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Leere Garderoben in der NHL. Das Coronavirus betrifft nun auch den Sport in Nordamerika. Bild: AP

Die Coronavirus-Pandemie trifft auch die NHL – die Antworten auf die wichtigsten Fragen

Publiziert: 13.03.20, 13:59 Aktualisiert: 13.03.20, 15:02

Nach der NBA und der MLS hat sich auch die NHL gestern dazu entschieden, die Meisterschaft mit sofortiger Wirkung und bis auf weiteres zu unterbrechen. Damit wird derzeit nur noch in Finnland und in der KHL Profi-Eishockey gespielt.

In der schwedischen SHL sind die Playoffs ebenfalls verschoben. Die Schweiz, Tschechien, Deutschland, Österreich, Dänemark und Norwegen haben ihre jeweiligen Meisterschaften schon abgesagt.

Warum hat sich die NHL zu diesem Schritt entschieden?

Der NHL blieb gar keine andere Wahl mehr, als die Meisterschaft ebenfalls zu unterbrechen. Weil sich die NBA und die MLS aufgrund der rasenden Verbreitung des Coronavirus zu einer Pause entschieden hatten, wuchs auch der Druck auf die Verantwortlichen in der besten Eishockey-Liga der Welt.

Als ein NBA-Spieler positiv auf die Lungenkrankheit COVID-19 getestet worden war, waren die Würfel gefallen. NHL-Teams teilen sich oft Stadien und teilweise sogar Garderoben. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis Teile der NHL-Community sich ebenfalls anstecken würden, verkündete Commissioner Gary Bettman gestern Abend: «Es ist nicht mehr zu verantworten, derzeit noch Spiele auszutragen.»

Ist die NHL die einzige Hockey-Liga in Nordamerika, die reagiert?

Nein. Neben der NHL haben auch die AHL und die drittklassige ECHL die Saison unterbrochen. Auch die drei grossen kanadischen Juniorenligen (OHL, WHL und QMJHL) und die US-Nachwuchsliga USHL haben den Betrieb zumindest vorerst eingestellt, genauso wie die College-Liga NCAA.

Der kanadische Verband hat sich zu noch drastischeren Massnahmen entschieden: Alle Eishockey-Ligen und sonstige Events unter der Kontrolle von «Hockey Canada» wurden gestrichen. Das betrifft nicht nur Events auf, sondern auch neben dem Eis. Keine Spiele, keine Trainings, keine Teamausflüge.

Gibt es bereits infizierte Spieler oder Trainer?

Noch sind keine COVID-19-Fälle bei NHL-Spielern oder -Trainern offiziell bestätigt. Aaron Ness, Verteidiger bei den Arizona Coyotes, wurde aufgrund von Krankheitssymptomen auf das Virus getestet, noch steht das offizielle Resultat aber aus. Coyotes-GM John Chayka hat betont, dass es in seinem Team noch keinen positiven Test gab.

Gestern verkündeten die San Jose Sharks, dass ein Teilzeit-Arbeiter in ihrem Stadion, dem SAP Center, positiv auf das Virus getestet worden sei. Der Mann sei bei guter Gesundheit und in Selbstisolation.

Keine Spiele mehr: Die Sharks reisen nach Hause.

Geht es nach der Pause weiter?

Das ist momentan der Plan der NHL, auch wenn es schwer vorstellbar ist. In Kanada gibt es zwar bislang nur wenige Fälle, doch die USA stehen am Anfang eines grösseren Ausbruchs. Bis zum Ende der Regular Season, das auf den 4. April geplant war, stünden noch 189 Partien an.

Das Best-Case-Szenario wäre eine dreiwöchige Pause, ein vorzeitiges Ende der Regular Season (und Ranglisten nach Prozentzahl der geholten Punkte) und ein pünktlicher Playoff-Beginn am 8. April. Doch wahrscheinlicher ist es, dass die Pause länger dauert. Die Liga hat den Klubs mitgeteilt, dass ihre Stadien und Trainingshallen bis mindestens Ende Juli verfügbar sein sollen.

Dann sieht sich die NHL mit diversen Fragen konfrontiert: Können noch komplette Playoffs gespielt werden? Wollen die Fans nach so langer Wettkampfpause überhaupt eingerostete Spieler spielen sehen? Und welchen Einfluss hätte eine kürzere Sommerpause auf den Verlauf der nächsten Saison?

