Blogs
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Yonnihof Schweiz WM

bild: shutterstock

OleOle!

WM im Kreis 4

Warum ich zur WM nirgends anders würde wohnen wollen als im Chreis Cheib in Zürich.

17.06.14, 07:06 17.06.14, 14:56

Ich lebe ja an der Langstrasse. Finde ich super. Und jetzt zur WM finde ich es noch viel superiger. Denn wohl nirgends in der Schweiz geht es so laut und wild und lustig zu wie hier - das ganze Quartier verwandelt sich in ein einziges, riesiges Public Viewing. 

«ChiChi und Bratwurst und Froschschenkel»

Nachdem sich die Menschen – noch restramponiert vom Abend zuvor – aus den Federn gerobbt haben, stellen sie bereits nachmittags ihre Minikugelgrille auf die Trottoirs und grillen darauf von ChiChi über Bratwurst bis zum Froschschenkel wohl so alles, was einmal in ihrem Heimatland umenkreuchte und umenfleuchte. Es herrscht zu dieser Tageszeit noch Völkereinigkeit – denn der Vorabendkater verbindet. Da sitzt dann der Schmelztiegel der Nationen beieinander und teilt brüderlich Fleisch und Bier und begutachtet die in knappen Landesfarben betuchten Mädchen – und es ist ein einziger Frieden. Selbst Nelson Mandela selig würde sich wohl ein Tränchen verdrücken ob soviel Einigkeit. 

Doch wehe, wenn sie losgelassen. Geht’s gen Abend, bilden sich in und um die Bars herum Trauben von Menschen, meist in denselben Farben – oder in der Mitte nach Tenue getrennt. Und schon ist nichts mehr mit Brüderlichkeit/Schwesterlichkeit. «Mein Bier gehört mir! Und deine blöden Froschschenkel waren auch zäh!» 

«TOOOOOOOOOOOOOR!!!»

Während des Matches dann ist ein Fernseher mit Ton im Quartier nicht mehr vonnöten – fällt ein Tor, bebt die Welt! Ernsthaft! Meine Fenster zittern jeweils (Memo an mich: Verwaltung wegen Isolation anquatschen) und wenn man rausschaut, rennen kleine Kinder und weniger kleine Kinder in bunten Trikots durch die Strassen und schreien und jubeln und werfen sich auf den Boden (auf den man sich wirklich, wirklich nicht werfen sollte). Daneben diejenigen, die gerade den Topf kassiert haben und nun entweder aussehen wie begossene Pudelchen, denen jemand ihren Knochen geklaut hat, oder wie Jack Nicholson in The Shining – also am Ende des Films. Da bin ich dann amigs froh, dass ich nicht alle Fremdsprachen verstehe, sonst müsste ich mir bigoscht noch selber die Ohren zuhalten. 

Ist das Spiel dann abgepfiffen, ist kein Halten mehr. Gross und Klein, Männlein und Weiblein liegen sich in den Armen, hüpfen, kreischen, singen. Paradebeispiel dafür war der Sieg unserer Nati gegen Ecuador (by the way: HIGH 5, JUNGS!). Und ich meine das wörtlich! Es entstand tatsächlich eine Parade! Die Langstrasse wurde kurz nach Abpfiff für den Busbetrieb gesperrt um Platz zu machen für hupende Autos mit Fähnli und pfeifende, singende, vuvuzelanende Fans (nicht zu verwechseln mit venezolanischen Fans). Es war ein herrliches Bild! Wie wenn Silvester mit allen anderen Feiertagen und jedem einzelnen Geburtstag der Fans Sex hätte.

«WM-Babys stärken die Wirtschaft!»

Den Leuten war komplett egal, wen sie bei der Hand nahmen, wen sie umarmten, küssten, ableckten – manchen vielleicht sogar, wen sie mit nach Hause nahmen. Aber hey, jedem das Seine. Und so ein WM-Baby stärk ja auch die Wirtschaft.

Noch morgens um 9 begegnete ich am nächsten Tag einem Grüppchen junger Herren, die mit dem letzten bisschen Stimme, das ihnen noch blieb: OLEOLEOLEOLEEEEE, SCHWIIZER NAAAATI, OLEEEEE krächzten.

Und so waren an diesem Abend im Kreis 4 Banker, Hippie, Kindergärtnerin, Seconda und Bauer genau das, was sie ja ursprünglich sein wollten: Ein Volk von einig Brüdern. 

Und Schwestern. Selbstverständlich. 

Yonnihof Yonni Meyer

Yonni Meyer 

Sie gilt als das neueste Schweizer Facebook-Phänomen: Yonni Meyer schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen - direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony - aber nicht weniger unverblümt.
Pony M. auf Facebook
Yonni Meyer online



Hol dir die App!

Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

Abonniere unseren Daily Newsletter

Themen
3
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
3Alle Kommentare anzeigen

Kann man, muss man nicht: Unser Modal-Problem

Ja, Sie haben schon richtig gelesen, da ist kein Tippfehler im Titel. Modal, mit d. Ich erspare Ihnen nun die Google-Suche oder das Ausgraben Ihrer Deutsch-Ordner von früher, wo Sie dann Ihre alten Aufsätze finden, in denen Sie sehr realistisch eingeschätzt haben, dass Sie mit 30 ein Haus, vier Kinder, einen Labrador namens «Columbo» und eine Traumkarriere haben werden und alles, was Sie nun mit 36 tatsächlich Ihr eigen nennen, ist ein Fahrrad und sogar das wurde Ihnen schon zweimal …

Artikel lesen