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Schön ist es in Lugano, wo oft die Sonne scheint: Chris McSorley.
Schön ist es in Lugano, wo oft die Sonne scheint: Chris McSorley.Bild: keystone
Interview

Chris McSorley: «Die Schweiz ist meine Heimat geworden und Coaching ist mein Leben»

Nach zwei Jahrzehnten hat Chris McSorley Servette verlassen und in Lugano einen Dreijahresvertrag als Coach unterschrieben. Der 60-jährige Kanadier über Führungsmethoden, seine Vergangenheit in Genf und seine Zukunft im Südtessin.
16.10.2021, 06:40

Wir müssen zuerst etwas klären: Als Sie in Genf als Coach abgesetzt und zum Sportchef wegbefördert worden sind, sagten Sie, es sei immer Ihr Wunsch und Traum gewesen, nur Sportchef zu sein. Nun sind Sie in Lugano nur Trainer. Also nicht Ihr Traumjob?
Chris McSorley:
Habe ich das in Genf gesagt?

Ja, haben Sie.
Nun, ich hatte keine andere Wahl. Der Verwaltungsrat hatte das so beschlossen, und ich musste mich fügen.

Was ist nun also Ihr Traum: Sportchef oder Coach?
Definitiv Coach.

Wann waren Sie zuletzt nur Coach?
1998 in Las Vegas (in der heute nicht mehr existierenden IHL – die Red.). Bob Strumm war mein General Manager, und ich habe von ihm viel gelernt.

Könnte es sein, dass nun Luganos General Manager Hnat Domenichelli viel von Ihnen lernt?
In Lugano sind sehr viele Leute, die sehr viel über Hockey wissen. Ich bringe meine Erfahrung ein. Wenn Sie so wollen, ist der Job hier für mich paradiesisch.

Oh, erklären Sie das näher.
Ich bin sehr ehrgeizig, ich setze hohe Ziele und habe das Glück, für eine Organisation zu arbeiten, die ebenso hohe Ansprüche hat. Es ist ein Privileg, dass ich für Lugano arbeiten darf.

Wie viele Spieler müssen ausgewechselt werden, bis Lugano meisterliches McSorley-Hockey spielt?
Nicht viele.

McSorley bei der Arbeit in neuer Umgebung.
McSorley bei der Arbeit in neuer Umgebung.Bild: keystone

Wie viele?
Nicht viele. Wenn wir ein Haus bauen wollen, brauchen wir verschiedene Spezialisten: Maurer, Elektriker, Dachdecker. So ist es auch in einer Mannschaft: Es braucht die Spezialisten für jede Aufgabe. Sie können nicht ein Haus nur mit Maurern oder nur mit Architekten bauen und ein Team nur mit Verteidigern und Stürmern zusammenstellen.

Ja klar. Die Frage ist aber: Wie viele Spieler müssen ausgewechselt werden?
Sagen wir es so: Die Basis ist zu 90 Prozent da. Die Differenz machen die letzten zehn Prozent.

Sie sind «nur» noch Cheftrainer und nicht mehr Sportchef. Aber Sie wissen nach wie vor von jedem Spieler, was er verdient, oder?
Nein, ich weiss es nicht mehr.

Ach kommen Sie! Natürlich wissen Sie es!
Nein. Es interessiert mich nicht mehr.

Sie sind ja auch nach Lugano geholt worden, um die Leistungskultur zu verändern. Sind Sie ein harter Hund oder eher diplomatisch?
Ich bin so wie immer: fordernd, aber nie unfair.

Hat es in Genf nicht Spieler gegeben, die gegangen sind, weil sie Chris McSorley nicht ausgehalten haben?
Nein, hat es nicht.

Sind Sie sicher?
In den 20 Jahren in Genf kamen und gingen wohl um die hundert Spieler. Ich erinnere mich nicht im Detail an die Umstände. Grundsätzlich war es so, dass Spieler Genf nur aus zwei Gründen verlassen haben: Entweder bekamen sie ein lukratives Angebot von der Konkurrenz, oder wir verlängerten nicht, weil wir einen Spieler nicht mehr wollten. Wir haben in Genf beste Voraussetzungen geschaffen, und sehr viele sind sehr gerne zu uns gekommen.