1918/19 musste zum letzten Mal eine NHL-Saison abgesagt werden. Video: YouTube/The Hockey Guy

Realistischerweise müssen sich NHL-Boss Gary Betmann und die Klubbesitzer früher oder später ebenfalls mit einem möglichen Abbruch der Saison befassen. Es wäre das erste Mal seit dem Ausbruch der Spanischen Grippe 1918, dass kein Stanley-Cup-Champion gekrönt wird.

Was wären die finanziellen Auswirkungen bei einem definitiven Abbruch?

Den NHL-Teams drohen massive Finanzeinbussen. Sollte die Saison komplett abgesagt werden, ist ligaweit schätzungsweise mit Verlusten von mehr als 300 Millionen US-Dollar zu rechnen. Den Teams würden Einnahmen (Tickets, Gastronomie, Merchandise) aus 189 verbleibenden Regular-Season-Spielen und zwischen 60 und 105 Playoff-Partien fehlen.

Deputy Commissioner Bill Daly sagt gegenüber TSN, dass die NHL gegen solche Fälle versichert ist, gibt aber zu: «Welche Bereiche diese Versicherungen abdecken, weiss ich selbst nicht. Das wird wohl von Team zu Team variieren.» Ein US-Versicherungsexperte betont aber im gleichen Artikel, dass solche Versicherungen erst eingreifen, wenn die WHO oder eine nationale Behörde die Events konkret verbieten. Wenn eine Liga nur als Vorsichtsmassnahme nicht spielt, wird nichts abgedeckt.

Leere Stadien und keine Spiele in der NHL. Den Teams drohen massive Einbussen. Bild: AP

Solche Einbussen hätten auch Einfluss auf die finanzielle Situation der einzelnen Spieler. Denn wenn die durchs Eishockey generierten Umsätze der Klubs unerwartet niedrig bleiben, erhöht sich der Prozentsatz des Lohns, den die Athleten über Escrow abgeben müssen. Konkret formuliert heisst das also: Die Coronavirus-Pandemie wird für die NHL-Spieler Lohneinbussen zur Folge haben.

Was ist Escrow?

Der aktuelle Gesamtarbeitsvertrag der NHL schreibt vor, dass jegliches «hockey related revenue» – also Geld, das die Teams durch Tickets, TV-Verträge, Gastronomie etc. einnehmen – zwischen Spielern (durch die Löhne) und Teambesitzern halbiert wird.

Klingt in der Theorie einfach, ist in der Praxis aber etwas komplizierter. Denn die Spielerlöhne sind jedes Jahr eine fixe Summe. Die Einnahmen der Teams variieren aber von Jahr zu Jahr, insbesondere jene der kanadischen Teams, die zusätzlich noch vom Wechselkurs zum US-Dollar abhängig sind. Und da kommt Escrow ins Spiel.

Damit die Spieler mit ihren Löhnen nicht einen zu grossen Teil des Kuchens erhalten, wandert jedes Jahr ein gewisser Teil der Spielerlöhne (meistens sind es mehr als 10 Prozent) auf einen Escrow-Fonds einer Drittpartei.

Die NHL bestimmt, welchen Prozentsatz die Spieler abgeben müssen, indem sie die Gesamteinkünfte der Teams prognostiziert. Ende Saison, wenn die Teameinnahmen definitiv feststehen, wird das aufgesparte Escrow-Geld an Spieler und Teambesitzer verteilt, sodass die 50:50-Vorgabe erfüllt wird. Bleiben die Einkünfte der Teams unter den Erwartungen, erhalten die Besitzer die Mehrheit des Geldes, um dieses Loch zu stopfen. Sind die Einkünfte höher als erwartet, erhalten die Spieler ihr Geld wieder zurück.

Von Coronavirus-bedingten Einbussen wäre auch der Salary Cap betroffen. Bis vor wenigen Tagen war man davon ausgegangen, dass die Lohnobergrenze in der NHL nächste Saison zwischen 84 und 88,2 Millionen US-Dollar zu liegen kommt. Mit der aktuellen Situation scheint es realistischer, dass der Salary Cap ungefähr auf dem aktuellen Niveau von 81,5 Millionen bleibt. Das würde wiederum bedeuten, dass die Spieler in den Lohnverhandlungen nächsten Sommer keine höheren Forderungen stellen können.

Welche Auswirkungen hat die Unterbrechung auf die WM?

Das Organisationskomitee arbeitet zwar weiterhin mit Hochdruck, aber noch ist nicht sicher, ob die Heim-WM in Zürich und Lausanne am 8. Mai tatsächlich beginnen kann. Alle IIHF-Events im März wurden abgesagt, und auch jene im April stehen stark auf der Kippe. Der Weltverband will spätestens am 15. April definitiv über das Schicksal des Turniers entscheiden.

