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Broken glass and debris are seen inside a resturant a day after a suicide attack in Kabul, Afghanistan July 24, 2016. REUTERS/Mohammad Ismail      TPX IMAGES OF THE DAY

Der Anschlag auf eine friedliche Demonstration in Kabul hat 80 Todesopfer gefordert. Bild: MOHAMMAD ISMAIL/REUTERS

Kabul erschüttert vom blutigsten Anschlag seit mehr als 10 Jahren



Nach dem blutigsten Attentat in Kabul seit dem Ende der Taliban-Herrschaft 2001 hat die afghanische Hauptstadt um die 80 Todesopfer getrauert. Mehr als 230 Menschen wurden bei dem Anschlag am Samstag auf eine Demonstration verletzt. Zu der Bluttat bekannte sich die «IS»-Miliz.

Tausende Angehörige der schiitischen Minderheit der Hasara hatten in Kabul für den Bau einer Stromtrasse in ihrer vernachlässigten Heimatprovinz Bamijan demonstriert, als inmitten der Menschenmenge zwei Sprengsätze detonierten. Augenzeugen berichteten von dutzenden zum Teil völlig zerfetzten Leichen.

Noch am Sonntag war der Tatort von Schuhen, Ausweisen und Protestbannern übersät. Die Spitäler waren mit der Versorgung der vielen Verletzten überlastet.

Demonstrators from Afghanistan's Hazara minority attend a protest in Kabul, Afghanistan July 23, 2016. REUTERS/Omar Sobhani

So sah die Demonstration vor dem Anschlag aus.
Bild: OMAR SOBHANI/REUTERS

Die sunnitische Terrormiliz «Islamischer Staat» («IS») bekannte sich zu dem Anschlag. Die «IS»-Propaganda-Agentur Amaq meldete, zwei «IS»-Kämpfer hätten sich «inmitten einer Versammlung von Schiiten» in die Luft gesprengt. Die in Afghanistan weitaus mächtigeren Taliban, die gerade mitten in ihrer Sommeroffensive gegen die Armee stecken, wiesen dagegen jede Beteiligung von sich.

Platz der Märtyrer

Präsident Aschraf Ghani verurteilte den Anschlag und ordnete für Sonntag Staatstrauer an. «Ich verspreche Euch, dass ich das Blut unserer Geliebten an den Tätern rächen werde, wo immer sie seien», sagte Ghani.

Den Anschlagsort benannte er um in «Platz der Märtyrer». Obwohl aus Sicherheitsgründen ein zehntägiges Versammlungsverbot verhängt wurde, harrten viele Hasara in der Nacht am Anschlagsort aus.

Dass der blutigste Anschlag in Kabul seit dem Sturz der radikal-islamischen Taliban Ende 2001 auf das Konto der «IS»-Miliz geht und nicht der weit mächtigeren Taliban, ist ungewöhnlich. Die Dschihadisten waren bislang vor allem in der ostafghanischen Provinz Nangarhar aktiv. Die afghanische Armee geht seit Monaten mit der Luftunterstützung von NATO-Kampfflugzeugen in Nangarhar gegen die Gruppe vor.

epa04868674 A picture made available on 01 August 2015 shows Gul Dali (R) the district leader of Islamic State (IS) sitting with colleagues and his family at an undisclosed location in Kunar province, Afghanistan, 30 July 2015. More than 1000 Afghan families have been displaced by clashes in the Achin and Spinghar districts in eastern Afghanistan between armed opposition groups, some allegedly claiming allegiance to the group calling themselves the Islamic State (IS) after defecting from the Taliban.  EPA/GHULAMULLAH HABIBI

Der «IS» hat sich auch in Afghanistan ausgebreitet.
Bild: GHULAMULLAH HABIBI/EPA/KEYSTONE

Erst kürzlich meldete die NATO, dass die «IS»-Miliz seit Januar in Nangarhar deutlich an Boden verloren habe und geschwächt sei. Der Analyst Ahmad Saidi sagte, es gebe «keinen Zweifel», dass die Gruppe in Nangarhar unter grossem Druck stehe und deshalb zu Anschlägen wie in Kabul greife. Laut dem afghanischen Geheimdienst steht einer der «IS»-Kommandanten von Nangarhar namens Abu Ali hinter der Tat.

Iran ruft zu Einheit der Konfessionen auf

Der Anschlag wurde international verurteilt. Die UNO bezeichnete den Angriff auf Zivilisten als «Kriegsverbrechen», während die US-Regierung erklärte, der Anschlag sei besonders schändlich, weil er sich gegen eine friedliche Demonstration gerichtet habe. Auch der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier verurteilte den «furchtbaren Terroranschlag», der offenbar «möglichst viele Menschen in den Tod reissen» sollte.

Der Iran, der traditionell zu den Unterstützern der Hasara gehörte, bezeichnete das Attentat als «einen neuen Akt der Barbarei» der «IS»-Miliz. Aussenminister Mohammed Dschawad Sarif rief zur Einheit der Konfessionen auf. «Schiiten und Sunniten müssen sich vereinen, um die Extremisten zu besiegen», sagte Sarif. Politische Beobachter glauben, mit dem Anschlag wolle die «IS»-Miliz Hass zwischen Schiiten und Sunniten säen.

Diskriminierte Minderheit

Die rund drei Millionen Angehörigen der schiitischen Minderheit, die vor allem in der zentralafghanischen Provinz Bamijan leben, leiden seit altersher unter Diskriminierung. In den 90er Jahren wurden tausende Hasara von den sunnitischen Extremistengruppen Al-Kaida und den Taliban ermordet.

Zehntausende Mitglieder der Volksgruppe hatten bereits im Mai dagegen protestiert, dass die Hochspannungsleitung nicht wie ursprünglich geplant durch die Provinz Bamijan führen soll. Dass sie von der Stromtrasse abgeschnitten ist, deuten die Hasara als erneuten Beweis für die Diskriminierung ihrer Volksgruppe. Dagegen argumentiert Kabul, die geänderte Route sei kürzer und damit billiger. (leo/sda/afp)

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