Unvergessen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
German Bundesliga club 1.FC Cologne's new head coach Hanspeter Latour (C) does some gymnastics with his players  during his first training session with the team after the winter break in Cologne, Germany, Thursday 05 January 2006.  EPA/ROLF VENNENBERND

Turnstunde mit dem Bergdoktor: Hanspeter Latour zeigt seinem Team, wo es langgeht. Bild: EPA

Hurra, der Bergdoktor ist da – Hanspeter Latour soll Köln vor dem Abstieg retten

3. Januar 2006: Die Verwunderung in Deutschland ist gross, als der 1. FC Köln seinen neuen Trainer bekannt gibt. Denn Hanspeter Latour ist in der Bundesliga ein völlig unbeschriebenes Blatt. Doch mit seinem aufgestellten Wesen packt er die Kölner vom ersten Moment an.

03.01.18, 00:01 03.01.18, 08:27


Magere zwölf Punkte hat der 1. FC Köln nach der Hinrunde der Saison 2005/06 auf seinem Konto. Damit belegt der einst so stolze Aufsteiger einen Abstiegsplatz. Weil das überhaupt nicht mit den Ansprüchen des dreifachen deutschen Meisters korrespondiert, müssen Trainer Uwe Rapolder und Sportchef Andreas Rettig gehen.

Dessen Nachfolger, Ex-Dortmund-Manager Michael Meier, muss also als erste Amtshandlung einen neuen Coach aus dem Hut zaubern. Am 3. Januar 2006 stellt er ihn vor – und erntet überraschende Blicke der Medienschaffenden. Denn der neue Köln-Trainer ist kein alter Bundesliga-Haudegen, ja noch nicht einmal ein Deutscher. Sondern Hanspeter Latour, 58, graue Haare, aus der Schweiz.

The manager of Bundesliga soccer club 1st FC Cologne Michael Meier (L) and Cologne's president Wolfgang Overath (C) introduce Hanspeter Latour (R), the new coach of the club during a public introduction in Cologne, Germany, Tuesday, 03 January 2006. Latour, who changed from Swiss Premiere League club Grashoppers Zurich, is signing on as Cologne's new coach with immediate effect.  EPA/Oliver Berg

Manager Meier, Präsident Overath und Trainer Latour. Bild: EPA

«Der Mann, der müden Kölner Kickern Beine machen kann»

Doch Latour erobert die berüchtigten Kölner Medien im Sturm. Mit träfen Sprüchen sorgt er bei seiner Präsentation dafür, dass ihn die Boulevard-Zeitung «Express» flugs zum «Schweizer Bergdoktor» macht. Latour ist «der Mann, der den müden Kölner Kickern Beine machen kann», schreibt das Blatt. Bühnenreif sei Latours erster Auftritt in der Domstadt gewesen, berichtet die Sportagentur SID.

Latour erzählt unter anderem vom ersten Kontakt mit seinem neuen Klub. «Bei dem Anruf habe ich zuerst gedacht: ‹Oje, die Bundesliga will mir wieder einen Spieler wegnehmen›», scherzt der ehemalige Thun- und GC-Trainer. Mit Hinweis auf den einst in Köln engagierten und entlassenen Marcel Koller (nur 4 Siege in 23 Spielen) meint Latour: «Der 1. FC Köln muss ein verrückter Verein sein, sonst hätten sie nicht nochmal einen Schweizer genommen.»

Regula Spänis Karriere-Höhepunkt: die Reportage über den «Gränni» Latour. Video: YouTube/XxFCZuerixX

Latour plaudert so lange, bis er einen Vertrag hat

Der «Bergdoktor» erobert die Reporter so, wie er einige Tage zuvor die Kölner Vereinsführung von sich überzeugt hat. Fünf Stunden lang seien sie zusammengesessen, erzählt Präsident Wolfgang Overath: «Wir waren danach alle ziemlich erschöpft, aber Latour war am Ende noch besser in Form als am Anfang.»

Overath und Manager Meier haben sich zuvor Referenzen bei ganz Grossen eingeholt: Ottmar Hitzfeld und Günter Netzer raten den Kölnern, den Versuch mit Latour zu wagen. Der Neue spricht von «einer anderen Dimension», in der er sich nun bewege. «Aber ich sage mir: Grundsätzlich funktioniert der Fussball doch gleich wie bei uns.»

Rund drei Wochen nach seiner Vorstellung gibt Latour sein Debüt in der Bundesliga. Es misslingt: Köln verliert in Mainz trotz zwischenzeitlicher 2:1-Führung mit 2:4. «Ich weiss, wo ich den Hebel ansetzen muss», sagt der Trainer, der sich um Verstärkung aus der Heimat bemüht.

