Coronavirus
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Faules Obst, Saurer Most und altes Bier: Darum riechen Desinfektionsmittel so streng

Manche Desinfektionsmittel lassen uns die Nase rümpfen. Kein Wunder: Wir reiben uns die Hände ja auch mit altem Schnaps ein. Schuld daran ist ein Rohstoffmangel.

Frederic Härri / ch media



Seit über zwei Monaten gehört es zu den Ritualen unseres Alltags. Gehen wir in ein Geschäft, ein Restaurant oder einen Supermarkt, dann desinfizieren wir uns die Hände. Am Ein- und Ausgang stehen dafür Flaschen mit Desinfektionsmittel bereit. Ein bis zwei Sprühstösse reichen, um die Handflächen vor Viren zu schützen.

Desinfektionsmilttel

Nicht jedes Desinfektionsmittel verströmt angenehme Düfte. Bild: shutterstock.com

Dabei fällt auf: Nicht alle dieser Mittel verströmen denselben Geruch. Einige reizen Augen und Nase und riechen derart stark, dass sich der eine oder andere an den Gestank von faulem Obst, Essig oder abgestandenem Bier erinnert fühlen mag. Weshalb riechen manche Desinfektionsmittel unangenehm, andere aber nicht?

Fabian Vaucher weiss warum. Er ist Apotheker im aargauischen Buchs und präsidiert den Schweizerischen Apothekerverband Pharmasuisse. «Normalerweise wird Desinfektionsmittel aus ungeniessbarem, sogenannt vergälltem Alkohol hergestellt», erklärt der 52-Jährige. Dieser Art von pharmazeutischem Alkohol werden destillativ nicht trennbare ungeniessbare Stoffe beigemischt, meist Bitterstoffe.*

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Doch auch aus Wodka, Rum, Kirsch, Most oder Bier kann Desinfektionsmittel hergestellt werden. Man brennt den Trinkalkohol weiter hoch und vergällt ihn mit Zusatzstoffen.*

Der übel riechende Nebeneffekt: Nicht alle der ursprünglichen Aromastoffe verschwinden beim Prozess. Und so kommt es, dass wir nach dem Desinfizieren mitunter das Bild von Saurem Most im Kopf haben.

Der Bund hat keine Alkohol-Reserve mehr

Dass Trinkalkohol überhaupt hochgebrannt wird, hat mit einem Rohstoffmangel zu tun. Als sich die Coronakrise Mitte März über die Schweiz legte, fehlte Ethanol plötzlich an allen Ecken und Enden. «Die Nachfrage ist über Nacht explodiert», erinnert sich Vaucher.

Spitäler, Pflegeheime und Unternehmen mussten sich gemäss Pandemieplan mit Unmengen von Desinfektionsmitteln eindecken. Private hamsterten die Fläschchen aus den Supermärkten und Apotheken.

Dass der Bund Ende 2018 im Zuge der Privatisierung der Alcosuisse – dem ehemaligen Profitcenter der Eidgenössischen Alkoholverwaltung (EAV)** – den Vertrag über eine Ethanol-Reserve auslaufen liess, verschlimmerte den Engpass. «Es ging so weit, dass wir zwei Wochen lang ohne Lieferung auskommen mussten», sagt Vaucher. Er und viele weitere Apotheker im Land hielten Ausschau nach Alternativen. Und fanden sie bei den Schnapsbrennereien.

«Der Markt für Desinfektionsmittel hat völlig verrückt gespielt.»

Fabian Vaucher

Fabian Vaucher ist froh über diese Lösung. «Wir konnten damit vor allem die essenziellen Institutionen im Gesundheitssektor ausreichend versorgen», sagt der Apotheker. An der Wirksamkeit von Mitteln, an deren Ursprung Trinkalkohol stehe, gebe es grundsätzlich nichts auszusetzen. «Solange der Alkoholgehalt bei mindestens 70 Prozent liegt, ist es einwandfrei.»

Weniger glücklich war Vaucher über die Preisverhältnisse: Für eine Flasche Desinfektionsmittel zahlte er während der Coronakrise zwischenzeitlich zehnmal mehr als üblich. Die Preise musste er an seine Kunden weitergeben. «Der ganze Markt hat verrückt gespielt», sagt Vaucher. Mittlerweile habe sich das aber ein wenig gelegt. Heute seien auch wieder billigere und effizientere Varianten im Handel verfügbar.

Übrigens: Wenn die desinfizierten Hände mal säuerlich riechen, ist daran nicht immer der Trinkalkohol schuld. Auch Brennsprit wurde in den letzten Monaten zuhauf in Desinfektionsmittel verwandelt. «Meines Wissens macht man das aber nicht mehr», sagt Vaucher. Zudem sei auch der weltweite Ethanolmangel inzwischen überwunden.

