Edward Snowden
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Edward Snowden – das vergessene «Phantom von Moskau»

Er hat einen gigantischen Geheimdienstskandal aufgedeckt und wird von den USA deswegen strafrechtlich gesucht: Edward Snowden. Seit fünf Jahren hat der wohl bekannteste Whistleblower der Welt nun Asyl in Russland. Wie geht es ihm dabei?



FILE - In this Feb. 14, 2015, file photo, Edward Snowden appears on a live video feed broadcast from Moscow at an event sponsored by ACLU Hawaii in Honolulu. Snowden blew the lid off U.S. government surveillance methods five years ago. The 34-year-old is living in exile in Russia, but intelligence chiefs complain that revelations from the trove of classified documents he disclosed keep trickling out.(AP Photo/Marco Garcia, File)

Ikone oder Buhmann - je nach Standpunkt: der frühere NSA-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden Bild: AP/FR132414 AP

Nach fünf Jahren Asyl in Russland hat Edward Snowden keine Angst vor seinen Gastgebern. Mit scharfer Zunge teilt der US-Whistleblower aus gegen Präsident Wladimir Putin und dessen Führung. «Die russische Regierung ist in vielerlei Hinsicht korrupt», sagte der frühere US-Geheimdienstmitarbeiter Ende Juni der «Süddeutschen Zeitung».

Damals stand Putin gerade als Gastgeber der Fussball-WM im Rampenlicht, an deren Glanz nichts kratzen sollte. Snowden fuhr die Krallen aus: «Die Russen sind warmherzig, sie sind klug. Ihre Regierung ist das Problem, nicht das Volk.»

Fünf Jahre ist es her, dass der damals von den USA meistgesuchte Mensch nach einer Hollywood-reifen Flucht Asyl in Russland bekam. 2013 hatte Snowden Journalisten im grossen Stil vertrauliche Dokumente über massive Abhörpraktiken des US-Geheimdienstes NSA und anderer Dienste zugespielt. Seine Enthüllungen wirken bis heute nach.

Vorbild oder Verräter

Citizenfour

Snowden mit Greenwald in «Citizenfour».

Der Dokumentarfilm «Citizenfour» (2014) darüber wurde mit einem Oscar prämiert. Gegner sehen in Snowden einen Verräter, Anhänger wünschen ihm den Friedensnobelpreis.

Zunächst floh Snowden von Hawaii nach Hongkong, dann flog er weiter nach Moskau. Eigentlich wollte er in der russischen Hauptstadt nur umsteigen. Doch die USA hatten seinen Pass in der Zwischenzeit für ungültig erklärt. Plötzlich sass Snowden fest - im Transitbereich des Flughafens Scheremetjewo.

Medien nannten ihn das «Phantom von Moskau», kaum einer bekam ihn in den gut sechs Wochen zu Gesicht. In zahlreichen Ländern ersuchte er um Schutz. Am 1. August 2013 gewährte ihm Russland Asyl. Es gilt noch bis 2020.

Streng abgeschirmt

Streng abgeschirmt von der Öffentlichkeit lebt Snowden seitdem in Russland. Er twittert viel, tritt per Videoschaltung bei Konferenzen zu Pressefreiheit und IT-Sicherheit auf. Immer wird dabei penibel darauf geachtet, dass sein Standort geheim bleibt. Ansonsten kommuniziert er über seine Anwälte. Sein Krem-naher Moskauer Staranwalt Anatoli Kutscherena ging auf eine Interview-Anfrage nicht ein.

epa04044393 An undated handout picture released by German TV broadcaster ARD made available on 27 January 2014 shows US whistleblower and former NSA employee Edward Snowden (R) during an interview with German journalist Hubert Seipel (L) in Moscow, Russia. Snowden claimed in the interview that US officials 'want to kill me'. Edward Snowden fled the USA to Russia after leaking classified information on spying methods by the National Security Agency (NSA). The interview was aired by the ARD (First German national TV channel) on 26 January 2014.  EPA/KNUT SODEMANN / ARD / HANDOUT ATTENTION EDITORS: FOR USE ONLY IN CONNECTION WITH THE COVERING OF THE INTERVIEW. MANDATORY CREDIT: NDR/KNUT SODEMANN'. HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Beliebter Interview-Partner: Edward Snowden. Bild: EPA/ARD

Trotz aller Geheimhaltung lebt der 35-jährige Snowden nach eigener Darstellung ein weitgehend normales Leben. «Die Leute haben diese Vorstellung, dass ich auf einer Militärbasis oder in einem Palast lebe, mit bewaffneten Wachen (...) vor der Tür. Aber nein, ich wohne in einer gewöhnlichen Wohnung zusammen mit meiner Freundin Lindsay, und ich zahle Miete wie jeder andere auch», sagte er. Seine Freundin war vor einigen Jahren aus den USA nach Russland gezogen.

