Sie arbeitet fast Vollzeit und kann nicht sparen: «Will nicht in die Altersarmut rutschen»
«Es geht uns so weit gut, und meinen Kindern fehlt es grundsätzlich an nichts», sagt Claudia Rast*. Sie weiss, dass dieser Satz schnell falsch verstanden wird.
Denn vieles von dem, was für andere selbstverständlich ist, liegt für sie ausser Reichweite. Etwa einmal im Monat ein Restaurantbesuch als Familie. Oder Essen bestellen, statt am Abend für den nächsten Tag vorzukochen. Claudia hat gelernt, mit weniger auszukommen. Sie nennt das «gut». Und meint damit vor allem: Es reicht gerade so.
So geht es ihr, seit sie denken kann. Direkt nach der Ausbildung zur Pflegefachfrau zog sie von zu Hause aus. «Ich hatte keinen Rappen auf der Seite», sagt sie. Ein Bett, eine Matratze, Möbel – alles kam nach und nach zusammen, über «hundert Ecken». Diese Erfahrung wollte sie ihren Kindern ersparen.
Ein anderer Start
Heute arbeitet Claudia zu 80 Prozent als Pflegefachfrau in der Psychiatrie im Kanton Zürich, ab Januar erhöht sie auf 90 Prozent, denn ihre Kinder sind fast selbständig. Der Sohn ist 17 Jahre alt und im dritten von vier Lehrjahren. Die Tochter ist 19 und hat ihre Ausbildung im Sommer abgeschlossen.
Seit der Trennung von ihrem Mann vor über zehn Jahren führt Claudia den Haushalt allein. Bis zur abgeschlossenen Erstausbildung erhielt sie für beide Kinder je 1200 Franken Alimente. Davon bezahlte sie Krankenkassenprämien, Handyabos, Essen, ÖV-Billette. Was übrig blieb, oft rund 200 Franken, legte sie zur Seite. Auf Sparkonten für die Kinder. «Auf diese können sie aber erst mit 25 Jahren zugreifen», sagt sie.
Die Alimente der Kinder für sich zu verwenden, wäre ihr nie in den Sinn gekommen. Auch nicht, wenn es mal eng wurde. «Ich bin es mir gewohnt, für mich selbst zu sorgen», sagt sie. Sie hat ihr Pensum in den letzten Jahren stets erhöht und verdient momentan netto rund 5200 Franken.
Davon bezahlt sie ihre Krankenkasse, die 4,5-Zimmer-Wohnung, Steuern, Auto und alle weiteren Fixkosten. Für beide Kinder legte sie, wann immer möglich, je 100 Franken pro Monat zurück. «Ich wollte meinen Kindern einen anderen Start ins Erwachsenenleben ermöglichen», sagt sie. Mit diesem Konto finanziert ihre Tochter sich aktuell eine längere Weltreise.
Vorsorgen statt Leben
Während Claudia alles daransetzt, ihren Kindern Sicherheit zu geben, sorgt sie sich um ihre eigene Zukunft. «Im klassischen Sinn für mich selbst zu sparen, ist nicht möglich», sagt sie. Ein Polster, das sie nicht im selben Jahr wieder für Rechnungen braucht, kann sie nicht aufbauen.
Was sie aber konsequent tut, ist zweckgebunden vorsorgen. Claudia zahlt den Maximalbetrag in die Säule 3a ein – auch dann, wenn sie das Geld im Alltag gut brauchen könnte:
Dieser Entscheid hat seinen Preis. Zum Coiffeur geht sie einmal im Jahr, ihr Fitnessabo hat sie längst gekündigt, ihr Laptop ist 13 Jahre alt. Ferien mit den Kindern waren selten: ein paar Campingausflüge, ein kurzer Roadtrip nach Holland, einmal waren sie am Meer. Mehr lag nicht drin. Das sei oft mit Frust verbunden. «Ja, es macht mich teils richtig hässig», sagt sie.
Ihr Ärger richtet sich dabei manchmal auf Menschen, die staatliche Unterstützung erhalten, ohne arbeiten zu können oder zu wollen. Sie sagt:
Doch je länger sie darüber spricht, desto klarer wird: Ihr Ärger richtet sich nicht nur nach unten. Sondern auch nach oben:
Aus der Sackgasse raus
Hoffnung schöpft Claudia aus dem, was sich bald verändern dürfte. Wenn ihre Kinder ausgezogen sind, braucht sie keine teure 4,5-Zimmer-Wohnung mehr. Die Miete wird sinken, die Fixkosten ebenfalls, vor allem, wenn sie mit ihrem Freund zusammenziehen würde:
Zum ersten Mal seit Jahren rechnet sie damit, dass dann am Ende des Monats etwas übrig bleiben könnte – für sich selbst. Dass sie aus der Sackgasse herauskommt.
Dann traue sie sich vielleicht auch einen nächsten Schritt: Claudia hat die Ausbildung zur Berufsbildnerin bereits abgeschlossen, gerne würde sie sich nun zur Erwachsenenbildnerin weiterbilden. Doch das kostet Zeit und Geld. Und bedeutet noch mehr Verzicht. Noch mehr Abwägen, was jetzt möglich ist und was noch warten muss.
Claudia beschwert sich darüber nicht. Sie arrangiert sich und sagt, es gehe ihr «gut». So, wie sie es immer getan hat.
* Name von der Redaktion geändert.
