Schweiz
Sackgasse Sparen

Zweifache Mutter kommt mit 5200 Franken nur knapp über die Runden

Serie Sackgasse Sparen
Musste immer aufs Geld schauen: Claudia Rast*. Bild: watson
Sackgasse Sparen

Sie arbeitet fast Vollzeit und kann nicht sparen: «Will nicht in die Altersarmut rutschen»

Sparen wird für viele Menschen in der Schweiz zunehmend unmöglich. Claudia Rast* ist eine von ihnen. Obwohl sie arbeitet und auf viele Dinge bewusst verzichtet, damit es ihren Kindern eines Tages besser ergeht.
16.01.2026, 06:1116.01.2026, 07:35

«Es geht uns so weit gut, und meinen Kindern fehlt es grundsätzlich an nichts», sagt Claudia Rast*. Sie weiss, dass dieser Satz schnell falsch verstanden wird.

Denn vieles von dem, was für andere selbstverständlich ist, liegt für sie ausser Reichweite. Etwa einmal im Monat ein Restaurantbesuch als Familie. Oder Essen bestellen, statt am Abend für den nächsten Tag vorzukochen. Claudia hat gelernt, mit weniger auszukommen. Sie nennt das «gut». Und meint damit vor allem: Es reicht gerade so.

So geht es ihr, seit sie denken kann. Direkt nach der Ausbildung zur Pflegefachfrau zog sie von zu Hause aus. «Ich hatte keinen Rappen auf der Seite», sagt sie. Ein Bett, eine Matratze, Möbel – alles kam nach und nach zusammen, über «hundert Ecken». Diese Erfahrung wollte sie ihren Kindern ersparen.

Serie «Sackgasse Sparen»
Geld auf die Seite legen zu können, wird immer schwieriger – auch in der Mittelschicht. Repräsentative Umfragen zeigen: Fast jede zweite Person in der Schweiz kann nicht sparen. In dieser Kurzserie erzählt watson die Geschichten von drei Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die kein finanzielles Polster anlegen können. Teil 1: Claudia, die für ihre Kinder verzichtet. Teil 2: Wie die Jugend spart – oder nicht. Teil 3: Melanie, deren Lohn für zwei reichen muss. Teil 4: René, Doppelverdiener ohne Sparmodus.

Ein anderer Start

Heute arbeitet Claudia zu 80 Prozent als Pflegefachfrau in der Psychiatrie im Kanton Zürich, ab Januar erhöht sie auf 90 Prozent, denn ihre Kinder sind fast selbständig. Der Sohn ist 17 Jahre alt und im dritten von vier Lehrjahren. Die Tochter ist 19 und hat ihre Ausbildung im Sommer abgeschlossen.

Seit der Trennung von ihrem Mann vor über zehn Jahren führt Claudia den Haushalt allein. Bis zur abgeschlossenen Erstausbildung erhielt sie für beide Kinder je 1200 Franken Alimente. Davon bezahlte sie Krankenkassenprämien, Handyabos, Essen, ÖV-Billette. Was übrig blieb, oft rund 200 Franken, legte sie zur Seite. Auf Sparkonten für die Kinder. «Auf diese können sie aber erst mit 25 Jahren zugreifen», sagt sie.

Serie Sackgasse Sparen
Bei jedem Einkauf aufs Geld achten: Mutter Claudia Rast.Bild: watson

Die Alimente der Kinder für sich zu verwenden, wäre ihr nie in den Sinn gekommen. Auch nicht, wenn es mal eng wurde. «Ich bin es mir gewohnt, für mich selbst zu sorgen», sagt sie. Sie hat ihr Pensum in den letzten Jahren stets erhöht und verdient momentan netto rund 5200 Franken.

Davon bezahlt sie ihre Krankenkasse, die 4,5-Zimmer-Wohnung, Steuern, Auto und alle weiteren Fixkosten. Für beide Kinder legte sie, wann immer möglich, je 100 Franken pro Monat zurück. «Ich wollte meinen Kindern einen anderen Start ins Erwachsenenleben ermöglichen», sagt sie. Mit diesem Konto finanziert ihre Tochter sich aktuell eine längere Weltreise.

Vorsorgen statt Leben

Während Claudia alles daransetzt, ihren Kindern Sicherheit zu geben, sorgt sie sich um ihre eigene Zukunft. «Im klassischen Sinn für mich selbst zu sparen, ist nicht möglich», sagt sie. Ein Polster, das sie nicht im selben Jahr wieder für Rechnungen braucht, kann sie nicht aufbauen.

Was sie aber konsequent tut, ist zweckgebunden vorsorgen. Claudia zahlt den Maximalbetrag in die Säule 3a ein – auch dann, wenn sie das Geld im Alltag gut brauchen könnte:

«Ich schränke mich jetzt ein, damit ich nicht in die Altersarmut rutsche.»

