Unvergessen
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Die Tennisspielerin Monica Seles tastet mit schmerzverzerrtem Gesicht nach einer Wunde, die ihr kurz zuvor bei einem Messerstecher-Attentat zugefuegt wurde (Aufnahme vom 30. April 1993 in Hamburg). Das Landgericht Hamburg hat am 19. Dezember 1996 die Schadenersatzklage von Monica Seles gegen die Veranstalter des Tennisturniers am Hamburger Rothenbaum abgewiesen. Seles hatte rund 21 Mio. Fr. Schmerzensgeld und Schadenersatz fuer entgangene Einnahmen nach dem Attentat gefordert. (KEYSTONE/EPA/STR)

Bild: EPA DPA

Attentat auf Monica Seles

30.04.1993: Wie ein Messerstich die Tenniswelt veränderte

30. April 1993: Ein psychisch gestörter Verehrer von Steffi Graf sticht mit einem Fleischermesser auf Monica Seles ein, als diese bei einem Turnier in Hamburg in einer Spielpause auf der Bank sitzt. 

29.04.14, 23:56 01.05.14, 13:10

Zunächst ist unklar, was sich genau an diesem warmen Frühlingsabend am Hamburger Rothenbaum ereignet hat. Monica Seles kann sich im Viertelfinal gegen die Bulgarin Magdalena Maleewa plötzlich nicht mehr auf den Beinen halten. Sie bricht vor dem Netz zusammen und liegt nun in der roten Asche. «Es war ein grausamerer Schmerz, als ich ihn mir je hätte vorstellen können», sagt sie gemäss einem Bericht des NDR später. Helfer eilen herbei, um die Serbokroatin erstzuversorgen. Ihr weisses Shirt ist am Rücken blutverschmiert. 

«Es veränderte meine Karriere unwiderruflich und beschädigte meine Seele. Ein Sekundenbruchteil machte aus mir einen anderen Menschen»

Monica Seles in ihrer Biographie. n24.de

Der Mann mit dem Messer in der Hand

Video: YouTube/Yeaitsmeyurmon

Derweil wird in der ersten Sitzreihe ein Mann von mehreren Personen überwältigt. Er hält ein Messer in den erhobenen Händen, will ein zweites Mal zustechen, wehrt sich nach Kräften. Seine Baseballmütze fällt während des Kampfes zu Boden. So auch das lange Schlachtermesser, mit dem er Seles zuvor in die Schulter gestochen hat.

«Reflexartig drehte ich meinen Kopf zu der schmerzvollen Seite und sah einen Mann mit einem bösartigen, höhnischen Grinsen im Gesicht. In seiner Hand: Ein langes Messer!»

Monica Seles in ihrem Buch: «Getting a Grip». tennisnet.com



Der Attentäter namens Günter Parche ist arbeitslos und ein glühender Fan von Steffi Graf. Und er hat Angst um den deutschen Tennisstar. Denn die jahrelange Dominanz von Steffi Graf beginnt durch den neuen Stern am Tennishimmel zu bröckeln. Die unterschiedlichen Persönlichkeiten – die schon etwas reifere, introvertierte Steffi Graf und die junge, lebenslustige Monica Seles – prallen im Tenniszirkus aufeinander und die Deutsche droht, die Spitzenposition an Seles zu verlieren. 

Der Täter Günter Parche. Bild: ndr.de

Ein Wunderkind auf dem Weg nach oben

In der berühmten Tennisschule von Nick Bollettieri  ausgebildet –nachdem dieser sie bei einem Juniorenturnier entdeckt hat und die Familie Seles überzeugen konnte, von Novi Sad (Serbien) in die USA umzusiedeln – entwickelte Monica Seles ein Powertennis mit extremem Winkelspiel, welches sie doppelhändig auf beiden Seiten umsetzte. Bereits mit 15 Jahren Profi geworden, erobert Seles bald die Tenniswelt. Sie gewinnt im Debütjahr gleich einen Titel (Houston). 

1990 dann der grosse Durchbruch für die Frau mit ungarischen Wurzeln: Seles beendet beim German Open in Berlin die Siegesserie von Steffi Graf. 66 Spiele war die Golden-Slam-Siegerin unbesiegt geblieben, als Seles die zweitlängste Siegesserie im Tennissport jäh stoppte.

Monica Seles of the USA hits a backhand to Mary Pierce of France in the third round of the French Open tennis tournament in Paris Sunday June 1, 1997.  (AP photo/Lionel Cironneau)

Monica Seles powerte die Gegnerinnen weg. Bild: AP

Bei den French Open zwei Wochen später wiederholte sie den Coup und schlug die Deutsche in Paris in zwei Sätzen. Erst 16 Jahre und 6 Monate hat die Jugoslawin damals bei ihrem ersten Grand-Slam-Titel auf dem Buckel.  

