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Amis geben bei US-Botschaft in Bern ihren Pass ab

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Aufwändig und teuer: Es ist gar nicht so einfach, seinen US-Pass loszuwerden.

Warum plötzlich Amerikaner aus halb Europa zur US-Botschaft nach Bern reisen

Warum die US-Botschaft in Bern zum Sehnsuchtsziel vieler amerikanischer Expats geworden ist.
05.05.2026, 19:4205.05.2026, 20:27
Bojan Stula
Bojan Stula

Immer mehr Amerikanerinnen und Amerikaner kehren ihrem Heimatland den Rücken – und das spürt jetzt auch die Schweiz. In der US-Botschaft in Bern häufen sich die Termine für den Verzicht auf die Staatsbürgerschaft. Wer sich dafür entscheidet, braucht Geduld – und Geld, wie der britische «Guardian» berichtet.

Eine in Grossbritannien lebende US-Amerikanerin etwa wich jüngst nach Bern aus, weil die Warteliste in der Londoner Auslandsvertretung inzwischen über ein Jahr beträgt. In vielen europäischen Städten sind es immerhin noch mehrere Monate.

Die Szene in der Bundesstadt ist dabei symbolträchtig: Zwischen US-Flagge und Porträts der politischen Führung schwören Auswanderer unter Eid, dass sie ihre Staatsbürgerschaft freiwillig und nicht aus steuerlichen Gründen aufgeben.

Auch watson-Redaktor Michael Shepherd wollte seinen US-Pass abgeben:

Politische Gründe dominieren

Die Motive für diesen drastischen Schritt haben sich in den letzten Jahren verschoben. Während früher oft steuerliche Überlegungen im Vordergrund standen, sind es heute zunehmend politische Gründe. Viele Befragte verweisen auf die Polarisierung in den USA, auf innenpolitische Spannungen und auf die Rolle der Regierung, wie der «Guardian» weiter schreibt.

Ein im Ausland lebender Amerikaner bringt es gegenüber der britischen Zeitung auf den Punkt: Er wolle «nicht Teil einer Diktatur sein». Andere nennen die Wahl Donald Trumps 2016 oder Entscheidungen des Supreme Court als Wendepunkte. Die Sorge, demokratische Institutionen könnten Schaden nehmen, treibt viele um – ebenso wie die Angst vor einer aggressiveren Aussenpolitik.

Der Abschied vom US-Pass ist jedoch alles andere als einfach. Zwar wurde die offizielle Gebühr jüngst von 2350 auf 450 Dollar gesenkt, doch mit Anwaltskosten summiert sich der Prozess schnell auf 7000 bis 10’000 Dollar. Zudem kann sich das Verfahren über mehr als ein Jahr hinziehen, hält die Beratungsagentur Moodys in einem Blogeintrag fest. Moody's bietet weltweite Online-Seminare mit Tipps zur US-Ausbürgerung an.

Zur Passabgabe kommen jedenfalls erhebliche Risiken: Wer als sogenannter «covered expatriate» gilt, muss unter Umständen lebenslang steuerliche Nachteile in Kauf nehmen. Auch die Einreise in die USA kann erschwert werden – mitunter droht sogar, Familienangehörige in der Heimat nicht mehr besuchen zu können.

Steuerrecht als Sonderfall

Ein zentraler Treiber bleibt indes das US-Steuersystem. Die Vereinigten Staaten besteuern ihre Bürger unabhängig vom Wohnort – ein weltweit einzigartiges Modell, das sonst nur Eritrea kennt. Für Auslandschweizer mit US-Pass bedeutet das: Sie müssen ihre Finanzen auch gegenüber den US-Behörden offenlegen.

Das führt zu praktischen Problemen, auch in der Schweiz. So berichten Betroffene, dass sie hierzulande keine Bankkonten eröffnen konnten, weil Finanzinstitute den administrativen Aufwand scheuen. Selbst gut qualifizierte Fachkräfte mussten Jobangebote ablehnen.

US Botschaft in Bern
Anlaufstelle für viele Auslandamerikaner: Die US-Botschaft in Bern.screenshot google maps

Zusätzliche Verunsicherung bringt eine Gesetzesänderung, die ab Ende Jahr die automatische Registrierung junger US-Bürger für den Militärdienst vorsieht (siehe Box). Zwar handelt es sich zunächst nur um eine Datenbank, doch für im Ausland lebende Familien wächst die Sorge vor möglichen Einberufungen – insbesondere angesichts geopolitischer Spannungen.