Wenn heute noch etwas in den Läden stehe, das die Nase kräuseln lässt, seien das Restbestände, so Vaucher. Ohnehin gilt ja: Sauber müssen die Hände sein. Wie sie duften, ist letztlich zweitrangig.

* In der ursprünglichen Fassung des Artikels hiess es fälschlich, der vergällte, pharmazeutische Alkohol werde im Fachjargon Ethanol genannt.
** In der ursprünglichen Fassung des Artikels stand irrtümlich, die Eidgenössische Alkoholverwaltung sei privatisiert worden.

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30Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Mathias Mettler 04.06.2020 11:44
    Highlight Highlight Es gibt ein neues Schweizer Desinfektionsmittel ohne Alkohol (Ethanol).

    Es ist pH neutral und vom BAG zur Bekämpfung von Corona zugelassen.

    Mehr Infos unter:
    https://xmotus.ch/desinfektionsmittel/
  • Maya Eldorado 04.06.2020 10:01
    Highlight Highlight Ja, die Desinfektionsmittel sind sehr unterschiedlich. Fast alle schmecken unangenehm.
    Allen gemeinsam ist, dass sie meine Hände austrocknen und dagegen hilft auch häufiges eincremen nur bedingt.
    Mich beisst es schon regelmässig an den Händen.

    Muss ich jetzt in Selbstisolation, um das zu vermeiden? Oder soll ich einfach auf die Desinfektionsmittel verzichten?
    • Bits_and_More 04.06.2020 10:34
      Highlight Highlight Hände mit Seife waschen reicht völlig aus. Einfach während 30 Sekunden und möglichst nach einem bewährten Schema (Videos gibts zu Genüge im Netz).
    • Maya Eldorado 04.06.2020 11:21
      Highlight Highlight Schon, aber in den Läden hat es keine Seife....
      Klar zuhause mach ich das.
    • one0one 05.06.2020 20:37
      Highlight Highlight Es ist freiwillig Maya.
      Ich desinfiziere mir bei weitem nicht bei jeder Desinfektionsstation die Haende. Aber das muss und darf zum Glueck jeder fuer sich entscheiden.
  • iudex 04.06.2020 09:56
    Highlight Highlight Nein, einfach nur nein.

    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Ethanol

    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Verg%C3%A4llung

    Wurde dieser Artikel überhaupt von einem Menschen geachrieben oder doch automatisch generiert?
  • Hansi Meier 04.06.2020 09:22
    Highlight Highlight Die Eidgenössische Alkoholverwaltung wurde nicht privatisiert (das ist eine Behörde). Privatisiert wurde die Alcosuisse, welche in der Vergangenheit als Monopolist Ethanol importierte. Pflichtlager werden üblicherweise den (privaten) Importeuren zur Last gelegt. Pflichtlager sind unabhängig davon, ob eine Bundesbehörte als Monopol importierte oder verschiedene Anbieter importieren dürfen.
    • Daniel Huber 04.06.2020 10:49
      Highlight Highlight @Hansi Meier: Vielen Dank für den Hinweis! Wir haben die Angabe zur Eidgenössischen Alkoholverwaltung präzisiert.
  • Hans Jürg 04.06.2020 09:07
    Highlight Highlight Ich habe eine Flasche Desinfektionsmittel, die riecht extrem nach faulen Kirschen und verbrannten Pneus. Ist sehr gut, um die Abstandsregeln durch zu setzen ;-)
    • Maya Eldorado 04.06.2020 11:23
      Highlight Highlight Genial! So kannst Du auch von Dir Absstand nehmen!
  • Kiro Striked 04.06.2020 09:05
    Highlight Highlight Also das Zeug ausm Coop bei mir in Basel...

    Da vergeht mir der Hunger, einmal daran gerochen, war mir so schlecht, dass ich aufs Essen verzichtet habe.

    Seither gehe ich nicht mehr in den Coop bis das vorbei ist.
    • Wenzel der Faule 04.06.2020 11:15
      Highlight Highlight Jaaa, ist mir auch aufgefallen! Immer nach dem Coop-Besuch muss ich mich im Auto fast übergeben. Das riecht dermassen ekelhaft, Händewaschen mit Seife hilft auch nur bedingt.

      Jetzt geh ich halt zum Aldi!🖕
  • Jamaisgamay 04.06.2020 08:46
    Highlight Highlight Uii, nach soviel Chemie-Unterricht habe ich jetzt Angst vor den 12,5% Éthanol, die mein Lieblingsgetränk enthält.
  • Political Incorrectness 04.06.2020 08:22
    Highlight Highlight Kauft einfach nicht das Desinfect-E. Das riecht so übel, als ob jemand in der Produktion in den Kessel erbrochen hätte. Und der Gestank vergeht leider auch nicht, sondern bleibt an den Händen kleben. :(
  • TheNormalGuy 04.06.2020 08:00
    Highlight Highlight Ich habe über eine Woche gebraucht um zu kapieren, warum meine Hände nach dem einkaufen nach Erdnussbutter gerochen haben. Erst als eine Freundin von ebenfalls bemerkt hat, dass ihre Hände nach Erdnussbutter riechen, ging mir ein Licht auf.

