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Immer mehr Riffe weltweit sehen so aus. Bild: EPA/AAP/XL CATLIN SEAVIEW SURVEY

Was bringt es überhaupt, Riffe zu schützen? Jetzt gibt es eine Antwort

Publiziert: 28.05.20, 13:28

Seit Jahrzehnten sterben weltweit immer mehr Korallenriffe ab. Alleine in den letzten fünf Jahren gab es in Teilen des bekannten Great Barrier Reef drei Korallenbleichen. Bei diesem Ereignis bleichen Steinkorallen aus, was anschliessend zu deren Absterben führen kann.

Für die Weltmeere ist das verheerend, denn mit jeder Koralle, die abstirbt, rücken wir dem Zusammenbruch des Ökosystems einen Schritt näher. Dass dies schlussendlich auch den Menschen betreffen wird, ist eigentlich kein Geheimnis.

Daher gibt es schon länger Bemühungen, Korallenriffe weltweit vor dem Absterben zu bewahren. Ziel ist es, nicht nur die Korallenriffe zu erhalten, sondern auch den Lebensunterhalt der lokalen Bevölkerung. Diese ist von einem gesunden Korallenriff mit vielen Fischen direkt abhängig. Riff-Management soll nun in vielen Teilen der Welt Besserung bringen und die Korallenriffe erhalten.

So sieht Korallenbleiche aus. Bild: EPA/ARC CENTRE CORAL REEF STUDIES

Die grosse Frage: Was bringt Riff-Management?

Das klingt natürlich alles schön und gut, doch gibt es bisher ein Problem: Über den Kontext, wie die unterschiedlichen Instrumente des Riff-Managements genau helfen können, verschiedene ökologische und soziale Ziele zu erreichen, ist nur wenig bekannt.

Im Moment ist nur schwer abzuschätzen, ob unter dem menschlichen Druck überhaupt kombinierte Lösungen für Fischerei, Artenvielfalt und ökologischer Funktion gefunden werden können. Verstünde man aber den Kontext, könnten bereits kleine Veränderungen dafür sorgen, dass diese Ziele greifbarer werden.

Wie ein Riff eigentlich aussehen sollte. Bild: EPA/AAP/JAMES COOK UNIVERSITY

Wissenschaftler haben nun genau diese Problematik in Angriff genommen. Für die Studie haben die Forscher Daten von 1800 Korallenriffen weltweit gesammelt und ausgewertet. Das Ergebnis wurde im Wissenschaftsmagazin «Science» publiziert.

Für die Untersuchung wurden die Riffe anhand von drei Kriterien beurteilt:

  1. Gesundheit der Rifffischerei: Dafür wurde schlicht die Masse der vorhandenen Fische berücksichtigt.
  2. Ökologische Gesundheit: Es wurde untersucht, ob Papageienfische wie üblich an den Korallenriffen weiden.
  3. Biodiversität: Dafür wurden zum einen die Arten als auch die Individuen berücksichtigt.

Ein Papageienfisch am Sprey Reef in Australien. Bild: Wikipedia

Die Forscher kamen am Schluss ihrer Untersuchung zu einem eindeutigen Ergebnis:

Alle drei gemessenen Metriken tendieren dazu, sich zu verbessern, wenn Menschen einem Riff komplett fernbleiben.

Im ersten Moment erscheint das natürlich logisch und man fragt sich fast, für was es diese Studie nun eigentlich gebraucht hat. Die Erkenntnis, die diese Studie gebracht hat, liegt im Detail: Selbst wenn ein Riff durch ein Riff-Management-Programm regeneriert werden soll, hilft das nur bedingt.

Wir können Artenvielfalt nicht aktiv steigern

Mit Riff-Management-Programmen könne man allerhöchstens die ersten beiden Metriken verbessern. So könne man also nur das Erstarken der Fischerei und ökologische Funktion steigern. Die biologische Vielfalt hingegen lasse sich nicht durch aktives Zutun des Menschen zurückbringen. Das gehe nur schon nicht, weil gewisse Spezies, die es bräuchte, durch den Einfluss des Menschen verschwunden sind.

Das Gordon Reef im Roten Meer. Bild: EPA

Diese Studie trage dazu bei, die «kritische Lücke» zwischen der Art und Weise, wie wir Korallenriffe bewirtschaften, und dem tatsächlichen Erreichen von Nachhaltigkeitszielen zu schliessen, so die Wissenschaftler. Ausserdem gebe es uns Hinweise darauf, was die mit dem Riffschutz beauftragten Personen realistischerweise erreichen können.

Es gibt auch gute Nachrichten

Dass Riffe sich ohne menschlichen Einfluss trotz der Klimaerwärmung durchaus erholen könnten, zeigt eine Untersuchung von 2018. Damals entdeckten Forscher, dass die Umweltbedingungen einige Korallen des Great Barrier Reef dazu veranlassten, sich anzupassen.

Wissenschaftler aus den USA und Australien haben die Genetik der Korallen auf Bevölkerungsebene untersucht. Das überraschende Ergebnis: Einige Korallen wiesen genetische Mutationen auf, so dass sie wärmere Wassertemperaturen aushalten konnten.

Bild: EPA/AUSTRALIAN INSTITUTE OF MARINE S

Eine ähnliche Studie von 2019 förderte sogar zutage, dass es auch Korallen gebe, die sich schlechterer Wasserqualität anpassten. Demnach habe man besonders robuste Korallen entdeckt, die Hitzewellen als auch zunehmend feindliches Wasser erstaunlich gut überstehen würden.