Sind Sie mit 60 noch jung genug für diese grosse Herausforderung in Lugano?
Ich muss bei dieser Frage jedes Mal lachen. Haben Sie je gehört, dass jemand den Rechtsanwalt oder den Finanzberater wechselt, weil er 60 geworden ist? Ich fühle mich so gut wie nie. Ich war in den letzten 32 Jahren nie krank und habe nicht einen einzigen Arbeitstag verpasst. Ich bin bereit, aus der Chance, die mir Lugano gibt, das Beste zu machen. Ich habe keinen Plan B. Ich bin hier, um zu gewinnen.

Zwei Jahrzehnte ist es her: McSorley bei der Ankunft in Genf im Jahr 2001.
Zwei Jahrzehnte ist es her: McSorley bei der Ankunft in Genf im Jahr 2001.Bild: KEYSTONE

Sind Sie jetzt mit 60 ein bisschen diplomatischer oder erst recht ein harter Hund geworden?
Ich habe meine Prinzipien, und die ändern sich nicht.

Es geht darum, wie Sie diese Prinzipien durchsetzen.
Genau. Die Gesellschaft verändert sich, und wer diese Veränderungen nicht mitmacht, kann nicht bestehen.

Und Sie passen sich diesen Veränderungen an, und Ihr Führungsstil ist zeitgemäss?
Es ist heute nicht mehr möglich, etwas per Befehl durchzusetzen. Die Leistungsbereitschaft ist die gleiche geblieben, aber die Spieler wollen wissen, warum sie etwas so oder so tun sollen.

Setzen Sie mehr auf Taktik oder lassen Sie den Spielern viele Freiheiten?
Die Kunst ist es, das richtige Mass zu finden. Es besteht die Gefahr des «Ubercoachens». Wann muss ich zurückstehen und die Spieler atmen lassen, wann ist es nötig, dass ich stärker eingreife. Je weniger Talent in einem Team ist, desto mehr Struktur braucht es. Letztlich entscheiden die Spieler, wie viel Struktur der Trainer vorgibt.

Wie steht es mit dem Verhältnis zwischen Struktur und Talent bei Lugano?
Bereits nach 20 Minuten TV-Übertragung sehen Sie schon, dass Lugano beides hat.

Aber offenbar zu wenig Struktur, Sonst würden wir nicht seit 2006 auf den nächsten Titel warten. Man hat Sie geholt, weil Sie ein harter Hund sind.
Ich verlange viel. Ich bin fordernd, nicht hart in dem Sinne wie Sie meinen. Ich bin lösungsorientiert. Nicht problemorientiert. Ich nehme mir Zeit, um Lösungen zu finden. Aber ich entscheide schnell. Eine der grössten Schwächen als Coach ist es, zu lange abzuwarten. Dann wird aus einem kleinen Problem ein grosses. Es ist einfach, einen Vertrag mit einem Spieler zu unterschreiben. Aber es braucht Mut, sofort eine Lösung zu finden, wenn es nicht funktioniert. Wenn du es allen recht machen willst, dann kannst du es niemandem recht machen und du darfst keine Angst haben, dir mit einem Entscheid Feinde zu machen oder jemanden zu verletzten. Es geht bei einer Entscheidung immer darum, was der Mannschaft und dem Klub dient. Aber es wäre arrogant und ignorant zu sagen, dass mir keine Fehler unterlaufen.

Sind Sie also alles in allem weicher geworden?
Nein. Aber ich hoffe, dass ich über all die Jahre smarter geworden bin. Als Coach bin ich in einem ständigen Lernprozess und gehe mit Elefantenohren durchs Leben. Ich versuche, so viel wie möglich von den anderen zu lernen.

Sie hatten in den letzten 20 Jahren in Genf nie einen Chef. Sie waren Sportchef, Cheftrainer, Kommunikationschef und zeitweise auch noch Teambesitzer. Nun sind Sie in Lugano angestellt. Wir können uns das gar nicht so recht vorstellen.
Aber genau das wollte ich. Ich habe nicht einen neuen Job gesucht. Sondern eine neue Herausforderung und die habe ich hier in Lugano gefunden. Ich habe überhaupt kein Problem damit, dass ich «nur» Cheftrainer bin.