Falls die WM aber tatsächlich stattfinden sollte, hat die Pause in der NHL sicher eine grosse Auswirkung. Schon in der Anfangsphase der Virusverbreitung in Europa schienen die NHL-Teamverantwortlichen nicht mehr bereit zu sein, ihre Spieler in Europa spielen zu lassen. Nun dürfte erst recht keine Bereitschaft mehr da sein.

Aber selbst wenn die Spieler die Erlaubnis hätten, besteht die Chance, dass sie dann noch in den möglicherweise nach hinten verschobenen NHL-Playoffs engagiert sind. Fazit: Falls die WM tatsächlich stattfindet, werden wohl nur wenige NHL-Verstärkungen dabei sein.

Was passiert mit dem Draft und der Free Agency?

Wird die NHL-Saison in den Juni und den Juli hineinverschoben, hat das natürlich auch Auswirkungen auf den Draft und die Free Agency. Anfang April wäre die Draft-Lottery geplant gewesen, der Entry-Draft sollte eigentlich am 26. und 27. Juni in Montreal über die Bühne gehen.

Alexis Lafrenière gilt als prädestinierter Nummer-1-Draft. Doch wann geht der Draft über die Bühne? Bild: AP

Nicht nur, dass der Draft bei einer in den Sommer verschobenen NHL-Saison später stattfinden müsste, vermutlich hätten die Scouts für einmal auch etwas weniger genaue Angaben zu den Spielern. In Europa haben viele Ligen den Spielbetrieb eingestellt, genau wie Juniorenligen in Nordamerika momentan auch. Die U18-WM im April ist abgesagt und Scouts werden von ihren Teams angehalten, nicht mehr zu reisen.

Zwar sind bereits genügend Informationen vorhanden, um Draft-Rankings zu erstellen, aber vermutlich sind die jungen Spieler nicht ganz so durchleuchtet wie sich das die Klubs gewohnt sind.

Normalerweise dürfen vertragslose Spieler (Free Agents) ab dem 1. Juli neue Verträge unterschreiben. Sollten dann aber die Playoffs noch laufen, müsste auch diese Deadline nach hinten verschoben werden.

