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Angriff bei Kiew-Besuch: «Die Russen haben Guterres einfach in den Rücken gespuckt»

Während der Chef der Vereinten Nationen Kiew besucht, schlagen nur wenige Kilometer von seinem Aufenthaltsort russische Raketen ein. Ist das ein gezielter Affront von Wladimir Putin gegen Guterres und die UN?
29.04.2022, 14:5229.04.2022, 15:42
Guterres und Selenskyj in Kiew
Guterres und Selenskyj in KiewBild: keystone
Ein Artikel von
t-online

Während der Chef der Vereinten Nationen Kiew besucht, schlagen nur wenige Kilometer von seinem Aufenthaltsort russische Raketen ein. Ist das ein gezielter Affront von Wladimir Putin gegen Guterres und die UN?

Zum ersten Mal seit zwei Wochen greift Russland Kiew mit Raketen an. Der Zeitpunkt ist symbolträchtig: Nach seiner Moskau -Reise traf UN-Generalsekretär Antonio Guterres am Donnerstag den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in der ukrainischen Hauptstadt. Die Delegation um den Portugiesen war am Abend noch nicht wieder im Hotel angekommen, als zwei Explosionen im Stadtteil Schewtschenko gemeldet wurden.

Den Angaben des ukrainischen Katastrophenschutzes zufolge wurde ein Wohnhaus getroffen. Zehn Menschen wurden verletzt, am Morgen wurde bekannt, dass eine Leiche unter den Trümmern gefunden wurde.

Russland: Angriff mit «hochpräzisen Langstreckenwaffen»

Russland bestätigte am Freitag, die ukrainische Hauptstadt angegriffen zu haben. «Hochpräzise, luftgestützte Langstreckenwaffen der russischen Luftwaffenkräfte haben die Produktionsgebäude des Raketen- und Raumfahrtunternehmens Artem in Kiew zerstört», erklärte das russische Verteidigungsministerium. Fotos, die der ukrainische Katastrophenschutz veröffentlichte zeigten brennende Häuser, die sich hinter oder auf der Rückseite des Artem-Geländes in Kiew befinden . Der Raketenhersteller Artem gehört zum staatlichen ukrainischen Rüstungskonzern Ukroboronprom.

Bild: keystone

Bürgermeister Vitali Klitschko berichtete auf Telegram, auch ein 25-geschossiges Wohnhaus sei getroffen worden. Es handle sich um einen Neubau, der bislang nur wenig bewohnt gewesen sei, daher die geringe Opferzahl. Der Katastrophenschutz schrieb auf Telegram, auch das Wohnhaus habe gebrannt, fünf Menschen seien aus dem Gebäude gerettet worden.

Grafik: sje Erstellt mit Datawrapper

Bei der geborgenen Leiche soll es sich um eine Journalistin handeln. Der Radiosender Radio Liberty teilte mit, dass eine seiner Mitarbeiterinnen durch den Angriff getötet worden sei. «Wira Gyritsch starb an den Folgen des Einschlags einer russischen Rakete in das Gebäude, in dem sie wohnte», erklärte der von den USA finanzierte Radiosender auf seiner Internetseite. Ihr Körper sei am Freitag unter den Trümmern entdeckt worden.

Ausserdem trafen Luftangriffe nach russischen Angaben mehrere Umspannwerke an ukrainischen Eisenbahnknotenpunkten, zum Beispiel nahe der Stadt Fastow bei Kiew. Der Leiter der Militärverteilung des Oblasts Kiew, Oleksandr Pavliuk, berichtete auf Telegram am Donnerstagabend von einem Angriff auf die Infrastruktur der Stadt.

Russland warnte vor Angriffen auf Kiew

Der Kreml hatte zuvor vor Angriffen auf Kiew gewarnt. Mitte der Woche war in der russischen Region Belgorod an der ukrainischen Grenze russischen Behördenvertretern zufolge ein Munitionsdepot in Brand geraten. Schon seit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine vor rund zwei Monaten gab es mehrmals Berichte von russischen Behördenvertretern über Zwischenfälle und Beschuss von Orten auf russischer Seite. Mancher Vorfall löste auch Spekulationen darüber aus, ob von Nato-Staaten an die Ukraine gelieferte Waffen auf russischem Gebiet zum Einsatz gekommen sein könnten. Belege für die Behauptungen legte Russland bisher allerdings nicht vor.

