«Hat der Lehrling diese Unterführung geplant?»: Winterthurer Velofahrende sind wütend
Am Samstagabend ist in der Velounterführung am Bahnhof Winterthur ein Velo mit einem Fussgänger zusammengeprallt. Der Fussgänger zog sich dabei so starke Verletzungen zu, dass er noch auf der Unfallstelle verstarb.
watson-Leser Philipp, der die Unterführung gut kennt, sagt nun: Die Kurve am Ausgang der Unterführung sei viel zu eng. Man könne als Velofahrer schlicht nicht sehen, was dahinter kommt – und ob dort jemand steht.
Philipp spricht von einem «Unfall mit Ansage.» Wenn hinter dieser Kurve tatsächlich jemand steht, könne man schlicht nicht mehr bremsen. Er sagt:
watson hat sich in Winterthur ein Bild von der Velo-Unterführung gemacht und mit Velofahrerinnen und Velofahrern gesprochen, die die Unterführung täglich benutzen.
Mit Karacho um die Kurve
Erna Weiss schiebt ihr violettes Velo die Rampe hoch. «Es ist mir zu steil», sagt die Rentnerin in ihrer knallroten Regenpelerine.
Genau weil die Rampe so steil ist, nehmen Velofahrer und Velofahrerinnen, die in die Unterführung einbiegen, schnell an Fahrt auf.
Weiss sagt, sie selbst durchquere die Unterführung stets in gemächlichem Tempo. Sie sei Rentnerin, habe es nicht eilig. «Ich verstehe aber, dass berufstätige Leute im Alltagsstress schneller durch die Unterführung flitzen», sagt Weiss.
Vom tödlichen Unfall im Velotunnel hat Weiss mitbekommen. Es nehme sie mit, sagt sie:
Velofahrende, die von der Rudolfstrasse, also von der dem Stadtzentrum abgewandten Seite, in die Unterführung einrollen, fahren zuerst die steile Rampe runter. Dann biegen sie in einer Kurve von nahezu 90 Grad in die Unterführung ein.
Es ist die Kurve, die watson-Leser Philipp als so gefährlich wahrnimmt. Zwar hat es am Boden in gelber Farbe eine Markierung: «Bitte langsam!»
Die meisten Velofahrenden halten sich daran, bremsen ab, bevor sie in die rechtwinklige Kurve einbiegen. Aber nicht alle: watson beobachtet auch Velofahrer, die sich mit vollem Karacho in die Kurve legen – mit dem Rennvelo, dem Lastenrad, dem E-Bike.
«Ich habe diese Kurve auch schon mit einer gewissen Geschwindigkeit gefahren.» Das sagt Christoph Zundel, der auf seinem Gravelbike unterwegs ist.
Gerade weil die Rampe so steil herunterführe, wolle er die Unterführung zügig fahren – um genügend Schwung zu haben und auf der anderen Seite den Aufstieg möglichst ohne Anstrengung wieder hochzukommen.
Auch Zundel findet es fahrlässig, wie wenig er als Velofahrer sehe, wenn er in die Unterführung einbiege.
Er hat Vorschläge, wie die Situation entschärft werden könnte: «Warum bringt man keinen Spiegel an, mit dem ich sehen könnte, ob sich hinter der Kurve jemand befindet?» Auch könnte man die Wand etwas abschleifen, damit man besser um die Ecke blicken könnte.
Für Fussgänger tabu
Der Velotunnel, der die Rudolfstrasse mit dem Bahnhofplatz verbindet, ist für Fussgänger gesperrt. Darauf wird am Eingang zur Unterführung auch mit einem Schild hingewiesen.
Nicht gut genug, findet Jiri. Blaue Regenmütze, blaue Pelerine: Der Tscheche lebt seit 1993 in Winterthur. «Man müsste viel besser signalisieren, dass das eine Unterführung nur für Velos ist», sagt er und weist zu Recht darauf hin, dass das Schild Fussgängerinnen und Fussgänger nur von der einen Seite darauf hinweist, dass die Unterführung für sie tabu ist.
Von der anderen Seite weist das Schild auf die Begegnungszone hin, die hinter der Unterführung beginnt. Jiri versteht nicht, warum man die Warnung nicht grösser und in verschiedenen Sprachen anbringt. «Ich habe es schon oft erlebt, dass Ortsunkundige und Touristen sich in den Tunnel verirrt haben», sagt Jiri.
Rentnerin Weiss sagt: «Also mir könnte das auch passieren, dass ich als Fussgängerin fälschlicherweise den Velotunnel nehme.» Und Zundel berichtet: «Gerade heute Morgen bin ich wieder um die Kurve gebogen und dahinter stand eine Person auf einem E-Scooter.»
Das sagt die Stadt Winterthur
Der unterirdische Velotunnel ist seit Dezember 2021 in Betrieb und Teil des Projekts «Rampe 21», das SBB, Stadt Winterthur und Kanton Zürich über 90 Millionen Franken gekostet hat.
«Mit der neu geschaffenen unterirdischen Veloquerung von der Rudolf- in die Turnerstrasse wird der Veloverkehr besser und sicherer an die Bahn angebunden», schrieb die Stadt Winterthur anlässlich der Eröffnung in einer Medienmitteilung.
Aber ist der Tunnel wirklich genug sicher? Warum wurde diese Kurve überhaupt rechtwinklig geplant? Das wollte watson von der Stadt Winterthur wissen.
Mediensprecher Michael Graf erklärt: Tatsächlich verlaufe die Velounterführung rechtwinklig zu den SBB-Gleisen, die Rampe zur Unterführung hingegen mittig zur Rudolfstrasse. Daraus resultiere die scharfe Kurve, die Graf mit baulichen Gründen erklärt:
«Dies liegt einerseits daran, damit der Vorplatz der Häuserzeile auf der Rudolfstrasse frei bleibt für den Fussverkehr und für die Ladengeschäft, andererseits daran, dass die unterirdische Velostation Rudolfstrasse parallel zur Rampe angeordnet ist.» Die dadurch entstehende Ecke sei so weit abgeschrägt und zurückversetzt worden, wie die baulichen Verhältnisse das zugelassen hätten.
Die Stadt Winterthur will nun die Ergebnisse der polizeilichen Ermittlungen abwarten. Bauliche Sofortmassnahmen, um die Übersicht in der Kurve zu verbessern, seien keine geplant.
watson hat auch bei den SBB angefragt, wie sie auf den tödlichen Unfall reagieren – immerhin sind die Bundesbahnen nach der Auftragsvergabe durch die Stadt Winterthur als Bauherrin aufgetreten.
Mediensprecherin Carmen Hefti verweist gegenüber watson darauf, dass der Unfallhergang Gegenstand laufender Ermittlungen sei. «Solange diese Ermittlungen andauern, können wir keine Auskünfte geben und bitten dafür um Verständnis.»
Auch weisen die SBB darauf hin, dass die Unterführung der Stadt Winterthur gehört. Deshalb stellen sich die SBB auf den Standpunkt: Sollten die Ermittlungen zeigen, dass bauliche Anpassungen am Tunnel vorgenommen werden müssten, müsste der Auftrag dazu von der Stadt Winterthur kommen.