Dass sich diese Anpassungen in einem Zeitraum von hunderten und nicht tausenden Jahre abspielten, versetzte die Forscher in Erstaunen. Die Hoffnung ist nun, dass diese Robustheit sich in den nächsten 100 bis 250 Jahren unter den Korallen verbreiten wird. Dennoch ist dies keine Entwarnung, denn die Erde könne sich noch schneller verändern, wodurch die Korallen schlussendlich doch nicht mehr mithalten könnten.

Globale Erwärmung muss dringend reduziert werden

Meeresbiologin Jodie Rummer hatte die dritte Korallenbleiche, die sich in diesem Jahr im Great Barrier Reef ereignet hatte, untersucht. In ihrem Bericht, der am 18. März erschienen ist, schreibt sie, dass man unter anderem Temperaturen gemessen habe, die das Meer erst 2050 oder 2100 hätte erreichen sollen. Die Untersuchung habe einmal mehr aufgezeigt, wie die Menschheit unter dem Strich biologische Schäden verursacht habe.

Bild: EPA AAP/JAMES COOK UNIVERSITY

«Die Zukunft des Planeten, der Ozeane und des Great Barrier Reef liegt in unseren gemeinsamen Massnahmen zur Reduzierung der globalen Erwärmung», schreibt Rummer. «Was wir heute tun, wird bestimmen, wie das Great Barrier Reef morgen aussieht.»

Der Friedhof der Korallen

Hohe Wassertemperaturen haben in Australien das bisher schlimmste Riffsterben ausgelöst. EPA/AAP/ARC CENTRE OF EXCELLENCE / GREG TORDA/ARC CENTRE OF EXCELLENCE FOR CORAL REEF STUDIES
In einem 1000 Kilometer langen Gebiet verlieren Korallen ihre Farbe oder sind bereits tot. EPA/AAP/ARC CENTRE OF EXCELLENCE / GREG TORDA/ARC CENTRE OF EXCELLENCE FOR CORAL REEF STUDIES
2016 hat sich das Problem verschärft: ... EPA/AAP/ARC CENTRE OF EXCELLENCE / ANDREAS DIETZEL/ARC CENTRE OF EXCELLENCE FOR CORAL REEF STUDIES
Das Great Barrier Reef erlebte die schlimmste Korallenbleiche seit Beginn der Aufzeichnungen. EPA/AAP / DAN PELED
Am nördlichen Ende des Riffs sind zwei Drittel der Korallen abgestorben. AP/AAP / Dan Peled
Manche Korallenbänke haben gar keine lebenden Korallen mehr. EPA/AAP/XL CATLIN SEAVIEW SURVEY / XL CATLIN SEAVIEW SURVEY
Ein Teil des 2300 Kilometer langen Riffs von der Internationalen Raumstation ISS aus fotografiert. EPA/NASA / NASA
Das Korallensterben in Nahaufnahme: Dieses Foto zeigt eine gesunde Koralle mit kräftiger Farbe. (Bild: CoralWatch/Greenpeace)
Die Koralle «erbleicht», die Polypen sind aber wohl noch am Leben. (Bild: CoralWatch/Greenpeace)
Einige Wochen später sind die Polypen verendet. Algen überwuchern die toten Korallenstöcke. (Bild: CoralWatch/Greenpeace)
Schliesslich zerbröseln die Korallen und das zuvor bunte Ökosystem ist komplett zerstört. (Bild: CoralWatch/Greenpeace)
Da war die Unterwasserwelt am Great Barrier Reef noch in Ordnung. AP QUEENSLAND TOURISM
Sterbende Korallen. Meereswissenschaftler warnen seit langem, dass das grösste Korallenriff der Welt, das Great Barrier Reef vor Australien, in seiner Existenz bedroht ist. EPA/AAP/XL CATLIN SEAVIEW SURVEY / XL CATLIN SEAVIEW SURVEY
Wasserverschmutzung, Bauprojekte und vor allem der Klimawandel bedrohen die bunte Unterwasserwelt. EPA/AUSTRALIAN INSTITUTE OF MARINE S / AIMS / HANDOUT
Nun ist der Ernstfall eingetreten: Aussergewöhnlich hohe Wassertemperaturen haben ein dramatisches Korallensterben ausgelöst. EPA/AAP/XL CATLIN SEAVIEW SURVEY / XL CATLIN SEAVIEW SURVEY
Bedrohte Schönheit am Great Barrier Reef. (Bild: shutterstock.com)
Um Lizard Island vor der australischen Küste sind mehr als 90 Prozent der Korallen betroffen. EPA/AAP/XL CATLIN SEAVIEW SURVEY / XL CATLIN SEAVIEW SURVEY
Das farbige Ökosystem wandelt sich .... (Bild: shutterstock.com)
...zu einem Korallen-Friedhof. EPA/AAP/XL CATLIN SEAVIEW SURVEY / XL CATLIN SEAVIEW SURVEY
Das Ausbleichen von Korallenriffen ist eine unmittelbare Folge der globalen Erwärmung. EPA/AAP/XL CATLIN SEAVIEW SURVEY / XL CATLIN SEAVIEW SURVEY
Und jetzt noch fünf Bilder der noch heilen Unterwasserwelt am Great Barrier Reef. (Bild: shutterstock.com)
Great Barrier Reef. (Bild: shutterstock.com)
Great Barrier Reef. (Bild: shutterstock.com)
Great Barrier Reef. (Bild: shutterstock.com)
Great Barrier Reef. (Bild: shutterstock.com)

Darum verlieren die Korallen ihre Farben und sterben

Video: SRF

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