Dass Bern in diesem Kontext eine Rolle spielt, ist kein Zufall: Die Schweiz ist für viele Expats ein wichtiger Standort – zugleich aber auch ein Ort, an dem sich die Konsequenzen der US-Politik konkret zeigen, etwa im Bankensektor.

Die Zahl der Ausbürgerungen ist seit Jahren hoch. Während es in den 2000er-Jahren nur einige Hundert pro Jahr waren, sind es heute mehrere Tausend. Für 2026 wird erneut ein Spitzenwert erwartet.

Trotz aller Hürden bereuen viele den Schritt nicht. Was bleibt, sind Erinnerungen – und ein gewisser Verlust. «Ich vermisse gewisse Dinge», sagt ein ehemaliger US-Bürger, «aber ich kann gut damit leben, nie zurückzukehren», wie der 57-jährige Tom Geller im «Guardian» zitiert wird.

Für die Schweiz bleibt die Entwicklung ein stilles, aber deutliches Signal: Politische Unsicherheit in den USA hat längst konkrete Auswirkungen – bis in die Wartesäle der Botschaften in Bern.

Auf eine Anfrage von CH Media zur aktuellen Auslastung hat die US-Botschaft in Bern bisher nicht reagiert. (bzbasel.ch)

Die neue US-Regel zur Militärregistrierung
Ab Dezember 2026 werden junge US-Bürger automatisch für das sogenannte «Selective Service System» registriert. Dabei handelt es sich um eine staatliche Datenbank, aus der im Fall einer Wiedereinführung der Wehrpflicht Rekruten gezogen werden könnten. Neu erfolgt die Erfassung nicht mehr aktiv durch die Betroffenen, sondern automatisch über bestehende Behördenregister. Ziel ist es, die Vollständigkeit der Daten zu erhöhen – faktisch werden damit praktisch alle wehrpflichtigen Männer zwischen 18 und 25 Jahren erfasst.

Für im Ausland lebende US-Bürger hat diese Änderung besondere Brisanz. Auch wer nie in den USA gelebt hat, kann registriert werden und unterliegt damit grundsätzlich denselben Verpflichtungen. Gerade bei im Ausland aufgewachsenen Doppelbürgern fehlt oft das Bewusstsein dafür. Die automatische Registrierung senkt diese Hürde weiter: Betroffene könnten erfasst werden, ohne es überhaupt zu wissen. Gleichzeitig kann der Status später Auswirkungen haben – etwa bei Passanträgen, staatlichen Leistungen oder einer möglichen Rückkehr in die USA.

Vor dem Hintergrund geopolitischer Unsicherheiten gewinnt das Thema zusätzliche Bedeutung. Zwar ist eine tatsächliche Wiedereinführung der Wehrpflicht derzeit offen, doch die rechtlichen Grundlagen bleiben bestehen. Für viele im Ausland lebende Familien stellt sich deshalb zunehmend die Frage, welche Konsequenzen die US-Staatsbürgerschaft langfristig für ihre Kinder haben könnte.

Wie die internationale Beratungsfirma Moody's, die auch Seminare zum Verzicht auf die US-Staatsbürgerschaft anbietet, festhält, kann eine korrekt durchgeführte Ausbürgerung solche Verpflichtungen grundsätzlich beenden. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass der Prozess komplex ist und rechtliche sowie steuerliche Risiken birgt, die sorgfältig geprüft werden müssen. (bos)
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23 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Persilschein
05.05.2026 19:49registriert Februar 2014
Verständlich. Allerdings wäre mir lieber sie würden Trump abwählen.
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Gina3
05.05.2026 20:02registriert September 2023
Und was sagt Callista Gingrich, die treue Anhängerin von Donald Trump, die im Herbst 2025 ihr Amt als Botschafterin der Vereinigten Staaten in Bern antrat?

Gratuliert sie ihnen dazu, dass sie früher als sie selbst erkannt haben, wie schädlich Trump für die einst größte Demokratie der Welt ist?
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