** SPERRVERMERK. DIE PUBLIKATION UND WEITERVERWERTUNG DIESES BILDES IN ELEKTRONISCHEN MEDIEN, INSBESONDERE IM INTERNET UND AUF MOBILEN ENDGERAETEN UND WAEHREND DES LAUFENDEN SPIELES, EINSCHLIESSLICH DER HALBZEIT, IST DURCH DIE DEUTSCHE FUSSBALLLIGA UNTERSAGT. AUSSERDEM ERLAUBT DIE DFL DIE WEITERGABE DIESES BILDES IM MOBILFUNK (INSBESONDERE PER MMS) ERST ZWEI STUNDEN NACH SPIELENDE ** Cologne's new coach Hanspeter Latour from Switzerland  is surounded by media  prior to a match of German first soccer division between FSV Mainz 05 and 1.FC Cologne in the Bruchweg stadium in Mainz, southern Germany, Saturday, Jan. 28, 2006. (KEYSTONE/AP Photo/Michael Probst) ** EMBARGOED AGAINST ANY MOBILE USE (NO MMS!) UNTIL 18.30 GMT **

Begehrtes Sujet der Fotografen: Latour beim Bundesliga-Debüt in Mainz. Bild: AP

Nach dem Abstieg weiter in Köln – aber nicht für lange

Wenige Tage später verpflichtet Köln den Schweizer Nationalspieler Ricardo Cabanas, Latour lotst ihn von seinem Ex-Klub GC nach Deutschland. Doch er kann den Abstieg letztlich ebenso wenig verhindern wie Lukas Podolski, der Star des Teams. Der vierte Abstieg der Vereinsgeschichte wird am vorletzten Spieltag besiegelt, mit einer 0:6-Klatsche in Bremen.

Trotz des Gangs in die 2. Bundesliga darf Hanspeter Latour in Köln bleiben. Er soll das Team umbauen und zum sofortigen Wiederaufstieg führen. Der Start gelingt hervorragend, nach fünf Runden führt der 1. FC Köln die Tabelle an. Doch danach ist der Wurm drin. Köln gewinnt kein einziges Spiel mehr, rutscht in der Rangliste ab und droht das Saisonziel frühzeitig aus den Augen zu verlieren. Nach elf Runden, am 9. November 2006, ist Hanspeter Latours Zeit in Köln abgelaufen.

Der 27 Jahre alte Schweizer Fussball-Nationalspieler Ricardo Cabanas, links, wird am Dienstag, 31. Januar 2006, in Koeln vom Schweizer Trainer Hanspeter Latour als neuer Mittelfeldspieler des Bundesligisten 1. FC Koeln vorgestellt. Wie Latour kommt Cabanas vom Schweizer Verein Grasshoppers Zuerich. Er unterschrieb einen Vertrag bis 2010. (AP Photo/Hermann J. Knippertz)

Cabanas und ein XXL-Köln-Trikot: Wenige Wochen nach der Trennung ist der Ex-GC-Captain wieder mit Trainer Latour vereint. Bild: AP

Der Bergdoktor will einen Geissbock mitnehmen

Natürlich ist Latour enttäuscht. Aber er zeigt Grösse und verabschiedet sich nicht nur von den Spielern, sondern gibt auch eine Medienkonferenz. «Selbstverständlich wäre ich länger geblieben», sagt Latour. «Ich glaube, dass ich es geschafft hätte, das Kölner Schiff wieder auf Kurs zu bringen.» Dem Klub könne er aber nichts vorwerfen. «Ich kann die Entscheidung auf Grund der Situation sogar ein wenig nachvollziehen.»

In seiner kurzen Zeit in Köln hat Hanspeter Latour sein Herz so sehr an die Stadt und den Klub verloren, dass er sagt: «Ich werde sicher einen Geissbock mit in die Schweiz nehmen.» Was soll ein Bergdoktor auch sonst mitnehmen?

1. FC Cologne coach, Hanspeter Latour, leaves the podium after announcing his dismissal during a press conference in Cologne, Germany, Thursday 09 November 2006. The second division team draws the conclusions from the continuous downtrend that Latour could not prevent. Latour had succeeded Uwe Rapolder in office on 03 Januray 2006. (KEYSTONE/EPA/Oliver Berg)

Nach 310 Tagen in Köln ist Latours Zeit abgelaufen: Am 9. November 2006 muss er gehen. Bild: EPA

2007 übernimmt er den letzten Trainerjob seiner Karriere. Latour kehrt für zwei Jahre zu GC zurück, doch selbst er kann den Rekordmeister nicht mehr zu alter Grösse zurückführen. Seit 2003 warten die Hoppers bereits auf ihren 28. Meistertitel.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
Um nichts zu verpassen, like uns auch auf Facebook!