«St. Petersburg gefällt ihm besonders»

Kutscherena sagt, Snowden habe in den vergangenen Jahren viele Orte in Russland bereist, und St. Petersburg gefalle ihm besonders gut. «Ich benutze keine Kreditkarten, und ich versuche, mein Privatleben so weit wie möglich von der Öffentlichkeit fernzuhalten», sagte Snowden. Zur Erinnerung: der genaue Wohnort Snowdens ist geheim.

This June 9, 2013 photo provided by The Guardian Newspaper in London shows Edward Snowden in Hong Kong. The National Security Agency is telling Congress that an agency employee resigned after admitting to investigators that he gave Snowden a digital key that allowed him access to classified materials. Snowden has said he did not steal any passwords. (AP Photo/The Guardian, Glenn Greenwald and Laura Poitras)

Snowden in «Citizenfour» Bild: AP/The Guardian

In den USA wird Snowden per Haftbefehl gesucht. Prophylaktisch ergingen Auslieferungsersuchen an mehrere Länder. Im Falle einer Rückkehr würde Snowden nach jetzigem Stand in drei Punkten angeklagt, davon in zwei Punkten auf Grundlage des Spionage-Gesetzes. Demnach würde Snowden nur vor einem Richter stehen, eine Jury gäbe es nicht. Eine Verurteilung gälte als sicher.

Trump für Todesstrafe

Alle drei Punkte der Strafanzeige sehen jeweils eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren vor. Unklar ist, ob die Justiz eine Anklage nicht noch um weitere Punkte erweitern würde. Sowohl Präsident Donald Trump als auch der Ex-CIA-Chef und jetzige Aussenminister Mike Pompeo favorisieren die Todesstrafe.

President Donald Trump, right, and Secretary of State Mike Pompeo, left, listen to Ivanka Trump, the daughter and assistant to President, speaks during his meeting with members of his cabinet in Cabinet Room of the White House in Washington, Wednesday, July 18, 2018. (AP Photo/Pablo Martinez Monsivais)

Pompeo mit Trump Bild: AP/AP

Im Fall Snowden liegen bei Trump Welten zwischen Worten und Taten. Wie hat er dem Whistleblower mit Twitter-Salven zugesetzt - bevor er das Präsidentenamt antrat: Lügner, Betrüger, Spion, eine Schande, ein menschliches Stück Müll - ein Verräter, der hingerichtet werden müsse. Im Wahlkampf versprach Trump vollmundig «Schaut, wenn ich Präsident bin, sagt Putin zu Snowden: Hey, zack, du bist weg. Das versichere ich euch.»

Zurück zur Realität. Als Präsident habe Trump kein Verlangen gezeigt, Putin wegen Snowden zu konfrontieren, schreibt das Nachrichtenmagazin «Politico». Dieser sei von Trumps Aufgabenliste praktisch verschwunden. Die US-Presse spekuliert, ob Trump und Putin den Fall auf ihrem Gipfel im Juli in Helsinki angesprochen haben.

Denn Snowden kommentiert und kritisiert via Twitter immer wieder Vorgänge in den USA. Auch zu Trump hat er eine Meinung: «Ehrlich gesagt, jeder, der Trump drei Minuten lang zuhört, weiss, dass er eine Abrissbirne ist.»

Kein Thema in der US-Öffentlichkeit

Das Thema Snowden spielt in der US-Öffentlichkeit aber keine Rolle. Und das Wichtigste: Trumps Basis probt wegen Snowden keinen Aufstand, der Mann ist im Augenblick einfach kein Thema. Dennoch gibt sich Snowden keinen Illusionen hin, dass diese Ruhe trügerisch sein könnte.

Es scheine ziemlich klar zu sein, dass Trump niemanden mehr liebe als den russischen Präsidenten, sagte er im Mai der Nachrichten-Webseite «The Intercept». «Wird er versuchen, einen Deal zu machen? Vielleicht. Kann ich etwas dagegen tun? Nein. Würde ich meine Prinzipien verkaufen, damit das weniger möglich wird? Nein.»

Snowden als Verhandlungsmasse für Trump und Putin? Nach russischer Darstellung war eine Auslieferung beim Gipfel kein Thema. Putin hatte schon 2013 betont: «Russland liefert niemals niemanden nirgendwohin aus und plant dies auch nicht.» Damals trug die Causa Snowden zu den schlechten Beziehungen zwischen Moskau und Washington bei: Der damalige Präsident Barack Obama sagte einen Besuch in Moskau ab.

Nützlich für Putins Image

Was Russland vom Asyl für Snowden hat, darüber wird viel spekuliert. Experten sagen, er sei für den Kreml nützlich. Denn so könne der Ex-Geheimdienstler Putin sich als Wahrer der Menschenrechte darstellen, der einen Whistleblower vor den Fängen der USA schützt.

