Zwei Runden hinter dem Safety Car, dann war der Formel-1-GP von Spa zu Ende.
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Die Regen-Farce von Spa: «Eine der grössten Schanden in der Geschichte dieses Sports»
Nicht nachlassender Dauerregen und Rennfahrer, die um ihre Gesundheit bangen: Der zwanghafte Versuch, den Formel-1-GP von Belgien zu starten, ist am Sonntag zu einem absurden Schauspiel verkommen. Nach über drei Stunden langen Wartens wurde das Rennen um 18.17 Uhr schliesslich doch noch gestartet, doch nach zwei Runden hinter dem Safety Car ohne Überholerlaubnis war es dann auch schon wieder beendet.
Denn die Pflicht war erfüllt, mit Pole-Mann Max Verstappen konnte gemäss dem FIA-Reglement ein Sieger ausgerufen werden. Der Niederländer siegte vor Williams-Pilot George Russell und Weltmeister Lewis Hamilton, verteilt wurden wegen der kurzen Renndistanz allerdings nur halbe Punkte. Dennoch war es für alle Beteiligten ein mehr als unbefriedigendes Ende. Am meisten litten wohl die rund 75'000 Fans, die trotz strömendem Regen und Temperaturen um die 13 Grad früh angereist waren und in der Hoffnung auf ein Rennen lange ausharrten.
Fussball zum Zeitvertreib:
Doch auch die Fahrer waren am Ende frustriert, dass auf dem anspruchsvollen Kurs von Spa kein echtes Rennen stattfinden konnte. «Das war kein Grand Prix. Sie haben einfach so die Punkte verteilt. Das ist schockierend», sagte Ex-Weltmeister Fernando Alonso. «Wir brauchen als Sport eine bessere Lösung, wenn so eine Situation eintritt. Das Resultat sollte kein Rennen über ein paar Runden hinter einem Safety Car sein», sagte McLaren-Boss Zak Brown, «wir müssen daraus für die Zukunft etwas lernen.»
Lando Norris legte ein Nickerchen ein:
Das Problem war die Sicht, wie der vierfache Weltmeister Sebastian Vettel erklärte. «Das höchste Ziel muss unsere Sicherheit sein.» Für die Piloten war wegen der Gischt schon kaum der Vordermann erkennbar. «Meine Sicht war nicht schlecht, aber für die Autos hinter mir war sie natürlich sehr schlecht», erklärte Verstappen vor der Siegerehrung. «Wenn du nicht weisst, wo das Auto vor dir ist, kannst du nicht fahren.»
Richtig wütend war der Weltmeister. «Es gab keinen Zeitpunkt, an dem wir fahren konnten, es gab kein Rennen. Ich verstehe die Politik dahinter nicht», enervierte sich Lewis Hamilton, der seine WM-Führung trotz des Chaos-Rennens behaupten konnte. Wie er bewerte, dass das Rennen dennoch im kleinstmöglichen Format mit Ach und Krach noch mal für zwei Schleichfahrten inszeniert wurde, wurde Hamilton gefragt.
Freudige Erwartung sieht anders aus.
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«Geld regiert die Welt», antwortete der Brite und forderte eine Entschädigung für die Zuschauer. «Es war buchstäblich so, dass die zwei Runden des Rennens ein reines Geldszenario waren. Jeder bekommt also sein Geld, und ich denke, die Fans sollten es auch zurückbekommen, denn leider haben sie nicht gesehen, wofür sie gekommen sind und bezahlt haben. Der Sport hat eine schlechte Entscheidung getroffen. Sie haben uns also nur aus einem Grund rausgeschickt.»
Die Pressestimmen
Le Soir (Belgien):
«Das Wetter und das Geld haben alles ruiniert. Von sintflutartigen Regenfällen ertränkt, bot der belgische Grand Prix einem bewundernswerten, aufopferungsvollen Publikum ein katastrophales Spektakel. Zwei Runden hinter einem Safety Car bedeuteten fast vier Stunden unsägliches Warten.»
Daily Mail (Grossbritannien):
«Max Verstappen hat eine Farce eines Grossen Preises von Belgien gewonnen – eine Prozession hinter einem Safety Car für ZWEI Runden. Das Publikum auf der verregneten Rennstrecke von Spa-Francorchamps wartete dreieinhalb Stunden auf die Ergebnisse, während die bestbezahlten Fahrer der Welt in ihren Garagen sassen und auf besseres Wetter warteten.»