Bayern und? Diese Klubs wurden schon deutscher Meister

Unvergessene Bundesliga-Geschichten

31.08.1993: Jay-Jay Okocha demütigt Oliver Kahn und drei KSC-Verteidiger mit einem Wahnsinnstanz in 11 Sekunden für die Ewigkeit

29.03.1970: «Decken, decken, nicht Tischdecken, Mann decken» – so kommentiert der Moderator des «Aktuellen Sportstudio» einen Beitrag über Frauenfussball 

10.03.1998: Trap hat fertig – diese dreieinhalb Minuten Kauderwelsch bleiben für die Ewigkeit

06.04.2002: Bundesliga-Goalie Piplica fällt der Ball von einem Kirchturm auf den Kopf und von dort fliegt er ins Tor

04.04.2009: Nie wurden die Bayern schöner gedemütigt als durch die Hacke von Grafite

13.04.1995: Andy Möller kreiert mit der Schutzschwalbe eine neue Tierart

18.08.1995: St.Paulis Tier im Tor «geht einer ab», wenn er in der 1. Liga Bälle halten kann

09.05.1998: Die grösste Bundesliga-Sensation ist perfekt: Aufsteiger Kaiserslautern darf die Meisterschale in die Höhe stemmen

Kultfigur Walter Frosch spielt mit einem Zigarettenpäckchen im Stutzen

17.04.2004: Goalie Butt jubelt nach seinem verwandelten Penalty noch, als es in seinem Kasten klingelt

10.12.1995: Ciri Sforza sieht im TV, wie er ohne sein Wissen transferiert wird und wie seine Mitspieler bitterböse über ihn schimpfen

08.11.1975: Weil er betrunken ist und sich so gut fühlt, pfeift Schiedsrichter Ahlenfelder schon nach 32 Minuten zur Halbzeit 

16.05.1992: Eintracht Frankfurt verspielt den Meistertitel im letzten Moment, doch «Stepi» bleibt cool: «Lebbe geht weider»

03.04.1999: Titan Kahn tickt komplett aus – erst knabbert er Herrlich an, dann fliegt er in Kung-Fu-Manier auf Chapuisat zu

19.5.2001: Vier Minuten feiert Schalke den Titel, dann trifft Andersson in Hamburg mitten ins königsblaue Herz

20.10.2000: Christoph Daums freiwillige Haarprobe ergibt, dass er doch kein absolut reines Gewissen haben darf

04.05.2002: Der Beweis dafür, dass Leverkusen keinen Titel holen kann – und es kam noch viel schlimmer

07.05.1991: «Mach et, Otze!» Kölns Ordenewitz will sich in den Pokalfinal tricksen – aber der DFB findet den Ordene-Witz nicht komisch

02.04.1974: Ob den Dortmundern bei der Einweihung schon bewusst ist, dass sie einmal das geilste Fussballstadion der Welt haben werden?

23.09.1994: Mario Basler kommt auf die absurde Idee, eine Ecke direkt zu verwandeln und hat damit auch noch Erfolg

19.11.1994: Nach einer kuriosen Rote Karte und dem Last-Second-Ausgleich des KSC flippt Lothar Matthäus im Interview komplett aus

23.04.1994: Helmers Phantomtor, der berühmteste Nichttreffer der Bundesliga

03.01.2006: Der Bergdoktor ist da – Hanspeter Latour soll den 1. FC Köln vor dem Abstieg retten

20.05.2000: «Ihr werdet nie deutscher Meister» – Ballacks Eigentor in Unterhaching macht Bayer endgültig zu «Vizekusen»

18.09.1999: Kuffour knockt Kahn aus und als Ersatzkeeper Dreher sich das Knie verdreht, werden «Tanne» Tarnat und der Kahn-Killer zu den grossen Matchwinnern

19.08.1989: Klaus «Auge» Augenthalers Weitschusstreffer wird Tor des Jahrzehnts

Wolfgang Wolf wird Trainer der Wölfe in Wolfsburg – hihihi!

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

Abonniere unseren Daily Newsletter

1
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1Kommentar anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Rheinpfeil 03.01.2018 12:49
    Highlight HP Latour hatte bei den Kölner Fans soviel Kredit, dass sie nach seiner Entlassung Geld sammelten und den beliebten Trainer mit einer halbseitigen Annonce in der grössten Kölner Tageszeitung, dem Kölner Stadtanzeiger, verabschiedeten
    8 1 Melden

Kultfigur Walter Frosch spielt mit einem Zigarettenpäckchen im Stutzen

9. September 2007: Walter Frosch – allein der Name ist schon Kult. Der Mann dahinter mit Walross-Schnauz, lockerem Mundwerk und beinharten Grätschen gehört zu den schrägsten Vögeln der Bundesliga-Geschichte – und ist mitverantwortlich für die Einführung von Gelb-Sperren.

Wer beim FC St.Pauli ein Kultspieler werden will, der muss sehr speziell sein. Der Kiezklub an der Partymeile Hamburgs gehört noch immer zu den eigenartigsten Vereinen im deutschen Profifussball – und dies im guten Sinn.

Walter Frosch ist so einer, der die Herzen der Fans im Sturm eroberte. «Ein Vorbild, das soff und rauchte», titelte die Welt nach seinem Tod im November 2013. Von 1976 bis 1981 kickte der Verteidiger für St.Pauli und wurde 2008 von den Lesern des «Hamburger Abendblatt» …

Artikel lesen