DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

«Frauen sollen zuerst in die Armee, bevor sie streiken»: User-Kommentare im Faktencheck

Der Frauenstreik erhitzt auch in den Kommentarspalten von watson die Gemüter. Wir haben die wichtigsten Vorwürfe überprüft.
14.06.2019, 12:1204.11.2019, 12:26

Lohngleichheit

Bild: KEYSTONE

Vorwurf

«In den 15 Jahren bei meinem Betrieb habe ich noch nie eine Frau getroffen, die weniger verdient als Männer. Das ist doch alles nur Theater von linken Feministinnen!»

Fakten

Satte 1455 Franken weniger verdienen Frauen im Schnitt als Männer (Frauen monatlich 6491, Männer 7946). 44 Prozent der Differenz ist auf potenzielle Diskriminierung zurückzuführen. Diese Lohndifferenz kann nicht mit objektiven Faktoren erklärt werden. Solche Faktoren sind:

  • Frauen erhalten weniger Lohn als Männer, unter anderem weil sie in anforderungsreicheren Positionen und in Kaderstellen schwächer vertreten sind,
  • weil sie durchschnittlich noch über ein etwas tieferes Bildungsniveau verfügen ...
  • ... und weil sie in Tieflohnbranchen stärker vertreten sind als Männer.

Laut einer Schätzung des Bundesamtes für Statistik BFS führte diese potentielle Diskriminierung dazu, dass Frauen jährlich insgesamt 7,7 Milliarden Franken an Lohn einbüssten.

Quelle: Lohnstrukturerhebung 2016, Bundesamt für Statistik BFS

Kaderjobs

bild: shutterstock

Vorwurf

«Frauen kommen in Chefetagen. Sie müssen nur wollen.»

Fakten

Je weiter nach oben man in der Hierarchie geht, desto geringer ist der Frauenanteil. Nach wie vor sind Frauen in den Chefetagen massiv untervertreten.

  • Besonders krass ist es in börsenkotierten Grossunternehmen: Dort ist der Frauenanteil in Geschäftsleitung mit durchschnittlich 6 Prozent gar rückläufig.
  • Etwas besser sieht es in den Verwaltungsräten aus: Der Frauenanteil Aufsichtsgremium in einem der 20 SMI-Unternehmen erhöhte sich 2018 nur marginal von 23 auf 24 Prozent.

Was sind die Gründe für die tiefen Zahlen?
«Bei den meisten Firmen rekrutiert der Verwaltungsrat seine neuen Mitglieder auf eigene Faust und häufig mit möglichst geringem Aufwand», sagt Rudolf Meyer, Gründungsmitglied der Aktionärsvereinigung Actares zu Swissinfo. Das bedeutet: Verwaltungsräte rekrutieren Leute aus dem näheren Umfeld, den man(n) halt schon kennt. Und weil Männer unter sich besser vernetzt sind als mit Frauen, werden abtretende männliche Mitglieder meistens wieder durch Männer ersetzt. Ein Punkt, der auch für viele Kaderstellen gelten dürfte.

Wegen den tiefen Zahlen hat 2018 der Nationalrat eine Frauenquote verabschiedet. Demnach soll der Anteil der Frauen in Verwaltungsräten von grossen börsenkotierten Aktiengesellschaften mindestens 30 Prozent betragen. Für Geschäftsleitungen gilt eine Schwelle von 20 Prozent.

Frauenquote in Verwaltungsräten im europäischen Vergleich 2016

quelle: Swissinfo/petersen report

In der gesamten Privatwirtschaft sieht es etwas besser aus. Laut einer im Mai 2019 publizierten Studie der Uni St. Gallen betrug 2017 der Anteil der Frauen mit Vorgesetztenfunktion 35%. In den Unternehmensleitungen waren es 31% Frauen. Dies entspricht einem Anstieg von 5% in fünf Jahren.

Warum hat die Schweiz insgesamt so wenige Frauen in den Chefetagen? «Das ist einfach zu erklären: Weil die Schweiz ein frauenfeindliches Wirtschaftssystem hat. Es ist ein Systemfehler. Wir haben ein unglaublich teures Betreuungssystem, keine Ganztagesstrukturen, einen rückständigen Mutterschaftsurlaub statt Elternzeit für alle ...», sagte SRF-Ökonomin Patrizia Laeri zu Tamedia. Es sei rational leider nachvollziehbar, wenn Schweizer KMU Frauen benachteiligen – weil sie heute tatsächlich mehr kosten und öfters ausfallen.

Rentenalter

Bild: KEYSTONE

Vorwurf

«Mit dem Rentenalter 64 werden die Frauen ungerechtfertigterweise bevorzugt.»

