Digital

Die Cosmic-Watch-App zeigt Sternzeichen, Planetenbewegungen und vieles mehr.
bild: cosmic watch

Zürcher App-Entwickler: «Die Schweizer Uhrenindustrie hat nicht kapiert, dass wir etwas Revolutionäres geschaffen haben»

Die astronomische Uhr ist genauso faszinierend wie sie komplex ist. Seit Jahrhunderten gibt sie neben der Zeit Aufschluss über die Lage der Sonne, die Mondphasen oder die Tierkreise. Erstmals ist sie nun in digitaler Form verfügbar. Entwickelt wurde die App in Zürich.

06.10.15, 13:20 06.10.15, 14:07
Philipp Rüegg
Philipp Rüegg

Redaktor

«Die astronomische Uhr gilt als raffinierteste Form der Zeitmessung», schreiben die Entwickler der Cosmic Watch in einer Mitteilung. Und wohl auch die komplizierteste. Wenn man die Android- und iPhone-App zum ersten Mal startet, kommt man sich vor wie ein kleines Kind im Planetarium. Man sieht eine wunderschön animierte Erde mit Sonnenverlauf, Himmelskonstellationen, Sternzeichen und vielem mehr. Das interaktive Sonnensystem bringt selbst grosse Kinder zum Staunen. Gleichzeitig versteht man als Normalsterblicher nur die Hälfte von dem, was vor sich geht – zumindest anfangs.

«Die astronomische Uhr ist eine der bedeutendsten Errungenschaften der Menschheit.»

Markus Humbel, Celestial Dynamics

Die App bringt das Weltall in greifbare Nähe. Durch antippen eines beliebigen Punktes auf dem Globus erhält man die lokale Uhrzeit. Ausserdem ist die Cosmic Watch ein astronomischer Navigator, Armillarsphäre, Radix-Diagramm, Zeitmaschine, Sonnensystem-Simulator und Sonnenfinsternis-Detektor. Wer nur die Hälfte verstanden hat, braucht sich nicht zu schämen. «Wir haben gemerkt, für die meisten Menschen ist das viel zu kompliziert. Die wissen knapp, dass es einen Voll- und einen Leermond gibt. Die glauben noch, dass die Sonne um uns herum fliegt», erklärt Mitentwickler Markus Humbel mit einem Grinsen. Die App soll aber nicht nur Hobby-Astronomen, Astrologen und NASA-Fans ansprechen, sondern könnte auch als Lehrmaterial in Schulen eingesetzt werden. «Cosmic Watch ist für jeden, der sich für Zeit interessiert. Es ist die beste Art, um Zeit zu erklären», ist Humbel überzeugt.

Die App ist nicht nur informativ, sondern auch wunderschön anzuschauen.
bild: cosmic watch

Die älteste Wissenschaft der Welt

Die astronomische Uhr ins digitale Zeitalter zu portieren, sei ein Mammutprojekt gewesen. «Es war extrem kompliziert. Jeder Planet hat seine eigene Achse und die Ekliptik ist auch nicht absolut flach. Uns hat abends der Kopf geraucht», erzählt Humbel. Drei Jahre hat das sechsköpfige Team an der App gearbeitet und erst mittendrin haben sie gemerkt, dass sie die weltweit erste digitale astronomische Uhr geschaffen haben. «Die astronomische Uhr ist eine der bedeutendsten Errungenschaften der Menschheit», sagt Humbel. Für die gesellschaftliche Entwicklung sei es von entscheidender Bedeutung gewesen, dass man die Zeit bestimmen konnte. «Wenn ich Zeit definieren kann, kann ich Menschenversammlungen organisieren. Da verwundert es nicht, dass Astronomie die älteste Wissenschaft der Welt ist.»

Diese astronomische Uhr hängt an der Berner Zeitglocke und ist etwas eingeschränkter als die Cosmic Watch.
bild: wikimedia

Vorsprechen bei Swatch, Omega und Google

Nun hofft Entwickler Celestial Dynamics, dass sich der Aufwand gelohnt hat. Dank Kontakten konnten sie ihre Uhr Swatch-Boss Nick Hayek präsentieren. Dieser zeigte sich begeistert und verschaffte ihnen darauf einen Termin bei Jean-Pascal Perret, dem PR-Vizepräsident von Omega. Auch Perret gab sich beeindruckt, lehnte jedoch eine Zusammenarbeit ab. Omega produziere mechanische Uhren, keine digitalen. «Das war ein Schlag in die Magengrube. Die Schweizer Uhrenindustrie hat nicht kapiert, dass wir hier etwas revolutionäres geschaffen haben», sagt Humbel.

«Die Cosmic Watch ist die beste Art, Zeit zu erklären.»

Markus Humbel, Celestial Dynamics

Nach dem Rückschlag bei Omega bekamen sie die Chance, dem Schweizer Google-Chef Patrick Warnking die Uhr präsentieren zu dürfen. Auch Warnking fand die Idee genial und leitete das Ganze an den Chef des Google-Kalenders weiter. Leider wollte auch die Implementation in Google Time​ nicht klappen. Zu wenig massentauglich, lautete das ernüchternde Urteil. «Danach entschieden wir uns, das Ganze selbst zu vermarkten», so Humbel.