The Guardian (Grossbritannien):
«Der Grosse Preis von Belgien wird als Rennen verbucht werden und die Ehrungen dafür wurden ordnungsgemäss verliehen, aber es lag wenig Würde darin, wie die Formel 1 an einem regendurchnässten Nachmittag in Spa-Francorchamps vorging.»
Bild (Deutschland):
«Beim Grossen Preis von Belgien gab es schon einige Chaos-Rennen, aber DAS übertrifft alles ... Max Verstappen gewinnt ein Rennen, das nie wirklich ein Rennen war, sahnt nach zwei Runden immerhin die Hälfte der eigentlich 25 Siegpunkte ab. Was! Für! Ein! Chaos! Der Grosse Preis von Belgien ist das wohl verrückteste Formel-1-Rennen aller Zeiten.»
AS (Spanien):
«Die Formel 1 erleidet in Spa Schiffbruch. Niemand stellt in Frage, dass die Sicherheit der Fahrer oberste Priorität hat. Aufgrund der schlechten Sichtverhältnisse gab es auch nur wenig Spielraum. Das Ergebnis hinterlässt einen fahlen Beigeschmack.»
El Mundo (Spanien):
«Das war eine erbärmliche Pantomime. Eine der grössten Schanden in der Geschichte dieses Sports. Man kann doch nicht das Ergebnis eines Rennens präsentieren, das gar nicht stattgefunden hat. Das ist eine Beleidigung der Geschichte der Formel 1, eine Beleidigung des Wettbewerbs und des Sports im Allgemeinen.»
Gazzetta dello Sport (Italien):
«Die Farce von Spa: So wird die Formel 1 gedemütigt. Man hätte entscheiden können, wegen der extremen Bedingungen nicht zu fahren, es wäre die logischere Entscheidung zum Schutz der Piloten gewesen.»
La Repubblica (Italien):
«Der imaginäre Grosse Preis – die letzte Farce der Formel 1 – in Spa wird nicht gefahren, aber Punkte werden vergeben.»
Blick (Schweiz):
«Die Zeit verstreicht. Der Regen prasselt weiter auf den Asphalt. Der GP von Belgien ist längst zum Skandal geworden. Die Verantwortlichen versuchen, unbedingt noch einen Rennstart hinter dem Safety Car hinzukriegen. Es geht nur um die TV-Millionen.»
(pre)
Die schlimmsten Formel-1-Unfälle seit 1994
Mai 1994: Nur wenige Tage nach dem Tod von Ayrton Senna verunglückt Karl Wendlinger beim GP von Mont Carlo. Der Österreicher prallt im Qualifying mit 170 Stundenkilometer seitlich in die aus Plastiktanks bestehenden Barrieren. Der Pilot schwebt für einige Tage in Lebensgefahr. Getty Images North America / Ben Radford
November 1995: Mika Häkkinen kommt im australischen Adelaide von der Strecke ab und fährt im McLaren-Mercedes ungebremst mit Tempo 200 in eine Mauer, die nur durch einen Reifenstapel gesichert war. Ein Luftröhrenschnitt, der noch am Unfallort durchgeführt wird, rettet dem Finnen das Leben. Anschliessend liegt Häkkinen mehrere Tage im Koma.
Juli 1999: Kurz nach dem Start des GP von Grossbritannien versagen die Bremsen von Michael Schumachers Ferrari. Er fährt mit 107 Kilometern pro Stunde in einen Reifenstapel und bricht sich dabei den rechten Unterschenkel. Schumacher muss für sechs Rennen aussetzen. Bongarts / Tobias Heyer
September 2000: Ein Feuerwehrmann stirbt beim GP von Italien in Monza, weil Jordan-Pilot Heinz-Harald Frentzen einen Massenunfall auslöst. Der Streckenposten wurde von umherfliegenden Teilen getroffen und erlag seinen Verletzungen.
März 2001: Nach einer Kollison zwischen Ralf Schumacher und Jacques Villeneuve beim GP von Australien stirbt ein Streckenposten. Er wurde von einem Reifen am Kopf getroffen. Getty Images AsiaPac / Robert Cianflone
Juni 2004: Aufgrund eines Schadens am linken Hinterreifen seines BMW-Williams fährt Ralf Schumacher beim GP der USA in Indianapolis mit Tempo 300 in eine Mauer. Er kommt mit leichten Verletzungen davon. Getty Images North America / Clive Mason
März 2007: Beim GP von Australien kollidiert Red-Bull-Fahrer David Coulthard nach einem Überholversuch mit Williams-Pilot Alexander Wurz. Coulthards Wagen hebt ab und fliegt nur wenige Zentimeter über den Helm von Wurz hinweg. Niemand wird bei dem Unfall verletzt.