Fakten

Dass für Frauen das gesetzliche Rentenalter von 64 Jahren gilt, während es für Männer bei 65 liegt, ist unbestritten. Allerdings will der Bundesrat bei der aktuellen Reform AHV21 das Frauenalter auf 65 Jahre erhöhen. Doch auch beim Status quo relativiert sich die vermeintliche Bevorteilung der Frauen bei näherem Betrachten.

Das hat viel mit den Löhnen zu tun. Die Höhe der Renteneinkommen aus der ersten Säule (AHV) und der zweiten Säule (berufliche Vorsorge) hängen direkt von den Löhnen während des Erwerbsalters ab. Diese liegen bei den Frauen aus unterschiedlichen Gründen tiefer: Selbst bei einer Vollzeittätigkeit beträgt der Medianlohn von Frauen mit 6011 Franken rund 12 Prozent weniger als der Männer-Medianlohn von 6830 CHF (Zahlen BfS 2016).

Verschärfend hinzu kommen – insbesondere in der zweiten Säule – die Effekte, welche die bei Frauen häufigere Teilzeitarbeit und der Erwerbsunterbruch nach der Geburt der Kinder auf die Höhe des Renteneinkommens haben. Nach der Geburt ihrer Kinder gehen Mütter im Durchschnitt 5,4 Jahre lang keiner Erwerbstätigkeit nach. Mit dem Betreuungsmodell von Familien hängt auch die Frage des Arbeitspensums zusammen: Sechs von zehn erwerbstätigen Frauen sind nur teilzeitlich tätig. Mehr als ein Viertel aller erwerbstätigen Frauen arbeitet weniger als 50 Prozent. Bei den Männern hingegen sind 8 von 10 vollzeitlich erwerbstätig.

Eine Studie der UBS vom vergangenen Dezember zeigt, wie sich diese Faktoren auswirken. Die Frauen weisen gemäss der Studie im Rentenalter durchschnittlich deutlich tiefere Einkommen und weniger Vermögen auf. Bei der AHV, die einen Umverteilungseffekt von höheren zu tieferen Einkommen ausweist, sind die Unterschiede gering. Insgesamt profitieren hier die Frauen. 66 Prozent der Einzahlungen in die AHV kommen von Männern, nur 34 Prozent von Frauen. Doch 54 Prozent des AHV-Rentengeldes geht an die Frauen, nur 46 Prozent an die Männer. Ganz anders sieht es in der zweiten Säule aus: Dort sind die durchschnittlichen Jahresrenten der Frauen mit rund 19’000 Franken nur halb so hoch wie die der Männer mit 36’000 Franken.

Fazit: Insgesamt weisen Frauen im Rentenalter also durchschnittlich deutlich weniger Vermögen und niedrigere Renten auf als Männer – auch wenn sie ein Jahr früher Anspruch auf Rente haben.

Militär

Bild: KEYSTONE

Vorwurf

«Solange sich Frauen dagegen aussprechen, selbst Militärdienst zu leisten, kann ich den Frauenstreik sowieso nicht ernst nehmen.»

Fakten

In den Reihen der Frauenstreikerinnen gibt es durchaus Aktivistinnen, die bereit sind, Dienst zu leisten. Die Frage ist, in welcher Form.

Denn Frauen könnten in Zukunft verpflichtet werden, Zivildienst oder Militärdienst zu leisten. Die Idee ist aus Sicht des Bundesrates «innovativ», erklärte er im Juni 2017. Es brauche aber eine vertiefte Analyse, bevor am heutigen System gerüttelt werde. Bis 2020 soll das Verteidigungsdepartement untersuchen, wo Personalmangel herrscht. Dann wird entschieden, ob eine nötige Verfassungsänderung für eine Frauen-Dienstpflicht ins Auge gefasst wird.

Zudem arbeitet der Verein «Service Citoyen» an einer Volksinitiative, die eine Dienstpflicht für alle vorsieht. Die Gruppe will das Miliz-System grundsätzlich umkrempeln. Die bisherige Dreiteilung in Militärdienst, Zivildienst und Zivilschutz will sie aufbrechen – und um weitere «Dienstbereiche» erweitern. So sollen auch Einsätze bei der freiwilligen Feuerwehr oder gar ein politisches Amt in einer Gemeinde als Bürgerdienst gelten können.

Darüber hinaus entscheiden sich immer mehr Frauen, freiwillig Militärdienst zu leisten. Waren es 2015 noch 1083, zählte die Armee 2017 bereits 1152 Frauen in der Armee. Diese stehen allerdings einem effektiven Bestand von 158'435 Armeeangehörigen gegenüber.

