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Analyse

Warum die Republikaner einen absurden Covid-Todeskult aufführen

In den USA explodieren die Fallzahlen. Trotzdem weigern sich die Trump-Fans nach wie vor, sich impfen zu lassen.
21.07.2021, 14:4022.07.2021, 13:38

Die Delta-Variante trifft nun auch die Amerikanerinnen und Amerikaner mit voller Wucht: Innerhalb von zwei Wochen haben sich die Covid-Fallzahlen um 200 Prozent erhöht. Gestern wurden rund 35’000 neue Infizierungen gezählt.

Auch die Anzahl der Todesfälle hat um rund 50 Prozent zugenommen. Am Dienstag starben 246 Amerikaner an Covid, bald dürften es noch mehr sein, denn die Anzahl der Toten hinkt hinter den Erkrankungen hinterher.

Das triste Bild vervollständigen die jüngsten Zahlen des National Center for Health Statistics: Wegen der Pandemie ist im vergangenen Jahr die durchschnittliche Lebenserwartung der Amerikaner um 1,5 Jahre gesunken und befindet sich nun auf dem tiefsten Stand seit 2003. Besonders betroffen sind Schwarze und Hispanics.

Warnt vor einer «Pandemie der Ungeimpften»: Rochelle Walensky.
Warnt vor einer «Pandemie der Ungeimpften»: Rochelle Walensky.
Bild: keystone

Das müsste nicht sein. Mit Impfen kann man sich äusserst wirksam gegen Covid-19 schützen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass es inzwischen mehrere Fälle gibt, in denen Menschen trotz Impfung infiziert wurden. Der Schutz wirkt in aller Regel trotzdem, die Krankheit verläuft bei Geimpften fast immer harmlos. «Was wir derzeit erleben, ist eine Pandemie der Nicht-Geimpften», erklärt daher Rochelle Walensky, die Direktorin des Centers vor Disease Control and Prevention (CDC).

Impfstoff gibt es in den USA mehr als genug. Wer will, kann sich jederzeit gratis einen Piks verpassen lassen. Doch längst nicht alle wollen. Das Ziel, mindestens 70 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal geimpft zu haben, hat die Biden-Regierung verpasst.

Die Zahl der Nicht-Geimpften verteilt sich sehr unterschiedlich. Während 86 Prozent der Demokraten mindestens einen Piks erhalten haben, sind es bei den Republikanern gerade mal 52 Prozent. Und während im liberalen Bundesstaat New York inzwischen 56 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft sind, sind es im stockkonservativen Bundesstaat Arkansas bloss 35 Prozent.

Kunden in einer Shopping Mall in Los Angeles. Neuerdings gilt wieder die Maskenpflicht.
Kunden in einer Shopping Mall in Los Angeles. Neuerdings gilt wieder die Maskenpflicht.
Bild: keystone

Arkansas zeigt auf, welch fatale Folgen die Impfverweigerung haben wird. Weil die Delta-Variante hoch ansteckend ist, werden die Fallzahlen und die Hospitalisierung von schwer Erkrankten exponentiell zunehmen. Jennifer Dillaha vom Gesundheitsamt in Arkansas erklärt gegenüber der «Financial Times»: «Geht es so weiter, wird sich die Anzahl der Patienten in unseren Spitälern Anfang August verdoppeln. Wir werden mehr als 1300 Patienten haben, so viel wie im letzten Winter.»

Die Reportage in der «Financial Times» zeigt auch, wie erschreckend uninformiert viele Menschen noch sind. So erklärt etwa der 31-jährige Immobilienmakler Kevin Newman: «Wäre Covid so schlimm, dann müssten wir für den Impfstoff bezahlen. Ich finde es verdächtig, dass er gratis verteilt wird.»

Der 58-jährige Trump-Wähler Steven Shaw glaubt derweil, dass der Impfstoff die DNA verändern werde. Weil auf Kreuzfahrtschiffen Nicht-Geimpfte von Geimpften getrennt werden, vergleicht er dieses Vorgehen mit dem Holocaust. «Das Gleiche haben die Nazis mit den Juden getan», sagt er.

