Fernsehen bald nur noch für Dumme?
Mit «Breaking Bad» (und vielleicht ein wenig Bubatz) überwand ich meinen einen Liebeskummer tränenfrei und recht effizient. Mit «Big Little Lies» und «Maid» kamen Erinnerungen an schlimme Zeiten hoch, aber gleichermassen durfte ich mich ihretwegen nochmals ausgiebig eine Extrarunde in Dankbarkeit wälzen für das grosse Glück, sie relativ unbeschadet überstanden zu haben.
Serien sind mein allerliebster Eskapismus. Manche hauten mich dermassen aus den Socken, dass ich sie zweimal schaute. Es gab welche, die verfolgte ich von Anfang bis Ende mit Herzrasen. Ich verschlang «Ray Donovan», «Bloodline» und die ersten beiden Staffeln «Euphoria». Oh, und wie oft wieherte ich nachts allein, aber in tiefer Verbundenheit mit allen müden Müttern glücklich in Richtung des Fernsehers, wenn ich mir aus Spass an der Freude noch eine Folge «Working Moms» gönnte, obwohl ich schon längst hätte schlafen müssen. Gute Formulierungen oder poetische Zeilen aus Serien notiere ich mir sogar in ein Heft; quasi Eselsohr 2.0.
Zu früh gefreut
In letzter Zeit verging mir phasenweise etwas die Lust am Serienschauen, weil keine mich so richtig packte. Ich hatte mich sehr auf «All Her Fault» gefreut, weil bei diesem Cast eigentlich nichts schiefgehen konnte - dachte ich. Aber ich schaute und schaute und irgendwann sprach mein Mann aus, was ich mir nicht eingestehen wollte: «So wirklich gut ist das irgendwie nicht.» Und er hatte Recht.
Dakota Fanning und Sarah SnookBild: imdb
Da wird ganz zu Anfang der Geschichte ein Kind entführt und dann aber sehr bald schon alles viel zu offensichtlich so erzählt, dass man erst den, dann die und dann doch wieder den verdächtigen soll. Selbst wenn man sich denn genug konzentrieren würde, könnte man die falschen Fährten nicht als solche erkennen. Vielmehr wird einfach extra falsch und nur falsch in verschiedene Richtungen gelenkt und dann chronologisch abgehakt, wer es sein und dann eben doch wieder nicht sein könnte. Sodass man nach drei Folgen keine Lust mehr hat, diese dummen Fährten gedanklich abzulatschen.
Bevor mir überhaupt klar war, dass das kein Zufall war, fand ich die Antwort auf meine noch ungestellte Frage in einem Interview mit Jameela Jamil (wegen der ich regelmässig strikte Reminder brauche, mir nicht auch die Fransen zu schneiden, aber das tut hier nun nichts zur Sache).
Jamil erklärt, dass Serien und Fernseh-Shows immer simpler würden, Inhalte also bewusst dahingehend vereinfacht würden, dass Zuschauende, die nebenher noch auf ihren Smartphones rumdrücken, den Faden nicht verlieren. Und das hat natürlich einen direkten Einfluss auf die Qualität von Serien und Filmen: Geschichten werden weniger komplex, Dialoge und Hinweise überdeutlich. Und alles zwischen den Zeilen fällt weg.
Second Screening
Und ja, ich weiss, wir müssen ohnehin grad schon viel verarbeiten jeden Tag. Aber das – ist das nicht elend? Es bedeutet, dass kreative Menschen, die Drehbücher schreiben und Serien produzieren und Menschen casten und Filmsets bauen, sich jetzt alle dümmer stellen müssen, als sie es sind, nur um Geschichten nicht ganz so gut und detailreich zu erzählen, wie sie eigentlich erzählt werden könnten. Einfach weil sie mit der Zeit und traurigerweise davon ausgehen müssen, dass der Mensch seine Aufmerksamkeitsspanne dem Teufel geschenkt hat und nun noch nicht mal mehr zum Fernsehkonsum den Handykonsum einschränken mag. Wir brauchen einen zweiten Bildschirm, weil einer allein nicht mehr reicht. Wie bedauerlich kann eine Entwicklung sein?
Ich wünschte mir, der ehrgeizige Ansporn der kreativen Leute dürfte weiterhin sein, etwas so Gutes zu schaffen, dass alle ihre Telefone wenigstens dafür mal aus der Hand legen.
Und wer bestimmt überhaupt, dass man sich dem unaufmerksamen Zuschauer beugen muss? ES IST DOCH NICHT RICHTIG. Ich will lieber Gegensteuer! Dass Inhalte so spannend sind, dass man gar nicht mehr was anderes machen will? Uns Eltern sagt man doch auch: Bietet euren Kindern Alternativen zum Handy! Aber nicht einfach den Stecker der Telefone ziehen (bildlich gesprochen) und dann beim Weglaufen rufen, die Kinder sollen doch ein Buch lesen. Die Alternativen zum Handy müssen gut sein und Spass machen. Man muss proaktiv was Lustiges, Tolles vorschlagen, selber mitmachen, mitgehen oder das Alternativprogramm zumindest ermöglichen.
Ein versöhnlicher Serientipp
Nun ja, Ich will jetzt hier aber nicht rumheulen, sondern dem Ganzen mit einer kleinen Empfehlung entgegenwirken. Auf HBO läuft nämlich nicht nur grad die neuste (vielleicht gar nicht mal so gute, dritte) Staffel «Euphoria», sondern auch eine Serie namens «DTF St. Louis», und es ist das Berührendste und Weirdeste und Menschlichste, was ich seit Langem gesehen habe. Die Serie ist so gut, dass man ganz vergisst, dass man David Harbour Lilly Allen zuliebe eigentlich nicht mehr mögen wollte.
Ein kleiner Teaser
Für diese Serie braucht man alle Ohren zum Zuhören, beide Augen zum Sehen und das ganze Herz für den Rest.
Thank me later ♥️
O.
PS: Könnten wir die Kommentarspalte heute vielleicht mal als Gruppenarbeit nutzen und darin Serientipps teilen (für die altmödigen Mono-Screeners unter uns)?
PPS: Weitere sieben im Text noch nicht genannte Lieblingsserien von mir sind: «Fleabag», «Happy Valley», «Somebody Somewhere», «Hand of God», «Rectify», «Seven Seconds» und «Mare of Easttown».