Schweizer Meilensteine in der NHL

29. Januar 1995: Pauli Jaks, Los Angeles Kings – Pauli Jaks schreibt am 29. Januar 1995 Schweizer Eishockeygeschichte: Als erster Schweizer überhaupt kommt er in der NHL zum Einsatz. Für die Los Angeles Kings darf er gegen die Chicago Blackhawks nach der ersten Drittelspause 40 Minuten lang das Tor hüten. Er kassiert zwei Gegentreffer und sollte nie mehr einen Fuss auf NHL-Eis setzen.
27. Juni 1997: Michel Riesen, Edmonton Oilers – Michel Riesen wird von den Edmonton Oilers in der ersten Runde als Nummer 14 gedraftet. Am 27. Juni 1997 zieht er sich anlässlich dieses Drafts zum ersten Mal das Oilers-Trikot über. Zunächst spielt er in der AHL bei den Hamilton Bulldogs, erst im Jahr 2000 folgt dann der Wechsel in die NHL. Insgesamt absolviert Riesen zwölf NHL-Spiele und verbucht dabei einen Assistpunkt. AP / GENE J PUSKAR
5. Oktober 2000: Reto von Arx, Chicago Blackhawks – Der Emmentaler Reto von Arx bestreitet als erster Schweizer Feldspieler ein NHL-Spiel. Er kommt auf 13:06 Minuten Eiszeit und meint nach dem Spiel ehrfürchtig: «Was Intensität und Einsatz angeht, habe ich noch nie in meinem Leben auf so hohem Niveau gespielt.» AP / TOM OLMSCHEID
07. Oktober 2000: Reto von Arx, Chicago Blackhawks – Im erst zweiten NHL-Einsatz erzielt Reto von Arx bereits eine Doublette. Er ist somit der erste Schweizer, der in einem NHL-Spiel ins Schwarze trifft. Der «Blick» titelt am Tag darauf euphorisch: «Von Arx besser als Gretzky». Etwas gar voreilig, wie sich herausstellen sollte. Nach 19 Spielen in der NHL beendet von Arx sein Abenteuer in Übersee und kehrt wieder zurück in die Schweiz.
26. Oktober 2000: David Aebischer, Colorado Avalanche – In seinem zweiten NHL-Spiel von Beginn weg gelingt David Aebischer gegen die Chicago Blackhawks der erste Shutout eines Schweizer Torwarts in der NHL. AP / DAVID ZALUBOWSKI
9. Juni 2001: David Aebischer, Colorado Avalanche – David Aebischer wird zwar schon 1997 gedraftet, sein erstes NHL-Spiel absolviert der Torwart aber erst am 18. Oktober 2000. Bereits am 9. Juni gewinnt der Schweizer mit den Colorado Avalanche gegen die New Jersey Devils den Stanley Cup – Stammtorwart ist jedoch Patrick Roy. KEYSTONE / ALESSANDRO DELLA VALLE
25. Januar 2009: Mark Streit, New York Islanders – Als erster Schweizer wird Mark Streit für das All-Star-Game nominiert. Dort spielt er im Team der Eastern Conference unter anderem mit Alexander Owetschkin, Zdeno Chára und Jewgeni Malkin. AP The CANADIAN PRESS / Ryan Remiorz
13. Oktober 2010: Nino Niederreiter, New York Islanders – Niederreiter erzielt die 1:0-Führung gegen die Washington Capitals. Damit wird er mit 18 Jahren und 35 Tagen zum jüngsten Islanders-Torschützen aller Zeiten und zum jüngsten Schweizer Torschützen in der NHL. FR67404 AP / Nick Wass
21. September 2011: Mark Streit, New York Islanders – Der Berner Mark Streit wird als erster Schweizer Captain eines NHL-Teams. Bei den New York Islanders spielt Streit von 2008 bis 2013, danach folgt der Wechsel zu den Philadelphia Flyers. FR170351 AP / Kathleen Malone-Van Dyke
10. Juni 2013: Roman Josi, Nashville Predators – Roman Josi, MVP der Eishockey-WM 2013, unterschreibt bei den Nashville Predators einen Traumvertrag über sieben Jahre, welcher ihm 26 Millionen Franken einbringt. Zuma Sports Wire / Billy Hurst/freshfocus
13. November 2014: Nino Niederreiter, Minnesota Wild – Nino Niederreiter gelingt beim 6:3-Heimsieg von Minnesota gegen die Buffalo Sabres als erstem Schweizer überhaupt ein Hattrick. AP/AP / Jim Mone
April 2015: Nino Niederreiter, Minnesota Wild – Nino Niederreiter erzielt als erster Schweizer mehr als 20 Tore (24) in der Regular Season. zumapress / Mike Wulf/freshfocus
12. Juni 2017: Mark Streit, Pittsburgh Penguins – Mark Streit gewinnt mit den Pittsburgh Penguins als erster Schweizer Feldspieler und als dritter Schweizer überhaupt den Stanley Cup.
24. Juni 2017: Nico Hischier (New Jersey Devils) – Nico Hischier schreibt Schweizer Sportgeschichte. Als erster Schweizer wird der junge Walliser im NHL-Draft an erster Stelle gezogen (von den New Jersey Devils).
27. Februar 2018: Roman Josi (Nashville Predators) – Roman Josi skort als erster Schweizer fünf Punkte in einem NHL-Spiel beim 6:5-Sieg gegen die Winnipeg Jets gelingen dem Nashville-Captain fünf Assists. AP/AP / Mark Humphrey
20. Mai 2018: Luca Sbisa (Vegas Golden Knights) – Luca Sbisa schafft mit dem Expansion Team (!) aus Las Vegas den Einzug in den Stanley-Cup-Final. Dort scheitern der Zuger und seine Golden Knights aber an den Washington Capitals. AP/AP / John Locher
26. Januar 2019: Roman Josi (Nashville Predators) – Der Berner Verteidiger der Nashville Predators wird als erster Schweizer zum zweiten Mal für ein All-Star-Game nominiert.
1. April 2019: Timo Meier (San Jose Sharks) – Als erster Schweizer knackt Timo Meier die magische 30-Tore-Marke in der NHL. Mit 66 Punkten (30 Tore/36 Assists) stellt er den neuen Schweizer Punkterekord für eine Regular Season auf. AP/FR171606 AP / Josie Lepe
26. Januar 2020: Nico Hischier (New Jersey Devils) und Roman Josi (Nashville Predators) – Zum ersten Mal werden mit Nico Hischier und Roman Josi zwei Schweizer für ein NHL-All-Star-Game nominiert. AP / Jeff Roberson
22. September 2020: Roman Josi (Nashville Predators) – Roman Josi wird an den NHL-Awards mit der James Norris Memorial Trophy als bester Verteidiger der Saison ausgezeichnet. Nie zuvor konnte ein Schweizer eine der begehrten Auszeichnungen gewinnen. imago images/Icon SMI / Nicole Fridling/Icon Sportswire

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