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Publikum auf der Tribuene beim Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem SC Bern und den HC Ambri-Piotta, am Donnerstag, 1. Oktober 2020, in der Postfinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Zuschauer in der Berner Postfinance-Arena bei der Partie gegen Ambri. Bild: keystone

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Stadien als Hochsicherheits-Anlagen oder die verkehrte Welt im Bernbiet

Schreiben, was ist. Verzichten wir also auf jede Form der Polemik und schreiben rund um das Verbot von Grossveranstaltungen im Bernbiet einfach, was ist. Wie der Chronist bisher den Besuch der hochgefährlichen Hockeystadien erlebt hat.



Ich war seit der Einführung der Sicherheitskonzepte diese Saison in Langnau, Biel, Bern und Langenthal in den Hockey-Tempeln und im Zürcher Hallenstadion. Ich bin zwischendurch mit der Eisenbahn gefahren, war beim Einkaufen und in verschiedenen Wirtshäusern. Und auf der Lushütte. Aber das nur nebenbei.

Die Viruskrise verändert nach und nach unser Verhalten im Alltag. Lieber kein Gedränge. Gerne ein Sicherheitsabstand zu den Mitmenschen. Nicht zu «wüst» tun. Und bald haben wir uns so an das Maskentragen gewöhnt, dass wir bei nacktem Gesicht in der Öffentlichkeit ein ähnliches Schamgefühl entwickeln wie bei einem nackten Hintern.

Wir sind also für die Gefahr sensibilisiert. Also will es schon etwas heissen, wenn ich mich in den letzten Wochen nirgendwo so sicher gefühlt habe wie in den Hockeytempeln. Es gibt viel mehr ungewollte Nähe zwischen den Gestellen und an der Kasse des Supermarktes als bei den Eingängen und den Verpflegungsständen der Hockeystadien. Dass in Bern und Biel beim Eingang mit einem pistolenähnlichen Gerät gar noch das Fieber gemessen wird, erhöht das Gefühl der Sicherheit. Ob diese Apparate tatsächlich die richtige Temperatur anzeigen, weiss ich nicht. Mehrmals hatte ich weniger als 36 Grad Körpertemperatur. Aber wir wollen nicht grübeln. Es ist ja jetzt am Abend schon ziemlich kalt.

Im Vergleich zu den «Menschenströmen» in den Berner Hockeystadien und im Zürcher Hallenstadion geht es im Berner Hauptbahnhof drunter und drüber. In diesem riesigen Fuchsbau des öffentlichen Verkehrs laufen, eilen auf dem Weg zum richtigen Zug alle durcheinander und Treppen hinauf und Treppen hinab wie zu den Zeiten, als das Virus noch nicht in der Welt war. Und nicht so wohlgeordnet wie Ameisenstrassen. Fast bricht einem der Angstschweiss aus. Und wie wird das erst auf und neben den Skipisten sein?

Fans beim Eishockeyspiel der National League ZSC Lions gegen den HC Fribourg Gotteron im Hallenstadion in Zuerich am Freitag, 2. Oktober  2020. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Die Hochsicherheits-Anlage Hallenstadion. Bild: keystone

Und um es diskret zu sagen und um niemanden einem falschen Verdacht auszusetzen, verzichte ich jetzt auf Ortsangaben: Inzwischen fahre ich nach dem Spiel direkt nach Hause oder höchstens noch zum alten Wirt, der seine Gaststube nur noch am Freitag und am Samstag offen hat, jeden Gast persönlich kennt und wo selten mehr als zehn Personen in einer wunderbaren Stube sitzen, die noch so aussieht wie vor 100 Jahren, als aufmüpfige Bähnler und Büezer den Landesstreik planten, und wo es nach Nostalgie riecht. Inzwischen meide ich die Lokale, in denen es gegen Mitternacht zu und her geht wie in einem hölzernen Himmel. Aber gesagt muss es sein: Es gibt im Bernbiet immer noch Örtlichkeiten, in denen nicht erst gegen Mitternacht viel «uflätiger» getan und «gehudelt» wird als in den Hockeystadien oder im Hallenstadion.

Die Hockeytempel im Bernbiet und das Zürcher Hallenstadion sind gefühlte Hochsicherheits-Anlagen. Näher der Schaltzentrale eines Atomkraftwerkes als einem Fasnachtsumzug. In den Hockeystadien gibt es mehr gefühlte Ordnung und Überwachung als in der Abflugzone eines Flughafens. Eigentlich sollte ich das so nicht sagen. Weil der geneigte Leser denkt, jetzt spinnt und übertreibt der Chronist schon wieder. Aber es ist, wie es ist und der grosse Rudolf Augstein hat es ja angemahnt: Schreiben, was ist. Also: Nie mehr seit meiner Reise nach Nordkorea habe ich mich so überwacht und sicher gefühlt wie in den letzten Tagen in den verschiedenen Hockeystadien.

Eigentlich ist das alles ja logisch. Die Klubmanager haben viel Geld und Geduld in die Entwicklung, Erklärung und Umsetzung der Sicherheitskonzepte investiert. Alle die zum Spiel kommen, sind identifiziert. Alle persönlichen Daten sind erfasst. Der «gläserne Fan» sozusagen. Das Stadion ist unter diesen Voraussetzungen nicht mehr ein rechtsfreier Raum. Es gibt keinen Freiraum für Chaoten.

Die Kundschaft ist über alle Massnahmen informiert. Und alle, die das Spiel besuchen, wollen auch zu einem der nächsten kommen. Also geben alle Acht und halten sich an die Vorschriften. Damit nichts passiert. Die Unruhe, die Dynamik und die Hektik, die in normalen Zeiten im Publikum zu spüren ist, gibt es nicht mehr. Vielleicht ist es bloss eine optische Täuschung, vielleicht ist es tatsächlich so. Aber mir scheint, dass sich die Zuschauerinnen und Zuschauer im und ums Stadion langsamer, vorsichtiger, achtsamer bewegen als in Bahnhöfen oder sonstigen öffentlichen Plätzen.

Eine Spielszene mit Zuschauer beim Eishockey Meisterschaftsspiel in der Qualifikation der National League zwischen dem EV Zug und dem HC Lausanne vom Freitag, 16. Oktober 2020 in Zug. (KEYSTONE/Urs Flueeler).

Die Zuschauerränge bei der Partie zwischen Zug und Lausanne. Bild: keystone

Wie sehr sich gerade die Besucherinnen und Besucher von Hockeyspielen der Gefahr bewusst sind, zeigt sich auch daran, dass bisher gar nicht alle ins Stadion gekommen sind, die ein Ticket hatten. Wenn es irgendwo in einem öffentlichen Raum ein Virus-Risikobewusstsein gibt, dann in den Hockeystadien im Bernbiet und im Zürcher Hallenstadion.

Aber gemäss der bernischen Obrigkeit sind Hockeytempel Gefahrenzonen. Grossveranstaltungen mit mehr als 1000 Personen werden an diesen Orten nun bis auf weiteres untersagt. Ich komme mir vor wie im falschen Film. Aber vielleicht war ich in den letzten Wochen halt einfach an den falschen Orten und die Welt ist nicht so, wie ich sie wahrgenommen habe. Und wie es im Fussball ist, weiss ich nicht.

Wir wollen nicht grübeln. In diesen Zeiten hilft eine Einsicht, zu der ich einst im Militärdienst gekommen bin: Fügen wir uns, ohne zu murren, und überlassen wir das Denken einfach den Pferden. Die haben viel grössere Köpfe.

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