Moskau hatte der Ukraine angesichts der Zwischenfälle damit gedroht, in der Hauptstadt Kiew wieder verstärkt Kommandostellen für Raketenangriffe ins Visier zu nehmen. Auch wenn sich dort «westliche Berater» befänden, wäre deren Anwesenheit «nicht unbedingt» ein Problem, wenn Russland Entscheidungen über Vergeltungsmassnahmen treffe, hiess es am Dienstag aus dem russischen Verteidigungsministerium.

Selenskyj: Russland will die UNO «demütigen»

Diese Drohung, auch bei Anwesenheit ausländischer Politiker Kiew anzugreifen, hat sich nun bewahrheitet. Neben Guterres war auch Bulgariens Ministerpräsident Kiril Petkow in Kiew zu Gast. Der Schlag kurz nach Guterres Treffen mit Wladimir Putin im Kreml wurde, insbesondere von ukrainischer Seite, dennoch als klarer Affront gegen den UN-Generalsekretär und die Vereinten Nationen gewertet.

Präsident Selenskyj sagte in einer Ansprache, die Angriffe zeigten Russlands wahre Haltung gegenüber der Institution aus. Die russische Regierung wolle die UNO «demütigen». Seine Berater wählten deutliche schärfere Formulierungen: Michail Podoljak sagte, vor kurzem noch habe Guterres im Kreml gesessen und «heute gibt es nur einen Kilometer von ihm entfernt Explosionen. Ist das ein Gruss aus Moskau?»

Präsidentenberater: «dümmste Variante überhaupt»

Olexyj Arestowytsch bezeichnete den Luftschlag als «dümmste Variante überhaupt». Russland habe Guterres mit diesem Angriff «in den Rücken geschossen», sagte Arestowytsch nach Angaben der Agentur Unian weiter. «Für einen Marschflugkörper ist die Entfernung zwischen Einschlagsort und Aufenthaltsort von Guterres etwa so viel wie zwei Millimeter für eine Pistole. Der Schuss ging also an seiner Schläfe vorbei.» Berichten zufolge soll sich das Hotels von Guterres' Delegation nicht weit von dem Einschlag befunden haben. «Sie (die Russen) haben ihm einfach in den Rücken gespuckt, so saftig, mit Blut.»

Der ukrainische Aussenminister Dmytro Kuleba schrieb auf Twitter von einem «hasserfüllten Akt der Barbarei». Russland habe «ein weiteres Mal seine Haltung gegenüber der Ukraine, Europa und der Welt gezeigt». Verteidigungsminister Oleksij Resnikow sprach von einem «Angriff auf die Sicherheit des UN-Generalsekretärs und die Sicherheit der Welt».

Auch Guterres zeigte sich nach dem Angriff «geschockt», wie er dem britischen Sender BBC sagte. Ein UN-Sprecher bestätigte noch am Abend, der Generalsekretär und sein Team seien in Sicherheit. Die kurz vor dem Einschlag abgehaltene Pressekonferenz mit Selenskyj hatte nur etwa 3.5 Kilometer vom Einschlagsort stattgefunden.

Guterres-Reise sollte Rolle der UN kräftigen

Bislang spielten die Vereinten Nationen bei den Bemühungen um eine Beendigung des Konflikts nur eine untergeordnete Rolle. Dies liegt unter anderem daran, dass der Konflikt zu Zerwürfnissen zwischen den fünf ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats geführt hat. Dem Gremium gehören neben Russland die ständigen Mitglieder USA, China , Frankreich und Grossbritannien an. Alle fünf haben ein Vetorecht. 

Bei seinem Treffen mit Kremlchef Wladimir Putin am Dienstag hatte UN-Chef Guterres laut eigenen Angaben eine prinzipielle Zusage für die Beteiligung der Vereinten Nationen am Aufbau eines Fluchtkorridors aus dem Stahlwerk Avozstal in Mariupol erhalten. Dort sind nach ukrainischen Angaben neben Soldaten und Kämpfern des nationalistischen Asow-Regiments auch bis zu 1'000 Zivilisten eingesperrt. Nun gebe es intensive Beratungen dazu, wie der Vorschlag in die Realität umgesetzt werden könne.