    Es war das Desinfektionsmittel im Coop.
    • Wenzel der Faule 04.06.2020 11:18
      Highlight Highlight Ich wünsche mir ich würde die Erdnussbutter riechen, bei mir nach dem Coop-Besuch eher erbrochene Erdnussbutter.
  • McStem 04.06.2020 07:58
    Highlight Highlight Ah deswegen rochen meine Hände nach Tequilla mit Zitrone nach dem gestrigen Coopbesuch?
  • Amateurschreiber 04.06.2020 07:56
    Highlight Highlight "Diese Art von pharmazeutischem Alkohol wird im Fachjargon Ethanol genannt"

    Das ist etwas unglücklich formuliert. Es IST nämlich Ethanol.
    Der Alkohol, den es im Bier, Wein, Schnaps etc. hat, ist nichts anderes als Ethanol. Brennsprit ist auch (fast) reines Ethanol.
    • Daniel Huber 04.06.2020 10:47
      Highlight Highlight @Amateurschreiber: Vielen Dank für den Hinweis! Wir haben den Fehler umgehend korrigiert.
  • Ohniznachtisbett 04.06.2020 07:45
    Highlight Highlight Ich benutze Seife. Nützt genauso und riecht noch angenehm.
    • Lioness 04.06.2020 08:59
      Highlight Highlight Seife geht beim Eingang zum Einkaufszentrum nicht.
    • ulmo 04.06.2020 09:14
      Highlight Highlight Wir alle benutzen Seife. Die leeren Ladenregale im März deuten darauf hin, dass sogar Menschen Seife benutzen, welche sonst noch nie im Leben ihre Hände gewaschen haben.

      Es geht um die Desinfektionsmittel bei den Lädeneingängen
  • MisterM 04.06.2020 07:30
    Highlight Highlight Danke, jetzt weiss ich endlich, warum manche Kinder an meiner Schule seit März immer so eine Fahne haben 😅
  • Julietta 04.06.2020 07:24
    Highlight Highlight Ein bis zwei Sprühstösse reichen um die Handflächen zu schützen? 🙈🙈
    Bitte nicht solchen Quark verbeiten.. Es machens schon genug Leute falsch.

    Wenn man sich die Hände richtig desinfiziert, müssen sie fast im Desinfektionsmittel baden und das Mittel muss richtig eingerieben werden und zwar so lange, bis das Mittel getrocknet ist.

    Es schützt auch nicht vor Viren, sondern tötet allfällige Keime, die sich schon auf der Haut befinden.
  • Nate Smith 04.06.2020 06:54
    Highlight Highlight Alkohol vergällt nicht durch weiteres brennen sondern durch Zusätze die ihn ungeniessbar machen wie Kampfer. Auch den Industriealkohol der durch Hydratisierung von Ethen hergestellt wird kann man bedenkenlos trinken z.B. 99.99% Analysealkohol mit Himbeersorbet.
    Die Privatisierung der Alkoholverwaltung zeigt wie falsch es läuft. Man privatisiert eine konkurrenzlose Behörde. Damit es dann trotzdem billiger wird, streicht man Leistungen zusammen und verkauft es dann als Sparmodell und Erfolg. Ich kann hier ja nicht den Anbieter wechseln falls es mir nicht passt wie die Alkoholverwaltung arbeitet.
    • Daniel Huber 04.06.2020 11:04
      Highlight Highlight Vielen Dank für den Hinweis! Der Fehler ist mittlerweile korrigiert worden.
    • Dud3 05.06.2020 21:08
      Highlight Highlight Doch, der Markt wurde geöffnet. Das heisst, man kann dort kaufen, wo man zufrieden ist. Und wegen zwei Wochen Knappheit ein riesiges, teures Lager zu betreiben ist sinnlos. Soll lieber jeder ein kleines Fläschchen bei sich zuhause aufbewahren für schlechte Zeiten.
  • Lightning makes you Impotent (LMYI) 04.06.2020 06:45
    Highlight Highlight Das ganze ist ein Skandal! Ich hoffe man lernt daraus und der Bund legt wieder Pflichtlager an. Das muss politisch aufgearbeitet werden.
    • JacquesDaniel_7 04.06.2020 07:26
      Highlight Highlight Was ist der Skandal? Das auftragslose Brennereien sich so einen Zwischenverdienst erarbeiten konnten oder das die Lagerkosten für die Bewirtschaftung des Pflichtlagers entfallen sind? Auch die Aufhebung des Pflichtlagers hat Vorteile.
    • karl_e 04.06.2020 10:24
      Highlight Highlight Jacques: Die Privatisierungen an und für sich sind ein Skandal, besonders wenn tadellos funktionierende staatliche Einrichtungen betroffen sind.

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