Obwohl die Trump-Regierung mit ihrer Operation Warp Speed massgeblich zur raschen Entwicklung von Impfstoffen beigetragen hat, sind es die Republikaner, die das Impfen zu politischen Zwecken missbrauchen. Sie deuten beispielsweise den harmlosen Versuch der Biden-Regierung, die Menschen mithilfe von Freiwilligen zu überzeugen, als Versuch, einen bösartigen Überwachungsstaat errichten zu wollen.

Dass sich dabei Marjorie Taylor Green besonders hervortut, ist nicht weiter erstaunlich. Die Abgeordnete aus Georgia glaubt bekanntlich auch, die Waldbrände in Kalifornien seien von jüdischen Lasern aus dem Weltall entfacht worden. Nun wurde ihr Twitter-Account vorübergehend gesperrt, weil sie die Mitteilung verbreitete, Covid-19 sei nur für Dicke und Menschen über 65 gefährlich.

Hetzt gegen Anthony Fauci: Senator Rand Paul.
Hetzt gegen Anthony Fauci: Senator Rand Paul.
Bild: keystone

Einer, der es besser wissen müsste, ist Rand Paul, schliesslich ist der Senator aus Kentucky Arzt. Doch anstatt seine Anhänger vom Nutzen des Impfens zu überzeugen, zofft er sich mit Anthony Fauci, dem Übervater der Pandemie. In einem Hearing vor einem Senatsausschuss versuchte Paul gestern einmal mehr, Fauci unterzuschieben, er habe mitgeholfen, das Virus in den Labors von Wuhan zu entwickeln.

Eine fatale Rolle spielt auch der TV-Sender Fox News, allen voran die beiden Starmoderatoren Tucker Carlson und Laura Ingraham. Carlson bedient sich dabei der Methode, die hierzulande der angebliche Friedensforscher Daniele Ganser mit Erfolg anwendet. Er stellt suggestive Fragen. So führte er in seinem Monolog am Montag das Beispiel der sechs Parlamentarier aus Texas an. Sie sind trotz doppelter Impfung an Covid erkrankt. «Da fragen wir uns, wie wirksam die Impfung ist?», stellt Carlson fest.

Fairerweise sei erwähnt, dass inzwischen einzelne Fox-New-Moderatoren ihre Impfskepsis abgelegt haben. So hat Sean Hannity am Montag seine Zuschauer energisch aufgefordert, sich einen Piks verpassen zu lassen. Das Gleiche tat auch Steve Doocy in der Morgensendung «Fox & Friends».

Auch bei einzelnen Republikanern lässt sich ein Umdenken feststellen. Mitch McConnell, republikanischer Minderheitsführer im Senat, hat die Menschen aufgefordert, sich impfen zu lassen. Kevin McCarthy, sein Gegenpart im Abgeordnetenhaus, konnte sich zumindest zur Aussage durchringen: «Ich glaube an den Impfstoff.»

Trotzdem bleibt die Frage: Woher stammt der absurde Covid-Todeskult der Republikaner? Paul Krugman, Kolumnist in der «New York Times», erklärt ihn mit dem Phänomen «Loyalität zeigen». Was meint er damit? Autokraten zwingen ihre Untergebenen gerne dazu, völlig absurde Behauptungen zu unterstützen. Sie tun dies nicht nur aus Eitelkeit. Wenn sie ihre Mitarbeiter dazu bewegen können, sich öffentlich zum Narren machen zu lassen, dann sichern sie sich so auch ihre Loyalität.

Der gleiche Mechanismus wirkt auch bei den Trump-Anhängern. Indem sie sich nicht impfen lassen, zeigen sie ihre Loyalität zu ihrem Anführer. «Die Republikaner haben für sich einen politischen Bereich geschaffen, in dem Demonstrationen von Loyalität die Erwägungen für eine vernünftige Politik, ja selbst grundlegende Logik überstrahlen», so Krugman. «Wir alle müssen den Preis dafür bezahlen.»

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quelle: keystone / peter schneider
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