Russland schränkte jedoch ein, ein Korridor werde es wenn nur für Zivilsten geben. Putin habe es ganz klar gesagt: «Die Zivilisten können gehen und zwar in jede Richtung, die Militärs müssen rauskommen und ihre Waffen niederlegen», sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der staatlichen Nachrichtenagentur Tass. Es gebe kein Thema für Verhandlungen.

Guterres bei Besuch in Vororten tief getroffen

Aus Moskau reiste Guterres weiter in die Ukraine. Vor einem Treffen mit Selenskyj und Kuleba in Kiew besuchte er mehrere zerstörte Vororte und zeigte sich dort tief betroffen. «Ich stelle mir meine Familie in einem dieser Häuser vor, die nun zerstört und schwarz sind. Und ich sehe meine Enkeltöchter in Panik davonlaufen», sagte er in der Kleinstadt Borodjanka.

Gutteres bei Putin
Gutteres bei PutinBild: keystone

In der durch mutmassliche russische Gräueltaten berühmt gewordenen Stadt Butscha betonte Guterres, es sei wichtig, diesen Horror «sorgfältig aufzuklären» und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Die Bilder getöteter ukrainischer Zivilisten aus Butscha hatten Anfang des Monats rund um die Welt für Entsetzen gesorgt. Mehr als 400 tote Unbeteiligte wurden gefunden.

Auch mit Selenskyj sprach Guterres über die Lage in Mariupol. «Mariupol ist eine Krise innerhalb einer Krise, tausende Zivilisten brauchen lebensrettende Hilfe», sagte er nach dem Treffen. Selenskyj betonte am Abend noch einmal die Wichtigkeit des Besuchs. «Es war sehr wichtig, dass der Generalsekretär Borodjanka in der Region Kiew besuchte und mit eigenen Augen sah, was die russischen Besatzer dort anrichteten. Es besteht kein Zweifel daran, dass die russische Armee in der Ukraine die Grundlagen der nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffenen Weltordnung mit Füssen getreten hat», so der Präsident.

UN: Hinweise für Kriegsverbrechen

Bereits vor dem Besuch Guterres' hatten die UN von möglichen Kriegsverbrechen in der Ukraine gesprochen. UN-Hochkommissarin für Menschenrechte Michelle Bachelet nannte dabei den willkürlichen Beschuss von Städten und Wohngebieten und warf den russischen Truppen Vergewaltigungen sowie den Einsatz von Streubomben vor. Russland dementiert derartige Vorwürfe vehement.

Bild: keystone

Bachelet appelliert allerdings nicht nur an Russland, das humanitäre Völkerrecht einzuhalten, sondern auch an die Ukraine. Folter, Misshandlungen und kollektive Hinrichtungen gebe es von beiden Seiten. Es sei “entscheidend, dass alle Konfliktparteien den Kombattanten klare Anweisungen geben, das humanitäre Völkerrecht und die internationalen Menschenrechtsnormen strikt einzuhalten”.

(sje,Mey )

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135 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Firefly
29.04.2022 15:01registriert April 2016
Natürlich, das passt zu Putins hinterlistigkeit. Das hat er schon immer so gemacht. Vordergründig so tun als ob alles in Ordnung wäre und hinter dem Rücken einfallen.
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Cpt. Jeppesen
29.04.2022 15:02registriert Juni 2018
Russland hat der UNO ins Gesicht gespuckt und damit gezeigt, was sie von der Staatengemeinschaft halten.
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Päule Freundt
29.04.2022 15:11registriert März 2022
Falls im Westen noch jemand ein Fünkchen Hoffnung hatte, dann haben die Russen mit ihrem Raketenangriff eine deutliche Botschaft gesandt: Keine Verhandlungen.

Will die Ukraine somit als Land überleben, dann ist dies nur durch Krieg möglich. Und ohne militärische Hilfe und humanitäre Unterstützung des Westens können die Ukrainer nur noch wählen zwischen Flucht oder Akzeptieren der russischen Staatsbürgerschaft.

Unglaublich, dass weder die UNO noch das IKRK bei den Russen irgendeinen Sinneswandel bewirken konnten.

Der Mann im Moskauer Bunker hat den Verstand komplett verloren.
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