Juni 2007: Der Pole Robert Kubica erlebt beim GP von Kanada einen Horror-Unfall. Mit einer Geschwindigkeit von 300 Kilometern pro Stunde kommt er im BMW-Sauber von der Fahrbahn ab, überschlägt sich und prallt gegen eine Betonwand. Die Ärzte stellen hinterher nur eine leichte Gehirnerschütterung und eine Knöchelverstauchung fest. AP CP / JACQUES BOISSINOT
April 2008: In der 22. Runde des GP von Spanien fährt Heikki Kovalainen im McLaren-Mercedes nahezu ungebremst in einen Reifenstapel. Vorher war die Felge seines linken Vorderrads gebrochen. Der Finne kommt mit leichten Blessuren davon und geht zwei Wochen später in Istanbul wieder an den Start. AP / Bernat Armangue
Juli 2009: Minutenlang gibt es Rätselraten, warum Felipe Massa beim GP von Ungarn ungebremst in einen Reifenstapel fährt. Erst die TV-Bilder zeigen, dass er von einer kleinen Feder, die vom BrawnGP seines Landsmannes Rubens Barrichello abgebrochen war, am Helm getroffen wurde. Der Brasilianer wird bewusstlos und rast mit fast 200 Stundenkilometern durchs Kiesbett. Er wird schwer verletzt und am selben Abend in einer Klinik in Budapest operiert. EPA / TAMAS KOVACS
Juni 2010: Beim GP von Europa in Valencia saugt sich Mark Webber mit seinem Red Bull auf einer Geraden an den Lotus von Heikki Kovalainen an. Beim Überholen fährt der Australier auf den Finnen auf und wird in die Luft katapultiert. Sein Red Bull überschlägt sich, Webber knallt mit nur geringem Geschwindigkeitsverlust in die Reifenstapel. ER bleibt unverletzt und sitzt zwei Wochen später in Silverstone schon wieder in seinem Boliden.
September 2012: Lotus-Pilot Romain Grosjean löst beim GP von Belgien eine Startkollision aus und lässt Erinnerungen an Melbourne 2007 wach werden. Der Franzose hebt mit seinem Boliden ab und verfehlt nur knapp den Kopf von Ferrari-Star Fernando Alonso, der aber so wie alle anderen Beteiligten unverletzt bleibt. Grosjean wird nach diesem Unfall für ein Rennen gesperrt und mit einer Strafe von 50'000 Euro belegt. AP / Luca Bruno
Juni 2013: Ein 38-jähriger Streckenposten erliegt wenige Stunden nach einem Bergungsunfall beim GP von Montreal seinen schweren Verletzungen. Er stürzt beim Versuch, sein Funkgerät aufzuheben und wird von einem Kranwagen überrollt. Das Fahrzeug will unmittelbar nach Rennende den Sauber-Boliden des ausgeschiedenen Esteban Gutierrez auf einen Lastwagen heben. AP / Tom Boland
Oktober 2014: Beim GP von Japan regnet es in Strömen, Adrian Sutil verliert in der 42. Runde die Kontrolle über seinen Sauber verliert und fährt in die Reifenstapel. Als Bergungskräfte mit einem Bergungskran versuchen, Sutils Wagen von der Strecke zu entfernen, rutscht Jules Bianchi mit seinem Marussia mit voller Wucht in das Bergungsfahrzeug, das Sutils Wagen gerade auf dem Haken hat. Der Franzose erleidet schwerste Kopfverletzungen und stirbt nach 286 Tagen im künstlichen Koma. EPA/HIROSHI YAMAMURA / HIROSHI YAMAMURA
November 2020: Haas-Pilot Romain Grosjean kracht beim GP von Bahrain bei vollem Tempo frontal in die Leitplanke. Sein Bolide wird gespalten und geht in Flammen auf. Wie durch ein Wunder entkommt der Franzose dem Flammen-Inferno nach bangen Sekunden mit Verbrennungen an der Hand. www.imago-images.de / Mark Sutton
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