Mit einem Klick auf die verschiedenen Symbole blendet man verschiedene Informationen wie Zeitachse und Kompass ein und aus.
Bild: cosmic watch

30'000 Franken für interaktive Wand-Uhr 

Neben der App plant Celestial Dynamics noch zwei physische Uhren. Die Eclipse, eine 46 Zoll grosse interaktive Wanduhr sowie die Vision, eine kleinere zum Aufstellen. Mit 30'000 Franken beziehungsweise 2500 Franken Verkaufspreis zielt man damit nicht auf den Massenmarkt ab. Auf die Frage, ob das nicht etwas für das Luzerner Verkehrshaus wäre, meint Humbel schmunzelnd: «Der Kurator des Planetariums ist schon mal ein totaler Fan.»

Für 2500 bis 3000 Franken soll das kleinere Modell verkauft werden.
Bild: cosmic watch

Günstiger würde eine App für Smartwatches ausfallen. Auch daran hat das Team bereits gedacht. Aber je kleiner der Bildschirm, desto schwieriger die Bedienung. Ausserdem sei man jetzt schon am Limit mit den Kapazitäten. Eine abgespeckte Version zu einem späteren Zeitpunkt will man aber nicht ausschliessen.

Die App im Video

YouTube/Cosmic Watch

Die Cosmic Watch kann für Android und iOS heruntergeladen werden und kostet 4 Franken.

Das könnte dich auch interessieren

So hat kein Mensch bisher den Pluto gesehen

Hol dir die App!

Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
9
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Alnothur 06.10.2015 21:55
    Highlight Also die erste digitale astronomische Uhr ist es ganz klar nicht, sowas gibt's seit vielen Jahren als Softwareversion - und revolutionär? Nö. Vielleicht mag ihnen noch jemand erklären, warum mechanische Uhren genau beliebt sind und gekauft werden.
    4 4 Melden
  • M2020 06.10.2015 17:53
    Highlight Sehr cool!
    5 0 Melden
  • Hans Jürg 06.10.2015 15:39
    Highlight Schade, gibt es keine Testversion. Gut, 4 Fr. ist kein Vermögen, aber für eine Android-App schon relativ viel. Und die Katze im Sack kaufen, nur um danach festzustellen, dass die App nicht funktioniert, will ich nicht.
    10 2 Melden
    • Hans Jürg 06.10.2015 16:17
      Highlight Ich habe es nun doch gewagt. Man kann ja eine Rückerstattung beantragen.
      Installiert und gestartet. Die App ist ein Ressourcen-Fresser par éxcellence! Mein System wurde von ihr komplett lahmgelegt (Minix X8-H Plus) und ich musse es vom Strom nehmen, und es zu rebooten.
      DUMM: "Wir können Ihnen momentan keine Erstattung gewähren. Bitte versuchen Sie später, die Apo zu deinstallieren.".
      Klar doch, warten bis der Erstattungszeitraum abgelaufen ist...
      Also 4 Stutz in den Sand gesetzt für Vapoware.
      Ich kann die App NICHT empfehlen.
      9 7 Melden
    • Signor_Rossi 06.10.2015 16:21
      Highlight Kannst sie ruhigens Gewissen kaufen,ich kenne den Entwickler, die funktioniert :)
      6 11 Melden
    • Der Tom 06.10.2015 16:34
      Highlight Und wie sollen die Entwickler Geld verdienen? Werbebanner würden die App verunstalten. Eine lightversion ist nicht immer einfach zu erstellen. Entweder fehlt dann genau das was die App interessant macht und die Benutzer ärgern sich über den Upgrade Preis oder die App ist so stark abgespeckt, dass niemand erahnen kann was ein Upgrade bringen würde.
      7 5 Melden
    • Der Tom 06.10.2015 17:45
      Highlight Schade läuft es auf dem Minix nicht. Aber da sehen sie wieso die App für Android auf keinen fall günstiger sein kann. Mehr Aufwand zum programmieren und dann gibt es x Geräte auf denen sie laufen sollte. Mit iPhone über Apple TV läuft es super und sieht toll aus auf dem 55zoll Bildschirm. Dass die App Power braucht ist klar.
      2 5 Melden
  • Statler 06.10.2015 14:19
    Highlight wow... Nerdgasm... :)
    Gesehen und gekauft...
    29 3 Melden
    • Pokus 06.10.2015 14:48
      Highlight Ich nehme an das Modell für 30'000 😛
      18 1 Melden

Swisscom-Chef: «In der Schweiz ist es sehr schwer, ein 5G-Netz aufzubauen»

Die Schweiz gehört zu den Ländern mit dem besten und schnellsten Netz zum Surfen. Doch jetzt droht laut Urs Schaeppi gleich doppeltes Ungemach – wegen dem strengen Strahlenschutz und dem neuen Fernmeldegesetz.

Tief entspannt und eine Viertelstunde früher als angekündigt trifft Swisscom-Chef Urs Schaeppi in unserem Newsroom in Aarau ein. «Es hatte für einmal keinen Stau», sagt er. Der Chef über 22 000 Mitarbeiter nimmt Platz und legt sein Smartphone auf den Tisch. Es ist 9 Uhr und wir fragen, wie oft er das Gerät am Morgen schon benutzt habe. Schaeppi überlegt kurz und antwortet dann, «sicher schon 15- bis 20-mal». 

Was haben Sie mit dem Gerät gemacht?Urs Schäppi: E-Mails und SMS …

Artikel lesen