Freiwilligenarbeit

Vorwurf

«Männer pflegen doch ebenso oft bedürftige Leute.»

Fakten

Ob Menschen mit Demenz im Altersheim besuchen, Schwerkranke beim Sterben begleiten oder der betagten, alleinstehenden Tante im Haushalt helfen. Noch immer erledigen die Frauen einen Grossteil der unbezahlten Arbeit (informelle Freiwilligenarbeit) wie Hilfeleistungen für Bekannte und Verwandte. 2016 waren es im Durchschnitt 30,1 Stunden pro Woche gegenüber 19,5 Stunden bei den Männern. Diese Art von Arbeit ist vor allem mit Blick auf die immer älter werdende Bevölkerung von grossem Wert.

Frauen wenden pro Jahr rund 280 Millionen Stunden für informelle Freiwilligenarbeit auf. Das entspricht der Arbeitszeit von 148'000 Vollzeitstellen.

Die Frauen übernehmen 61,3 Prozent des unbezahlten Arbeitsvolumens. Beim bezahlten Arbeitsvolumen ist dafür der Anteil der Männer bei 61,6 Prozent.

Hier findest du alle Informationen zum Frauenstreik:

Frauen übernehmen am meisten Zeit für Haus- und Familienarbeit – insgesamt sind dies rund 28 Stunden pro Woche. Bei den Männern sind dies rund 10 Stunden weniger pro Woche.

Die gesamte im Jahr 2016 geleistete unbezahlte Arbeit wird auf einen Geldwert von 408 Milliarden Franken geschätzt. Die Hausarbeit macht den grössten Anteil aus mit 293 Milliarden Franken oder rund 72 Prozent des Gesamtwertes. Die Betreuungsaufgaben werden auf 81 Milliarden oder 20 Prozent des Gesamtwertes geschätzt, die institutionalisierte und informelle Freiwilligenarbeit zusammen auf 34 Milliarden Franken oder 8 Prozent des Gesamtwertes.

Wo siehst du persönlich grossen Handlungsbedarf punkto Gleichstellung? Schreib deine Meinung ins Kommentarfeld.

(cbe/amü)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

14 Bilder vom Frauenstreik am 14. Juni 1991

1 / 16
14 Bilder vom Frauenstreik am 14. Juni 1991
quelle: keystone / walter bieri
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Nach dem Frauenstreik sind die Welt und der Sex besser

Video: watson

Abonniere unseren Newsletter

224 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Kyle C.
14.06.2019 12:30registriert Oktober 2014
Als Mann befürworte ich diesen Streik. Ein Teil der Gesellschaft fühlt sich nicht gleichberechtigt, also darf Frau aktiv werden.

Es gibt aber einen kleinen Unterschied FÜR etwas zu kämpfen oder GEGEN etwas zu sein. Wenn der Kampf für Gleichberechtigung zum Kampf gegen Männer wird, geht es in die falsche Richtung. Und ich sehe und höre immer wieder gewisse Abspaltungen dieser Bewegung, die mit Mitteln kämpfen, die im Endeffekt auch auf Ungleichheit und sogar Diskriminierung basieren. Dadurch geht viel Glaubwürdigkeit verloren.
104775
Melden
Zum Kommentar
avatar
Bartli, grad am moscht holä..
14.06.2019 12:34registriert Mai 2019
Ich wollte in die rs. Dann hiess es: nein du bist eine frau, du darfst keine lastwagen fahren. 🤷🏼‍♀️ Tja, dann halt nicht. Klar ist inzwischen anderst. Aber für mich zu spät. Dafür darf ich jetzt beim arbeiten regelmässig grosse fahrzeuge bedienen 🎉😊. Wehrpflicht für alle fände ich total ok. Ob zivi oder rs sollte egal sein. Elternurlaub und kindererziehung, teilzeit für beide gleich attraktiv. Rente sollte fairer werden bezüglich körperliche/geistige arbeit. BauarbeiterInnen/pflegerInnen sollten früher in rente gehen können als bürolisten/Innen. Realisierbar?🤷🏼‍♀️
47160
Melden
Zum Kommentar
avatar
Matrixx
14.06.2019 12:27registriert März 2015
Bitte um Aufklärung:
Was ist das Problem, dass mehr Frauen Freiwilligenarbeit leisten?
Es heisst doch, FREIWILLIG, dafür kann man(n) nun wirklich nichts dafür.
Frauen die sich an Freiwilligenarbeit stören, können ja aufhören, etwas freiwilliges zu tun?
769564
Melden
Zum Kommentar
224