Dieser Entscheid hat seinen Preis. Zum Coiffeur geht sie einmal im Jahr, ihr Fitnessabo hat sie längst gekündigt, ihr Laptop ist 13 Jahre alt. Ferien mit den Kindern waren selten: ein paar Campingausflüge, ein kurzer Roadtrip nach Holland, einmal waren sie am Meer. Mehr lag nicht drin. Das sei oft mit Frust verbunden. «Ja, es macht mich teils richtig hässig», sagt sie.

Serie Sackgasse Sparen
«Es macht mich teils richtig hässig»: Claudia Rast. Bild: watson

Ihr Ärger richtet sich dabei manchmal auf Menschen, die staatliche Unterstützung erhalten, ohne arbeiten zu können oder zu wollen. Sie sagt:

«Ich arbeite viel, verzichte, halte alles zusammen – und komme selbst nicht vorwärts.»

Doch je länger sie darüber spricht, desto klarer wird: Ihr Ärger richtet sich nicht nur nach unten. Sondern auch nach oben:

«Wenn ich sehe, welche Boni ausbezahlt werden, welche Abfindungen fliessen, wie viel Geld in ein Wef investiert wird oder was ein Bundesrat nach seinem Abgang noch verdient – dann frage ich mich schon, wo das Geld hingeht, das dem Mittelstand fehlt.»

Aus der Sackgasse raus

Hoffnung schöpft Claudia aus dem, was sich bald verändern dürfte. Wenn ihre Kinder ausgezogen sind, braucht sie keine teure 4,5-Zimmer-Wohnung mehr. Die Miete wird sinken, die Fixkosten ebenfalls, vor allem, wenn sie mit ihrem Freund zusammenziehen würde:

«Das wird mir Luft verschaffen.»

Zum ersten Mal seit Jahren rechnet sie damit, dass dann am Ende des Monats etwas übrig bleiben könnte – für sich selbst. Dass sie aus der Sackgasse herauskommt.

Dann traue sie sich vielleicht auch einen nächsten Schritt: Claudia hat die Ausbildung zur Berufsbildnerin bereits abgeschlossen, gerne würde sie sich nun zur Erwachsenenbildnerin weiterbilden. Doch das kostet Zeit und Geld. Und bedeutet noch mehr Verzicht. Noch mehr Abwägen, was jetzt möglich ist und was noch warten muss.

Claudia beschwert sich darüber nicht. Sie arrangiert sich und sagt, es gehe ihr «gut». So, wie sie es immer getan hat.

* Name von der Redaktion geändert.

    DANKE FÜR DIE ♥
    Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
    (Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
    5 CHF
    15 CHF
    25 CHF
    Anderer
    Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
    Das könnte dich auch noch interessieren:
    Du hast uns was zu sagen?
    Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
    522 Kommentare
    Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
    Die beliebtesten Kommentare
    avatar
    Luzi Fair
    16.01.2026 06:28registriert Mai 2014
    Sparen nicht möglich?
    Sie hat doch gespart, nur dass ihre Tochter das Ersparte nun auf einer Weltreise verballert.
    39770
    Melden
    Zum Kommentar
    avatar
    cheeky Badger
    16.01.2026 06:38registriert Juli 2015
    Nettolohn 5100, Kinderzulagen von 500 und Alimente von 2400. Sie hat also eine Nettoeinkommen von 8100.

    Davon kann sie sogar 200 / Monat sparen.

    Die 4,5- Zimmerwohnung sieht modern und grosszügig aus.

    Ich würde jetzt nicht sagen, dass mich diese finanzielle Ausgangslage schockiert. Das sieht doch ziemlich normal bzw. passend für eine working class Famile aus.
    35741
    Melden
    Zum Kommentar
    avatar
    PlusUltra
    16.01.2026 06:35registriert Juni 2019
    Stark, dass sie die 3. Säule so konsequent durchzieht!
    Mir stellen sich trotzdem Fragen: geben die Kinder nichts ab zuhause? Kann sie nicht auf 100% erhöhen oder will sie nicht?

    Übrigens: selbstverständlich finde ich es überhaupt nicht, einmal im Monat auswärts essen zu gehen als Familie. Oder auch zu bestellen. Gab es bei uns eigentlich nie, und ich würde das als 'gut' einstufen.
    24829
    Melden
    Zum Kommentar
    522
    «Polarwirbel-Einbruch» und erneute «Kältewelle» Ende Januar? Es ist kompliziert ...
    Gerade zirkulieren im Netz wieder diverse Prognosen, wonach Ende Januar erneut arktische Kaltluft weit in den Süden Europas eindringen würde. Meteo Schweiz hat sich das genauer angeschaut.
    «Wettermodelle schlagen Alarm», «Die nächste Kältewelle rollt auf uns zu», von «geschockten Wetterforschern» ist da die Rede: Zurzeit machen verschiedene (mehr oder weniger seriöse) Meldungen, besonders in Deutschland, die Runde, die vor einem erneuten Wintereinbruch «warnen». Auch hierzulande wird fleissig nach «Polarwirbel», «Wetter» und «Kältewelle» gegoogelt.
    Zur Story