Im nächsten Tennisjahr setzt Seles ihren Siegeszug fort. Sie gewinnt die Australian Open, French Open und die US Open. Im März 1991 löste sie ausserdem ihre Hauptkonkurrentin an der Weltranglistenspitze ab. 1992 gewinnt sie gleich nochmal die gleichen Grand Slams. Und im Januar 1993 folgt der dritte Streich von Seles an den Australian Open

Der Täter und sein Ziel

Seles war also auf dem Weg, grosse Tennisgeschichte zu schreiben. Bis Günter Parche, von Beruf Dreher in einem Motorenwerk, zustach ...

«Es hat sehr weh getan. Es war ein grausamer Schmerz. Es war so ein schlimmer.»

Monica Seles

Sein Ziel war es, Seles so zu verletzen, dass sie nicht mehr Tennis spielen konnte und Graf wieder die Nummer eins im Damentennis wird. Und leider muss man sagen, dass der «Maniac» – so von den englischen Medien getauft – sein Ziel erreichte. 

Defending champion Steffi Graf of Germany, plays a return to Nicole Arendt, from the U.S. during their third round match on Wimbledon's Centre Court, Saturday June 29 1996. Graf won the match 6-2, 6-1. (AP Photo/Dave Caulkin)

Bild: AP

Die physische Wunde war dank des Eingreifen eines Ordners zum Glück nicht sehr tief, der den Täter daran hinderte, mit voller Wucht zuzustechen. Die seelische Belastung macht Monica Seles aber schwer zu schaffen. 

«Sie ist höher als der Papst oder der Präsident der Vereinigten Staaten. Sie ist fast wie der liebe Gott.»

Günter Parche über Steffi Graf. spiegel.de

Seles' vergebener Kampf

Wie «Focus» schreibt, sieht sich Seles als Opfer weit über Parches Tat hinaus. Dass Parche abgesehen von sechs Monaten Untersuchungshaft nie ins Gefängnis musste – aufgrund hochabnormer Persönlichkeitsstruktur und verminderter Steuerungsfähigkeit (äussert lesenswert dazu der Report von Spiegel-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen) – verkraftete sie nie. Parche wurde im Oktober 1993 wegen gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Eineinhalb Jahre lang kämpfte Seles danach mit ihren Anwälten für eine härtere Strafe. Vergeblich. Auch nach dem Berufungsprozess blieb Parche draussen.

Top seed Steffi Graf of Germany holds her trophy after defeating second seed Monica Seles of Sarasota, Fla., right, 7-5, 6-4 during the women's singles final at the U.S. Open in New York Sunday, Sept. 8, 1996.  (AP Photo/Richard Drew)

Steffi Graf und Monica Seles spielen auch nach dem Attentat gegeneinander. Meistens hat Steffi Graf die Nase vorn, so auch hier im US Open Final 1996. Bild: AP

Die Rückkehr

In der Tenniswelt gibt sie 1995 ein Comeback und gewinnt gleich das Turnier. Doch Verletzungsprobleme, der Tod ihres Vaters, Panik- und Fressatacken machen der nun Verängstigten, die nur noch mit Bodyguards in der Öffentlichkeit auftaucht, zu schaffen. Sie gewinnt zwar noch ein Grand-Slam-Turnier (Australian Open 1996) und erzielt einige Erfolge, an ihre frühere Glanzzeiten kommt sie aber nicht mehr heran. Ihr offizieller Rücktritt kommt zwar erst 2008, in den Jahren zuvor hat sie aber meist aus Verletzungsgründen nur unregelmässig auf der Tour spielen können. 

In Deutschland spielt sie nie mehr. «Dies ist nun einmal das Land, das den Mann, der mich angegriffen hat, nicht ausreichend bestrafte», wie Seles enttäuscht bekannte.

International Tennis Hall of Fame inductee Monica Seles waves to the crowd as she holds her plaque during ceremonies in Newport, R.I. Saturday, July 11, 2009. (AP Photo/Elise Amendola)

2009 wird Monica Seles in die Hall of Fame aufgenommen. Bild: AP

Günter Parche lebt mittlerweile nach mehreren Schlaganfällen entmündigt in einem Seniorenheim in Thüringen. Monica Seles, inzwischen 41-Jährig, lebt seit 2009 zurückgezogen in Florida mit US-Milliardär Tom Golisano.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • AJACIED 26.08.2016 21:32
    Highlight Serbokroatin?? . Ja genau. History nachschauen bitte.

    3 2 Melden
  • SFRJ1970 30.04.2014 13:52
    Highlight Serbokroatin? Was wäre denn das? Das ist vielleicht die Sprache, die Menschen die diese Sprache sprachen waren damals Jugoslawen. Fr. Seles war die Angehörige der ungarischen Minderheit im ehemaligen Jugoslawien.
    13 0 Melden
    • Mia_san_mia 30.04.2014 19:59
      Highlight Echt krass... Ich war damals noch sehr jung, die Geschichte habe ich fast vergessen
      4 3 Melden

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