Snowden selbst sagte in Interviews, er habe keinen Kontakt zur russischen Führung und arbeite nicht für den Geheimdienst. «Ich hatte nie vor, hier zu sein.» (aeg/sda)

«Mich berührt, wie sehr er seine Heimat liebt»

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    Alle Leser-Kommentare
  • Rolf Meyer 31.07.2018 23:20
    Highlight Highlight In Bezug auf die Abhörskandale, die Snowden aufgedeckt hat, gab es doch mal in Genf (oder war es Bern?) bei der Botschaft der USA ein vermutetes "Abhörlabor". Wurde dies inzwischen geschlossen? Oder wird dort immernoch munter weiter überwacht?
  • Sharkdiver 31.07.2018 21:06
    Highlight Highlight I'm gegensatz zu Julian Assange ein echter held.
  • You will not be able to use your remote control. 31.07.2018 16:47
    Highlight Highlight Viele haben ihn vergessen - oder nur wenige haben verstanden, was er gemacht hat?

    Das NDG und BÜPF wurden nach Snowden angenommen.
    • Ueli der Knecht 31.07.2018 17:44
      Highlight Highlight Alle diese Gesetze wurden mithilfe BR Moritz Leuenberger (SP) aufgegleist, der damals die PUK wegen dem Fichenskandal leitete und dabei feststellte, dass die Überwachung ohne gesetzliche Grundlage und daher rechtswidrig sei.

      In seine Amtszeit fallen folgende Vorgänger-Gesetze:

      • Bundesgesetz über Massnahmen zur Wahrung der inneren Sicherheit vom 21. März
      1997 (BWIS);

      • Bundesgesetz betreffend die Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs vom 6. Oktober 2000 (BÜPF);

      • Bundesgesetz über die Zuständigkeiten im Bereich des zivilen Nachrichtendienstes
      vom 3. Oktober 2008 (ZNDG);
    • legis 31.07.2018 17:55
      Highlight Highlight Was echt nicht möglich gewesen wäre hätte der hinterste und letzte verstanden, was Snowden für diese Welt getan hat!
  • kettcar #lina4weindoch 31.07.2018 15:30
    Highlight Highlight Pflicht-Material dazu von John Oliver
    Play Icon
  • Ueli der Knecht 31.07.2018 14:44
    Highlight Highlight "Jedes System wird Methoden zur Kontrolle eingebaut haben. Der einzige Weg, das zu ändern, ist, nach Räumen zu suchen, die sie nicht so gut verstehen wie diejenigen, die dort leben. Wenn du das Netzwerk besser verstehst als deine Gegner, kannst du dieses Netzwerk ändern, weil du es so benutzen kannst, wie sie es nicht kontrollieren können.
    (...)
    Sollen wir unsere Technologie verbessern oder unsere Demokratie retten?
    (...)
    Wir sind die Einzigen, die das lösen werden. Wir können nicht warten, bis jemand anderes das für uns in Ordnung bringt."
    -Edward Snowden (2018).
    Play Icon

    • winglet55 31.07.2018 20:51
      Highlight Highlight Wenn der Gegner die einfache Wahrheit verstanden hat, das seine Gegner,die in der Zukunft leben, verloren sind, wenn wir die Kommunikation,wie im Mittelalter betreiben, Nachrichten von Mund zu Mund, und nicht über Computer oder Mobiltelfone, ist es schwierig den Feind zu besiegen. Nicht Wortgetreu aber sinngemäss aus "Der Mann der niemals lebte"Russell Crowe, Leonardo di Caprio
  • roger.schmid 31.07.2018 14:43
    Highlight Highlight "Im Fall Snowden liegen bei Trump Welten zwischen Worten und Taten. Wie hat er dem Whistleblower mit Twitter-Salven zugesetzt - bevor er das Präsidentenamt antrat: Lügner, Betrüger, Spion, eine Schande, ein menschliches Stück Müll - ein Verräter, der hingerichtet werden müsse."

    Da kann Trump ja nur hoffen, dass dieser Maßstab dereinst nicht bei Ihm selbst angesetzt wird..
  • elias776 31.07.2018 14:26
    Highlight Highlight Snowden, ein Held

Vater von Wikileaks-Gründer Assange: «Die Schweiz wird Julian ein Visum anbieten»

John Shipton, der Vater von Julian Assange, spricht im Interview über Asyl in der Schweiz und den schlechten Gesundheitszustand des Whistleblowers.

Am kommenden Montag beginnt in London die Anhörung, die über die Zukunft von Julian Assange entscheidet. Die US-Justiz hat einen Auslieferungsantrag für den Wikileaks-Gründer gestellt. Assange soll mitgeholfen haben, geheimes Material über US-Militäreinsätze im Irak und in Afghanistan zu veröffentlichen. Wird er verurteilt, drohen ihm bis zu 175 Jahre Haft. Assanges Vater, John Shipton, sagt im Gespräch, warum sein Sohn am ehesten in der Schweiz Asyl finden könnte.

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