mehr. Mit diesem «Nichts» gelangt die physische Knappheit nach Asien. Und damit beginnt das globale Wettbieten um das verbliebene Erdöl. Mit den Worten von Johnston: Die Krise ist auf dem Weg, die Preise werden erst noch durchgerüttelt.
Zu dieser Leseweise der Geschehnisse passt, dass Öl schon wesentlich teurer ist, wo es in Kürze gebraucht wird. Für eine sofortige physische Lieferung im Nahen Osten werden derzeit schon weit mehr als 100 Dollar bezahlt – nämlich über 160 Dollar. In Singapur wird Kerosin für Flugzeuge bereits zu über 200 Dollar gehandelt. Solche Preise zeigen, wohin die Reise gehen könnte für den Rohölpreis.
Trump hat das bislang verhindern können, indem er den Markt wiederholt beruhigte. Unter anderem, indem er versprach, der Krieg sei bald vorbei. Doch seine Worte verlieren anscheinend an Wirkung. Als er die Frist für einen Abschluss der Verhandlungen um zehn Tage hinausschob, fiel der Ölpreis nur wenig und schoss sogleich zurück. Johnston kommentiert dies so: «Der Ölmarkt wird gegenüber diesem Unsinn immer gleichgültiger.»