Aber eben: Früher waren Sie so ziemlich alles.
Das kommt aus meiner Zeit, als ich Anfang der 1990er-Jahre Coach in Toledo in der East Coast League war. Da musste ich mich um alles kümmern. Ich habe die Spieler überredet, nach Toledo zu kommen. Schon das war nicht einfach. Wer um alles in der Welt kommt den schon freiwillige nach Toledo. Zeitweise habe ich auch noch die Schlittschuhe geschliffen und den Bus gefahren.

Daumen hoch: Mit Klubbesitzerin Vicky Mantegazza.
Daumen hoch: Mit Klubbesitzerin Vicky Mantegazza.Bild: keystone

Und nun sind Sie angestellt in Lugano. Haben Sie in Lugano angerufen oder hat jemand von Lugano Sie angerufen?
Das ist eine gute Frage.

Dann geben Sie uns eine gute Antwort.
Nun ja, ich habe die Sache initiiert.

Das heisst?
Ich kenne ja Hnat Domenichelli seit Jahren. Erst war er Spieler, dann Spieleragent. Auch Vicky Mantegazza kenne sich schon seit langer Zeit. Als ich in Genf letzte Saison nicht mehr erwünscht war, hatte ich viel Zeit zum Telefonieren. Ich bin sehr dankbar, dass ich nun in Lugano diese Herausforderung gefunden habe.

Haben Sie nie daran gedacht, nach Nordamerika zurückzugehen und dort beispielsweise ein Juniorenteam zu kaufen?
Ich habe auch diese Option geprüft. Aber meine erste Leidenschaft ist das Coaching.

Sie könnten auch dort ein Team coachen.
Die Schweiz ist meine Heimat geworden und Coaching ist mein Leben. Erst im Spielbetrieb eines Hockeyteams fühle ich mich richtig lebendig.

Was lieben Sie an der Schweiz?
Die Menschen, ihre Mentalität, die Offenheit mir gegenüber seit dem ersten Tag. Die Schweiz ist das grösste kleine Land der Welt. Ich fahre durch einen Tunnel und schon bin ich in einer anderen Welt und trotzdem noch im gleichen Land.

Aber Sie sprechen nicht einmal Französisch, nicht einmal eine unserer Landessprachen. Nach 20 Jahren.
Mein Sohn und meine Tochter sprechen französisch.

Und Sie?
Das Problem ist folgendes: Englisch ist die Hockeysprache. Also spreche ich bei der Arbeit Englisch. Französisch könnte ich nur während meiner Freizeit sprechen. Da ich eigentlich noch nie frei hatte, bin ich auch nicht dazu gekommen, Französisch zu lernen. Aber ich kenne genug französische oder italienische Wörter, um zu verstehen, dass ein Spieler nicht zufrieden ist. Ich kann auch bereits eine italienische Speisekarte lesen.

So haben Sie das Glück, dass Sie nicht lesen können, was über Sie oder Ihre Mannschaft geschrieben wird.
Das nicht zu wissen, ist meistens besser, um den Job gut machen zu können.

Werden Sie nach Ihrer Pension nach Nordamerika zurückkehren?
Nein, wir wollen in der Schweiz bleiben. Die Lebensqualität ist hier so gut, dass Sie verrückt sein müssen, um dieses Land wieder zu verlassen.

Die Sonnenstube Tessin an einem Tag, an dem dies auch wirklich zutrifft.
Die Sonnenstube Tessin an einem Tag, an dem dies auch wirklich zutrifft.Bild: keystone

Haben Sie schon den Schweizer Pass beantragt?
Meine Kinder und meine Frau haben ihn schon. Ich werde ihn auch beantragen.

Wenn wir Ihnen so zuhören, dann kommt der Eindruck auf, dass Sie als Hockeytrainer in einer Blase leben.
Dieser Eindruck ist richtig und ich hatte bis heute das Glück, sehr gute Leute um mich zu haben. Früher in Genf, jetzt in Lugano. Wenn Sie so wollen, bin ich von Genf nach Lugano von einer Blase in die nächste umgezogen.

Aber in Genf sind Sie aus der Blase vertrieben worden.
Was in Genf passiert ist, stimmt mich sehr traurig. Okay, man wollte mich nicht mehr und ich war immer bereit für eine einvernehmliche Lösung. Aber diese Lösung scheint nicht möglich zu sein.

Gibt es einen Gerichtsfall um Ihre Abgangsentschädigung?
Es sieht so aus.

Es geht um mehr als 7 Millionen Franken.
Das Geld ist nicht das, was mich schmerzt. Es ist die Art und Weise, wie es zu dieser Trennung gekommen ist. Es geht um fehlenden Respekt. Dabei wünsche ich nach wie vor allen in Genf nur das Beste.

Ist aus ihrer trauten Hockey-Heimat Servette ein Schlangennest geworden?
Sie haben diesen Ausdruck gewählt. Aber ja, so fühlt es sich für mich manchmal an.

Was hat Sie so verletzt?
Ich habe 20 Jahre in Genf gearbeitet. Ich habe die Mannschaft in der zweithöchsten Liga übernommen und in der höchsten Liga etabliert. Und als ich als Coach abgesetzt worden bin, habe ich als Sportchef eine Mannschaft zusammengestellt, die im letzten Frühjahr den Final erreicht hat und über mehrere Jahre konkurrenzfähig bleibt. Und dann bin ich aus den Ferien zurückgekommen und das Restaurant im Stadion, das meinen Namen trug, hiess auf einmal anders, mein Büro war geräumt, umgebaut und meine Sachen in einem Karton verstaut. Man hat mir auch noch vorgerechnet, dass ich zu viele Ferientage bezogen habe. So etwas tut weh. Ich habe mich gefragt: Wer kann so etwas tun? Ich habe während meiner ganzen Zeit in Genf nie einen Mitarbeiter gefeuert.

Sie haben ein Haus gebaut und sind daraus vertrieben worden.
So ist es.

Nun brauchen Sie alle Energie, um mit Lugano Meister zu werden. Kostet Sie die Vergangenheitsbewältigung inklusive Gerichtsfall nicht Energie?
Nein, diese Auseinandersetzung kostet mich keine Energie. Zu streiten ist nicht meine, sondern ihre Entscheidung. Das ist alles Vergangenheit.

Aber nun mal Hand aufs Herz: Sie sind doch nicht naiv, oder? Sie haben doch als langjähriger Hockeycoach eine gewisse Menschenkenntnis, oder? Sie haben doch wohl das Ende Ihrer Zeit in Genf kommen sehen, oder?
Ja, ich sah es zwar kommen, aber ich war überrascht, wie es passiert ist.

Und dass daraus eine Seifenoper geworden ist.
Eine traurige Seifenoper.

(Aus dem Eishockey-Magazin «Slapshot»)

Das ist Chris McSorley

Als Aktiver spielte Chris McSorley, der am 22. März 1962 in Hamilton (Ontario) auf die Welt kam, nur in den Farmteamligen und anders sein berühmter Bruder Marty nie in der NHL. In 337 Partien brachte er es auf 146 Punkte und sagenhafte 2010 Strafminuten. Als Cheftrainer gewann er mit den Toledo Storm zweimal (1993, 1994) die East Coast Hockey League und wurde 2000 mit den London Knights britischer Meister. Von November 2000 bis 2004 war er auch Cheftrainer der britischen Nationalmannschaft.

Bei Servette vielbeschäftigt, in Lugano nur noch Trainer.
Bei Servette vielbeschäftigt, in Lugano nur noch Trainer.Bild: KEYSTONE

2001 kaufte die amerikanische Anschutz-Gruppe Servette und setzte Chris McSorley als Trainer und Sportchef ein. Gleich in der ersten Saison gelang der Aufstieg in die NLA und der Kanadier hat Servette zum bestfunktionierenden Sportunternehmen in der welschen Schweiz gemacht. Nach dem Rückzug der Amerikaner übernahm er ab 2005 vorübergehend den Klub. Am 31. Juli 2020 wurde sein Arbeitsverhältnis beendet und über die Abfindung seines angeblich bis 2028 laufenden Vertrages ist ein Rechtsstreit im Gange. 17 Jahre hatte als Trainer und Sportchef gearbeitet, zwei Jahre als Sportchef. Er erreichte mit Servette zweimal den Final (2008, 2010) und gewann zweimal den Spengler Cup (2014, 2015) und zweimal wurde er als Coach des Jahres ausgezeichnet (2003, 2010).

Seit dieser Saison ist er Cheftrainer in Lugano mit Vertrag bis 2024. Nebenbei ist er der Berater einer Schweizer Investorengruppe, die in Sierre ein neues Stadion bauen und den Klub in die höchste Liga zurückbringen will.

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